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Es war ein vergleichsweise harmloses Dokument, das am 20. April 1998 bei der Nachrichtenagentur Reuters einging.
Kein Bekenntnis zu einem Mord oder Anschlag, wie man es von der Roten Armee Fraktion (RAF) aus früheren Zeiten gewohnt war. Eher ein Eingeständnis. "Heute beenden wir das Projekt", hieß es dort.
"Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte." Wer die achtseitige "Auflösungserklärung" der Terrorgruppe verfasst hat, ...
... ist bis heute ebenso ungeklärt wie die letzten Morde, die im Namen der RAF begangen wurden.
2007 lag der "Deutsche Herbst" des Terrors 1977 drei Jahrzehnte zurück, und es wurde heftig diskutiert über die Geschichte der RAF.
Parallel zu dieser Debatte lehnte Bundespräsident Horst Köhler ein Gnadengesuch des inhaftierten Ex-Terroristen Christian Klar ab, ...
... während dessen frühere Komplizin Brigitte Mohnhaupt vorzeitig aus der Haft entlassen wurde.
Klar und Mohnhaupt gehörten zur so genannten zweiten Generation der RAF, mit der konkrete Namen und Gesichter verbunden sind.
Das gleiche galt für die erste Generation um Ulrike Meinhof und - im Bild - Andreas Baader und Gudrun Ensslin.
Die Angehörigen der dritten Generation aus den 80er und 90er Jahren sind hingegen weitgehend unbekannt. Zugerechnet werden ihr Ernst-Volker Staub (l), Daniela Klette und Burkhard Garweg (undatierte Fahndungsbilder des Bundeskriminalamts).
Niemand weiß bis heute, wer die Verantwortlichen für die tödlichen Attentate unter anderem auf Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts, ...
... den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, ...
... und auf Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder sind.
Diese Taten seien "kriminalistisch geradezu perfekt" ausgeführt worden, schreibt der Publizist Butz Peters, Verfasser mehrerer Bücher zur Geschichte der RAF. Im Bild: Kriminalbeamte sichern Spuren nach dem Rohwedder-Mord.
Das Rohwedder-Attentat 1991 war der letzte von 34 Morden der RAF - allein neun gehen auf das Konto der dritten Generation. Im Bild: Hergard Rohwedder (l.) mit ihrem Sohn Philipp Rohwedder bei einer Gedenkfeier aus Anlass des 10. Todestages ihres Mannes in Berlin.
Ein Jahr später erklären die Terroristen den Verzicht auf "Angriffe auf führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat", es folgt noch ein Sprengstoffanschlag auf das Gefängnis im hessischen Weiterstadt.
Wenige Monate danach wird die Terroristin Birgit Hogefeld auf dem Bahnhof in Bad Kleinen gefasst, ...
... ihr Komplize Wolfgang Grams und ein Polizist kommen bei einem Schusswechsel ums Leben.
Hogefeld zählt zur dritten Generation - neben Klar ist sie heute das einzige noch inhaftierte Ex-RAF-Mitglied.
Zu einzelnen Straftaten und Mittätern schweigt sie - wie die Häftlinge vor ihr auch.
Von Grams fanden die Ermittler am Tatort des Rohwedder-Mords ein Haar an einem Handtuch, das ihm Jahre nach seinem Tod mittels einer DNA-Analyse zugeordnet werden konnte. Die Behörden erklärten, dass dies für den Beweis einer Tatbeteiligung zu wenig sei.
Grams war also tot und Hogefeld bereits im Gefängnis, als 1998 die Auflösungserklärung der RAF folgte - eine von mehreren Mitteilungen und Leserbriefen, die seit Weiterstadt im Namen der Terrorgruppe verfasst wurden. Im Bild: Rohwedder-Bekennerschreiben der RAF.
Die Autoren räumen in der Auflösungserklärung das Scheitern des "Projekts" ein ("Das Ergebnis kritisiert uns.") Die dritte Generation habe dort weiter gemacht, wo die zweite aufhörte: Man wollte den Staat "durch die Schärfe des Angriffs" zerrütten.
Es sei ein Fehler gewesen, parallel zum gewaltsamen Kampf keine "politisch-soziale Organisation" aufgebaut zu haben. Trotz aller Selbstkritik sei das Vorgehen aber "grundsätzlich richtig gewesen".
Die Anonymität der dritten RAF-Generation hat dazu geführt, dass eine Reihe von Verschwörungstheorien über sie aufblühten. Im Bild: Mit einem Schweigemarsch in Frankfurt gedenken 1977 etwa 3000 Bankangestellte des ermordeten Dresdner Bank-Chefs Jürgen Ponto.
Die bekannteste davon besagt, dass die Erklärungen und womöglich auch die unaufgeklärten Morde gar nicht auf das Konto der RAF gehen.
Stattdessen hätten Geheimdienste und andere verschwörerische Organisationen die angeblich noch existierende Terrorgruppe zur eigenen Tarnung ins Spiel gebracht. Solche Gedankenspiele gelten in Fachkreisen als abwegig.
Vorerst bleibt also ein Rätsel, wer die RAF 1998 für aufgelöst erklärte. Im Bild: Eine Broschüre, mit der die Polizei 1977 nach den Terroristen fahndete, die für die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer verantwortlich gemacht wurden.
"Authentisch" war der Text zumindest in einem Punkt: Wie in den Verlautbarungen der RAF zuvor gibt es kein Wort der Reue oder des Mitleids für die Opfer und ihre Angehörigen. (Bilder: dpa / AP)
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