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KdF-Anlage Prora auf Rügen: Hitlers Größenwahn als Vermächtnis

 
KdF-Anlage Prora auf Rügen: Hitlers Größenwahn als Vermächtnis

Rügen im Winter: Die Ostseeinsel, ein Urlaubsparadies und eine Perle der deutschen Küste, hält Winterschlaf.

Neben Badestränden und schöner Natur birgt das Eiland aber auch noch ein Relikt aus der Zeit des Nationalsozialismus. (Bild: dpa)

Die Ruinen der nationalsozialistischen Ferienanlage Prora. Nazi-Gigantomanie in Stein manifestiert. (Bild: dpa)

Größenwahn hatte Konjunktur unter Hitler. Doch nach seiner Machtergreifung kam es zu Missstimmungen in der Bevölkerung: Die Zerschlagung der Gewerkschaften hatte eine Lücke ins Sozialleben gerissen, die die Nazis zunächst nicht füllen konnten. Deshalb wurde unter der Gewerkschaftsersatzorganisation DAF die Bewegung "Kraft durch Freude"gegründet. (Bild: dpa)

Sie sollte die Freizeit der Bevökerung gestalten, gleichzeitig aber auch überwachen und steuern. Die Anzahl der Urlaubstage wurde erhöht und den Bürgern Wohltaten versprochen. (Bild: dpa)

Beispielsweise der KdF-Wagen, später als VW Käfer weltberühmt, sollte die Massen mobilisieren. (Bild: dpa)

KdF-Schiffe, wie die "Wilhelm Gustloff" sollten die "werktätigen Massen" in den verdienten Urlaub bringen. Außerdem stand hinter jedem Projekt die Idee, die "Größe" des Nationalsozialismus zu demonstrieren. Größenwahn mit Methode. (Bild: dpa)

Chef der KdF-Bewegung und geistiger Vater des Ostseebads Prora war Robert Ley. Dieser, ein Nationalsozialist erster Stunde, organisierte die "Deutsche Arbeitsfront" (DAF), eine Ersatzorganisation für die zerschlagenen Gewerkschaften, deren Unterorganisation die KdF-Bewegung war. (Bild: AP)

Das größte Projekt der "Freizeit"-Bewegung der Nationalsozialisten war das Ostseebad Prora. Ein gigantischer Gebäudekomplex, der sich zwischen den Ostseebädern Binz und Sassnitz an einer Bucht Rügens entlangzieht.

Das KdF-Seebad Prora war auf ein Fassungsvermögen von 20.000 Menschen angelegt. Zwei Wochen Urlaub im Zeitraffer - gemeinschaftliche Erholung auf staatliche Verordnung. In sechsstöckigen Wohnanlagen sollten die Gäste untergebracht werden.

Alle Zimmer waren zur Seeseite ausgerichtet, die Flure sind zur Landseite gelegen.

Zur Seeseite hin lagen auch die Gemeinschaftshäuser. Dort sollten sich Liegehallen befinden, die die ganzjährige Nutzung der Anlage ermöglichen sollten. In regelmäßigen Abständen wurden Wohngebäude durch große Treppenhäuser unterbrochen.

In den 14 Tagen Jahresurlaub sollten die Akkus für das ganze Jahr aufgeladen werden. Deshalb sollte alles straff durchorganisiert werden. Ein Maximum an Erholung sollte den Mitgliedern der "Volksgemeinschaft" geboten werden.

10.000 Gästezimmer sah der Bebauungsplan vor. Die einzelnen Wohnblocks waren jeweils 550 Meter lang. In regelmäßigen Abständen gab es Durchgänge zum nahegelegenen Strand. Geplant war eine Promenade auf der gesamten Länge des 4,5 Kilometer großen Areals.

Auf 2,5 mal 5 Metern sollte der nationalsozialistische Arbeiter seinen Urlaub verbringen. Natürlich mit Familie.

Für die Einrichtung der Zimmer sah der Plan zwei Betten, eine Sitzecke, einen Schrank und ein Handwaschbecken vor.

Bäder und WCs gab es in den Treppenhäusern auf der Landseite. Alle Zimmer sollten mit Lautsprechern ausgestattet werden.

Die "Volksgemeinschaft" sollte ein kollektives Urlaubserlebnis bekommen. Dem sollten zentrale Gebäude, wie etwa zwei riesige Schwimmbäder mit 100-Meter-Becken, ein Kino, diverse gastronomische Einrichtungen und eine gigantische Festhalle dienen. Dort wollte die NSDAP ihre Aufmärsche zelebrieren.

Soweit die Theorie. 1936 erfolgte die Grundsteinlegung für das Projekt. Allerdings war da die Ausschreibung noch gar nicht beendet. Ein Modell des Gesamtentwurfs der Anlage wurde noch auf der Weltausstellung 1937 in Paris mit einem Preis ausgezeichnet.

Drei Jahre schritten die Bauarbeiten voran. In dieser Phase waren zeitweise rund 9000 Arbeiter dort beschäftigt.

Zahlreiche renommierte Baufirmen wirkten an der Entstehung mit. Unter anderen die Unternehmen Philipp Holzmann, Hochtief oder Dyckerhoff & Widmann. Jede Firma errichtete einen Wohnblock nach detaillierten Plänen des Architekten Clemens Klotz.

Dabei arbeiteten die Trupps in einem Wettbewerb gegeneinander und versuchten sich gegenseitig zu überholen.

Neben den Wohnanlagen wurden landeinwärts zahlreiche Wirtschaftsgebäude errichtet. Es brauchte eine komplette Infrastruktur, um die gewünschte Menge an Menschen zu versorgen.

Teilweise wurden die Gebäude auch errichtet. Der Bahnhof beispielweise war eine der ersten Anlagen, die fertiggestellt wurden. Damit konnte das Baumaterial schneller herangeschafft werden.

Bauleiter Willi Heidrich schaffte bis zu Kriegsbeginn jedoch nur die Fertigstellung eines Teils der Anlage. Ab 1939 wurde die Errichtung des KdF-Bades Prora gestoppt.

Zu dem Plan gehörte auch eine riesige Kaianlage, an der KdF-Schiffe wie die "Wilhelm Gustloff" oder "Robert Ley" später einmal anlegen sollten.

Davon zeugen heute nur noch Ruinen. Nach Kriegsbeginn wurde lediglich an einem Block weitergearbeitet. Der Rest der Rohbauten wurde notdürftig gesichert.

Auch die Kaianlage und die Seepromenade wurden nie fertiggestellt.

Während des Krieges wurden Teile der Anlage für die Ausbildung von Luftwaffenhelferinnen oder Polizisten genutzt. Ab 1943 wurden in Gebäuden des südlichen Blocks, die auf die Schnelle ausgebaut wurden, ausgebombte Hamburger untergebracht. Diese hatten durch die Operation "Gomorrha" der Alliierten ihre Wohnungen verloren.

Ab 1944 wurden die Gebäude auch als Lazarett genutzt. Später sollten die viel zu spät evakuierten Vertriebenen aus den Ostgebieten dort Zuflucht finden.

Ab Mai 1945 kontrollierte die Rote Armee die Insel Rügen.

Auch die Russen brachten viele Vertriebene in den Anlagen der Nazis unter. Auch ehemalige Großgrundbesitzer internierte das sowjetische Miltär in den Gebäuden.

Der südliche Teil der Wohngebäude wurde durch Rotarmisten gesprengt. Auch am nördlichen Teil versuchte man sich, gab die Pläne aber nach kurzer Zeit auf. Teile der Bauten wurden zur Kaserne und das umgebende Areal wurde zum Übungsplatz umfunktioniert.

Ab 1949 zog die "Kasernierte Volkspolizei" ein, aus der später die "Nationale Volksarmee" (NVA), die Armee der DDR hervorging.

Das Gebiet wurde weitläufig abgesperrt und ab 1956 waren auf Prora bis zu 10.000 Soldaten stationiert.

Immer mehr Ausbildungsstätten wurden im Laufe der Zeit auf der Anlage angesiedelt. In der Offiziershochschule bildete die NVA nicht nur ihre eigenen Offiziere aus. Auch viele Anwärter aus befreundeten sozialistischen Staaten, wie beispielsweise Mosambique oder Angola, durchliefen in der ehemaligen Nazi-Ferienanlage ihre Ausbildung.

Der südliche Teil der Anlage diente den Grenztruppen der DDR als Erholungsort. Daneben gab es noch ein Kinderferienlager.

Nach der Wende übernahm zunächst die Bundeswehr das riesige Areal von Prora. Doch schon 1992 wurde die Nutzung eingestellt und ein Jahr später die Anlage für die Öffentlichkeit freigegeben.

Ein Umbau für die deutsche Armee wäre finanziell nicht machbar gewesen.

Allerdings gibt es bis heute kein Nutzungskonzept für die Anlage. Die Bauten verfallen zusehends: Große Teile sind mittlerweile wieder abgesperrt, weil das Betreten lebensgefährlich geworden ist.

An großen Plänen hat es in all den Jahren nie gemangelt. Immer wieder wurden Teile der Anlage an Investoren verkauft, die dort Hotelanlagen oder Freizeitbetriebe errichten wollten.

Alle sind bisher gescheitert. Eine Renovierung oder der Umbau der denkmalgeschützten Gebäude scheint nicht refinanzierbar.

Jüngstes Projekt ist der Bau einer Jugendherberge im leerstehenden Block fünf. Für 16,3 Millionen Euro, mitfinanziert durch den Bund, das Land Mecklenburg-Vorpommern und die EU, soll das Gebäude umgebaut werden.

98 Zimmer mit 400 Betten werden bis 2011 entstehen. Die Grundsteinlegung erfolgte Mitte Dezember.

Bleibt abzuwarten, ob die Investoren durchhalten. Etabliert hat sich seit 2007 ein internationaler Jugendzeltplatz mit 250 Plätzen.

Prora bleibt in jedem Fall eine Manifestation nationalsozialistischen Größenwahns. Eine vage architektonische Andeutung auf eine Zukunft, die uns nach einem "Endsieg" der Nazis gedroht hätte.

Und dennoch ist Prora, trotz der historischen Bedeutung des Ortes, am Ende vor allem ein Schandfleck an einem der schönsten Strände Rügens.

Die Bildungs- und Dokumentationseinrichtung Prora-Zentrum versucht neben der Geschichte des Ortes auch die gesellschaftliche Tragweite der Nazi-Ideologie darzustellen. (Bild: dpa)

Besucher werden über die Grundidee Proras und den Einfluss der Nazis auf das Leben der Deutschen informiert. Auch das Schicksal der Zwangsarbeiter wird thematisiert. (Bild von einer Sonderausstellung der Stiftung Topographie des Terrors aus 2008) (Bild: dpa)

Auch eine Disko hat sich dort eingerichtet. Zudem gibt es noch ein NVA-Museum in den nutzbaren Gebäuden der Anlage.

Was die Zukunft für Prora bringt, ist aber weiterhin unklar. Die widersprüchliche Herausforderung scheint nicht zu bewältigen zu sein: Einerseits der Erhalt des historischen Ortes und andererseits die zeitgemäße und ökonomisch vertretbare Nutzung des Geländes.

Dieser Spagat dürfte die Ostseeinsel Rügen noch einige Jahre beschäftigen. Zumindest bleibt Prora eine Sehenswürdigkeit für viele Touristen. (Text und Bilder: Markus Mechnich)

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