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Die Streitmacht formiert sich: Was die USA gegen Syrien aufbieten

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Der Bürgerkrieg in Syrien steht vor der Eskalation: Wenige Tage nach dem Giftgas-Angriff auf Zivilisten in den Außenbezirken der Hauptstadt Damaskus ziehen die USA rund um Syrien ihre Streitkräfte zusammen. (Foto: REUTERS)

Der Bürgerkrieg in Syrien steht vor der Eskalation: Wenige Tage nach dem Giftgas-Angriff auf Zivilisten in den Außenbezirken der Hauptstadt Damaskus ziehen die USA rund um Syrien ihre Streitkräfte zusammen.

Der Bürgerkrieg in Syrien steht vor der Eskalation: Wenige Tage nach dem Giftgas-Angriff auf Zivilisten in den Außenbezirken der Hauptstadt Damaskus ziehen die USA rund um Syrien ihre Streitkräfte zusammen.

Noch während UN-Inspektoren vor Ort nach Beweisen suchen, erklärt US-Verteidigungsminister Chuck Hagel: ...

"Wir sind vorbereitet. Wir haben Kräfte in Stellung gebracht, um jedwede Option umzusetzen, die der Präsident in Anspruch nehmen möchte."

Doch welche "Optionen" bieten sich den Militärs in Syrien? Bislang scheint sich der Westen nur darin einig zu sein, dass der Giftgasangriff "Konsequenzen" haben muss. Wie diese aussehen könnten, ist bislang vollkommen unklar.

Experten diskutieren verschiedene denkbare Szenarien: Wie stark der militärische Schlag gegen das Assad-Regime ausfallen wird, hängt vor allem von den Zielen ab, die mit der Intervention erreicht werden sollen.

Welche Ziele das sein könnten, ist allerdings bislang ebenso ungeklärt wie die Frage, welcher Seite die Verantwortung für den Giftgas-Einsatz angelastet werden muss.

Aus der Sicht des Westens sind die Indizien erdrückend. Tatsächlich deutet vieles auf das Regime hin. Belastbare Beweise liegen allerdings noch nicht vor. Und die UN-Inspekteure tragen nur Belege zusammen, die Schuldfrage sollen sie ausdrücklich ausklammern.

Was wird passieren, wenn es zum Militärschlag kommt?

Szenario 1: Die "eng begrenzte Bestrafungsaktion" - Die USA könnten, unter Umständen zusammen mit Großbritannien und Frankreich, mit einzelnen Luftschlägen aus der Distanz wertvolles oder prestigeträchtiges Militärmaterial der Assad-treuen Truppen zerstören.

Für einen solchen Angriff könnten die USA auf ein reich bestücktes Arsenal an Marschflugkörpern zurückgreifen: Cruise Missiles vom Typ "Tomahawk" zum Beispiel starten von Schiffen aus.

Je nach Bauart und Gefechtskopf kommen sie auf eine Reichweite von bis zu 2500 Kilometer - das reicht für einen Anflug quer über das Mittelmeer.

Tomahawks ermöglichen vergleichsweise präzise Distanzschläge aus der Luft, ohne eigenes Personal zu gefährden. Im Ernstfall richten sie sich gegen empfindliche Punktziele an der Oberfläche oder gegen stark geschützte Bunkeranlagen.

Startbasen sind reichlich vorhanden: Aktuell hält die US-Marine bereits fünf ihrer modernsten US-Lenkwaffenzerstörer der "Arleigh Burke"-Klasse im östlichen Mittelmeer bereit. Die Schiffe operieren weit außerhalb der Reichweite der syrischen Abwehrwaffen.

Neben der "USS Ramage" sind das die ...

... "USS Gravely", ...

... die "USS Mahan" und die ...

... "USS Barry". Jedes einzelner dieser vier Kampfschiffe verfügt über leichte Stealth-Eigenschaften, weit reichende elektronische Sensoren und starke Luftabwehrsysteme.

Zuletzt trifft die "USS Stout" im östlichen Mittelmeer ein - sie ist ein weiterer Vetreter der "Arleigh Burke"-Klasse.

Jeder dieser fünf Lenkwaffenzerstörer trägt bis zu 96 in den Rumpf integrierte Raketenschächte (im Bild unten rechts).

Nachschub ist reichlich vorhanden. Versorgungsschiffe mit zusätzlichen Lenkwaffen liegen bereit.

Und Tomahawks lassen sich auch von U-Booten aus starten. Der Gefechtskopf dieser kampferprobten Distanzwaffe trägt je nach Ausstattung mehrere hundert Kilogramm Sprengstoff in Richtung Feind.

Nur wenige Staaten haben die militärische Ausstattung für U-Boot-gestützte Offensivschläge: In Medienberichten hieß es zunächst, auch das britische Atomunterseeboot "HMS Tireless" könnte als mobile Abschussbasis vor Syrien dienen. Im August wollen sie Beobachter noch bei Gibraltar bei der Einfahrt ins Mittelmeer gesichtet haben.

Doch daraus wird nichts. Das britische Parlament verweigert Premier David Cameron die Gefolgschaft und stimmt gegen einen Militäreinsatz in Syrien. Beobachter sprechen von einer "beispiellosen Abstimmungsschlappe".

Marschflugkörper sind eine mächtige Waffe: Einmal gestartet, rasen die Maschflugkörper GPS-gesteuert mit einer Geschwindigkeit von gut 900 km/h in niedrigen Höhen auf ihre Ziele zu.

Einem Simultanangriff bei Nacht mit einer großen Zahl anfliegender Tomahawks hätte die syrische Luftabwehr wenig entgegenzusetzen.

Szenario 2: Der Westen könnte versuchen, die Führungsfähigkeiten des Assad-Regimes durch präzise Luftschläge zu beschneiden.

Satellitengesteuert Projektile könnten wichtige Nervenbahnen der Infrastruktur rund um Assads Machtzentren durchtrennen: Brücken, Fernstraßen, Elektrizitätswerke, Funkstationen, Rundfunksender. Der Machtapparat wäre gelähmt.

Militärexperten diskutieren diese Option unter dem Stichwort "Serbien-Modell" (Archivbild einer Donauquerung bei Novi Sad aus dem Jahr 1999). Aus nahe liegenden Gründen gilt dieses Vorgehen jedoch als wenig wahrscheinlich: Die Gefahr ziviler Opfer wäre sehr hoch.

Im Szenario 3 wäre das vorrangige Kriegsziel die Erringung einer westlichen Lufthoheit über Syrien nach dem "Libyen-Modell". Wie bei den Angriffen der Allianz vor zwei Jahren gegen die Truppen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi könnten sich westliche Luftschläge zunächst gegen die syrischen Luftstreitkräfte richten.

Mit gezielten Angriffen aus der Ferne könnte der Westen Landebahnen, Treibstofflager, Hangars, Bunker, Flugzeuge und Radaranlagen zerstören und die Kontrolle über den syrischen Luftraum erlangen.

Geeignete Luftwaffenbasen für eine solche Militäraktion stehen in der Region in ausreichender Anzahl zur Verfügung: Auf Zypern unterhalten die Briten sogar einen eigenen Stützpunkt der Royal Air Force in Akrotiri - eine Art unsinkbarer Flugzeugträger im östlichen Mittelmeer, wenige Flugminuten von der syrischen Küste entfernt.

Der Stützpunkt ist aufgrund alter Verträge britisches Hoheitsgebiet: Um die Basis zu schützen, verlegte London kurzfristig sechs zusätzliche Kampfjets vom Typ Eurofighter "Typhoon" nach Zypern.

Für offensive Luftangriffe auf Syrien wollen die Nato-Staaten wohl aber eher die türkische Luftwaffenbasis Incirlik bei Adana nutzen oder ...

... den Stützpunkt Cigli bei Izmir (Archivbild).

Denkbar wären auch Anflüge von Basen in Italien, Jordanien oder Griechenland.

Wenn Assad die Lufthoheit über Syrien verliert, dann wäre das militärische Gleichgewicht um ein gutes Stück zugunsten der Aufständischen verschoben.

Auch die Zivilbevölkerung wäre damit vor weiteren Attacken aus der Luft - zumindest durch regimetreue Jets und Kampfhubschrauber - geschützt.

Das System Assad wäre zudem von der Versorgung per Flugzeug abgeschnitten.

Um die Lufthoheit zu erringen, müsste die "Koalition der Willigen" allerdings deutlich mehr Aufwand riskieren - und sich womöglich mit eigenen Kampfflugzeugen in die Reichweite der syrischen Luftabwehr begeben.

Das Regime besitzt schlagkräftige Abwehrwaffen aus russischer Produktion. Die "S300"-Luftabwehrraketen kann zum Beispiel auch hochfliegende Angreifer abschießen.

Unabhängig davon bemüht sich der Westen um eine Demonstration der Stärke: Die Briten sind ohnehin bereits mit umfangreichen Seestreitkräften im Mittelmeer vertreten. Aufgrund eines seit Längerem geplanten Flottenmanövers befindet sich die "HMS Westminister" und ihr Schwesterschiff "HMS Montrose" vor Ort.

Die beiden Fregatten zählen zu den modernsten Überwasserfahrzeugen der britischen Marine. Als Geleitschutzschiffe sind sie allerdings eher defensiv ausgelegt.

Neben einem Hubschrauber für Aufklärung und U-Bootabwehr können sie mit ihren Anti-Schiffsraketen vom Typ "Harpoon" und ihren Luftabwehrraketen vom Typ "Sea Wolf" vor allem gegnerischen Einheiten über Wasser und in der Luft gefährlich werden.

Die beiden Fregatten begleiten die britische Flugzeugträgergruppe rund um die "HMS Illustrious".

Der Carrier der "Invincible"-Klasse ist zwar im Kern schon recht betagt, kann aber nach einer Modernisierung auch Kampfhubschrauber vom Typ "Apache" aufnehmen - oder eine schwimmende Basis für Kommandosoldaten und andere Spezialeinheiten bieten.

Einen weiteren beweglichen Luftwaffenstützpunkt könnten die Franzosen beisteuern: Der Flugzeugträger "Charles de Gaulle" verfügt über einen Nuklearantrieb und ist der Stolz der französischen Flotte.

Von seinem Heimathafen in Toulon kann das Flaggschiff der Franzosen binnen weniger Tage in ein neues Einsatzgebiet vor der syrischen Küste wechseln.

Die "Charles de Gaulle" trägt unter anderem trägertaugliche Jagdbomber vom Typ "Super Etendard".

Dazu kommen Mehrzweckkampfflugzeuge vom Typ Dassault "Rafale".

Und das sind nicht die einzigen beiden Träger in Reichweite.

Die "USS Harry S. Truman" kreuzt derzeit mit ihren Begleitschiffen in ihrem Einsatzgebiet am Horn von Afrika. In der Luftlinie ist diese mächtige Trägerkampfgruppe lediglich rund 2000 Kilometer entfernt.

Und mit der "USS Nimitz" befindet sich ein weiteres nuklearbetriebenes Großkampfschiff der USA etwas weiter östlich vor der Einfahrt in den Persischen Golf. Auch sie ist umgeben von einer kleinen Armada aus Versorgern und Spezialkampfschiffen verschiedener Größen.

Szenario 4: Ein "Enthauptungsschlag" nach dem Muster von "Shock and Awe" - ähnlich wie zu Beginn des Irakkriegs im Jahr 2003 könnten die USA versuchen, die syrische Führungsspitze durch massive Präzisionsschläge auszuschalten.

Schwere Tarnkappenbomber wie die B-2 "Spirit" könnten im Schutz ihres niedrigen Radarrückstrahlung in den syrischen Luftraum vordringen und dort Präzisionsbomben über den Kommandozentralen der syrischen Führungsspitze abwerfen.

Vor den bunkerbrechenden Waffen der US-Streitkräfte kann sich Präsident Baschar al-Assad kaum schützen.

Sprengkörper wie der rund 2,2 Tonnen schwere "Bunker Buster" GBU-37 durchdringen selbst mehrere Meter armierten Stahlbeton.

Um solche großkalibrigen Geschosse einsetzen zu können, müssten westliche Geheimdienste den genauen Aufenthaltsort ihres Gegners kennen. Experten halten ein solches massives Vorgehen nach dem Irak-Modell für wenig wahrscheinlich: ...

... Erstens war schon der Bagdader "Decapitation Strike" gegen Saddam Hussein spektakulär gescheitert. Zweitens ist auch in dieser Option das Risiko ziviler Opfer unvertretbar hoch.

Szenario 5 sieht die Einrichtung geschützter Räume vor. Diese "Buffer Zones" sollen sich an den bereits von FSA-Kräften gehaltenen Regionen orientieren und humanitäre Korridore zur Versorgung von Verletzten und Flüchtlingen dienen.

In der Theorie klingt das einfach. In der Praxis erscheint es kaum umsetzbar.

Noch verfügt das Regime über ein starkes Heer, ausgerüstet mit mehreren hundert Kampfpanzern russischer Bauart - vom altgedienten T-55 bis hoch zum modernisierten T-72.

Neben den regulären Streitkräften gibt es verschiedene Sondereinheiten wie etwa die Spezialkräfte, die Paramilitärs und die Republikanische Garde. Allein die Zahl der Elitesoldaten wird auf 50.000 geschätzt.

Der harte Kern der regimetreuen Truppen setzt sich aus Syrern zusammen, die wie Assad zur religiös-islamischen Volksgruppe der Alawiten angehören. Im Fall einer Niederlage droht ihnen mindestens die dauerhafte Unterdrückung - wenn nicht Schlimmeres.

Um die militärische Option der "Pufferzonen" in Syrien wirkungsvoll umzusetzen, braucht es weitaus mehr als nur kurze, begrenzte Luftschläge.

Erforderlich wäre eine dauerhafte und mit einem robusten Mandat ausgestattete Präsenz mit starken Kräften, die sofort gegen jede Bedrohung am Boden vorgehen.

Schutz vor neuerlichen Artillerieüberfällen - auch mit Giftgas - bietet diese Option nicht. Eine dauerhafte Befriedung erscheint ohne Bodentruppen vor Ort ohnehin kaum vorstellbar.

Zudem könnte eine solche Ausweitung des Konflikts regimetreue Kräfte zu Gegenschlägen provozieren.

Aus Furcht vor Angriffen mit weitreichenden Waffen aus Syrien hat das Nato-Mitglied Türkei das Bündnis bereits im vergangenen November um Unterstützung gebeten: Seit Ende Januar ist die Bundeswehr mit Raketenabwehrsystemen vom Typ "Patriot" in Kahramanmaras unweit der türkisch-syrischen Grenze vertreten.

Auch im Süden Syriens ragen auf israelischer Seite zusätzliche Abwehrbatterien der Israel Defense Force (IDF) in den Himmel: Diese Einheit ist am See Genezareth bei Tiberias stationiert.

Bleibt nur noch Szenario 6: die "gezielte Extraktion" syrischer Chemiewaffen. Diese Option halten Militärs für den bislang gewagtesten Vorschlag. Allerdings ließe sich damit die Bedrohung durch Giftgas - wenn alles klappt - tatsächlich wirkungsvoll ausschalten.

Ein halbwegs sicherer Erfolg ist nur unter besten Ausgangsbedingungen denkbar. Insgesamt klingt der Plan in jeder einzelnen Phase mehr als nur kühn.

Im Fall einer "Operation Extraction" könnte der Angriff in etwa so ablaufen: ...

Zunächst müssten Marschflugkörper eine Bresche durch die syrische Luftabwehr schlagen und den moderneren Teil der syrischen Luftabwehr-Kapazitäten zerstören.

In einer zweiten Welle könnten dann Stealth-Jagdbomber vom Typ F-22 "Raptor" Angriffe gegen die militärischen Kommandostrukturen fliegen.

Sicher könnten sich die US-Piloten in ihren hochmodernen Maschinen dabei zu keinem Zeitpunkt ihres Einsatzes über Syrien fühlen.

Im Land gehen auf Rebellenseite mittlerweile alle möglichen Waffensysteme aus den unterschiedlichsten Kanälen von Hand zu Hand - darunter auch tragbare Luftabwehrraketen.

Bei weitem nicht alle aufständischen Splittergruppen sind den USA wohlgesonnen: Die Lufthoheit über Syrien ist allerdings unerlässlich, um den kühnen Plan in die Tat umzusetzen.

Womöglich müssten auch Kampfjets einer internationalen Koalition - wie in den Szenarien 3 und 5 - dabei helfen, den Vorstoß aus der Luft abzusichern. Erforderlich wäre das allerdings nur für eine eng begrenzte Zeitspanne.

Der Schutzschirm müsste nur so lange halten, dass Spezialkräften genug Raum bleibt, um ...

... in die bekannten Chemiewaffenlager vorzudringen, ...

... die unmittelbare Umgebung abzuriegeln, ...

... in den Lagerorten die fraglichen Substanzen ausfindig zu machen, ...

... die Behälter zu sichern, für den Abtransport zu verpacken oder vor Ort zu vernichten - und schließlich ...

... ohne Verluste zurückzukehren.

Alles in allem bleibt das ein hochriskanter Plan mit vielen Unwägbarkeiten: die moderne syrische Flugabwehr, schwer bewaffnete fanatische Gegner und das Risiko von zahlreichen Opfern unter den eigenen Kräften.

Aus der Distanz halten die meisten Experten daher einen Angriff mit Marschflugkörpern derzeit am wahrscheinlichsten - auch wenn das nicht viel mehr wäre als gewaltsame Symbolpolitik.

(Stand: 2. September 2013)

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