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Der Langzeitkanzler: Helmut Kohl

Von Wolfram Neidhard

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Helmut Kohl geht als Kanzler der Deutschen Einheit in die Geschichte ein. (Foto: imago/epd)

Helmut Kohl geht als Kanzler der Deutschen Einheit in die Geschichte ein.

Helmut Kohl war der sechste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er war 16 Jahre lang im Amt - solange wie keiner seiner Vorgänger beziehungsweise Nachfolger.

In seinen letzten Lebensjahren war es still um Kohl - hier mit seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter - geworden. Er war gesundheitlich schwer angeschlagen.

Seit einem schweren Sturz 2008 war der Altkanzler an den Rollstuhl gefesselt. Das Sprechen fiel ihm schwer.

In der Zeit seines politischen Wirkens war Kohl ein Kraftpaket. Er musste viel einstecken, teilte aber auch kräftig aus. Kohl brachte die für das Amt des Bundeskanzlers notwendige Härte mit.

Mehrmals war er politisch totgesagt worden. Doch erst nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 musste er den Kanzlerstuhl räumen. Kohl förderte politische Talente wie Angela Merkel. Er ließ sie aber auch fallen, wenn sie ihm gefährlich werden konnten.

Helmut Kohl - hier im Kinderwagen - wird am 3. Oktober 1930 in Ludwigshafen geboren. Er ist das dritte Kind des Finanzbeamten Hans Kohl und dessen Frau Cäcilie (geborene Schnur). Das Elternhaus ist katholisch-konservativ geprägt. Helmut hat zwei ältere Geschwister: Hildegard (1922-2003) und Walter (1926-1944).

Helmut Kohl wächst im sogenannten Dritten Reich auf. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wird er im Alter von 14 Jahren per Kinderlandverschickung nach Berchtesgaden gebracht.

Adolf Hitler führt Deutschland in den Untergang. Kohls älterer Bruder Walter fällt als Soldat bei einem Tieffliegerangriff. Dieses Ereignis prägt Helmut Kohl bei seinem späteren politischen Wirken.

Ludwigshafen ist bei Kohls Rückkehr schwer zerstört. In der Stadt am Rhein hat die IG Farben produziert.

Der junge Mann interessiert sich sehr für Politik und findet in der neugegründeten CDU seine politische Heimat. Kohl tritt der Partei bereits als Schüler 1946 bei. Ein Jahr später ist er Mitbegründer der Jungen Union in Ludwigshafen.

Konrad Adenauer und Ludwig Erhard sollen den politischen Kurs in der Bundesrepublik Deutschland in den ersten 15 Jahren ihres Bestehens bestimmen. Der Rheinländer Adenauer wird 73-jährig erster Bundeskanzler. Für Kohl ist er eigentlich zu alt, wie er in seinen Memoiren schildert ...

Für ihn ist der wesentlich jüngere Ernst Lemmer Vorbild. Dieser hat 1949 die damalige Sowjetische Besatzungszone verlassen. Später wurde er unter Adenauer Minister in Bonn.

14 Jahre lang ist Adenauer Kanzler. Dem alten Herrn fällt der aufstrebende Jungpolitiker aus Rheinland-Pfalz auf. Kohl will die CDU in seinem Bundesland reformieren und sorgt innerhalb des Landesverbandes für Unruhe.

1966 nimmt Kohl die erste Hürde: Er wird CDU-Chef in Rheinland-Pfalz. Drei Jahre später löst er Peter Altmeier als Ministerpräsident ab. Kohl ist nun die unangefochtene Nummer eins in Mainz.

Aber Rheinland-Pfalz ist für den CDU-Reformer Kohl zu klein. Er mischt kräftig in der Bundespartei mit. Als Ministerpräsident ist er nun öfter in Bonn. 1969 unterstützt Kohl Kurt Georg Kiesinger beim Bundestagswahlkampf. Dennoch gehen CDU und CSU in die Opposition, weil SPD-Chef Willy Brandt mit der FDP eine Koalition bildet.

In der CDU entbrennt ein Machtkampf. Kohl strebt an die Parteispitze. Sein erster Versuch schlägt 1971 fehl. Der Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Rainer Barzel, wird Kiesingers Nachfolger als CDU-Bundeschef.

Barzels Stellung wird 1972 allerdings durch das Scheitern eines Misstrauensvotums gegen Brandt geschwächt. Zudem geht bei der sich daran anschließenden Bundestagswahl erstmals die SPD als stärkste Partei hervor. Barzels Tage als CDU-Chef sind gezählt, er tritt 1973 zurück.

Nun ist der Weg für Kohl frei. Er wird CDU-Bundesvorsitzender und bekleidet dieses Amt 25 Jahre lang bis 1998.

Der Mainzer Regierungschef ist nun sehr oft in Bonn - zum Leidwesen seiner Frau Hannelore und der Söhne Walter und Peter. Bis 1976 pendelt Kohl zwischen Mainz, Ludwigshafen und Bonn. Dann wird er Oppositionsführer im Bundestag. Zuvor holt er als Unions-Kanzlerkandidat 48,6 Prozent. Die sozial-liberale Koalition von Brandt-Nachfolger Helmut Schmidt regiert dennoch mit einer hauchdünnen Mehrheit weiter.

Kohl hat es in den kommenden vier Jahren nicht leicht. CSU-Chef Franz Josef Strauß hält den Pfälzer für unfähig zur Kanzlerschaft und will die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU aufkündigen. Kohl schlägt zurück und droht mit dem CDU-Einmarsch in Bayern.

Strauß rudert zurück. Der wesentlich jüngere Kohl gewinnt den Machtkampf. Vier Jahre später tappt der bayerische Ministerpräsident in Kohls Falle und wird Kanzlerkandidat der Union.

CDU und CSU erleiden Verluste. Die Regierung Schmidt bleibt im Amt. Strauß zieht sich grollend nach München zurück. Kohl hat sich seines Kontrahenten entledigt.

Er soll schneller als geplant Bundeskanzler werden. In Bonn steht die Koalition aus SPD und FDP vor dem Zusammenbruch.

Die Liberalen von Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff warten mit einem Reformpapier für die Wirtschafts- und Sozialpolitik auf, das die SPD nicht annehmen kann. Kanzler Schmidt wird zudem von seinen Sozialdemokraten in der Frage der Raketenstationierung im Stich gelassen.

Mit Hilfe eines konstruktiven Misstrauensvotums des Bundestages wird Schmidt am 1. Oktober 1982 gestürzt. Die Mehrheit der FDP-Abgeordneten stimmt mit der Union. Helmut Kohl wird neuer Bundeskanzler.

Beim Machtwechsel ist auch Kohls Familie anwesend.

Kohl will ein stabiles Fundament für seine christlich-liberale Koalition. Bereits am 6. März 1983 wird wieder gewählt. Für die SPD tritt Hans-Jochen Vogel als Spitzenkandidat an. CDU und CSU erreichen 48,8 Prozent, die SPD rutscht auf 38,2 Prozent ab. Weil die Grünen in den Bundestag einziehen, reicht es nicht für die absolute Unions-Mehrheit. Kohl regiert mit einer geschwächten FDP (7,0 Prozent) weiter.

Eine "geistig-moralische Wende" hatte Kohl im Wahlkampf versprochen. Eigentlich wusste keiner so richtig, was er damit gemeint hat. In der Außenpolitik kommt es zu keinem Bruch. Kohl setzt den Kurs der Schmidt-Regierung im Großen und Ganzen fort.

Trotz einer riesigen Protestwelle setzt Kohl den von seinem Vorgänger initiierten Nato-Doppelbeschluss um. US-Mittelstreckenraketen werden auf dem Gebiet der Bundesrepublik stationiert, um ein Gegengewicht zu den sowjetischen SS-20-Raketen zu schaffen.

Für Kohl und seine Regierung bleibt die Einheit Deutschlands Ziel. Mit US-Präsident Ronald Reagan (hier bei einem Auftritt 1987 in West-Berlin) arbeitet der Kanzler eng zusammen.

Innenpolitisch bekommt es Kohl mit der Flick-Spendenaffäre zu tun. 1985 sagt er vor dem Bundestags-Unteruchungsausschuss die Unwahrheit hinsichtlich seiner Kenntnis des Zwecks der Staatsbürgerlichen Vereinigung als Spendenbeschaffungsanlage. CDU-Generalsekretär Heiner Geißler sagt, Kohl habe "wohl einen Blackout gehabt".

Der Bundeskanzler übersteht die Krise. 1987 gewinnt er die Bundestagswahl. Sein SPD-Gegenspieler ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau. Die Union verliert zwar und kommt nur noch auf 44,3 Prozent, dafür legt die FDP auf 9,1 Prozent zu. Die SPD rutscht auf 37,0 Prozent ab.

Innerhalb der CDU wächst die Kritik an Kohl. Generalsekretär Geißler fordert mehr innerparteiliche Kompetenz, Kohl verweigert sie ihm. Auf dem Bremer Parteitag 1989 setzt sich Kohl durch. Geißler muss seinen Posten aufgeben. Mit ihm verlieren Rita Süssmuth und Lothar Späth an Einfluss.

Mit dem Machtantritt des neuen KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow in Moskau eröffnen sich Kohl hinsichtlich der Deutschland-Politik neue Perspektiven. Erst einmal brüskiert der Kanzler Gorbatschow, indem er ihn in einem Radiointerview mit Nazi-Propagandachef Joseph Goebbels vergleicht.

Kohl spricht später von einem schweren Fehler seinerseits. Das Verhältnis zu Gorbatschow verbessert sich. Kohl erkennt die große Chance, die sich durch die Moskauer Reformpolitik bietet.

Von DDR-Staats- und SED-Chef Erich Honecker hält Kohl nichts. 1987 besucht Honecker die Bundesrepublik. Kohl beharrt auf die Deutsche Einheit als Fernziel. Für Honecker stehen Kapitalismus und Sozialismus zueinander wie Feuer und Wasser.

Auch in Ungarn ist der Reformgeist aus der Flasche. Ministerpräsident Miklos Nemeth im Gespräch mit Kohl. Der Kanzler informiert sich bei Gorbatschow über die neue Führung in Budapest. "Das sind gute Leute", sagt der Russe.

Die Öffnung der Grenze zu Österreich durch die ungarische Regierung bedeutet auch das Ende der DDR. Nach dem Mauerfall wartet Kohl Ende November 1989 vor dem Bundestag mit einem Zehn-Punkte-Plan auf. Der CDU-Chef ergreift die historische Chance, die sich ihm bietet. Er forciert den Prozess hin zur Einheit Deutschlands.

Kurz vor Weihnachten 1989 besucht Kohl auf Einladung von DDR-Ministerpräsident Hans Modrow Dresden. Er spricht vor den Ruinen der Frauenkirche zu den Menschen.

Der Zug in Richtung Einheit nimmt Fahrt auf - zumal bei den ersten freien Wahlen in der DDR die von der West-CDU unterstützte "Allianz für Deutschland" gewinnt.

Für die Einheit bedarf es allerdings internationaler Zustimmung. US-Präsident George Bush unterstützt Kohl. Für ihn ist wichtig, dass das wiedervereinigte Deutschland in der Nato bleibt.

Der britischen Premierministerin Margaret Thatcher sind zwei Deutschlands lieber. Sie muss sich aber dem Druck der USA und der politischen Realität beugen. Das Verhältnis Kohls zu Thatcher ist äußerst schwierig.

Mit dem französischen Präsidenten Francois Mitterrand (hier beim historischen Händedruck in Verdun 1984) arbeitet Kohl eng zusammen. Aber auch Mitterrand ist skeptisch, er befürchtet einen deutschen Alleingang. Kohl verspricht die Vereinigung Deutschlands im Kontext mit einer noch engeren Zusammenarbeit in Europa. Mitterrand willigt ein.

Im Sommer 1990 gibt auch Gorbatschow seine Zustimmung. Die wirtschaftlich marode Sowjetunion bekommt im Gegenzug Milliarden D-Mark. Zudem werden Wohnungen für die aus Ostdeutschland heimkommenden Soldaten errichtet.

Kohl (hier mit EG-Kommissionspräsident Jacques Delors) ist am Ziel. Das vereinigte Deutschland ist ein wichtiger Bestandteil des neuen Europas. Nach Kohls Überzeugung ist Europapolitik auch Friedenspolitik.

Am 3. Oktober 1990 tritt die DDR nach Artikel 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei. Kohl wird gesamtdeutscher Kanzler. DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière tritt ab.

Am 2. Dezember 1990 finden die Wahlen zum ersten gesamtdeutschen Bundestag statt. Die Koalition aus CDU/CSU und FDP gewinnt. Die SPD mit ihrem Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine hat keine Chance und verbleibt in der Opposition.

Kohl, dem in der alten Bundesrepublik die Abwahl drohte, kann nun die zweite Hälfte seiner 16-jährigen Amtszeit in Angriff nehmen. Er muss den Vereinigungsprozess mit den damit verbunden großen Problemen managen. Die wirtschaftlichen Probleme im Osten nehmen zu, die Arbeitslosenquote steigt.

Der Kanzler, der im Wahlkampf blühende Landschaften auf dem Gebiet der ehemaligen DDR versprochen hat, ist bei den Ostdeutschen nicht mehr so beliebt. Im Mai 1991 wird Kohl bei einer Veranstaltung in Halle/Saale mit Eiern beworfen.

Trotz aller Probleme wird die schwarz-gelbe Koalition bei der Bundestagswahl 1994 bestätigt. Die SPD tritt mit ihrem Vorsitzenden Rudolf Scharping als Kanzlerkandidat an.

Kohl profitiert von der inneren Zerrissenheit der Sozialdemokraten. Ein Jahr später ist Scharping nicht mehr SPD-Vorsitzender.

Aber auch in der CDU stellt sich die Frage der Kohl-Nachfolge. Wolfgang Schäuble - seit einem Attentat 1990 im Rollstuhl - soll Helmut Kohl beerben. Der Badener hält als Chef der Unionsfraktion dem Kanzler den Rücken frei. Er beklagt den anwachsenden Reformstau in Deutschland.

Gegen den Willen Schäubles tritt Kohl 1998 noch einmal als Spitzenkandidat der Union an. Das bis dahin gute Verhältnis zwischen beiden CDU-Politikern wird einer ersten Belastungsprobe unterzogen.

Die Deutschen wollen den Wechsel und wählen die Kohl-Regierung ab. Nach 16 Jahren verlässt der nunmehr 68-Jährige das Bonner Kanzleramt. Nachfolger wird Gerhard Schröder, der einer Koalitionsregierung aus SPD und Grünen vorsteht.

Kohl gibt auch den CDU-Vorsitz ab. Neuer Parteichef wird Wolfgang Schäuble. Angela Merkel ist neue CDU-Generalsekretärin. Kohl wird Ehrenvorsitzender der Partei. Die CDU wird Ende 1999 von einer Spendenaffäre erschüttert, in deren Mittelpunkt Kohl steht.

Kohl weigert sich, die anonymen Spender zu nennen. Merkel empfiehlt der CDU in einem Gastbeitrag für die "FAZ", sich zu erneuern. Damit zieht sie einen Schlussstrich unter die Ära Kohl.

Kohl, der im Zuge der Affäre den CDU-Ehrenvorsitz niederlegen muss, überwirft sich mit Schäuble, der wegen der Spendenaffäre als CDU-Chef zurücktritt.

Danach redet Schäuble kein Wort mehr mit Kohl. Wegen dieser Affäre muss er auch seine Kanzlerambitionen begraben. Aber Schäuble wird während der Kanzlerschaft als Minister gebraucht. Um Kohl wird es stiller.

Im Sommer 2001 ereilt Kohl (hier mit Sohn Walter und Schwiegertochter Elif) ein familiärer Schicksalsschlag. Seine Frau Hannelore begeht im Wohnhaus in Ludwigshafen-Oggersheim Suizid. Kohl weilt zu diesem Zeitpunkt in Berlin.

Hannelore Kohl war seit geraumer Zeit krank. Sie litt unter einer Lichtallergie

Ab 2005 lebt Kohl mit der 34 Jahre jüngeren Maike Richter in einer festen Beziehung. Im Mai 2008 heiraten beide in der Kapelle einer Reha-Klinik in Heidelberg. Kohls Frau heißt nun Maike Kohl-Richter.

Kohls Söhne sind nicht zur Hochzeit eingeladen. Walter Kohl schreibt im August 2008 in seinem Buch darüber.

Während sich Kohl von seinen Söhnen entfremdet, verbessert sich das Verhältnis zur CDU etwas. Allerdings steht laut Angela Merkel der Ehrenvorsitz für Kohl nicht mehr an. Der ehemalige Parteivorsitzende hat nach dem "FAZ"-Beitrag von Ende 1999 ein distanziertes Verhältnis zu Merkel.

Im Herbst 2012 kommt eine Briefmarke, auf der Helmut Kohl abgebildet ist, heraus. Das Ereignis wird mit Europas Ehrenbürger durch die Konrad-Adenauer-Stiftung gebührend gefeiert.

Helmut Kohl geht als Kanzler der Deutschen Einheit in die Geschichte ein.

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