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Am Anfang stand die Religion.
Der Islam war Grund und Legitimation für die Existenz Pakistans.
Und bis heute prägt er das Schicksal des Landes: Pakistan kämpft mit den radikalen Geistern, die es einst rief.
Es war eine Geburt im Schatten für Pakistan: Im Schatten des ewig großen Nachbarn und Rivalen Indien, ohne dessen Unabhängigkeitswillen es auch kein Pakistan gegeben hätte.
Die indische Unabhängigkeitsbewegung im von den Briten besetzten Subkontinent gründete bereits 1885 den Indischen Nationalkongress.
Weil dieser aber von den Hindus dominiert wurde, entstand 1906 unter Führung von Ali Jinnah als Gegengewicht die Muslimliga.
Jinnah verfolgte das Ziel eines eigenen, islamischen Staates auf dem Subkontinent und konnte dies 1940 in der Lahore-Resolution auch durchsetzen. Auf Grundlage einer Zwei-Nationen-Theorie forderten die Muslime Britisch-Indiens darin ihre wirtschaftliche, religiöse und politische Unabhängigkeit von den Hindus.
Dabei hatte der Pazifist und Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi noch gehofft, Sikhs, Hindus und Moslems könnten friedlich in einem gemeinsamen Staat zusammenleben.
Doch während der britischen Besatzungszeit kam es immer wieder zu Übergriffen und Ausschreitungen zwischen den religiösen Gruppen. Der Wille der Muslimliga, einen eigenen Staat zu gründen, heizte die Auseinandersetzungen weiter an.
Letztlich ließ sich dieser Wille nicht aufhalten – der letzte Vizekönig des indischen Kolonialreiches, Admiral Earl Louis Mountbatten, entließ am 14. und 15. August 1947 zwei getrennte Staaten in ihre Unabhängigkeit. "In diesem Staat Pakistan seid ihr frei", verkündete Jinnah.
Es ist eine blutige Geburtsstunde für beide Länder, die Grenzziehung zwischen beiden Staaten zwingt Millionen Menschen zur Flucht: Etwa sieben Millionen Hindus und Sikhs fliehen aus den überwiegend muslimischen Gebieten Pakistans nach Indien, vier Millionen Muslime treten den umgekehrten Weg an.
So wird etwa die wasserreiche Provinz Punjab zwischen Indien und Pakistan aufgeteilt, die Trennungslinie verläuft zwischen den bedeutenden Städten Lahore und Amritsar. Zwischen den Flüchtlingen der verschiedenen Religionen kommt es zu wochenlangen Ausschreitungen, die einem Bürgerkrieg gleichen.
Die Gründungsväter Pakistans beanspruchen für sich, in ihrem Staat alle Muslime des ehemaligen britischen Kolonialreiches zu vertreten. Das Gebiet des Landes ist deshalb anfangs noch in einen West- und einen Ostteil gespalten: Es umfasst sowohl das heutige Pakistan als auch die vorwiegend muslimisch bevölkerte Provinz Bengalen, das heutige Bangladesch. 1500 Kilometer indisches Staatsgebiet liegt zwischen beiden Teilen.
Der religiöse Anspruch spiegelt sich auch in der Fahne Pakistans wider. Grün als die Farbe des Propheten Mohammeds, des Islam, die weiße Fläche für die drei Prozent der Bevölkerung mit anderem Glauben, der Halbmond soll für Fortschritt stehen und der Stern für Licht und Wissen.
Der Name Pakistan heißt auf Persisch und Urdu so viel wie "Land der Reinen". Namensgeber Choudhary Rahma Ali bezeichnete "Pak(i)stan" auch als Akronym für die von Muslimen bewohnten Nordindischen Landesteile Punjab, Afghanistan (heutige Nordwestprovinzen), Kaschmir, Sindh und Belutschistan.
Doch mit der Selbständigkeit der Muslime in Pakistan sind die Konflikte noch nicht zu Ende. Wie in vielen Fällen willkürlicher Grenzziehung in ehemaligen Kolonien kommt es auch zwischen Indien und Pakistan zum Streit um Land.
Der erste Krieg zwischen beiden Ländern bricht bereits unmittelbar nach ihrer Staatsgründung aus. Sowohl Pakistan als auch Indien erheben Anspruch auf das gesamte Fürstentum Kaschmir, das mehrheitlich von Muslimen bewohnt ist, aber unter einer hinduistischen Herrscherdynastie steht.
Der Konflikt um Kaschmir eskaliert, als es 1947 zu einem von Pakistan unterstützten Aufstand kommt. Der König tritt der Indischen Union bei und indische Truppen marschieren von Osten in Kaschmir ein, während Pakistan den westlichen und nördlichen Teil besetzt.
Nach Kriegsende wird Kaschmir 1949 geteilt – der Anspruch beider Staaten auf das gesamte Territorium ist damit aber nicht aufgegeben. Er bestimmt die Außenpolitik Pakistans bis heute.
Der Konflikt mit Indien lässt Pakistan außenpolitische Verbündete suchen. Das Land tritt dem westlich orientierten Verteidigungsbündnis Southeast Asia Treaty Organisation (SEATO) bei und setzt auf enge wirtschaftliche und militärische Beziehungen zu den USA.
1956 ruft sich das Land zur Islamischen Republik aus – von nun an lautet der offizielle Name "Islamische Republik Pakistan", 1958 wird die Hauptstadt von Karatschi in das eigens dafür gegründete Islamabad verlegt.
Das Militär spielt eine immer größere Rolle in der pakistanischen Politik, 1958 kommt es zum ersten Putsch unter General Mohammed Ayub Khan. Die unblutige Machtübernahme sollte die instabilen Verhältnisse beenden.
Khan war es auch, der 1965 nach seiner offiziellen Wahl zum Präsidenten den zweiten Krieg mit Indien begann:
Nach dem Tod des ersten indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru ging er von einer Schwächephase des großen Nachbarn und einem günstigen Zeitpunkt für die Eroberung Kaschmirs aus. Doch der Erfolg blieb aus, und der Krieg wurde noch im selben Jahr durch die Vermittlung der Sowjetunion beendet.
Die pakistanische Wirtschaft lag nach dem Krieg vollends am Boden, auch Präsident Khan war politisch geschwächt und der Konflikt mit Ostpakistan begann sich zu verschärfen, weil sich dort eine wachsende Bewegung für mehr Autonomie einzusetzen begann.
Die Separatisten in Ostpakistan gewannen aber wachsenden Einfluss und errangen bei den Wahlen 1970 den Sieg in fast allen Wahlkreisen. Daraufhin erklärte Präsident Mohammed Yahya Khan die Wahlen für ungültig und sorgte mit dem Verbot der separatistischen Awami-Liga für die Eskalation des Konflikts, die in den ostpakistanischen Unabhängigkeitskrieg mündete.
Indien unterstützte in dem Krieg mit Pakistan den seperatistischen Ostteil und sorgte damit für die Abspaltung des Landes: Am 17. Dezember 1971 erklärte Bangladesch seine Unabhängigkeit. Damit war die Idee der pakistanischen Gründungsväter zunichte gemacht, alle Muslime des Subkontinents in einem Staat zu vereinen.
Nach einer kurzen Phase der Demokratisierung nach dem Verlust des östlichen Landesteils unter dem neuen Präsidenten Zulfikar Alo Bhutto griff die Armee erneut nach der Macht im Staat:
General Mohammed Zia ul-Haq putschte 1977 und leitete zur Stabilisierung seiner Macht eine Islamisierung Pakistans ein.
Demokratische Regierungen haben Pakistan nur rund 20 Jahre geführt, vor allem die Konflikte mit den Nachbarn sorgten für die dominierende Rolle der Armee in der Außen- und Sicherheitspolitik des Landes.
So auch im Falle Afghanistans. General Zia-ul-Haq war es, der nach dem sowjetischen Einmarsch 1979 das inoffizielle Engagement im Nachbarland begann und für die verhängnisvolle Verknüpfung von pakistanischem Militär und Geheimdienst mit afghanischen Widerstandskämpfern sorgte.
Pakistan unterstützte die afghanischen Mudschaheddin militärisch und bot ihnen Unterschlupf an. Der Geheimdienst Inter-Service Intelligence (ISI) bildete radikale Widerstandskämpfer aus.
Diese Taktik von nichtstaatlichen Kämpfern hatte sich bereits in dem Konflikt in Kaschmir etabliert: Stammesangehörige und andere freiwillige Kämpfer werden in die Konfliktregionen geschleust und durch die pakistanischen Sicherheitskräfte unterstützt.
Afghanistan wollte Pakistan dabei als Machtbasis – auch im Konflikt mit Indien – benutzen: Es sollte als Rückzugsgebiet und Ausbildungslager für militante kaschmirische Gruppen dienen. Eine afghanische Regierung unter pakistanischer Kontrolle könnte so größere strategische Möglichkeiten im Konflikt mit Indien eröffnen.
Deshalb griff Pakistan auch nach dem Abzug sowjetischer Truppen 1989 in den innerafghanischen Konflikt ein. Um ein Gegengewicht zu den Paschtunen und ihrem Nationalismus zu bilden, der auch die paschtunischen Gebiete in Pakistan erfassen könnte, unterstützen die pakistanischen Sicherheitskräfte die radikal-islamischen Taliban.
Als die Taliban 1996 dann die Macht in Kabul übernahmen, erkannte Pakistan als eines der wenigen Länder die afghanische Regierung an.
Politisch bestimmend blieb aber der Konflikt mit Indien, auch nach dem Tod des Militärdiktators Zia-ul-Haq. 1988 fanden nach elf Jahren erstmals wieder freie Wahlen in Pakistan statt, aus denen mit Benazir Bhutto erstmals eine Frau in einem islamischen Staat als Siegerin hervorging.
Bhutto, Tochter des gestürzten Präsidenten Bhutto, wechselte sich als Führerin der Pakistanischen Volkspartei (PPP) in den 90er Jahren als Premierministerin Pakistans mit Nawaz Sharif von der von der Muslimliga dominierten Islamischen Demokratischen Allian (PML-N) ab.
Zweimal musste Bhutto dabei wegen Korruptionsvorwürfen ihr Amt wieder räumen.
Allerdings blieb beiden Regierungschefs der Zugriff auf Pakistans wichtigstes Machtinstrument verwehrt, das 1998 offiziell wurde: Die pakistanische Atombombe.
Seit den 70er Jahren arbeiteten die Militärs an einem eigenen Atomprogramm, zumal Indien bereits 1974 mit Kernwaffentests auf Abschreckung gesetzt hatte. Nachdem der große Nachbar im Mai 1998 erneut einen Atomwaffentest unternahm, bewies Pakistan seinerseits mit Tests am 28. und 30. Mai den Besitz der nuklearen Bombe.
Für die Entwicklung dieser "islamischen Bombe" wird Abdul Qadeer Khan nicht nur in Pakistan als Volksheld gefeiert.
Weil Khan seine Kenntnisse später an Nordkorea, den Iran und Libyen weitergab, war er 2004 auf Druck der USA unter Hausarrest gestellt worden, der erst Anfang 2009 wieder aufgehoben wurde.
Der andauernde Konflikt um Kaschmir eskalierte in den 90er Jahren immer wieder in kleineren Auseinandersetzungen und gipfelte 1999 in einem auf die Region um die Stadt Kargil begrenzten Krieg, den auch die gegenseitige nukleare Abschreckung nicht verhindern konnte.
Noch im gleichen Jahr kam es wieder zum Putsch durch die Armee: General Pervez Musharraf ließ nach einer unblutigen Machtübernahme Premier Sharif festnehmen und setzte ihn unter Hausarrest. Musharraf errichtete damit die vierte Militärdiktatur Pakistans, …
… ließ sich 2001 aber auch formal zum Präsidenten wählen.
Musharraf war als Diktator und späterer Präsident zwar wegen seines diktatorischen Regierungsstils umstritten. Doch wurde er im Westen als gemäßigter Reformer durchaus als Partner geschätzt, zumal er sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dem von den USA geführten Kampf gegen den Terror anschloss.
Im eigenen Land brachte ihm das allerdings den höhnischen Spitznamen "Busharraf" ein.
Unter Mussharrafs Führung baute das Militär seine Vormachtstellung aus. Während islamistische Kräfte aus wichtigen Funktionen bei den Sicherheitskräften verdrängt wurden, besetzten Militärs auch bedeutende politische und wirtschaftliche Positionen. Die Armee stieg zum größten Logistikunternehmer und Landbesitzer auf, Offiziere kamen in die Führungsetagen öffentlicher Unternehmen
Mit dem Kampf gegen den Terror und dem Ende des Taliban-Regimes in Afghanistan geriet auch in Pakistan das politische und strategische Sicherheitsgefüge in Bewegung. Während der Westen, insbesondere der wichtige Verbündete USA, auf die Bekämpfung der Taliban im Grenzgebiet zu Afghanistan drängte, wuchs zugleich die Bedrohung durch radikale Islamisten im eigenen Land.
Religiöse fanatische Gruppierungen und politische Parteien traten gegenüber der säkularen Militärführung des Landes als Bewahrer der muslimischen Traditionen auf. In den autonomen Stammesgebieten und den angrenzenden Nordwestprovinzen setzte eine schleichende Talibanisierung ein.
Die Stammesgebiete gehören zu den ärmsten Regionen Pakistans, ihre Verwaltungsstruktur stammt noch aus der britischen Kolonialzeit. Dort lebt vorwiegend eine streng religiöse paschtunische Bevölkerung. Seit den 80er Jahren ist die Region bereits Rückzugsgebiet von Radikalen: Erst afghanische Mudschaheddin, dann kamen die Taliban, schließlich auch ausländische Al-Kaida-Kämpfer.
Gemäßigte Stammesführer wurden nach und nach von radikalen Gruppen zurückgedrängt oder getötet, die afghanischen Taliban begannen in Waziristan und Distrikten der Nordwestprovinz ihre Macht auszubauen und ein Herrschaftssystem nach ihrem strengen islamischen Recht zu errichten.
Die pakistanische Armee ging bereits 2003 und 2004 gegen die Extremisten in Nord- und Süd-Waziristan vor, bekämpfte in erster Linie aber ausländische Terroristen und versuchte einheimische Radikale durch lokale Friedensabkommen zu befrieden. Allerdings ermöglichte diese Strategie den Taliban freie Hand, um ihr Herrschaftssystem weiter zu etablieren.
So konnte sich dort an der Grenze zu Afghanistan und dem Nordwesten des Landes ein "übles Gebräu" bilden, wie es Gregor Enste nennt, der die Vertretung der Heinrich-Böll-Stiftung in Pakistan leitet. Seine Diagnose: "Die pakistanische Regierung hat im Kampf gegen die Extremisten zu lange gezögert."
Auch im Zentrum Pakistans, wo radikale Gruppierungen insbesondere über die religiösen Schulen ("Madrasas") an Einfluss gewannen und in der Hauptstadt Islamabad in der Roten Moschee ihr Zentrum einrichteten. Tausende Islamisten und fanatische Studenten hatten sich dort verschanzt und waren von dort aus als selbst ernannte Sittenwächter aktiv.
Die blutige Erstürmung der Roten Moschee im Juli 2007 stellte deshalb einen wichtigen Wendepunkt im Umgang mit den einheimischen Extremisten dar.
Auch außenpolitisch deutete sich unter Musharraf ein Kurswechsel an. Im Dauerkonflikt mit Indien kam es ab 2003 zu einem ernsthaften Dialog und schließlich einem Waffenstillstand in Kaschmir, dem eine Phase der Annäherung folgte.
Beispielhaft dafür waren etwa die gemeinsamen Hilfsaktionen nach dem Erdbeben in Kaschmir, …
… oder die neuen Verkehrsverbindungen und Reiseerleichterungen zwischen beiden Ländern.
Selbst die Anschläge von Mumbai Ende 2008 konnten diese Annäherung nicht nachhaltig gefährden, auch wenn die Drahtzieher der blutigen Attentate aus Pakistan stammen.
Denn Pakistan hat mit den lange Zeit ignorierten Extremisten im eigenen Land zu kämpfen, die den Terror bis in die Städte im Herzen des Landes getragen haben. Sie versuchen ihre fundamentalistische Auffassung auch in der Gesellschaft durchzusetzen und lassen etwa selbst ernannte Sittenwächter patrouillieren, verüben Anschläge auf Friseur- und Modeläden.
Die Armee hat entschieden, zu handeln und geht nun gegen die Taliban und anderen Radikalen in Süd-Waziristan und den Nordwestprovinzen vor. "Es ist fünf nach zwölf: Leider ist derzeit die einzige Lösung, mit aller Gewalt gegen die Radikalen vorzugehen und sie auszumerzen. Die Zeit der Dialoge ist vorbei, das hat die Regierung lange genug versucht", erklärt Stiftungsvertreter Enste gegenüber n-tv.de die Lage.
Allerdings gewährt Pakistan afghanischen Taliban noch immer Rückzugsmöglichkeiten im eigenen Land, weil sich die Armee als entscheidender Akteur in einem strategischen Dilemma sieht: Wenn die internationale Truppen Afghanistan verlassen, weil Frieden herrscht oder die Lage eskaliert, könnte das Land seine guten Beziehungen zu Indien wieder ausbauen und damit Pakistan "einkreisen".
Deshalb muss nach Ansicht von Experten die pakistanische Armee ihre Außen- und Sicherheitsstrategie auf neue Füße stellen: Wenn sie mit Indien kein Problem mehr hat, braucht sie auch die afghanischen Taliban als Verbündete nicht mehr. Und kann so den Terror im eigenen Land besiegen (Text: Till Schwarze).
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