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Freitag, 01. April 2016

Genscher, der ewige Außenminister: "Mister Bundesrepublik" ist tot

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Er gehörte zu den wichtigsten Politikern der Bundesrepublik Deutschland. (Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Er gehörte zu den wichtigsten Politikern der Bundesrepublik Deutschland.

Er gehörte zu den wichtigsten Politikern der Bundesrepublik Deutschland.

Der frühere Außenminister und FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher.

Jahrzehnte prägt er die deutsche Innen- und Außenpolitik.

23 Jahre war er Bundesminister, ...

... davon 18 Jahre lang Chef des Auswärtigen Amtes.

11 Jahre führt er zudem die FDP. Nun ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

Den im März 1927 in Halle geborene Genscher zieht es schon früh in die Politik. Bereits 1952 wird er Mitglied der FDP, vier Jahre später erhört er die Rufe aus Bonn und wird wissenschaftlicher Assistent, Fraktionsgeschäftsführer und Bundesgeschäftsführer der Partei - bevor er 1965 selbst in den Bundestag einzieht.

Zusammen mit Parteichef Walter Scheel vollzieht er 1969 einen Kurswechsel, der in einer Koalition mit der SPD mündet. Im Drei-Parteiensystem der Bundesrepublik wird die kleine FDP zum Zünglein an der Waage.

Als Innenminister erlebt er bald darauf seine größte Bewährungsprobe und einen seiner schlimmsten Momente. Bei den Olympischen Spielen in München 1972 überfällt ein Palästinenserkommando das israelische Olympia-Team.

Genscher bietet sich als Ersatzgeisel an, was die Kidnapper ablehnen. Eine Befreiungsaktion wenig später scheitert komplett, viel fehlt nicht zum Rücktritt. Später sagt er über diese Zeit: "Der Tiefpunkt war ganz sicher München 1972."

Als Außenminister ab 1974 forciert er wenig später die neue Ostpolitik.

Der "Genscherismus" prägt fortan die Außenpolitik - das Lavieren zwischen Ost und West, ohne dabei die Verankerung der Bundesrepublik im westlichen Bündnis in Frage zu stellen.

Kritiker schmähen diese Politik auch als "Schaukelpolitik".

Auch innenpolitisch wird er als "Wendehals" verspottet, ...

... als die FDP 1982 von der SPD zur Union wechselt.

Zusammen mit Kanzler Helmut Kohl wird er damit Jahre später zum Architekten der deutschen Einheit.

Seine große Stunde und seinen "glücklichsten Augenblick" erlebt er am 30. September 1989 in Prag.

Mehrere tausend Menschen hatten sich, teils über Monate, auf dem Gelände der dortigen Deutschen Botschaft aufgehalten.

Am frühen Abend verkündet er auf dem Balkon: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Es folgt grenzenloser Jubel, das Ende des Satzes geht im Lärm unter.

Mit dem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse handelt Genscher die sichere Ausreise der Botschaftsflüchtlinge aus.

Kurz darauf fällt die Mauer, kein Jahr später ist Deutschland vereint - nicht zuletzt dank Genschers Verhandlungsgeschick. Obwohl er in der Zeit mit den Nachwirkungen von zwei Herzinfarkten kämpft, bohrt er unermüdlich dicke Bretter, verhandelt, schlichtet und scheut unter vier Augen auch nicht klare Worte.

Sein Meisterwerk wird 1990 der "2+4-Vertrag", in dem die beiden deutschen Staaten gemeinsam mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs die außenpolitischen Aspekte der Wiedervereinigung regeln.

Hier zeigt sich das diplomatische Talent des Mannes, dessen Grundsatz lautete: "Es geht darum, sich in die Schuhe des anderen zu stellen. Ihn zu gewinnen, aber nicht zu besiegen."

Genscher wird einer der beliebtesten Politiker der Bundesrepublik.

Die ARD erhebt ihn zum "Mister Bundesrepublik", das Satiremagazin "Titanic" nennt ihn etwas profaner wegen seiner Allgegenwärtigkeit "Genschman", ...

... und andere Spötter meinen, er müsse sich schon einmal in der Luft begegnet sein.

Zur allgemeinen Überraschung und aus freien Stücken tritt er dann im Mai 1992, mit 65 Jahren, zurück.

Doch er bleibt auch weiter aktiv.

Besonders die Geschicke seiner Partei verfolgt er weiter mit großen Interesse - und wachsendem Unbehagen.

Dass die Liberalen bei der letzten Bundestagswahl noch nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde schafften, muss ihn zutiefst geschmerzt haben.

Im Dezember 2013 gelingt ihm auch außenpolitisch noch einmal ein Coup. So fädelt er die Freilassung des Kreml-Kritikers Michail Chodorkowski kurz vor Weihnachten ein.

Im Herbst 2014 erklärt der Mann, dessen gelber Pullunder zum Markenzeichen wurde: "Wenn der Akteur Genscher einmal die Augen schließt, wird so viel da sein. ...

... Da kann unendlich geschrieben werden."

Er dürfte auch damit mal wieder recht gehabt haben.

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