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Sozialist, Utopist, Populist: Presidente Hugo Chávez

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Als es im Oktober 2012 auf seine dritte Präsidentschaftswahl zuging, sah er sich genötigt, sich kurzerhand als geheilt zu erklären, um die Zweifler zu besänftigen. Nur noch 54 Prozent gaben ihm schließlich ihre Stimme. (Foto: picture alliance / dpa)

Als es im Oktober 2012 auf seine dritte Präsidentschaftswahl zuging, sah er sich genötigt, sich kurzerhand als geheilt zu erklären, um die Zweifler zu besänftigen. Nur noch 54 Prozent gaben ihm schließlich ihre Stimme.

Ein Land gedenkt seines Anführers: Der Tod von Hugo Chávez stürzt Venezuela in Trauer.

Der Kampf von Chávez ist zu Ende.

Auf seinen letzten Fotos wirkte der sonst so draufgängerische Staatslenker angeschlagen.

Chávez litt unter Krebs. Zum wiederholten Mal fiel er deswegen als Präsident des Landes aus.

Um die Krankheit zu besiegen, ließ er sich in Kuba behandeln, wo er von Raúl Castro als Freund empfangen wurde.

Schon einmal, im Sommer 2011, war er hier - damals ahnten die Venezolaner noch nicht, warum. Nach Kritik daran, dass er so lange abwesend war, gab er damals bekannt: Ja, es ist Krebs.

Doch selbst die schwere Krankheit nutzte Chávez damals zu dem, was er am besten konnte: mit viel Pathos die Menschen für sich einzunehmen. "Jetzt und für immer - wir werden leben und siegen", sprach er in die Kameras.

Bei der Mehrheit der Venezolaner war er genau wegen solcher Sätze ungemein beliebt. Kaum ein Politiker auf der Welt verstand es, die Menschen derart für sich zu gewinnen. Das Spiel mit den Massen beherrschte er perfekt.

Er symbolisierte zugleich den standhaften Anführer, der die Probleme anpackt, sowie den volksnahen Sohn seines Landes.

Umso schwerer wiegt der Tod von Chávez, der seit rund 14 Jahren an der Spitze des Landes stand. Mit Nicolás Maduro (M.) hatte er bereits einen potenziellen Nachfolger ernannt.

Doch Maduro ist bislang ohne Profil. In seinen Jahren an der Macht hatte Chávez stets dafür gesorgt, dass es an der Spitze Venezuelas keine Alternative zu ihm selbst gibt.

Der Weg Chávez' an die Macht begann beim Militär. Als 17-Jähriger trat er in die venezolanische Armee ein. Er besuchte die Militärakademie in Caracas, wo er sich bald linksrevolutionären Gedanken hingab.

Vor allem Simón Bolívar, der große lateinamerikanische Freiheitskämpfer, begeisterte den jungen Chávez. Bis heute bezog er sich immer wieder auf den Ende des 18. Jahrhunderts im heutigen Venezuela geborenen Anführer der Unabhängigkeitsbewegung gegen Spanien.

Zweite Quelle des Gedankenguts von Chávez war Karl Marx, dessen Ideen er aufgriff.

In der Armee gründete Chávez eine Diskussionsgruppe, die sich mehr und mehr zu einem Einflussfaktor innerhalb des Militärs entwickelte: das Ejército Revolucionario Bolivariano. Daraus wurde später das Movimiento Bolivariano Revolucionario 200 - kurz MBR-200. Das Suffix 200 bezog sich auf den 200. Geburtstag Bolívars im Jahr 1983.

Die große Stunde des MBR-200 kam mit der zweiten Amtszeit von Carlos Andrés Pérez (im Bild) im Jahr 1989. Die Machtübernahme des neoliberalen Politikers fiel in die Zeit einer tiefen Wirtschaftskrise in Venezuela. Die Armut griff um sich. Viele Menschen waren unzufrieden.

In Caracas kam es in diesem welthistorisch so bewegten Jahr zu schweren Unruhen, Chávez und das MBR-200 kämpften gegen die Regierung und gingen in den Untergrund. Dort bereiteten sie sich auf den großen Coup vor.

Drei Jahre später, 1992, sah Chávez seine Zeit gekommen. Gemeinsam mit dem MBR-200 putschte er. Der Versuch missglückte. Nach nur wenigen Stunden schlugen die Regierungstruppen den Aufstand nieder.

Doch Chávez nutzte die Niederlage. Als Bedingung für seine Kapitulation durfte er im Fernsehen zum Volk sprechen. In einer denkwürdigen, 72-sekündigen Rede wurde er zur Legende, zum Kämpfer der Armen und Entrechteten. Fortan ruhten die Hoffnungen von Millionen Venezolanern auf ihm. Geschickt griff er die Kluft auf, die sich durch die Gesellschaft seines Landes zog, und versammelte die Unzufriedenen hinter sich. Nach seinem Auftritt wanderte Chávez jedoch erst einmal ins Gefängnis. Er sollte zwei Jahre dort bleiben.

Bis sich der politische Wind wieder drehte. Die sozialen Unruhen fegten Pérez aus dem Amt und brachten Rafael Caldera seine zweite Amtszeit an der Spitze Venezuelas ein. Er verstand es, die Gemüter zu besänftigen - auch, indem er den beliebten Revolutionär Hugo Chávez begnadigte.

Der gesellschaftsfähige Chávez setzte alles daran, das auch zu bleiben. 1996 gründete er die Partei Movimiento V Republica - übersetzt: Bewegung für eine fünfte Republik.

Was er versprach, war nicht weniger als eine neue Gesellschaft. Sein Entwurf einer Republik sollte auf Símon Bolívar fußen, Kapitalismus und Privatbesitz mit den Ansprüchen an eine sozialistische Gesellschaft versöhnen.

Über allem standen Vaterland, Gerechtigkeit - und natürlich Hugo Chávez selbst. Und der aufstrebende Politiker konnte überzeugen.

Bei seiner ersten Präsidentschaftswahl stimmten 56 Prozent der Menschen für ihn. Chávez konnte sich daranmachen, das Land in seinem Sinne umzubauen.

Im Eiltempo brachte er eine neue Verfassung auf den Weg. Im Dezember 1999 nahmen die Venezolaner sie an. Neben den gesellschaftspolitischen Änderungen hin zu einem "Sozialismus des 21. Jahrhundert" sicherte die "Bolivarische Verfassung" dem Präsidenten, also Chávez, mehr Machtbefugnisse zu.

Im Jahr 2000 ließ Chávez, der als Präsident gerne mit einem Schwert von Símon Bolívar auftrat, neu wählen.

Mit überwältigenden 60,3 Prozent wurde er im Amt bestätigt.

Chávez befand sich auf dem Zenit seiner Herrschaft.

Doch er neigte zur Übertreibung, zog immer mehr Macht an sich, besetzte die Spitzen von Gewerkschaften und Staatsunternehmen mit regierungstreuen Leuten.

Die Opposition zog im Frühjahr 2002 zu Tausenden auf die Straßen. Sie alle forderten den Abtritt Chávez' und einen politischen Neuanfang.

Chávez musste plötzlich um sein politisches Lebenswerk fürchten.

Mit einem Generalstreik wollten die Menschen Chávez zum Einlenken bewegen.

Am 11. April 2002 eskalierte die Situation: Bei einer Demonstration in Caracas fielen Schüsse. Regierungsgegner machten Chávez dafür verantwortlich. Ob das zutraf, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. 19 Menschen verloren ihr Leben.

Teile des Militärs und der Chávez-Gegner Pedro Carmona nutzten die Gelegenheit einen Tag später zum Putsch. Die Offiziere ließen Chávez verhaften, lösten Parlament und Justiz auf und setzten Carmona als Präsidenten ein.

Caracas war in Aufruhr. Es kam zu Straßenschlachten und Feuergefechten zwischen Chávez-Anhängern und seinen Gegnern.

Schließlich schlug seine treue Präsidentengarde erfolgreich zurück und beendete die Revolte. Chávez kam wieder frei - und war für seine Anhänger noch mehr Märtyrer und Held als schon zuvor.

Ein Versuch, ihn rund zwei Jahre später per Referendum aus dem Amt zu drängen, bewies seine neue Popularität. Denn das Votum fiel deutlich zu seinen Gunsten aus. 59 Prozent der Venezolaner wollten ihn im August 2004 als Präsident behalten.

Und Chávez nutzte die Gelegenheit auch, sich international mehr Profil zu verleihen. In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends spaltete vor allen Dingen US-Präsident George W. Bush die Welt. Auch Chávez war ihm gegenüber feindlich eingestellt. Er wurde nicht müde, zu behaupten, Bush habe den Putsch gegen ihn unterstützt, wenn nicht gar initiiert - eine Behauptung, die sich nicht belegen lässt. Ebenso wenig wie seine Theorie, die USA hätten eine Technologie entwickelt, um unliebsamen lateinamerikanischen Führern die Krebskrankheit zu bringen.

Verbrieft ist dagegen, dass Spaniens konservativer Ministerpräsident José María Aznar dem Venezolaner an den Kragen wollte. Die Nachfolgeregierung in Madrid hat später freimütig gestanden, dass Aznar den Putsch befürwortet hat. Anders als es dieses Foto vermuten lässt, hasste Chávez Aznar dafür aufrichtig.

Überhaupt legte sich Chávez - auch gestärkt durch einen neuen Wahlsieg 2006 - immer wieder gerne mit den Mächtigen der Welt an. Legendär ist das Wortgefecht, das er sich 2007 mit Spaniens König Juan Carlos beim Iberoamerikanischen Gipfel lieferte. Er brachte den Monarchen derart auf die Palme, dass der ihn wenig royal zurechtwies: "Warum hältst du nicht den Mund?"

Ein Jahr später, im Vorfeld des EU-Lateinamerikagipfels 2008, knöpfte er sich Angela Merkel vor. Die Bundeskanzlerin gehöre der politischen Rechten an, "derselben Rechten, die Hitler, die den Faschismus unterstützt hat", assoziierte er frei. Später entschuldigte er sich bei Merkel, ebenso wie er auch die Wogen am spanischen Hof wieder glätten kann. Zu Hause brachten dem Maulhelden solche Sprüche jedoch Punkte.

Doch Chávez strapazierte immer wieder die Toleranz der westlichen Industrienationen. Auch und gerade wegen seiner zweifelhaften Freunde. So verlieh er den höchsten Orden Venezuelas an den weißrussischen Autokraten Alexander Lukaschenko - ein Mann, der Europa seit Jahren ein Dorn im Auge ist.

Neben seiner Beziehung zum mittlerweile gestürzten libyschen Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi irritierte auch sein Verhältnis zu Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, den er als "Bruder" und "Kämpfer für eine gerechte Sache" sieht. Beide einte ihre antisemitische und antiisraelische Haltung. Eine Rolle spielte aber auch, dass beide über einen natürlichen Machtfaktor verfügen, den sie in ihrem antiamerikanischen Kampf auszuspielen verstanden.

Denn die beiden Länder gehören mit zu den Staaten, die noch über das meiste Erdöl verfügen - ein Trumpf, den Chávez nutzte. Denn das Geld, das er mit der kurzerhand verstaatlichten Ölindustrie einnahm, konnte er für seine politischen Zwecke zu Hause aufwenden.

Dass es ihm trotzdem noch nicht gelang, wie versprochen Armut und Arbeitslosigkeit den Garaus zu machen, brachte ihm Kritik ein. Das mag auch daran liegen, dass er das Geld zum Teil auch für seine große Bolivarische Vision einsetzte.

Der "Comandante", wie er sich in Anlehnung an Ché Guevara gerne nennen ließ, sponserte systematisch die Linksregierungen in Kuba, Nicaragua und Bolivien.

Mit zunehmender Amtsdauer befiel ihn die Hybris der Macht. Seine zentralistische Verfassungsreform ließen ihm die Venezolaner 2007 nicht durchgehen. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, auf einer dritte Amtszeit zu bestehen, die ihm sein Volk schließlich gewährte.

Doch Chávez' Ruhm erhielt zunehmend Kratzer. Der Teil der Venezolaner, die ihn einem Heiligen gleich vergötterten, nahm ab.

Es überwog die Sorge um seinen Gesundheitszustand. Dass er in seiner Situation das Land weiter führen konnte, bezweifelten immer mehr.

Als es im Oktober 2012 auf seine dritte Präsidentschaftswahl zuging, sah er sich genötigt, sich kurzerhand als geheilt zu erklären, um die Zweifler zu besänftigen. Nur noch 54 Prozent gaben ihm schließlich ihre Stimme.

Doch am Ende verlor er den Kampf gegen den Krebs: Ein halbes Jahr später, am 5. März 2013, starb Chávez im Alter von 58 Jahren.

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