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Politik

Machtmensch, Demagoge, Populist: Oskar Lafontaine

 
Machtmensch, Demagoge, Populist: Oskar Lafontaine

Die leisen Töne sind nicht Oskar Lafontaines Sache. So verwundert es kaum, dass auch sein 65. Geburtstag wieder von ordentlichem Polit-Getöse begleitet wird.

Sein früherer Parteifreund Helmut Schmidt hatte in einem Interview gesagt, Charisma allein mache noch keinen guten Politiker, und angefügt: "Auch Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch."

Lafontaine, inzwischen Vorsitzender der Linkspartei und ihr Fraktionschef im Bundestag, reagiert empört und vergisst darüber, dass er Schmidt einst vorhielt, mit dessen Sekundärtugenden könne "man auch ein KZ betreiben".

Der gebürtige Saarländer und studierte Physiker ist derzeit wohl eine der schillerndsten politischen Figuren in Deutschland. Eiskalter Machtmensch, Demagoge, gefährlicher Populist - seine Gegner finden viel Schlechtes über ihn zu sagen.

Jahrelang stand er in der ersten Reihe der SPD. Bereits 1966 trat er in die Partei ein.

1980 führte er die Saar-SPD erstmals zur stärksten Kraft im Landtag, fünf Jahre später wurde er Ministerpräsident. Aus jener Zeit stammt der Spitzname vom "Napoleon von der Saar". (Rechts im Bild beim Honecker-Besuch 1987)

1987 schlug ihn Willy Brandt als seinen Nachfolger im Amt des SPD-Parteivorsitzenden vor, doch Lafontaine lehnte die Enkel-Rolle ab.

Nach dem Zusammenbruch der DDR argumentierte er vehement gegen eine schnelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und warnte vor "nationaler Besoffenheit".

Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 trat er als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl an.

Seine Kandidatur wurde von einem Attentat überschattet, bei dem eine geistesgestörte Frau ihn mit einem Messer in den Hals stach und lebensgefährlich verletzte.

Bei der Wahl fuhr er nicht zuletzt wegen seiner Haltung zur deutschen Einheit mit 33,5 Prozent das schlechteste SPD-Ergebnis seit 1957 ein.

Danach zog Lafontaine sich zunächst aus der Bundespolitik zurück, verzichtete auf den ihm angebotenen SPD-Vorsitz und blieb saarländischer Ministerpräsident.

Mit Macht meldete er sich dann im November 1995 auf dem legendären Mannheimer Parteitag zurück.

Nach einer Kampfabstimmung löste er Rudolf Scharping als SPD-Chef ab, …

… überließ aber Gerhard Schröder 1998 die Kanzlerkandidatur und trat nach gewonnener Wahl auch in dessen rot-grünes Kabinett ein.

Schon wenige Monate später folgte das Zerwürfnis mit dem Regierungschef - zu unterschiedlich waren die Auffassungen über die Wirtschaftspolitik.

Am 11. März 1999 erklärte Lafontaine seinen Rücktritt vom Amt des Bundesfinanzministers.

Zugleich legte er den Vorsitz der SPD und sein Bundestagsmandat nieder.

In einer kurzen Presseerklärung drei Tage darauf begründete er diesen Rückzug aus allen Ämtern mit dem "schlechten Mannschaftsspiel" in der Regierung.

Nach dem Rücktritt 1999 galt Lafontaine als abgeschrieben. Seinem Frust über die Schrödersche Agenda-Politik ließ er in drei Büchern freien Lauf, in verschiedenen Veröffentlichungen vertrat er zunehmend globalisierungs- und regierungskritische Positionen.

2005 gab er nach 39 Jahren Mitgliedschaft sein SPD-Parteibuch ab und führte in einem Kraftakt die Wahlalternative WASG mit der PDS zusammen.

Zusammen kamen WASG und PDS bei der Bundestagswahl im gleichen Jahr auf über acht Prozent. Die gemeinsame Fraktion wählte Lafontaine zu einem ihrer beiden Vorsitzenden.

Gemeinsam mit Gregor Gysi bildet er ein Tandem an der Spitze der Bundestagsfraktion der Linken.

Lafontaine bestreitet Rachegefühle gegenüber der SPD. Einstige Wegbegleiter nehmen ihm das jedoch nicht ab.

Seine Kritiker werfen ihm vor, mit sozialen Ängsten zu spielen und mit antiamerikanischen und gelegentlich auch nationalistischen Ressentiments Stimmung zu machen.

Die aktuellen Umfragewerte sind für Lafontaine eines der schönsten Geburtstagsgeschenke. Die Linke liegt in der Wählergunst derzeit bundesweit klar über zehn Prozent.

Mitglieder der Linken haben jedoch mitunter ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem Vorsitzenden.

Einerseits lassen sie sich von Gysi überzeugen, dass die Partei ohne Lafontaine keinesfalls im Westen einen Fuß an Deck bekommen hätte.

Andererseits haben sie Probleme mit Lafontaines Führungsstil. Bei allem Humor und erfolgreichem Einsatz für die Sache kann Lafontaine autoritär, selbstbezogen, zynisch und arrogant wirken.

Kritik an seinem mondänen Lebensstil inklusive ansehnlicher Villa kontert er gern mit einem Zitat seines Parteifreundes Gysi: "Ein Linker muss nicht arm sein, ein Linker muss gegen Armut sein."

Möglicherweise träumt Lafontaine von einer vereinigten Linken in Deutschland. Was seine inhaltlichen Positionen angeht, bleibt er gern im Vagen, konkrete Finanzierungsideen sind Mangelware.

In Ostdeutschland ist die Linke dennoch schon in weiten Teilen stärker als die SPD und etabliert sich zunehmend im Westen. Erstmals gibt es eine bei Wahlen erfolgreiche Partei links von der SPD.

Im Westen könnten die Linken laut einer Erhebung im Saarland die Sozialdemokraten überholen. Dort, in seinem Heimatland, tritt Lafontaine bei der Landtagswahl 2009 als Kandidat für das Ministerpräsidentenamt an.

Noch ist Lafontaine politisch nicht am Ziel, wenngleich er vor wenigen Jahren kaum mit dieser schnellen Veränderung in Deutschland gerechnet haben wird.

Der Machtmensch Lafontaine will rot-rote Koalitionen schmieden, möglichst auch im Saarland. Ziel aber ist der Angriff im Bund.

Angeblich hat er vier Bedingungen, unter denen er bereit wäre, einen SPD-Kanzler zu wählen: höhere Hartz-IV-Sätze, Rücknahme der Rente mit 67, flächendeckender Mindestlohn und der Einstieg in den Abzug aus Afghanistan.

Es ist schwer zu glauben, dass der Bundesvorsitzende der Linken und frühere Bundesfinanzminister lediglich wieder Landespolitik machen möchte.

Aber er versichert, dass er im Falle seines Wahlsieges zurück nach Saarbrücken gehen würde - um dann von dort aus Bundespolitik zu machen.

Und da er die von den Sozialdemokraten mitbeschlossene Rente mit 67 zwar als unsozial für die Gesellschaft, nicht aber für sich selbst geißelt, wird noch lange mit ihm zu rechnen sein. Lafontaine sagt: "Solange ich gesund bin, werde ich weiter mitmischen."

Das passt zwar nicht mit Aussagen aus dem Jahr 2007 zusammen, als er betonte: "In meinem Alter giert man nicht mehr nach Ämtern." Doch es passt dann doch wieder zu Oskar Lafontaine.

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