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Politik

Al Gore: "Uns bleiben nur noch zehn Jahre"

 
"Konsumieren Sie weniger, kaufen Sie langlebige Güter, gehen Sie mehr zu Fuß und fahren Sie mit dem Rad, fliegen Sie weniger."

"Konsumieren Sie weniger, kaufen Sie langlebige Güter, gehen Sie mehr zu Fuß und fahren Sie mit dem Rad, fliegen Sie weniger."

Das ist eine der beiden zentralen Botschaften des Films "Eine unbequeme Wahrheit" ?

? von Regisseur Davis Guggenheim.

Der Film ist zugleich ein Porträt von Al Gore.

Wie bitte? Ein Porträt von Al Gore?

Ist das nicht dieser etwas uncoole Typ, der die Präsidentschaftswahlen gegen George W. Bush verloren hat?

Genau der. "Eine unbequeme Wahrheit" begleitet Gore auf seiner "travelling global warming show". Auch das klingt nicht gerade spektakulär.

Spektakulär ist jedoch der Erfolg des Films. Nicht nur in den USA ist Al Gore mittlerweile ein Klima-Superstar.

Sein Buch "An Inconvenient Truth" stand monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times".

Das Buch wurde auch ins Deutsche übersetzt und zehntausende Mal verkauft.

Auf guten Nachrichten basiert dieser Erfolg gewiss nicht. Denn dies ist Gores zweite zentrale Botschaft: "Die Menschheit sitzt auf einer Zeitbombe. ...

? Wenn die große Mehrheit der internationalen Wissenschaftler Recht hat, bleiben uns nur noch zehn Jahre, ...

? um eine große Katastrophe abzuwenden, die das Klima unseres Planeten zerstören wird. ...

... Die Folgen werden extreme Wetterveränderungen sein, Fluten, Dürren, Epidemien und tödliche Hitzewellen von ungekanntem Ausmaß - eine Katastrophe, die wir selbst verschulden."

Die Wahrheit seines Films sei "für uns alle unbequem", sagt Al Gore im Interview bei n-tv, "da unser ganzes Leben darauf basiert, fossile Rohstoffe und Energien zu verbrennen."

Ganz besonders unbequem sei sie jedoch "für die größten Verschmutzer und einige politische Führer, die von Verschmutzern besonders stark unterstützt werden und sich nicht mit der Klimakrise auseinandersetzen."

Und dennoch ist der Film stellenweise nicht unkomisch. "Mein Name ist Al Gore. Ich war früher mal der künftige Präsident der Vereinigten Staaten", sagt er bei einer seiner Dia-Shows, mit denen er seit Jahren durch die USA zieht.

Gore macht Angst und rüttelt auf. Es gebe extrem viel Desinformation zu dem Thema, betont er.

"Der einzige Weg zur Überzeugung führt von Stadt zu Stadt, von Mensch zu Mensch, von Familie zu Familie."

Seine Aufrufe klingen ein bisschen amerikanisch, sind aber dennoch sinnvoll. Zum Beispiel dieser:

"Ersetzen Sie Ihre normalen Glühbirnen durch Sparlampen (CFLs). Diese CFLs verbrauchen 60 % weniger Energie. Diese einfache Umstellung erspart ca. 135 kg CO2 pro Jahr." Energiesparlampen sind zwar teurer, haben sich aber schnell amortisiert.

Oder dieser: "Stellen Sie Ihren Thermostat im Winter um 2° nach unten und im Sommer um 2° nach oben." Letzteres bezieht sich natürlich nur auf Häuser mit Klimaanlage. Am besten, Sie schalten Ihre Heizung im Sommer aus!

"Benutzen Sie möglichst oft die Wäscheleine anstatt des Trockners."

"Ziehen Sie den Netzstecker, wenn Sie Elektrogeräte nicht benutzen. Haartrockner, Handy-Aufladestationen und Fernseher verbrauchen auch dann Energie, wenn sie ausgeschaltet sind."

"Lassen Sie Ihre Spülmaschine erst dann laufen, wenn sie ganz voll ist, und benutzen Sie dann die Energiespartaste. Dadurch können Sie jährlich 45 kg CO2 vermeiden."

"Isolieren Sie Ihr Haus und machen Sie es wetterfest."

"Pflanzen Sie einen Baum. Ein einziger Baum absorbiert in seinem Leben eine Tonne CO2."

"Wechseln Sie zu grüner Energie."

"Kaufen Sie Nahrungsmittel, die im Lande angebaut und produziert werden."

"Kaufen Sie frische anstatt tiefgefrorener Lebensmittel."

"Kaufen Sie nach Möglichkeit organisch angebaute Produkte."

"Essen Sie weniger Fleisch. Methan ist neben CO2 das zweite Gas, das signifikant für den Treibhauseffekt verantwortlich ist. An dem Ausstoß von Methan sind vor allem Kühe beteiligt."

Zudem belasten Jauche und Gülle das Grundwasser.

Das Futter, das unsere Tiere fressen, wird zu allem Überfluss zu großen Teilen in der Dritten Welt produziert. Dafür werden großflächig Wälder gerodet. Das Bild zeigt einstigen Regenwald in Brasilien, der von Sojafarmer vernichtet wurde.

Für ein Kilogramm tierischen Proteins müssen fünf bis zehn Kilo Pflanzeneiweiß eingesetzt werden - eine ungeheure Energieverschwendung!

"Reduzieren Sie die CO2-Emission, wenn Sie unterwegs sind": Laufen, ?

? Fahrrad fahren, ?

? Fahrgemeinschaften oder öffentliche Verkehrsmittel sind aus ökologischer Sicht immer besser, aus finanzieller Sicht meist ebenfalls.

Eins ist klar: Der alte Spruch "Weniger ist mehr" gilt hier nicht. Wer die Welt retten will, muss stellenweise Verzicht üben. Wie sagte Al Gore? "Konsumieren Sie weniger, kaufen Sie langlebige Güter, gehen Sie mehr zu Fuß und fahren Sie mit dem Rad, fliegen Sie weniger."

Natürlich ist Gores bebildertes Referat nicht das, was man einen cineastischen Leckerbissen nennen würde. Die Wirkung ist dennoch sehr effektvoll.

Gores Kritiker (die es auch weiterhin gibt) sagen, der frühere Vizepräsident wolle sich lediglich als neuer Präsidentschaftskandidat in Stellung bringen.

"In den USA haben die politischen Führer darin versagt, das Thema (Klimaschutz) richtig zu kommunizieren", antwortet Gore darauf.

"Ich habe auch versagt. Vielleicht war ich nicht clever genug. Meine Klimaschutzbilanz als aktiver Politiker sieht nicht gut aus. ?

? Aber jetzt handle ich und hoffe, dass ich etwas in Bewegung bringen kann. Ich bin definitiv aus dem politischen Rennen raus und daher vielleicht überzeugender und glaubwürdiger."

Jerome Ringo, ein Freund von Al Gore und laut "Zeit" eine der "schillerndsten Figuren der amerikanischen Ökologieszene", betont in der "taz", Gore rede schon seit 20 Jahren über die Gefahren des Klimawandels.

"Der Unterschied besteht darin, dass die Leute ihm jetzt zuhören."

Gore selbst sagte bei n-tv: "Ich habe nicht vor, noch einmal anzutreten. Ich bin schon in eine Kampagne verwickelt und in dieser Hinsicht fühle ich mich erneuert. Dies ist eine Kampagne, um die Einstellung der Menschen zu verändern."

Mit seinem Film war Gore bei den MTV Video Music Awards, ?

? beim Filmfestival in Cannes, ?

? beim Sundance Film Festival in Utah, ?

? und beim schwedischen Königspaar.

Anfang 2006 hat Gore in den USA eine "Allianz für Klimaschutz" gegründet. Damit will er parteienübergreifend das Bewusstsein für die drohende Katastrophe schärfen und politische Maßnahmen auf den Weg bringen.

"Wir haben die Lösungen auf der Hand", drängt Gore. "Wir haben noch zehn Jahre, um etwas gegen die Erderwärmung zu tun."

Nach dem Ende der Ära Bush werde sich in Amerika schnell die Einsicht durchsetzen, dass die im Kyoto-Protokoll vorgesehene Reduktion der Treibhausgase um rund fünf Prozent gegenüber 1990 das Mindeste sei, was man tun müsse, um den Klimawandel aufzuhalten, so Gore.

"Fünfzehn Minuten, nachdem Bush sein Büro verlassen hat, wird Amerika eine andere Klimaschutzpolitik betreiben". Das wisse man auch in den Vorstandsetagen der größten amerikanischen Konzerne.

Gore warnt davor, zu große Hoffnungen auf die Kernenergie zu setzen. Der nordkoreanische Atomtest zeige, wie groß die Missbrauchsgefahr dieser Technologie sei. Zudem sei die sichere Entsorgung der Nuklearabfälle noch ungelöst.

Obwohl er weiß, dass die Zeit knapp wird, bleibt Gore Optimist: "Das einzige, was fehlt, ist politischer Wille - aber das ist ja auch eine Art nachwachsender Rohstoff." (Text: Hubertus Volmer)

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