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Samstag, 13. Mai 2017

Erschossen, vergiftet, gestürzt: So gefährlich leben Putins Kritiker

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Er ist der Mann, der Russlands Präsident Wladimir Putin seit Jahren herausfordert: Alexej Nawalny. (Foto: picture alliance / -/Evgeny Feld)

Er ist der Mann, der Russlands Präsident Wladimir Putin seit Jahren herausfordert: Alexej Nawalny.

Er ist der Mann, der Russlands Präsident Wladimir Putin seit Jahren herausfordert: Alexej Nawalny.

Doch sein Kampf - wie der so vieler Kremlgegner - ist gefährlich. 2013 verurteilt ein russisches Gericht den Kämpfer gegen Korruption zu mehreren Jahren Lagerhaft - was der Europäische Gerichtshof als "willkürlich" rügt. Tatsächlich treffen ihn aber auch handfeste Attacken.

Ende April verätzt ein kremltreuer Aktivist bei einer Farb-Attacke in Moskau das rechte Auge des Juristen mit Desinfektionsmittel. Nawalny, der bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr antreten will, fürchtet um sein Augenlicht. Ärzte einer Spezialklinik in Spanien operieren ihn in dieser Woche.

Letztlich hat Nawalny noch Glück gehabt. Schließlich ist Opposition in Russland eine riskante Angelegenheit. Zahlreiche Putin-Kritiker sind in den vergangenen Jahren unter mysteriösen Umständen gestorben - in und außerhalb Russlands.

Erst am 23. März dieses Jahres wird in Kiew der ehemalige Duma-Abgeordnete Denis Woronenkow auf offener Straße mit mehreren Schüssen niedergestreckt.

Zuvor hatte Woronenkow, der im vergangenen Dezember aus Russland geflohen war, Putin scharf kritisiert. "Russland ist ein Staat, der die Leute ausschaltet. Was soll man machen, ständig in Angst leben", klagt er im Februar.

Kurz darauf wird bekannt, dass er wegen milliardenschwerer Betrugsvorwürfe auf russischen Fahndungslisten steht. Tatsächlich ist er wohl eine umstrittene Persönlichkeit, seine Position in der Staatsanwaltschaft soll er zur persönlichen Bereicherung genutzt haben.

Nach Angaben aus Kiew wurde sein Mörder, ein ehemaliges Mitglied der Nationalgarde aus der Großstadt Dnipro, vom russischen Geheimdienst angeheuert. Russlands Präsident Petro Proschenko bezeichnet die Attacke als "russischen Staatsterrorismus".

Ihm zufolge ist der Tote eine Schlüsselfigur bei den Ermittlungen zur Rolle des ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch bei "der Stationierung russischer Truppen in der Ukraine". Der Kreml weist alle Vorwürfe als absurd zurück.

Kurz vor Woronenkows Tod gibt es in Moskau einen rätselhaften Unglücksfall. Der Anwalt des aus Russland vertriebenen US-Investors und Kremlkritiker Bill Browder (im Bild) wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Nikolai Gorochow (2. von links) soll angeblich aus dem vierten Stock eines Hauses gefallen sein, als er unprofessionell eine Badewanne mit einem Flaschenzug in die Mansarde des Neubaus hieven wollte. Browder sieht das anders: Er glaubt, Gorochow sei gestoßen worden.

Zumindest ist der Unfall ein seltsamer Zufall: Just an dem Tag hätte Gorochow vor dem Moskauer Stadtgericht erscheinen sollen, das in seiner Sitzung einen Haftbefehl gegen Browder wegen Steuerhinterziehung bestätigt.

Der Amerikaner Browder ist mit seinem Fonds Hermitage Capital in den 90er Jahren einer der größten Auslandsinvestoren in Russland. Mehrfach macht er Korruption in Staatsfirmen und Behörden öffentlich. Er darf ab 2005 nicht mehr nach Russland einreisen, sein Fonds wird 2007 aufgelöst.

Auch einem anderen Bekannten Browders ergeht es nicht gut: Der russische Wirtschaftsprüfer Sergej Magnitski wird 2008 verhaftet. Ein Jahr später stirbt er krank in Untersuchungshaft. Offenbar wird er von russischen Beamten misshandelt.

Die USA erlassen deshalb im sogenannten Magnitski-Gesetz 2012 Sanktionen gegen die beteiligten russischen Beamten. Magnitski wird Jahre nach seinem Tod noch der Steuerhinterziehung schuldig gesprochen.

Auch der Kreml-Kritiker Wladimir Kara-Mursa lebt gefährlich. Im Februar diagnostizieren Ärzte bei ihm eine "schwere Vergiftung". Tagelang liegt der einstige enge Verbündete des russischen Oppositionellen Boris Nemzow auf der Intensivstation.

Bis zum vergangenen Jahr ist er Vizechef der liberalen Parnas-Partei. Zuletzt koordiniert Kara-Mursa die Aktivitäten der Stiftung Offenes Russland des Putin-Gegners Michail Chodorkowski.

Es ist bereits Kara-Muras zweite Vergiftung. Schon 2015 wird er nach einem plötzlichen Nierenversagen in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert. Damals wird eine hohe Konzentration an Schwermetallen in seinem Körper festgestellt.

Immerhin: Kara-Mursa überlebt - im Gegensatz zu seinem Freund Nemzow. Der einstige Vize-Ministerpräsident, der lange als Hoffnungsträger der russischen Opposition gilt, wird am 27. Februar 2015 in Moskau unweit des Kreml ermordet.

Er ist der prominenteste Oppositionelle, der in der Amtszeit von Präsident Putin getötet wird.

Zum Zeitpunkt seiner Ermordung arbeitet er an einem Bericht, der beweisen soll, wie tief das russische Militär in den Ukraine-Krieg verstrickt ist.

"Die Schüsse wurden nicht nur auf Nemzow abgefeuert, sondern auf uns alle, auf die Demokratie in Russland", sagt der bekannte Kreml-Kritiker Gennadi Gudkow bei der Trauerfeier. "Ruhe in Frieden, mein Freund."

Nemzows Angehörige und Unterstützer vermuten, dass der Mord von höchster Stelle geplant worden ist und der kremltreue Machthaber in Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hinter der Tat steckt.

Der Mord an einer der Galionsfiguren der ohnehin zersplitterten russischen Opposition schwächt diese bis heute.

Zwei Jahre vorher wird ein anderer prominenter Putin-Gegner tot aufgefunden: Boris Beresowski. Er stirbt offenbar an Strangulierungen.

Auch nach einer Untersuchung bleibt die Todesursache ungeklärt. Der Medien- und Aluminiumunternehmer war einer der mächtigen Wirtschaftsbosse Russlands und hatte sich offen gegen Putin gestellt. Am Abend vor seinem Tod gibt er dem "Forbes"-Magazin ein Interview. Darin redet er über eine Rückkehr nach Russland. Über Putin sagt Beresowski, er halte ihn für fähig, jeden seiner Feinde zu töten.

Schon in den 90er Jahren werden mehrere Attentate auf ihn verübt. Im Jahr 2000 erhält Beresowski politisches Asyl in Großbritannien. In Abwesenheit wird er in Russland mehrmals verurteilt und gilt als Staatsfeind Nummer Eins.

Ebenfalls im britischen Exil wird ein Mitstreiter Beresowskis, der russische Ex-Spion Alexander Litwinenko, vergiftet. Am 23. November 2006 stirbt er im Alter von 43 Jahren auf der Intensivstation der Londoner Universitätsklinik.

"Die Bastarde haben mich gekriegt", sagt Litwinenko kurz vor seinem Tod - und meint offenbar russische Agenten. Tatsächlich führen alle Spuren in diesem mysteriösen Todesfall schnell nach Russland. Recherchen zufolge stammt das Polonium aus einem russischen Labor.

Außerdem hatte sich Litwinenko kurz vor seiner Erkrankung mit zwei russischen Geschäftsmännern und ehemaligen Offizieren in einer Hotelbar in London getroffen und dort Tee getrunken. Beide hinterlassen eine radioaktive Spur in halb Europa.

Der frühere russische Spion Litwinenko hatte immer wieder das System Putin infrage gestellt und diesen öffentlich angeprangert.

Bis heute weigert sich Moskau, die beiden mutmaßlichen Täter auszuliefern. Einer arbeitet inzwischen als Geschäftsmann, der andere wird Duma-Abgeordneter und erhält einen Verdienstorden von Putin.

Im Juli 2009 stirbt zudem die russische Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa eines gewaltsamen Todes. Sie wird vor ihrem Wohnhaus in Grosny entführt und später tot aufgefunden, mit mehreren Kopf- und Brustschüssen.

Estemirowa arbeitet für die Menschenrechtsorganisation Memorial und hilft Familien in Tschetschenien, nach verschollenen Angehörigen zu suchen.

Ihre kritischen Berichte rufen den Zorn des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow hervor.

Zuvor waren schon zwei Freunde Estimerowas eines gewaltsamen Todes gestorben. Der Jurist Stanislaw Jurjewitsch Markelow und die Journalistin Anna Politkowskaja. Markelow, der die Nichtregierungsorgtanisation "Institut für die Vorherrschaft des Rechts" gegründet hatte und russische Bürger vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verteidigte, wird im Januar 2009 in Moskau auf offener Straße erschossen.

Politkowskaja hatte ihn als "ersten Anwalt, der in Tschetschenien arbeitet und dort die Rechte der Einwohner schützt", gelobt.

Bei dem Anschlag auf ihn stirbt auch Anastassija Baburowa, eine Journalistin der "Nowaja Gaseta".

Ihre Kollegin Politkowskaja, die prominenteste Journalistin der Zeitung, ist da schon tot.

Die Reporterin und Menschenrechtsaktivistin hatte über den "schmutzigen Krieg" in Tschetschenien, wie sie ihn nannte, berichtet. Über Menschenrechtsverletzungen, Folter, Mord und Korruption.

Am Samstag, den 7. Oktober 2006, wird sie in ihrem Wohnhaus in Moskau durch mehrere Schüsse ermordet. Es ist der 54. Geburtstag von Putin.

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