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Es gibt einen neuen Mann im Kreml.
Dmitri Anatoljewitsch Medwedew, mit 42 Jahren der jüngste russische Machthaber seit Zarenzeiten.
Noch sind seine Konturen schattenhaft, doch eines steht fest:
Er ist der Mann Wladimir Putins, auserwählt und protegiert von ihm seit vielen Jahren.
Putin war es, der ihn vor 17 Jahren an der Universität in St. Petersburg entdeckte und die Karriereleiter hochzog.
Medwedew lehrte damals Jura an der Universität, Putin überwachte als KGB-Agent die juristische Fakultät.
Schon bald beginnt eine enge Zusammenarbeit der beiden Männer, die nicht nur im Gang eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen.
Putin wird Mitarbeiter des St. Petersburger Bürgermeisters und holt den Dozenten für Zivilrecht in die Verwaltung.
2003 steigt Medwedew, kremlintern auch "der Wesir" genannt, zum Leiter der mächtigen Kremlverwaltung auf.
Als Präsident Putin ihn zwei Jahre später zum Vizeregierungschef macht, ist Medwedew unter anderem für die Sozialprogramme verantwortlich.
Er hat unter anderem die dankbare Aufgabe, die Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen in eine bessere medizinische Versorgung der Bevölkerung zu investieren.
Im Staatsfernsehen darf er fast ausschließlich mit guten Nachrichten glänzen.
Seit 2002 ist Medwedew zudem Aufsichtsratschef des Gasmonopolisten Gazprom. Hier begründet er seinen Ruf als wirtschaftsfreundlicher Politiker.
Dabei hat er vor allem die Interessen der russischen Unternehmen im Blick: Medwedew gilt als Ideengeber für den erzwungenen Verkauf der Mehrheit an dem riesigen Flüssiggasprojekt Sachalin 2 von Royal Dutch Shell.
Beim Gasmonopolisten hat Medwedew den Ruf, genauestens im Bilde zu sein und seine Aufgaben souverän zu beherrschen.
Im Wahlkampf präsentiert sich Medwedew als weltoffener liberaler Polit-Manager, der selbst das den Russen bislang suspekte Thema Klimawandel anpacken will.
"Freiheit ist besser als keine Freiheit", ruft er bei einem Auftritt in Krasnojarsk.
Und er verspricht, was der Westen gerne hört und was nicht gerade zu Putins Hauptanliegen gehört:
Unabhängige Medien, ein Justizwesen ohne Willkür, ...
... menschlichere Verhältnisse in Gefängnissen, eine Stiftung zur Wiedergutmachung der unzähligen Unrechtsurteile der Gerichte.
Zugleich kündigt er der Korruption als "schwerster Krankheit Russlands" den Kampf an.
In keinem Land würden die Gesetze so missachtet wie in Russland.
Der staatliche Einfluss in Großunternehmen soll ihm zufolge angeblich zurückgedrängt werden.
"Die meisten Staatsbeamten haben in den Aufsichtsräten dieser Firmen nichts zu suchen."
Unabhängige müssten nun auf die Posten.
"Seine Worte klingen wie die eines liberalen Politikers aus dem Westen", lobt daraufhin die Wirtschaftszeitung "Kommersant".
Auch der Vizepräsident der Vereinigung kleinerer und mittlerer Unternehmen, Wladislwa Korotschkin, findet lobende Worte:
"Es ist wichtig, dass viele Probleme erstmals von so hoher Stelle beim Namen genannt werden."
Das Bild des modernen Politikers trüge aber, warnen Kritiker.
Der frühere Chef der Präsidialverwaltung sei mitverantwortlich für die autoritäre Wende der letzten Jahre.
"Wie tief muss unsere Politik vom Geheimdienst unterwandert sein, wenn man jeden beliebigen, der keine Vergangenheit als Agent hat, ...
... automatisch als Liberalen einstuft", sagt der frühere Vize-Energieminister Wladimir Milow.
"Jede Euphorie über einen Liberalismus Medwedews ist daher fehl am Platz."
Und doch herrscht auch im Westen eine gewisse Beruhigung über Medwedew, der sich im Gegensatz zu Putin zahm geriert.
So spricht er sich für eine enge Zusammenarbeit mit den USA aus, ...
... und hebt - anders als Putin - noch vor allem das Gemeinsame hervor.
"Es ist notwendig, dass die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation kooperieren. Das ist unvermeidlich", so Medwedew.
Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Andreas Schockenhoff, sieht daher auch Zeichen für eine Öffnung Russlands unter einem Präsidenten Medwedew.
Zugleich hofft er auf Entspannung bei den deutsch-russischen Beziehungen: "Wir haben eine ganze Reihe von gemeinsamen Interessen.
Russland braucht die Europäische Union und Deutschland als Partner für die Modernisierung, sonst kann eine umfasssende Erneuerung der russischen Wirtschaft nicht gelingen."
Auch Russlandexperte Hans-Henning Schröder von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin hat keine Bedenken.
Niemand brauche sich derzeit Sorge vor der Atommacht zu machen.
"Russland spannt seine Muskeln an, aber deren Umfang ist eher nicht so groß."
In der Sicherheitspolitik werde das Tandem Medwedew-Putin nicht auf Abenteuer aus sein.
Als Präsident werden Medwedew, der seit 1989 mit seiner Schulliebe Swetlana verheiratet ist, nun viele Aufgaben erwarten.
"Es ist wichtig, dass man in die Wirtschaftspolitik Ordnung bringt, denn die ist wirklich zerrüttet", sagt der Russlandexperte Wolf Oschlies bei n-tv.
"30 Prozent Jahresinflation im Jahr 2007, Liquiditätskrise des Bankensystems 2008, ...
... das sind Dinge, die dem neuen Präsidenten wie Mühlsteine um den Hals hängen."
Und noch eine schwere Aufgabe erwartet den Juristen, der die Verfügungsgewalt über 17 Millionen Quadratkilometer Landmasse, tausende Atomsprengköpfe und einen beachtlichen Teil der weltweiten Öl- und Gasvorkommen hat: ...
Er muss sich gegen die "Silowiki", die Geheim- und Sicherheitsdienste, durchsetzen. Ihr künftiger Dienstherr, der Mann ohne Agentenkarriere, dürfte den Geheimdienstlern ein Dorn im Auge sein.
Medwedews Ankündigung vom Kampf gegen Korruption und "Rechtsnihilismus" klingt wie eine Kriegserklärung, zumal die Geheimen einen großen Teil der Wirtschaft kontrollieren.
"Pljuschewyj mischka", wie Medwedew auch genannt wird, der "Plüschbär", muss sich eine eigene Machtbasis innerhalb der rivalisierenden Elite-Clans ausbauen.
"Das wird Medwedew vor den nächsten zwei, drei Jahren nicht gelingen, und dafür braucht er Putin", sagt Russlandexperte Schröder.
Ob sich Medwedew doch irgendwann von Putin, dem neuen Ministerpräsidenten, emanzipieren wird, bleibt eine spannende Frage.
Ebenso wie die Frage, wessen Bilder künftig in den Amtsstuben hängen werden.
Eine frühere Nachbarin erinnert sich zwar an Medwedew: "Er war ein braver Junge und hat seiner Mutter nie widersprochen".
Doch auch brave Jungen werden groß, und schließlich hat sich auch Putin schnell von seinem Ziehvater Boris Jelzin distanziert.
Die Politologin Lilia Schewzowa glaubt, dass es im Kremlgetriebe zu knirschen beginnt, sobald beide Politiker ihre Teams aufstellen.
"Dann gibt es Kampf um die Finanzen, den Staatsapparat und um das Prestige", prognostiziert die Expertin vom Moskauer Carnegie-Zentrum.
Medwedew kündigte bereits an, dass er die entscheidende Instanz sein werde.
"Der Präsident ist für Russland verantwortlich, und nach der Verfassung gibt es nur einen Präsidenten."
Noch werden aber sowohl Medwedew als auch Putin nicht müde, ihre gute Zusammenarbeit zu betonen.
"Wir liegen eben auf einer Wellenlänge", so Putin.
Und seine Entscheidung für den Nachfolger Medwedew begründete er schlicht: "Weil ich ihm einfach vertraue."
Immerhin belebt das Duo mal wieder die russische Anekdotenkultur.
Ein Witz lautet so: Putin und Medwedew im Restaurant. Putin zum Kellner: "Ich nehme Steak."
Der Kellner: "Und die Beilage?" Putin mit Blick auf Medwedew: "Die nimmt auch Steak."
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