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Internationale Organisationen sind alarmiert.
Die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise macht sich drastisch in den Entwicklungsländern bemerkbar.
Nach Zahlen der UN hungern weltweit 1,02 Milliarden Menschen.
Das ist der höchste Wert seit 1970.
Und 100 Millionen mehr als noch im Jahr 2008, als bereits die Welternährungskrise kurzzeitig die Welt aufschreckte.
"Das 21. Jahrhundert droht zum Hungerjahrhundert zu werden", warnt Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe.
Der Generaldirektor der Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), Jacques Diouf, fordert die Regierungen der Industrieländer auf, sich stärker gegen Hunger zu engagieren.
So wie die Mächtigen der Welt "schnell, gemeinsam und kraftvoll" auf die Weltwirtschaftskrise reagiert hätten, sei nun "derselbe starke Einsatz gefragt, um den Hunger zu bekämpfen".
Auch das Welternährungsprogramm WFP fordert mehr internationales Engagement. "Während die Zahl der Hungernden alle Rekorde bricht, ist die weltweite Ernährungshilfe auf einem 20-Jahres-Tief", kritisiert das WFP.
Viele Staaten haben bereits angekündigt, ihre Zusagen zur Entwicklungshilfe in den nächsten Jahren nicht einhalten zu wollen.
"Was wir gerade sehen, ist eine immense Herausforderung im Kampf gegen den Hunger", so der Chef des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff, gegenüber n-tv.de. Die Weltbank warnte schon 2008 offen vor Unruhen und Aufständen.
"Es geht nicht nur um eine ausgefallene Mahlzeit oder Unruhen", sagt der Chef der Entwicklungshilfeorganisation in Washington, Robert Zoellick.
"Die Armen im Jemen geben inzwischen mehr als ein Viertel ihres Einkommens nur für Brot aus. Ausgaben für Kindernahrung, Gesundheit oder Behausung müssen hinten anstehen."
Auch wenn sich die Nahrungskrise im Vergleich zu 2008 etwas abgeschwächt hat, gibt es doch keinen Grund zur Entwarnung.
Die Nahrungsmittelpreise seien von einem "absurd hohen auf ein sehr hohes Niveau gefallen - und das hilft den Ärmsten der Armen nicht weiter", so Südhoff.
Noch immer sind die Nahrungsmittelpreise hoch, in Afghanistan kostet Weizen beispielsweise 60 Prozent mehr als vor einem Jahr, in Kenia ist Mais sogar mehr als doppelt so teuer.
Insgesamt liegen die Getreidepreise, die für die Entwicklungsländer relevant sind, noch über 70 Prozent über dem Vorkrisenniveau.
"Weil sie nirgendwo sonst sparen können, bedeutet das - weniger Mahlzeiten", beschreibt Zoellick die Folgen der hohen Lebensmittelpreise.
Nicht nur die Ärmsten sind betroffen. "In vielen Ländern ist nun auch die Schicht der Zweitärmsten vom Hunger bedroht", so Südhoff.
Das International Food Policy Research Institute in Washington hat errechnet: Wenn die Nahrungsmittelpreise um ein Prozent steigen, sind zusätzlich 16 Millionen Menschen von Hunger bedroht.
Mehr als 25.000 Menschen sterben schon jetzt täglich an den Folgen des Hungers.
"Im Jahr 2005 hat der Hunger mehr Menschen getötet als alle in diesem Jahr geführten Kriege zusammen", sagt Jean Ziegler, der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.
"Heute stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder an mit Unterernährung verknüpften Krankheiten."
Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise wird nun zusätzlich alle zwei Minuten ein Kind sterben, hat die Entwicklungshilfeorganisation World Vision ausgerechnet.
Der Tod durch Hunger sieht nicht immer so aus, wie spektakuläre Bilder suggerieren.
Nur die wenigsten Hungernden befinden sich in einer akuten Notsituation und verhungern tatsächlich.
Die meisten leiden vielmehr - von der Weltöffentlichkeit unbeachtet - ...
... oft über Jahre an täglicher Unterversorgung und dem Mangel an Nahrungsmitteln.
"Der Körper versucht den Mangel zu kompensieren, indem er die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit herunterdrosselt", stellt das UN-Welternährungsprogramm fest.
"Ein hungriger Mensch kann sich weder konzentrieren noch Initiative ergreifen. ...
... Ein Kind verliert jeden Antrieb zu spielen oder zu lernen."
Das Immunsystem Hungernder ist geschwächt, die Gefahr, an Krankheiten wie Masern, Durchfall oder einer Grippe zu sterben, steigt rapide.
Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind weltweit 150 Millionen Kinder chronisch unterernährt.
500.000 Kinder erblinden jährlich aufgrund von Vitamin-A-Mangel.
Jodmangel, unter dem weltweit 780 Millionen Menschen leiden, kann zu Gehirnschäden und Missbildungen führen.
"Erwachsene, die als Kinder unterernährt waren, sind körperlich und geistig weniger produktiv, haben einen niedrigeren Ausbildungsgrad und Verdienst und sind häufiger krank", heißt es im Welthunger-Index.
Weltbankchef Zoellick spricht von "intellektueller wie auch körperlicher Verkrüppelung" als Folge des Hungers.
Laut dem Welthungerindex 2009 befinden sich 29 Länder in einer alarmierenden Hungersituation.
Dabei liegen die meisten betroffenen Länder in Afrika, südlich der Sahara.
Rein zahlenmäßig leben die meisten Hungernden, zum Großteil paradoxerweise Kleinbauern, noch immer in Asien.
Mehr als 220 Millionen haben im aufstrebenden Schwellenland Indien nicht genug zu essen.
"Hunger betrifft meist Länder, in denen schon eine andere Krise im Gange ist", sagt WFP-Experte Südhoff gegenüber n-tv.de.
Deutlich zeigt sich dies in den afrikanischen Kriegsregionen.
Als Folge der bewaffneten Auseinandersetzungen hungern Millionen Menschen unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo, in Burundi, im Sudan, in Somalia.
Die Flüchtlinge können sich nicht selbst ernähren, die Felder sind vermint, die Ernten zerstört.
Regierungen tragen durch Korruption und Missmanagement ebenfalls zum Hunger in ihren Ländern bei.
Das verarmte, aber hochgerüstete Nordkorea ist seit Jahren auf Lebensmittellieferungen angewiesen.
Millionen Menschen laufen Gefahr, nicht genügend zu essen zu bekommen.
"Die Nahrungsmittelversorgung in Nordkorea ist ganz schlecht und verschlechtert sich weiter", warnt Tony Banbury vom WFP 2008.
Kaum besser die Lage in Simbabwe: Hier leiden durch die schwere Wirtschaftskrise mehrere Millionen Menschen unter Hunger.
Afrika und Asien sind besonders betroffen vom Klimawandel, der zu immer heftigeren Regenfällen, Überschwemmungen oder Dürreperioden führt.
Seit Mitte der 90er Jahre verdoppelte sich die Anzahl der Naturkatastrophen.
Gleichzeitig steigt die Weltbevölkerungszahl rapide. In vierzig Jahren werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben.
Hinzu kommt, dass rasant wachsende, bevölkerungsreiche Länder wie Indien, China und andere Schwellenländer immer mehr und höherwertige Nahrungsmittel verbrauchen.
So nimmt in China der Fleischkonsum um rund fünf Prozent zu - pro Jahr.
Das Problematische daran: Um ein Kilo Fleisch zu erhalten, muss man rund sieben Kilo Getreide in ein Rind stecken. Getreide, das anderswo fehlt.
In Indien etwa nähmen inzwischen rund 300 Millionen Menschen eine zweite Mahlzeit am Tag ein, konstatiert Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr.
"Wenn die plötzlich doppelt soviel Nahrungsmittel verbrauchen als sie das früher gemacht haben, und dann auch noch 100 Millionen Chinesen beginnen Milch zu trinken, dann verzerren sich natürlich unsere gesamten Milchquoten und vieles andere", so die Kanzlerin.
Das Recht auf Nahrung wird zum Problem; ...
... was Jupiter darf, steht dem Ochsen dann doch nicht zu.
Dass zeigt sich auch in der Wirtschaftspolitik der führenden Industrienationen gegenüber den Entwicklungsländern - eine Politik, die viele als wesentlichen Grund für Armut und Hunger dort ausmachen.
Einerseits verschließt der Westen noch immer seine Märkte für Waren aus Dritte-Welt-Ländern und macht es so deren Bauern und Händlern schwer, ihre Produkte zu ordentlichen Preisen zu verkaufen.
Andererseits werden viele Entwicklungsländer mit hoch subventionierten Lebensmitteln aus dem Westen überschwemmt.
Jeden Tag subventionieren die Industrieländer ihr Agrarsystem mit rund einer Milliarde Dollar.
Ein Teil davon fließt, um Überschüsse zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt zu bringen.
"Auf jedem Markt in Afrika können Sie europäisches Obst und Gemüse zur Hälfte oder zu einem Drittel des Preises der Inlandsprodukte kaufen", so Ziegler.
Die Folgen für die Kleinbauern: Hunger und Ruin.
Ähnlich sieht es der Weltagrarrat, ein Gremium aus 400 internationalen Experten. "Die ärmsten Entwicklungsländer verlieren in den meisten Liberalisierungs-Szenarien unter dem Strich", warnt Weltagrarrats-Chef Robert Watson bereits im vergangenen Frühjahr.
Entwicklungsländer werden als willkommene Absatzmärkte für industrielles Saatgut, Düngemittel und Pestizide betrachtet - ob es ihnen zum Vorteil gereicht oder nicht.
Großkonzerne wie Monsanto, deren Saatgut jährlich neu erworben werden muss, bringen viele Kleinbauern in eine gefährliche Abhängigkeit.
Der Weltagrarrat fordert daher im Weltagrarbericht 2008 eine radikale Neuausrichtung der globalen Landwirtschaft.
Die Experten warnen vor einem "immer zerstörteren und geteilteren Planeten" und plädieren für eine Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Produktionsweisen.
Ihr Argument: Die kapitalintensive Industrieproduktion unserer Nahrungsmittel in ihrer jetzigen Form zerstört Böden, Wasser und Artenvielfalt, trägt zum Klimawandel bei und nutzt einseitig den reichen Ländern.
Ein besonderes Problem, das sie und viele andere Experten anprangern: Die wachsende Nachfrage nach Biotreibstoffen.
Um der Ölknappheit zu trotzen und die selbst gesteckten Klimaschutzziele so bequem wie möglich zu erreichen, lässt der Westen Getreide als Biosprit in die Autotanks fließen und verteuert so das Brot der Ärmsten.
2007 verarbeiteten die USA ein Drittel ihrer Maisernte zu Ethanol.
"Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" nennt der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram die Herstellung von Biosprit aus Nahrungsmitteln.
Jean Ziegler, bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, fordert einen fünfjährigen Anbaustopp für Biotreibstoffe.
Seine Position ist unmissverständlich: "Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet. ...
... Die Weltordnung, wie sie heute besteht, ist mörderisch. Und sie ist absurd, denn diese Morde geschehen ohne Notwendigkeit."
Für ihn wie auch die Welternährungsorganisation FAO ist klar: "Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren."
Könnte sie vermutlich, wenn sie wollte. Doch geht dies von idealtypischen Zuständen aus.
Und es setzt eine veränderte Landwirtschaftspolitik voraus: Mehr Hilfen für Kleinbauern, eine Ausweitung der Landwirtschaftsflächen, Produktivitätssteigerungen.
Der Forscher Joachim von Braun vom International Food Policy Research Institute fordert 2008 weltweit 20 bis 30 Milliarden Dollar zusätzlich für Investitionen in die Forschung, die in vergangenen Jahren vernachlässigt worden sei.
Doch nun sind die Industriestaaten vorerst voll und ganz mit der Wirtschafts- und Finanzkrise beschäftigt.
Diese birgt die Gefahr in sich, dass die noch immer wohlhabenden Nationen ihre bereits zugesagten Hilfsgelder für die Entwicklungsländer einfrieren oder kappen.
Dabei seien die Gelder, die "für eine erhebliche Verbesserung der Situation in den Entwicklungsländern benötig würden, nur 'Peanuts'", sagt Kurt Bangert von der Entwicklungshilfeorganisation World Vision gegenüber n-tv.de.
Mit 15 Milliarden US-Dollar könnten jährlich 6 Millionen Kinder vor dem Tod gerettet werden, 400.000 Mütter und Schwangere müssten nicht sterben und die Behandlung von gefährlichen Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und HIV/AIDS könnte erheblich verbessert werden.
Nach einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind mindestens 25 Milliarden Dollar in diesem Jahr nötig, um den am stärksten betroffenen Staaten mit Krediten zu helfen.
Der IWF fordert die internationale Gemeinschaft dazu auf, schnell und großzügig zu handeln.
Nur so lassen sich die verheerenden Effekte der Krise auf die verwundbarsten Länder verhindern. (Text: Gudula Hörr)
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