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Politik

Der neue SPD-Vorsitzende: "Siggi-Pop" (fast) ganz oben

 
Der neue SPD-Vorsitzende: "Siggi-Pop" (fast) ganz oben

Vor ein paar Wochen, an seinem 50. Geburtstag, kokettierte Sigmar Gabriel noch mit dem Ausstieg aus der großen Politik - weil er jetzt in einem Alter sei, in dem man in seiner Harzer Heimatstadt Goslar gerade als volljährig gilt.

Aus dem Ausstieg wird erstmal nichts, denn Gabriel ist jener Aufstieg dazwischen gekommen, von dem er nicht nur insgeheim immer geträumt hat.

Auf dem SPD-Parteitag in Dresden wird der 50-Jährige zum Nachfolger von Franz Müntefering als Parteivorsitzender gewählt.

Gabriel erhält rund 94 Prozent Zustimmung, unerwartet viel.

Illusionen über sein neues Amt macht sich Gabriel aber nicht.

Er übernehme die Partei in einem "katastrophalen Zustand", schrieb er kürzlich den Vorsitzenden der SPD-Ortsvereine.

Dass er sich zutraut, die SPD aus der Krise zu führen, daran hat der keineswegs mit mangelndem Selbstbewusstsein geschlagene Gabriel jedoch nie Zweifel gelassen.

Doch leider, bedauerte er gelegentlich, sei dies in den eigenen Reihen bislang nie bemerkt worden.

Andere würden sagen, es wurde bewusst ignoriert.

Kaum ein anderer Sozialdemokrat ist von den eigenen Leuten so oft fallengelassen und dann wieder aufs Schild gehoben worden.

Vor zehn Jahren, im November 1999, wird Gabriel Ministerpräsident in Niedersachsen. Sein Anspruch lautet: "Mehr Politik wagen".

Mit 40 Jahren ist Gabriel Deutschlands jüngster Regierungschef - zu jung, wie er später eingesteht.

"Ich fühlte mich wie ein Getriebener, mir fehlten Erfahrung und Gelassenheit."

Als er 2003 erstmals zur Wahl steht, ...

... holt die CDU mit ihrem Spitzenkandidaten Christian Wulff 48,3 Prozent der Stimmen.

Mit 43 Jahren ist Gabriel plötzlich jüngster ehemaliger Ministerpräsident. Der folgende Wechsel nach Berlin misslingt.

Gabriel bringt es zunächst nur zum belächelten "Pop-Beauftragten" der SPD, bekommt den Spitznamen "Siggi-Pop" verpasst.

Beim Versuch, in die engere Parteispitze vorzudringen, holt sich der lange Zeit als "Harzer Roller" bespöttelte Gabriel nicht nur einmal eine Abfuhr. 2007 fällt der studierte Gymnasiallehrer für Deutsch und Politik bei der Wahl zum SPD-Präsidium als einziger Kandidat durch.

Gabriel, am 12. September 1959 in Goslar geboren und nach der Scheidung seiner Eltern bei seiner Mutter aufgewachsen ("Ich war faul wie die Sünde. Ohne meine Mutter wär' das nix geworden mit mir"), ...

... gilt zwar als politisches Naturtalent.

Er gilt aber auch als unsicherer Kantonist, ebenso sprunghaft wie trickreich.

Seine Berufung zum Umweltminister in der großen Koalition 2005 kommt eher überraschend, doch mit ungewohnter Disziplin kniet sich Gabriel in die neue Aufgabe

Mit Matthias Machnig holt sich Gabriel einen bestens vernetzten Strippenzieher als engsten Mitarbeiter ins Haus, der ihm auch den gelegentlichen Hang zur Selbstüberschätzung austreibt - und zur Selbstinszenierung.

Aus den turbulenten SPD-Debatten hält sich Gabriel heraus, profiliert sich stattdessen in seinem Ressort, ...

... macht engagiert und fachkundig auch international eine gute Figur.

"Du spielst erste Liga und machst einen prima Job", lobt ihn SPD-Parteichef Müntefering Anfang September.

Im Wahlkampf punktet Gabriel, der mit einer Zahnärztin liiert ist und eine Tochter aus einer früheren Beziehung hat, …

… mit geschickten Kampagnen gegen die Atomenergie. Er attackiert Schwarz-Gelb, die Klimagegner und Sozialabbauer – und spricht dabei so, dass ihn die Leute verstehen. Für Gabriel, den besten Redner seiner Partei, muss Politik "nordkurventauglich" sein.

Als einer der wenigen Sozialdemokraten spricht der glänzende Selbstvermarkter im Wahlkampf auf vollen Marktplätzen, in vollen Hallen.

Seit Gerhard Schröders Abschied aus der Politik ist er die einzige Rampensau der SPD.

Seine messerscharfen Attacken, sein schlagfertiger Witz, seine Intelligenz sind beim politischen Gegner gefürchtet. In den eigenen Reihen empfiehlt sich Gabriel, der in der Politik immer nach oben wollte und das so schnell wie möglich, auf diese Weise für höhere Aufgaben.

Nach dem SPD-Wahldebakel am 27. September 2009 beweist er zudem seinen Machtinstinkt. Mit führenden SPD-Linken stellt Gabriel, der seinen Wahlkreis Salzgitter mit 44,9 Prozent gewinnt, fast schon konspirativ die Weichen für die neue SPD-Zeit in der Opposition.

Seine schriftliche Bewerbung um ein Spitzenamt hat Gabriel schon im Oktober 2008 vorgelegt. In seinem Buch "Links neu denken. Politik für die Mehrheit" beschreibt er, wie die strategische Neuorientierung der SPD aussehen könnte.

Auf seiner Antrittsrede in Dresden distanziert sich Gabriel deutlich von der Schröder-Politik und damit auch seinem Vorgänger als Parteichef. Was ihn und Müntefering eint, ist die Ansicht, der SPD-Parteivorsitz sei nur das zweitschönste Amt.

Eigentlich wäre Gabriel lieber Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag geworden.

Den Posten hat sich allerdings schon Frank-Walter Steinmeier gesichert.

Zusammen mit dem ehemaligen Außenminister steht Gabriel nun vor der Herkulesaufgabe, die alte Dame SPD aus dem Umfragetief herauszuholen.

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