Bilderserie
Mittwoch, 09. Dezember 2015

Time kürt "Person des Jahres": Merkel zwischen Diktatoren und Revoluzzern

Bild 1 von 16
Angela Merkel darf sich freuen. Oder nicht? Das US-amerikanische "Time"-Magazin wählt die deutsche Kanzlerin zur Person des Jahres. Damit reiht sie sich ein in eine Folge von Visionären und Kämpfern, aber auch von Massenmördern und Rassisten. (Foto: AP)

Angela Merkel darf sich freuen. Oder nicht? Das US-amerikanische "Time"-Magazin wählt die deutsche Kanzlerin zur Person des Jahres. Damit reiht sie sich ein in eine Folge von Visionären und Kämpfern, aber auch von Massenmördern und Rassisten.

Angela Merkel darf sich freuen. Oder nicht? Das US-amerikanische "Time"-Magazin wählt die deutsche Kanzlerin zur Person des Jahres. Damit reiht sie sich ein in eine Folge von Visionären und Kämpfern, aber auch von Massenmördern und Rassisten.

Denn auf Platz zwei der diesjährigen Abstimmung landet beispielweise Abu Bakr al-Bagdadi, der selbst ernannte Kalif des Islamischen Staates.

Schon die Entstehung des Titels liest sich äußerst skurril: Der Preis war eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Er soll eine Reaktion auf eine "Sauregurkenzeit" gewesen sein, eine Zeit also, in der die Redakteure nichts zu tun hatten. Zudem hatte man bei der "Time" verpasst, Charles Lindbergh gebührend für seine Atlantik-Überquerung zu feiern. Entschädigend wurde er dann zum ersten "Man of the Year" 1927 ernannt.

"Man of the Year" hieß der Preis bis 2000 und bezeichnete damit recht korrekt, wer ausgezeichnet wurde: Männer. Bis auf ein paar Ausnahmen, wie zum Beispiel Elisabeth II. im Jahr 1952. Angela Merkel ist übrigens seit fast 30 Jahren die erste Titelgewinnerin.

Zwar gingen nur wenige Titel an Preisträgerinnen, einer dafür aber gleich an Millionen von Frauen: 1975, zu Zeiten des Second-Wave Feminismus, zum Beispiel an alle US-Amerikanerinnen. "So viele Frauen in den USA haben ihre Leben für sich in Anspruch genommen, das Geschehen kommt der Entdeckung eines neuen Kontinents gleich", so die Begründung. Der Titel geht also nicht nur an Einzelpersonen.

1982 wurde beispielsweise der Computer ausgezeichnet und 1988 galt der Titel der bedrohten Erde. Die Redakteure des Magazins werden nicht müde zu betonen, dass der Preis Personen, Kategorien, Gruppen oder Erfindungen auszeichnen kann, die nicht nur lobens-, sondern auch nennenswert sind und das Geschehen im jeweiligen Jahr maßgeblich beeinflusst haben. Vor dem Hintergrund ...

... ist wohl auch die Verleihung des Titel an Adolf Hitler im Jahr 1938 zu verstehen. Er sei als "größte Bedrohung der Demokratie und Freiheitsliebe" mit dem Titel ausgezeichnet worden. Das hatte damals für viel Verwirrung gesorgt.

Ebenso die Auszeichnung dieses schnurrbärtigen Diktators im Jahr 1939. Josef Stalin habe hart daran gearbeitet sich zu Lebzeiten als Gott zu inszenieren. keine Schmeichelei sei zu offensichtlich, kein Kompliment übertrieben, er sei schließlich zur Quelle sozialistischer Weisheiten avanciert. Neben Diktatoren wurden aber auch Menschen mit durchaus positiven Absicht und Einflüssen ausgezeichnet.

Im Jahr 1930 zum Beispiel der indische Widerstandskämpfer und Pazifist Mahatma Gandhi, der sich gegen Rassismus und für Gleichberechtigung einsetzte.

Oder der Bürgerrechtler, Vorkämpfer und führende Figur der Bürgerrechtsbewegung in den USA, Martin Luther King. Er erhielt den Titel 1963, das Jahr der Proteste in Birmingham, die zur Aufhebung der Rassentrennung führte. Im gleichen Jahr fand der prominente Marsch auf Washington statt, bei dem King seine berühmte "I have a Dream"-Rede hielt, in der er seine Vision einer Gesellschaft ohne Rassismus beschrieb.

Ebenfalls im Kampf gegen Rassismus und Unterdrückung wurde Nelson Mandela 1993 ausgezeichnet. Den Titel teilte er sich mit drei anderen Personen, u.a. Jassir Araft, in der Kategorie Friedensstifter.

Seit 1932 und Teddy Roosevelt werden auch alle US-Präsidenten zur Person des Jahres gewählt. Ausnahmslos. Zur Begründung schreibt das Magazin: "Als Oberbefehlshaber einer der größten Nationen der Welt ist es schwer, keine Nachrichten zu produzieren." Politiker werden wohl am häufigsten mit dem Titel ausgezeichnet. Die Regel ...

... brechen aber auch in den letzten Jahren immer wieder auch zivile Akteure: So wurden beispielsweise 2011, im Jahr des arabischen Frühlings, die Protestierenden ausgezeichnet, ...

... und 2014 Menschen, die als Helferinnen und Helfer gegen die Ebola-Epidemie in Teilen Westafrikas kämpften.

Auch dieses Jahr waren zivile Akteure auf der Liste: Auf Platz drei landete die Bürgerrechtsbewegung "Black Lives Matter", die gegen Rassismus und die teils tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze kämpft.

Die Auszeichnung ist wohl vor allem eins: eine Bestandsaufnahme. Wer oder was hatte den größten Einfluss auf die Ereignisse des Jahres, im guten oder im schlechten Sinne. Die Begründung für die Wahl Merkels liest sich dann doch wie ein Kompliment: "Bei Merkel schwang ein anderer Wertekanon - Menschlichkeit, Güte, Toleranz - mit, um zu zeigen, wie die große Stärke Deutschlands zum Retten statt zum Zerstören genutzt werden kann". In diesem Sinne darf sie sich also ein bisschen freuen.

weitere Bilderserien