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Von Brunsbüttel bis Tschernobyl: Störfälle und der GAU

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Der jüngste Störfall in Südfrankreich macht es deutlich:

Der jüngste Störfall in Südfrankreich macht es deutlich:

Der jüngste Störfall in Südfrankreich macht es deutlich:

Trotz aller Beteuerungen von Befürwortern ist die Kernenergie nicht zu 100 Prozent sicher.

Aus der Atomanlage Tricastin treten am 7. Juli 2008 ...

... tausende Liter radioaktives, mit Uran verseuchtes Wasser aus.

Erst mit einiger Verspätung meldet die Betreiberfirma Socatri, eine Tochter des marktführenden Nuklearkonzerns Areva, den Vorfall.

Das Baden und Fischen wird in den Flüssen verboten, Trinkwasser nicht mehr aus den Gewässern der Region entnommen.

Dennoch erklärt die Kommunalverwaltung das Risiko für die Bevölkerung für gering.

Forscher und Umweltverbände schätzen dies anders ein. Sie befürchten ein erhöhtes Krebsrisiko für die Bevölkerung. Karsten Smid von der Umweltschutzorganisation Greenpeace nennt den Störfall "in hohem Maße bedenklich".

"Es besteht vor allen Dingen die Gefahr, dass die Krebsanfälligkeit der Bevölkerung deutlich steigen wird", sagte Smid bei n-tv.

Der Vorfall in Tricastin ist nur einer von zahlreichen Störfällen weltweit.

Als Störfall gilt dabei ein Ereignis, das die Abschaltung einer Nuklearanlage aus sicherheitstechnischen Gründen erforderlich macht.

Gemäß internationaler Vereinbarung werden Störfälle in verschiedene Stufen unterteilt.

Ein ernster Störfall oder "Beinahe-Unfall" wird gemeldet, wenn beispielsweise Auswirkungen außerhalb einer Nuklearanlage gemessen werden wie 2005 im englischen Sellafield, ...

... wo damals etwa 83.000 Liter einer radioaktiven, uranhaltigen Flüssigkeit durch ein Leck austraten.

Während man als Störfälle Probleme bezeichnet, die sich wieder unter Kontrolle bringen lassen, sieht das bei einem Unfall oder gar einem so genannten GAU anders aus.

Ein GAU, ein "größter anzunehmender Unfall", ereignete sich am 26. April 1986 in Tschernobyl.

Damals zerstörte eine schwere Explosion den Reaktorblock IV des ukrainischen Kernkraftwerks und erschütterte nachhaltig ...

... den Glauben in die Sicherheit der Nutzung von Kernenergie.

Ausgelöst wurde der Super-GAU durch eine Verkettung von Umständen: Eine Systemschwäche traf auf menschliche Unwissenheit und Ignoranz.

Die sowjetischen Behörden schickten Tausende schlecht ausgerüsteter Männer zu Bergungs- und Aufräumarbeiten in die radioaktiven Trümmer des Reaktors. Sie arbeiteten dort, wo Maschinen aufgrund der hohen Strahlenbelastung versagten.

Die so genannten Liquidatoren, von denen viele später an Krebs erkrankten und starben, warfen rund 5000 Tonnen Sand, Lehm, Blei und Bor auf die strahlende Reaktoranlage.

Erst zehn Tage nach dem Unfall war die Freisetzung von Kernbrennstoffen und Spaltprodukten gestoppt. Einige Monate später begann man, die Ruine des Reaktorblocks einzubetonieren.

Im November 1986 war der "Sarkophag" fertiggestellt. Aber die Entsorgung radioaktiver Abfälle aus dem Kernkraftwerk Tschernobyl ist noch nicht abgeschlossen.

Jahrzehnte nach dem Unfall arbeiten noch immer Menschen auf dem Gelände und entfernen unter anderem die rund 2800 nuklearen Brennstäbe aus den stillgelegten Reaktoren.

Mittlerweile ist der Betonmantel um den Reaktorblock rissig, undicht und akut einsturzgefährdet.

Die Gegend um Tschernobyl gleicht seit der Katastrophe einer Geisterlandschaft. Nur noch wenige Menschen leben hier, viele von ihnen an Krebs erkrankt.

Tschernobyl ist zum Symbol für die Gefährdung durch Atomkraft geworden. Doch ist es in vielen Atomkraftwerken, auch in technisch weiterentwickelten des Westens, in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Störfällen und Beinahe-Unfällen gekommen.

Am 10. Oktober 1957 wird im britischen Atomreaktor in Windscale - seit 1983 Sellafield genannt - nach einem Brand eine radioaktive Wolke freigesetzt, die sich über Europa verteilt.

Im Juli 1973 kommt es in Windscale zu einer schweren Explosion, bei der ein großer Teil der Anlage verseucht wird.

28. März 1979: Maschinen- und Bedienungsfehler führen im US-Kernkraftwerk Three Miles Island bei Harrisburg zum Ausfall der Reaktorkühlung, ...

... die eine partielle Kernschmelze und die Freisetzung von radioaktiven Gasen zur Folge hat.

3. April 1991: Arbeiter entdecken am Druckwasserreaktor von Shearon Harris in New Hill im US-amerikanischen North Carolina beschädigte Rohrleitungen. Im Unglücksfall hätte das Wasser nicht den Reaktorkern gekühlt, sondern wäre ausgelaufen. Noch harmlos.

30. September 1999: In einem Brennelementewerk in der japanischen Stadt Tokaimura setzt nach einer unvorschriftsmäßigen Befüllung eines Vorbereitungstanks eine unkontrollierte Kettenreaktion ein. Starke radioaktive Strahlung tritt aus.

27. Dezember 1999: An der Westküste Frankreichs wird das AKW Blayais bei heftigen Stürmen überschwemmt. Sicherheitssysteme, Notpumpen und Elektronik stehen unter Wasser. Jahre zuvor war das Kraftwerk bereits Schauplatz eines Sabotageaktes gewesen.

12. Mai 1998: In Frankreich platzt ein Rohr im Druckwasserreaktor Civaux-1. Der Reaktorkern muss ununterbrochen gekühlt werden, doch stündlich strömen 30.000 Liter Kühlwasser aus dem Leck. Nach neun Stunden kann die Lage stabilisiert werden.

9. Oktober 2000: Das umstrittene tschechische Atomkraftwerk Temelin geht ans Netz. Bis Anfang August 2006 werden von der Anlage regelmäßig Störfälle gemeldet.

12. August 2001: Im AKW Philippsburg bei Karlsruhe werden erhebliche Abweichungen und Verletzungen von Vorschriften beim Wiederanfahren der nuklearen Reaktion festgestellt.

Dezember 2001: Eine Wasserstoffexplosion verursacht im Atomkraftwerk Brunsbüttel einen Störfall. Der Reaktor wird erst auf Drängen der Kontrollbehörden im Februar 2002 zur Inspektion vom Netz genommen.

2003: Das ganze Jahr über werden die Brennelemente des AKW Paks in Ungarn aufgrund eines fehlerhaft ausgelegten Reinigungssystems unzureichend gekühlt. Es kommt zu einem Unfall, Brennstäbe werden beschädigt, radioaktives Gas tritt aus.

6. März 2006: Borsäure, ein Kühlmittel, frisst sich durch eine 15 cm dicke Kohlenstoffwand. Das Loch wird glücklicherweise gerade noch rechtzeitig entdeckt. Die Aufsichtsbehörde NRC schätzt das Kernschmelzrisiko verhältnismäßig hoch ein.

25. Juli 2006: Im Vattenfall-Reaktor im schwedischen Forsmark springen nach einem Stromausfall die Notaggregate zur Reaktorkühlung nicht an, im Kontrollraum fallen die Computer aus. Die schwedische und finnische Strahlenschutzbehörden nehmen den Vorfall sehr ernst.

In Februar 2007 wird bekannt, dass der 27 Jahre alte Siedewasserreaktor 150 Kilometer nördlich von Stockholm wegen Schlampereien sieben Monate mit einer defekten Gummidichtung gelaufen war. Der Reaktor wurde inzwischen stillgelegt.

Die Kontrolle von 25 Forsmark-Mitarbeitern ergab drei positive Alkoholproben. Materialverschleiß und menschliches Versagen sind die häufigsten Ursachen für Störfälle in Atomkraftwerken.

Im Juni 2007 werden die schleswig-Holsteinischen Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel nach Zwischenfällen per Schnellabschaltung vom Netz genommen.

In den folgenden Wochen gibt es immer wieder Pannen. Der Betreiber Vattenfall entlässt später den Geschäftsführer seiner Atomsparte, Bruno Thomauske.

Allein 2007 wurden laut Bundesamt für Strahlenschutz aus deutschen Atomkraftwerken 118 meldepflichtige Ereignisse bekannt.

Im Falle eines Unfalls müssen Betreiber von deutschen Atomkraftwerken für nicht einmal ein Prozent der real möglichen Kosten Haftpflichtversicherungen nachweisen. Das Risiko trägt die Allgemeinheit.

In Deutschland sind gemäß dem Atomgesetz im Unglücksfall nur Schäden bis zur Höhe von 2,5 Milliarden Euro abgedeckt. Gesundheits-, Sach- und Vermögensschäden können diese Summe leicht überschreiten.

Abgesehen von den unkalkulierbaren Risiken durch Störfälle oder Unfälle gibt es noch ein bislang weltweit ungelöstes Problem der Kernenergie:

Den Atommüll, der uns um Generationen überdauern wird. Für die Lagerung ausgedienter radioaktiver Materialien und Elemente wurde bislang keine endgültig sichere Lösung gefunden.

"Radioaktiver Abfall von Atomkraftwerken ist noch Millionen Jahre strahlungsaktiv", heißt es entsprechend auf der Internetseite des Bundesumweltministeriums.

"Die Bundesregierung hat deshalb den vollständigen Ausstieg aus der Atomstromproduktion beschlossen."

Weltweit stößt dies allerdings auf Unverständnis.

Im Kampf gegen den Klimawandel haben die führenden Industriestaaten (G8) gerade erst in Japan verkündet, weiterhin auf die Kernenergie zu setzen.

Auch der jüngste Störfall in Südfrankreich ließ daran keine Zweifel aufkommen.

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