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Aus dem Schatten in das Licht: Steinmeier will Deutschland überzeugen

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"Ich will Kanzler aller Deutschen werden!" (Foto: ASSOCIATED PRESS)

"Ich will Kanzler aller Deutschen werden!"

"Ich will Kanzler aller Deutschen werden!"

"Ich glaub, ich kann es. Und ich will es."

Selten musste ein Politiker so oft betonen, dass er das Zeug zum Kanzler hat. Und als Zuhörer weiß man nicht immer, ob er sein Publikum oder sich selbst überzeugen will.

"Die Politik braucht unterschiedliche Typen: die Rampensau, den Nachdenklichen, den eher Bauchgesteuerten und hoffentlich auch den, der mit Augenmaß eine gerade Furche zieht", erklärte Frank-Walter Steinmeier in einem Interview mit dem "Stern".

"Aber wollen sie auch einen Drögen als Kanzler haben?", ätzte der "Spiegel" später.

„Die Welt muss damit fertig werden, dass ich Frank Steinmeier bin", lautet die Antwort des SPD-Kanzlerkandidaten auf solche Vorwürfe.

Steinmeiers Problem begleitet ihn seit dem ersten Tag, an dem er aus dem Schatten der politischen Hinterzimmer …

… ins grelle Licht der ersten Reihe der Bundespolitik getreten ist: Kann dieser Mann als Politiker überzeugen?

"Er weiß Bescheid, er kann Kanzler", hat SPD-Chef Franz Müntefering Steinmeier bescheinigt. Doch Zweifel bleiben.

Nicht fachlich: Als Kanzleramtschef, Vizekanzler und Außenminister hat er bewiesen, dass er höchste Ämter füllen kann. Steinmeier gilt als Architekt vieler wichtiger Projekte unter Rot-Grün und Schwarz-Rot, vom Atomausstieg über die Agenda 2010 bis hin zu den Regeln für die Finanzmärkte.

Durch seine fachliche Kompetenz und Zuverlässigkeit hat sich der studierte Jurist nach oben gearbeitet und durch seine Leistungen im jeweiligen Job überzeugt: ...

Als Kanzleramtschef nach Bodo Hombach, Außenminister unter Angela Merkel und Vizekanzler nach Franz Münteferings Rücktritt.

Steinmeier kommt, wenn Not am Mann ist, übernimmt die Aufgabe, leistet gute Arbeit und darf bleiben.

Doch nun kommt eine Aufgabe, bei der er nicht durch gute Leistung überzeugen kann. Für das Kanzleramt muss er sich beim Volk bewerben.

Zum ersten Mal in seiner politischen Karriere muss er um ein Amt öffentlich kämpfen. Das ist neu, ungewohnt – der Rollenwechsel verunsichert Person und Publikum.

Denn Steinmeiers Rolle ist seit seinem Eintritt in die niedersächsische Staatskanzlei 1991 unter Gerhard Schröder stets die des unauffälligen und effizienten Politikmanagers.

Schröder, der niedersächsische Volkstribun, braucht einen verlässlichen Mitarbeiter, der die Ideen des Chefs in politische Konzepte und Gesetze gießt.

Und Steinmeier gießt und werkelt, erst als Büroleiter, dann als Leiter der Staatskanzlei (links sein Vorgänger Willi Waike) - eine perfekte rechte Hand. Der "Mann hinter Schröder", wie es bald darauf heißt.

Schröder nimmt seinen besten Mann auch mit nach Bonn und Berlin, als er 1998 ins Bundeskanzleramt einzieht.

Steinmeier wird erst als Staatssekretär Beauftragter für die Geheimdienste der Regierung, bevor er nach dem Rücktritt Bodo Hombachs 1999 Chef des Bundeskanzleramts wird.

Er sei kein Profilneurotiker, ist über den Mann an der Spitze des Kanzleramts zu lesen. Steinmeier sei ein besonnener, angenehmer Mensch.

In der rot-grünen Regierungszeit erwirbt er sich den Ruf als Schröders "Spin-Doctor", der in den Hinterzimmern der Macht die Fäden zieht und die wichtigsten politischen Weichenstellungen vornimmt.

Deshalb ist die Überraschung groß, als nach der Wahlniederlage Schröders 2005 ausgerechnet der Mann aus dem Schatten Schröders das wichtige Amt des Außenministers für die SPD übernimmt.

"Mit Steinmeier verschenke man die Gelegenheit, die Position zu benutzen, um einen Kanzlerkandidaten für 2009 aufzubauen", war im "Spiegel" 2005 über die sozialdemokratischen Vorbehalte zu lesen.

Steinmeier überzeugt aber einmal mehr in seinem neuen Job – und sorgt dank seiner verbindlichen Art für ein gesundes Arbeitsklima in der Koalition.

Er kann gut mit der Kanzlerin und steigt zu einem der beliebtesten Politiker des Landes auf.

Doch bleibt er ein Mann der zweiten Reihe, viel zu oft in Merkels Schatten – auch auf internationalem Parkett. Steinmeier arbeitet unter Merkel, nicht neben ihr - gleichberechtigt auf Augenhöhe.

Das ist auch lange Zeit in Ordnung so. Das Kabinett der Großen Koalition arbeitet relativ harmonisch und reibungsfrei.

Gesundheitsreform, Mehrwertsteuererhöhung und Föderalismusreform – gemeinsam setzt die schwarz-rote Koalition einige grundlegende Gesetzesänderungen durch.

Steinmeier rutscht in dieser Zeit in der Hierarchie mehr und mehr nach oben. Meist mehr erzwungen als gewollt: ...

In der Regierung kommt zum Außenminister noch der Vizekanzler, als Müntefering sich aus privaten Gründen zurückzieht.

Und in der SPD mutiert er vom Außenseiter ohne Amt zum Vize-Chef der Partei (zusammen mit den anderen Stellvertretern Andrea Nahles und Peer Steinbrück).

Dann kommt der 7. September 2008, und plötzlich steht der Mann aus Brakelsiek ganz oben: ...

Parteichef Kurt Beck wirft nach wochenlangen Querelen und Medienberichten über Steinmeier als SPD-Kanzlerkandidaten bei einer Parteiklausur am Schwielowsee überraschend das Handtuch.

Eine ungewohnte Situation: Die rechte Hand muss nun selbst das Ruder packen.

Am 18. Oktober 2008 wird Frank-Walter Steinmeier zum Kanzlerkandidaten der SPD für die Bundestagswahl 2009 gewählt.

Vizekanzler, stellvertretender Parteichef und Kanzlerkandidat: Steinmeier ist nun die klare Nummer 1 in der SPD.

Nun steht er auch im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Wer ist dieser Mann, der aus Brakelsiek im Lipper Bergland stammt?

Den sie in seinem Fußballverein, dem TuS 08 Brakelsieg, "Prickel" nannten – und der auf allen Positionen einsetzbar war (vorne, 3. von rechts). Eine Allzweckwaffe. Nun auch für die SPD.

Und wer ist die Frau an seiner Seite - Elke Büdenbender, Richterin am Berliner Verwaltungsgericht – mit der er seit 1995 verheiratet ist und eine 13-jährige Tochter hat?

Das Private Steinmeiers wird nun öffentlich. Um sich, sein Leben und seine politischen Vorstellungen den Menschen näher zu bringen, schreibt der Kanzlerkandidat ein Buch: "Mein Deutschland – Wofür ich stehe".

In der Politik warten Herkules-Aufgaben auf den neuen Star der SPD: Zusammen mit dem neuen alten Parteichef Franz Müntefering soll er der Partei Selbstbewusstsein wiedergeben, die Flügel einen und die Basis für die anstehende Bundestagswahl mobilisieren.

Unter den Sozialdemokraten herrscht nach dem Drama vom Schwielowsee riesige Erleichterung: Vorbei die unselige Zeit des Kurt Beck, der die SPD in ungeahnte Umfragetiefen geführt hatte.

Die Hoffnung: Von nun an soll es aufwärts gehen - es kann ja nur besser werden.

Es wurde aber nicht besser. Die von der SPD erhoffte Trendwende bleibt auch mit dem neuen Führungsduo Müntefering/Steinmeier aus.

Viele Wähler treibt die Frage: Wozu noch SPD wählen?

Der Architekt der Agenda 2010 präsentiert in seinem Regierungsprogramm sozialdemokratische Politik im aktuell linken Zeitgeist. Glaubwürdigkeitsprobleme sieht er dabei nicht.

Die acht wesentlichen Punkte seines Regierungsprogramms: Gerechte Arbeit, gebührenfreie Bildung von der Kita bis zur Uni, Klimaschutz, Familien durch steuerliche Entlastungen und Ausbau der Ganztagsbetreuung stärken, Integration verbessern, ein soziales Europa schaffen sowie die Soziale Marktwirtschaft durch die Regulierung der Märkte und stärkere Belastung der Vermögenden verbessern.

Was daran originäre Steinmeier-Positionen sind, bleibt genauso schwer greifbar wie das Profil seiner Konkurrentin Merkel.

Steinmeier möchte die "SPD als Partei der linken Mitte" positionieren, hat er in einem Interview gesagt.

Gerne verweist Steinmeier deshalb auch auf das fehlende Profil der Kanzlerin: Doch reicht das nicht, um die Menschen von sich zu überzeugen.

Ebenso wenig sein Hinweis, die Sozialdemokraten hätten die wesentlichen Projekte der Regierung zu verantworten. "Wer hat's erfunden? – Die SPD", wiederholt der Kanzlerkandidat Mantra-artig auf dem Parteitag zur Bundestagswahl.

Mit dieser Botschaft sollen seine Genossen durch die Lande ziehen und Stimmen einsammeln.

Der Wähler mag aber keine rückwärtsgewandten Besserwisser. Er will sich bei einer Partei für die Zukunft aufgehoben fühlen.

Vielleicht ist auch das Problem: Heimlich sind sie in der SPD ganz zufrieden mit der Kanzlerin und ihrer Politik. Schließlich trägt die Große Koalition, wie alle Genossen stets betonen, im Wesentlichen die Handschrift der SPD.

Hinzu kommt: Während Merkel als Kanzlerin alles unternimmt, um möglichst viele Gruppen anzusprechen und zu integrieren, muss Steinmeier noch polarisieren, um die eigenen Wähler links der Mitte zu mobilisieren.

Damit spaltet der Kanzlerkandidat und verprellt mögliche Wählerschichten in der Mitte.

"Nur wenn wir selbst überzeugt sind, dann können wir auch andere überzeugen", hat Steinmeier auf dem SPD-Parteitag im Juni 2009 in Berlin gesagt.

Dort hat er es geschafft, mit einer packenden Rede seine Partei hinter sich zu bringen, ja, zu begeistern.

Den Grundstein für einen Erfolg hat Steinmeier also gelegt – nun muss er den Rest des Landes überzeugen.

"Politik ist keine Castingshow, es geht nicht um Mätzchen oder Gaukeleien", sagt der Kanzlerkandidat mit Blick auf seine schlechten Umfragewerte.

Abgerechnet werde am 27. September.

Aber dann werden sich die Wähler sehr wohl zwischen Merkel und Steinmeier entscheiden müssen.

Politik ist nämlich doch eine Casting-Show – nur einer kommt am Ende ins Kanzleramt. (Text: Till Schwarze)

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