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Für viele Serben ist er noch immer ein Held - für den Rest der Welt ist Radovan Karadzic ein Menschenschlächter.
Sein Ziel war es, die Serben-Gebiete in Kroatien und Bosnien nach dem Zerfall Jugoslawiens wieder mit dem "Mutterland" Serbien zu vereinen.
Seine hasserfüllten Reden gegen die muslimische Mehrheit in Bosnien, die er als zivilisatorisch rückständig betrachtet, haben seine Anhänger zu schlimmsten Kriegsverbrechen aufgestachelt.
Karadzic hat diese als Einzelfälle hingestellt, die der Schaffung von Großserbien unterzuordnen seien.
Karadzic wurde am 19. Juni 1945 in Montenegro in bescheidenen Verhältnisse geboren. Mit 15 Jahren zog er mit seiner Familie ins damals multiethnische Sarajevo, wo er später Medizin studierte und mit seiner Frau eine psychiatrische Praxis betrieb.
Er spezialisierte sich auf Neurosen und Depressionen. In der Freizeit schrieb er Gedichte für Kinder.
Mit der Gründung der radikalen Serbischen Demokratischen Partei (SDS) 1990 und der Ausrufung der "Serbischen Republik" Ende 1991 stieg Karadzic zu zweifelhafter internationaler Bekanntschaft auf.
Er war bis zu seinem erzwungenen Rückzug 1996 Parteichef und "Präsident" des serbischen Landesteils in Bosnien mit praktisch unbegrenzten Vollmachten.
Unterstützt von der serbisch-orthodoxen Kirche ließ Karadzic ...
... für die serbische Minderheit 70 Prozent des Landes besetzen.
Der nach eigener Aussage tiefgläubige Christ narrte dabei die internationale Staatengemeinschaft. Während er den immer neuen Friedensvorschlägen zustimmte, ließ er seine Millizen neue Geländegewinne erkämpfen.
Alles war ihm dabei Recht. Er ließ internationale Hilfstransporte plündern oder besteuern, ...
... Sarajevo einschließen und von den umliegenden Bergen aus mit schweren Waffen beschießen oder UN-Soldaten als "lebende Schutzschilde" missbrauchen.
Er soll durch seine Befehle für den Tod von 75.000 Zivilisten (Foto: Friedhof in Sarajevo), ...
... für über 400 Massaker (Foto: paramilitärische Einheiten töten nahe Srebrenica sechs junge bosnische Muslime) ...
... und für 380 menschenunwürdige Lager und 93 Massengräber verantwortlich sein (Foto: Gedenken an Opfer des Massakers von Srebrenica).
Seine Macht nutzte er auch für die private Bereicherung.
Seine Firmen sollen durch Einfuhrmonopole für Zigaretten, Alkohol, Zement oder Öl riesige Verdienste abgeworfen haben.
Die nutzte er zum Aufbau einer Privatarmee, mit der auch die NATO den direkten Kampf scheute.
Durch den Rückhalt in der Bevölkerung schlugen Verhaftungsversuche fehl.
Mehrfach versuchten NATO- und später EU-Friedenstruppen, Karadzic zu fassen. Alle diese Aktionen blieben erfolglos.
Obwohl der Traum von Großserbien zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führte, lebt der Karadzic-Mythos unter den Serben weiter - auf dem T-Shirt des jungen Serben steht: "Ein serbischer Held".
Mehr als ein Jahrzehnt war Karadzic auf der Flucht.
Fast schien es, als hätte man ihn schon aufgegeben.
Der graumähnige einstige Kriegsfürst der bosnischen Serben war kaum noch ein Thema beim UN-Tribunal in Den Haag.
In Gesprächen und offiziellen Stellungnahmen über die drei noch gesuchten Angeklagten drehte es sich eher um Ratko Mladic (hier links mit Karadzic), ...
... damals Militärchef und dadurch womöglich mehr noch als Karadzic ein Mann mit Blut an den Händen.
Es galt - und gilt wohl noch immer - als sicher, dass er sich in Serbien aufhält, geschützt von ergebenen Militärs.
Karadzic dagegen, nach Überzeugung der früheren UN-Anklägerin Carla Del Ponte bestens finanziert durch organisierte Kriminalität, vergebens gejagt auch durch internationale Truppen, schien unauffindbar.
Die Verhaftung des einstigen Dichters und Psychiaters schallte wie ein Paukenschlag durch die Mauern des UN-Tribunals, das nach dem Willen des Sicherheitsrates 2010 seine Tore schließen sollte.
Es war 1993 gegründet worden, um nach internationalem Recht die Verbrechen während des Balkan-Krieges zu verfolgen.
Als deren Tiefpunkt wird der Völkermord von Srebrenica an bosnischen Muslimen im Juli 1995 angesehen - der Hauptanklagepunkt gegen Karadzic.
Doch das Karadzic-Verfahren dürfte lange dauern.
Der Prozess gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, vom Kaliber her mit Karadzic vergleichbar, dauerte vier Jahre und war noch weit von einem Ende in erster Instanz entfernt, als der Angeklagte im März 2006 im UN-Gefängnis starb.
Die Vereinten Nationen werden darüber entscheiden, ob sie dem von ihnen gegründeten Gericht die Zeit - und das Geld - geben, diesen Prozess rechtsstaatlich zu Ende zu bringen. Karadzic wird solange im Scheveningener Gefängnis ausharren.
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