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Politik

Querkopf oder Querulant?: John McCain

 
John McCain ist ein amerikanischer Held. Er ist Senator aus Arizona und will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Soweit herrscht Einigkeit.

John McCain ist ein amerikanischer Held. Er ist Senator aus Arizona und will Präsident der Vereinigten Staaten werden. Soweit herrscht Einigkeit.

Alles weitere hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Die einen halten McCain für einen aufrechten Politiker, der Prinzipien über Parteidisziplin stellt.

Andere sagen ihm nach, er sei kein Querkopf, sondern ein Querulant, jähzornig dazu.

Selbst seine Prinzipientreue wird in Zweifel gezogen. Konservative Republikaner warfen McCain im Vorwahlkampf vor, er sei ein Wendehals. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, ...

... dass McCain die religiöse Rechte einst als "Agenten der Intoleranz" bezeichnet hatte.

Den Vorwurf, ein Wendehals zu sein, hat er geschickt entkräftet: "Ich bin ein konservativer Republikaner und stolz darauf", sagte McCain im Oktober 2007 auf einem "Value Voters Summit" - dem Treffen einer Lobby-Gruppe der christlichen Rechten.

Und er fügte hinzu: "Ich weiß, Sie stimmen nicht in jedem Punkt mit mir überein, aber ich hoffe, Sie wissen, dass ich Sie nicht anlügen werde. ...

... Eins der wichtigsten Dinge im Leben ist unsere Selbstachtung. Ich erwarte nicht, dass Sie Ihre gegen leere Versprechen eintauschen. Und ich werde meine nicht für irgendeine Stimme tauschen."

So spricht kein Wendehals. Auch andere republikanische Bewerber durften sich den "value voters" präsentieren. Die meisten redeten dem Publikum nach dem Mund - keiner so extrem wie Mitt Romney.

Anschließend gab es eine Testwahl. Romney kam auf den ersten, McCain auf den sechsten Platz.

Die Vorwahlen hat er dennoch gewonnen. Die "sozialen Konservativen", wie sie sich selbst nennen, sind jedoch verunsichert. Eine Minderheit wollte McCain verhindern und liebäugelte sogar mit einem eigenen Kandidaten.

Das mochte in einigen Fällen lediglich als Signal an McCain gemeint sein, die Ziele der christlichen Rechten nicht aus den Augen zu verlieren.

Angesichts der drohenden Alternative ...

... haben sich die weitaus meisten Konservativen am Ende zähneknirschend mit McCain arrangiert. Die liberalen Republikaner tun es ohnehin.

Gouverneur Arnold Schwarzenegger unterstützt McCain, "weil ich an einer großartigen Zukunft interessiert bin". McCain sei ein "großer amerikanischer Held und ein außergewöhnlicher Führer".

Das Stichwort "American hero" verweist auf McCains militärische Laufbahn. Sein Vater (im Bild rechts) und sein Großvater waren Navy-Admirale, er selbst absolvierte ebenfalls die Marineakademie (allerdings mit mäßigem Abschluss).

Anschließend dient er als Marinepilot.

1965 heiratet er die geschiedene Frau eines Mitschülers aus der Marineakademie und adoptiert ihre beiden Kinder. Ein Jahr später meldet er sich zum Kriegseinsatz.

"Er folgte der McCain-Tradition des Dienstes am Vaterland", heißt es auf seiner Website, "als er darum bat, im Vietnam-Krieg Dienst zu leisten."

Im Juli 1967 überlebt McCain knapp die Forrestal-Katastrophe: Auf dem Flugzeugträger "USS Forrestal" im Golf von Tonkin setzt eine fehlgezündete Rakete sein Flugzeug in Brand.

Munition und weitere Flugzeuge fangen Feuer. Erst nach Stunden kann der Großbrand gelöscht werden. 134 Soldaten kommen ums Leben, hunderte werden verletzt. McCain überlebt.

Einem Reporter der "New York Times" sagt er kurz nach dem Unglück, jetzt, wo er gesehen habe, "was die Bomben und das Napalm mit den Leuten auf unserem Schiff gemacht haben, ...

... bin ich nicht so sicher, dass ich noch mehr von dem Zeug auf Nord-Vietnam werfen möchte."

Ein Ausscheiden aus der Navy kommt für ihn natürlich dennoch nicht infrage. Am 26. Oktober 1967 wird McCain bei einem Einsatz über Vietnam abgeschossen.

Er kann sein Flugzeug mit dem Schleudersitz verlassen, bricht sich dabei jedoch ein Bein und beide Arme, stürzt in einen See und ertrinkt beinahe.

Medizinische Versorgung bekommt er erst, als die Nordvietnamesen herausfinden, ...

... dass sein Vater ein Vier-Sterne-Admiral ist. Fünfeinhalb Jahre bleibt McCain in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft, wo er verhört und geschlagen, später auch schwer gefoltert wird.

Jahre später, als US-Senator, legt er sich im Streit um Verhörtechniken und das Lager Guantánamo mit Präsident Bush an: Folter lehnt McCain kategorisch ab. Er würde Guantánamo schließen, kündigt er an.

Als der US-Senat im Februar 2008 jedoch einen Gesetzentwurf verabschiedet, der den US-Geheimdiensten die Anwendung von Folter verbieten soll, ...

... stimmt er dagegen. Der "New York Times" sagt er, der CIA müssten "besondere Maßnahmen" erlaubt sein - eine Abkehr von seiner bisherigen Position will McCain darin nicht erkennen.

Den größten Teil seiner Kriegsgefangenschaft verbringt McCain im berüchtigten "Hanoi Hilton" - so nennen die US-Soldaten das Gefängnis Hòa Lò.

Als ihm im Juli 1968 die Freilassung angeboten wird, lehnt McCain ab. Er will keine Vorzugsbehandlung. Erst im März 1973 kehrt er in die USA zurück.

McCain bleibt in der Navy, zuletzt (von 1976 bis 1981) als Verbindungsoffizier zum US-Senat in Washington.

1980 lässt er sich von seiner ersten Frau Carol scheiden und heiratet Cindy Lou Hensley (Bild), mit der er noch heute verheiratet ist.

1982 wird er in Arizona ins US-Repräsentantenhaus gewählt. Im Wahlkampf helfen ihm seine Kontakte in Washington und das Geld seiner Frau. Es ist der Startschuss für seine politische Karriere.

1986 schafft er den Sprung in den Senat. In den späten achtziger Jahren ist McCain in einen Finanz- und Spendenskandal verwickelt. Er übersteht die Affäre ...

... und macht saubere Wahlkampfgelder zu einem seiner Schwerpunktthemen. Ist er ein Opportunist? Oder einer, der aus Fehlern lernt? Die Wähler von Arizona halten zu ihm.

Seit 1986 vertritt McCain seine Wahlheimat ohne Unterbrechung im Senat. Zuletzt wurde er Ende 2004 wiedergewählt - mit einer Zustimmung von knapp 77 Prozent.

1999 kündigt McCain seine Bewerbung um das republikanische Ticket für die Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 an. Favorit ist allerdings nicht McCain, sondern ein gewisser ...

... George W. Bush, gleichermaßen Kandidat des republikanischen Establishments und der religiösen Rechten.

Doch nach einem engagierten Wahlkampf schlägt McCain Bush bei der Vorwahl in New Hampshire.

Daraufhin beginnt eine beispiellose Schmutzkampagne gegen McCain. Diverse Gerüchte werden in die Welt gesetzt. Er sei homosexuell, er habe eine uneheliche Tochter aus einem Verhältnis mit einer Schwarzen.

Wahrer Hintergrund des Gerüchts: McCain und seine Frau Cindy haben ein Mädchen aus Bangladesch adoptiert, Bridget.

Doch die Methode funktioniert: Bush gewinnt South Carolina, McCain nach Arizona nur noch die Nordstaaten Michigan, Connecticut, Massachusetts, Rhode Island und Vermont.

Kurz nach seiner Niederlage in den Vorwahlen lässt McCain einen Fleck im Gesicht untersuchen. Hautkrebs. Die Operation hinterlässt eine Narbe.

Im Vorfeld der Präsidentschaftsvorwahlen von 2008 gilt McCain als Favorit. Im Sommer 2007 brechen jedoch seine Spenden ein. Er ist so gut wie pleite, in den Umfragen ist er im freien Fall.

Als ein Grund für das drohende Aus im Sommer 2007 gilt eine Initiative in der Einwanderungspolitik gemeinsam mit Senator Edward Kennedy - für Republikaner die Verkörperung des Gottseibeiuns.

McCain steigt um: Vom Flugzeug auf den Bus - auf den "Straight Talk Express", mit dem er bereits acht Jahre zuvor durch die USA gefahren war. Er führt jetzt den Feldzug des Außenseiters, der gut zu seinem Image passt.

Und er schafft das Comeback. "Mac is back" skandieren seine Anhänger nach jedem Vorwahl-Sieg. Der mittlerweile 71-Jährige profitiert von den Defiziten seiner Mitbewerber:

Mike Huckabee wirkt nicht seriös genug, Rudy Giuliani scheitert an einer völlig verkorksten Wahlkampfstrategie, Mitt Romney ist Mormone.

Im Vergleich dazu fällt McCains hohes Alter - in der Geschichte der USA gab es noch keinen Präsidenten, der mit 72 Jahren ins Amt kam - kaum ins Gewicht.

Das Altersargument kontert McCain mit einem spaßigen Verweis auf seine Mutter. Die sei 95 - "und wir nehmen sie überall hin mit".

Im Wahlkampf setzt McCain auf seine militärische Vergangenheit ...

... sowie auf sein Image als prinzipienfester, aber moderater Konservativer. Er nennt sich "common sense conservative", einen vernünftigen Konservativen, ?

? der an eine "starke nationale Verteidigung" und eine kleinere Regierung glaubt, "an Wirtschaftswachstum und Chancen, an die Würde des Lebens und traditionelle Werte".

Mittlerweile vertritt McCain beim Thema Einwanderung die Auffassung seiner Partei: zuerst die Grenzen sichern - die Eingliederung der Migranten, die schon da sind, kommt erst an zweiter Stelle.

"Ready to lead on day one" heißt es auf seiner Website. McCain war für den Irak-Krieg und unterstützte die Truppen-Aufstockung auch gegen die öffentliche Meinung.

Fortschritte im Irak kann er damit auch als seinen persönlichen Erfolg verkaufen.

Im Irak kommt für ihn nur ein "Sieg" infrage - zur Not müssten die US-Truppen eben "100 Jahre" bleiben. Den Demokraten wirft er vor, sie würden den Irak dem Chaos überlassen.

Als guter Republikaner will er die Steuersenkungspolitik fortsetzen - obwohl er im Senat gegen entsprechende Initiativen der Regierung Bush gestimmt hatte.

Weniger typisch für einen Republikaner ist seine Haltung zum Klimawandel: Den hält er für eine Tatsache. Dass dies in den USA noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt schon ein kurzer Blick auf die Websites der anderen republikanischen Bewerber.

Wichtiger ist für ihn mittlerweile allerdings das Thema Energiesicherheit. Und hier setzt McCain vor allem auf Atomkraft.

Die Kaukasus-Krise und die neue Konfrontation mit Russland helfen ihm. Unmittelbar vor dem Nominierungsparteitag der Demokraten holt er in den Umfragen auf.

Mehr Wähler setzen offenbar auf den erfahrenen Außenpolitiker, der Russland gegenüber gern scharfe Töne anschlägt.

Dies wäre ein Gebiet, auf dem Europa mit einem Präsidenten McCain Probleme haben könnte: McCains schroffer Umgang mit Russland wäre für europäische Regierungen ein Problem.

Wenn der Schwerpunkt im Wahlkampf auf der Außenpolitik bleibt, hat McCain gute Chancen, ins Weiße Haus einzuziehen - obwohl er "älter als Dreck" ist, wie er selbst über sich sagt.

Dennoch wäre sein Sieg eine Überraschung: Seine Reden sind uninspiriert und mit ungezählten "My friends" gespickt. Möglicherweise liegt gerade darin sein Erfolg: Er ist zwar so reich, dass er spontan nicht auf die Frage antworten konnte, wie viele Häuser er hat, ...

... doch er wirkt wie ein ganz normaler Typ von nebenan. Obama, der nicht schon seit Jahrzehnten zum Establishment gehört, wird von McCain erfolgreich als abgehoben dargestellt.

McCains Wahlkampfteam macht sich in Fernsehspots über Obama lustig. Als "biggest celebrity in the world" stehe er auf einer Stufe mit Paris Hilton und Britney Spears.

Mit einer ähnlichen Strategie war bereits Bush gegen den angeblich elitären John Kerry erfolgreich. (Text: Hubertus Volmer)

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