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Aschermittwoch im katholischen Bayern - gefastet wird hier nicht. Im Gegenteil: Ohne Bier, ohne viel Bier ist der größte politische Stammtisch der Republik nicht denkbar.
Fern vom katholischen Bayern, nämlich im protestantischen (wenn überhaupt) Mecklenburg-Vorpommern nimmt sich Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel "Zeit für deutliche Worte". So jedenfalls lautet das Motto des Politischen Aschermittwochs in Demmin. Zumindest Bier gibt's hier im Norden auch.
Es ist in Demmin wie in Passau und Straubing: Ein bisschen Wackeln mit dem Zeigefinger, doch die Faust auf dem Tisch wie weiland zu Strauß's Zeiten bleibt in der Luft hängen.
Eigentlich wird am Aschermittwoch ausgeteilt, doch die beiden Streithähne, die sich in den vergangenen Wochen am heftigsten beharkt haben, enttäuschen das Publikum.
In Passau bedenkt CSU-Chef Horst Seehofer den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle nur mit mildem Spott: "Das ist kein Tsunami, das ist nur eine Westerwelle", sagt er über dessen Drohung, er könne "auch anders".
"Mein Freund Guido" sagt Seehofer über Westerwelle. Die SPD kommt nur am Rande vor: "Er wirft einen breiten Schatten, aber hinterlässt keine Spuren", sagt Seehofer über SPD-Chef Sigmar Gabriel.
Seehofers konzentriert sich darauf darzustellen, dass CSU und Bayern auch weiterhin identisch sind. "Bayern kommt zuerst und dann die Koalition."
Die CSU sei "putzmunter", sagt Seehofer vor den gut 4000 Zuhörern. Für Seehofers Stimme gilt das nur bedingt. Er ruft: "Deutschland, schau auf Passau! Hier kannst du etwas lernen!"
Inhaltlich gibt es durchaus Überschneidungen zur Rede des Vizekanzlers: "Wer Arbeit ablehnt, hat keinen Anspruch auf Solidarität." Wer aber wirklich Hilfe brauche, dem werde geholfen. Aber, an die Adresse der FDP: "Sozial ist das Gegenteil von Sozialismus"
Im niederbayerischen Straubing, rund eine Stunde Autostunde von Passau entfernt, verzichtet Westerwelle auf neue Polemik. Er verteidigt sich:
"Ich spreche nur aus, was in Wahrheit alle Politiker wissen, aber sie trauen es sich nicht auszusprechen, weil sie glauben, das Volk verträgt nicht die Wahrheit. Das Volk will die Wahrheit hören und nicht betuppt und beschummelt werden!"
"Wenn sich Leistungsbereitschaft nicht mehr lohnt, dann wird es keinerlei soziale Gerechtigkeit in dieser Republik mehr geben", ruft Westerwelle dem Publikum zu. "Man muss schon wirklich linksextremistisch in der Birne sein, wenn Leistungsgerechtigkeit als rechtsradikal gilt."
"Das Wort Steuergeschenk erinnert mich an Ludwig XIV. und die gepuderte Perücke. Um nicht weitere spätrömische Vergleiche hier einzuführen." Gelächter.
"Der Sozialstaat ist für die Bedürftigen da, für die zahlen wir auch gerne Steuern. Er ist nicht für die Findigen da, die es vorziehen, nicht zu arbeiten."
"Alles was man am Ende eines Lebens vererben möchte, ist doch mindestens schon 540 Mal versteuert worden in dieser Republik."
Die SPD lässt es sich natürlich nicht nehmen, den Streit innerhalb der Koalition zu würdigen. Im Wolferstetter Keller in Vilshofen sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel, mit der "armseligen Debatte" über Hartz IV würden diejenigen zu Sündenböcken gemacht, die unverschuldet arbeitslos gewesen seien.
"Die wollen vom eigenen Nichtstun ablenken", wirft er der Bundesregierung vor.
Die "wahren Asozialen" seien jene, die wegen der dem Staat angebotenen CDs mit geheimen Schweizer Bankdaten nun einen Besuch vom Staatsanwalt befürchten müssen. Genau diese Menschen seien die Klientel von FDP und Union.
Gabriel wirft Westerwelle vor, er betreibe die "Radikalisierung der Debatte", um seine Klientel anzusprechen und seine Macht zu erhalten. Nach seiner Rede sagt Gabriel bei n-tv, es sei der größte Fehler von Bundeskanzlerin Angela Merkel gewesen, "dass sie diesen verrückten Koalitionsvertrag unterschrieben hat".
Für das Land komme die Zeit unter Schwarz-Gelb vier verlorenen Jahren gleich. "Sie wollen einfach auf den Sesseln sitzen bleiben, das wird sie zusammenhalten bis zum Ende dieser Legislaturperiode."
"Aus dieser Ehe wird nichts mehr", sagt die grüne Fraktionsvorsitzende Renate Künast beim politischen Aschermittwoch im oberschwäbischen Biberach.
Im niederbayerischen Landshut brachen die Grünen ein Tabu: Statt mit der üblichen Maß Bier stieß Grünen-Chef Cem Özdemir demonstrativ mit einem Glas Milch mit seinen Parteifreunden an. Damit wollen sie auf die prekäre Lage der Milchbauern in Bayern hinweisen.
Mit Spitzen gegen die FDP und ihren Wirtschaftsminister Rainer Brüderle ("Die Bezeichnung 'Dampfplauderer' für Brüderle ist eigentlich eine Übertreibung: ich kann da gar keinen Dampf sehen") ...
... und die BayernLB-Misere der CSU ("Die Türkei muss nur die bayerische Landesbank übernehmen, dann klappt das schon mit der EU-Mitgliedschaft") - sorgt Özdemir für Begeisterung im Saal.
Auch die Linken wagten sich nach Bayern. In Tiefenbach bei Passau trat die EU-Abgeordnete Sahra Wagenknecht auf und schimpfte auf alle anderen Parteien.
"Sie alle stehen für Steuergeschenke an Reiche, sie alle stehen für Plünderung der öffentlichen Haushalte, und sie alle stehen im Extremfall - wenn dann die Sparzwänge da sind - natürlich auch für rabiate Sozialkürzungen."
Kehraus dann am Abend in Demmin mit der Kanzlerin. Nach den wenigen süffisanten Nickeligkeiten und leichten Ellenbogenremplern ihrer Koalitionäre Seehofer und Westerwelle dominiert auch bei Merkel das Bemühen, die Gräben nicht noch zu vertiefen.
Sie bleibt maßvoll und wiederholt das, was sie schon ihre Sprecherin sprechen ließ, nämlich dass Westerwelles Widerworte in der Sozialstaatsdebatte nicht ihr Duktus sei. Das wissen aber schon alle.
Dann aber kommt doch noch ein Paukenschlag: Die CDU-Chefin sehnt sich nach Schwarz-Rot zurück! Nach reichlich 100 nervigen Tagen Schwarz-Gelb verkündet sie: "Die Große Koalition hat Wichtiges geleistet."
Union und SPD hätten Deutschland als Koalition durch die Zeit der Wirtschaftskrise "sehr gut hindurchgeführt", lobt die Kanzlerin die Vergangenheit. Das sollte man nicht vergessen, weil es in Stunden existenzieller Bedrohungen darauf ankomme, dass Parteien auch zusammenarbeiten könnten.
Und mit Blick auf die jetzige christlich-liberale Koalition sagt Merkel: "Kritisieren, schreien, schimpfen hilft uns nicht weiter."
Ob das die deutlichen Worte waren?
Irgendwie ist der politische Aschermittwoch heutzutage ein bisschen wie der politische normale Mittwoch. Der Unterschied: Alle dürfen sich betrinken.
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