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Armstrong, ein amerikanischer Lügner: Der Mann mit den Spritzen

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... der größte Betrüger der Sportgeschichte. (Foto: picture alliance / dpa)

... der größte Betrüger der Sportgeschichte.

Das ist Lance Armstrong, ...

... der größte Betrüger der Sportgeschichte.

Ganz so hat es der ehemalige Radprofi nun im Interview mit der amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey nicht gesagt.

Aber er hat zugegeben, was alle wussten: Er hat seine Erfolge nur errungen, weil er gedopt hat.

"Mein Cocktail bestand aus EPO, Transfusionen und Testosteron."

Das tue ihm nun leid.

"Ich betrachte das als eine große Lüge, die ich sehr häufig wiederholt habe. Wahrscheinlich ist es für die meisten Leute zu spät, und das ist mein Fehler. Diese Episode meines Lebens ist geprägt von Respektlosigkeiten. Der Sport zahlt jetzt den Preis dafür."

Aber schließlich sei das System so gewesen. Die anderen hätten es auch getan.

"Meiner Meinung nach war es in dieser Generation nicht möglich, ohne Doping zu gewinnen."

Seine Beichte kommt allerdings arg spät. Wir erinnern uns:

In seiner 20-jährigen Radlaufbahn durchfährt er viele Gewitter. Doch das Heftigste übersteht er nicht. Am 22. Oktober 2012 endet die Karriere des Lance Armstrong zum dritten und letzten Mal.

Der Radweltverband UCI schließt sich der Argumentation der US-Anti-Doping-Agentur (USADA) an. Er sperrt den Texaner lebenslang und erkennt ihm alle seine sieben Tour-de-France-Titel ab, die er zwischen 1999 und 2005 gewann. Zurück bleibt die Erinnerung an einen grandiosen Lügner.

Die Geschichte des Dopings im Radsport beginnt nicht mit Armstrong. Seit 1966 gibt es dort Dopingkontrollen.

1967 gibt es den ersten Toten. Tom Simpson stirbt während der Tour de France beim Anstieg zum Mount Ventoux. Die Einnahme von Amphetaminen und Alkohol wird später nachgewiesen.

Doping-Geständnisse gibt es seitdem immer wieder (wie 2007 Christian Henn).

Die Gesichter der Geständigen (hier: Rolf Aldag) ...

... unterscheiden sich kaum (im Bild: Bjarne Riis). Das gilt auch für ihre Botschaften.

Reue: ja (hier: Michael Rasmussen), aber Hilfe zur Aufklärung: nein.

Denn die Doping-Sünder sind stets solidarisch mit dem System und ihren Mittätern.

Es heißt: Wer Namen nennt, für den gibt es kein Zurück.

Doch seit einigen Jahren gibt es noch eine zweite Kategorie von Geständnissen. Plötzlich gestehen die Doping-Sünder nicht nur ihre eigenen Vergehen.

Sie zeigen mit dem Finger auf einen, der als der Größte seiner Zunft galt. Alles beginnt ...

... im Jahr 2010, Armstrong fährt gerade seine vorletzte Saison als Radprofi, da enttarnt Floyd Landis seinen ehemaligen Teamkollegen.

Er beschuldigt den US-Amerikaner, jahrelang leistungssteigernde Mittel eingenommen haben. Landis' Geständnis ist erst der Anfang. Der Anfang vom Ende vom Mythos der lebenden Legende. Dabei hat das Denkmal nicht erst seit gestern Risse.

Armstrong gewinnt 1999 zum ersten Mal die Tour-de-France, nur drei Jahre nach seiner Krebserkrankung.

Bis 2005 gewinnt er die populäre Rundfahrt sieben Mal und damit häufiger als jeder andere vor ihm.

Armstrong gilt als der Übersportler. 2003 wird er zum Weltsportler des Jahres gewählt.

Wenns um Lance geht, sind sich alle einig: Das ist ein ganz Großer.

Übermächtig, unbesiegbar, unaufhaltbar.

Erfolg macht sexy.

Armstrong ist über die Grenzen des Sports ein anerkannter Mann.

Einer, mit dem sich Prominente ...

... und Politiker gern schmücken.

Das Armband, das von der Lance Armstrong Foundation verkauft wird, ist in der ganzen Welt ein beliebtes Modeaccessoire. 70 Millionen Menschen kaufen das Silikon-Band.

Armstrong ist auch dann noch ein gefeierter Held, als die ersten Dopingvorwürfe auftauchen.

Kurz nach Armstrongs erstem Rücktritt (2005) berichtet die französische Sportzeitung L'Equipe, dass in sechs Urinproben des US-Amerikaners von 1999 das Blut-Dopingmittel Epo nachgewiesen wurde.

Auch bei der Schweiz-Rundfahrt 2001 soll es eine positive Probe gegeben haben. Armstrong soll dem UCI später 100.000 Dollar gespendet haben, um dies zu vertuschen. UCI-Präsident Pat Mcquaid sagt dazu heute: Es sei eine Spende und kein Schweigegeld gewesen. Na dann!

Armstrong streitet die Vorwürfe ab. 2005 wird er vom Weltverband UCI freigesprochen.

Es heißt: Die Proben seien nicht nach wissenschaftlichem Standard durchgeführt worden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nennt den UCI-Bericht "fast schon lächerlich".

Armstrong selbst verweist nicht selten darauf, dass die Nachwirkungen seiner früheren Krebserkankung ihn in den Folgejahren zu erhöhtem Medikamenteneinsatz gezwungen hätten.

2009, im Jahr von Armstrongs Comeback, gibt es neue Vorwürfe. Die französische Anti-Doping-Agentur kritisiert, Armstrong kooperiere nicht bei Dopingproben.

Seit 2010 dringen dann immer mehr Details über die Gepflogenheiten in Armstrongs Umfeld nach außen.

Plötzlich packen ehemalige Teamkollegen wie Floys Landis, Levi Leipheimer, Georg Hincapie und Tyler Hamilton aus und belasten ihren ehemaligen "Chef" schwer.

"Ich sah Epo in seinem Kühlschrank. Ich sah mehr als einmal, wie er es sich gespritzt hat", sagt etwa Hamilton. Ein anderer sagt: "Der Teamchef schien immer genau zu wissen, wann Dopingtester zu den Rennen kamen."

Und was sagt der Super-Champion? Er dementiert und entgegnet, mehr als 500 Mal in seiner Karriere negativ getestet worden zu sein.

Doch diesmal hat Armstrong keine Chance. Im Juni 2012 wird er von der US-Anti-Doping-Agentur angeklagt und von allen Wettkämpfen suspendiert. Am 20. August weist ein Gericht Armstrongs Klage gegen die USADA zurück.

Ende August gibt Armstrong plötzlich an, sich gegen die Vorwürfe nicht mehr wehren zu wollen. "Es kommt ein Punkt im Leben jedes Menschen, an dem er sagen muss 'genug ist genug'. Für mich ist dieser Punkt jetzt gekommen."

Und Armstrong legt noch nach: "Ich weiß, wer siebenmal die Tour gewonnen hat, meine Teamkollegen und alle, gegen die ich gefahren bin, wissen, wer die Tour siebenmal gewonnen hat. Es gab keine Abkürzungen, es gab keine speziellen Behandlungen. Dieselben Strecken, dieselben Regeln."

Das Denkmal ist gestürzt. "Niemand glaubt deine Hexenjagd-Lügen mehr, Lance", schreibt die "Los Angeles Times". Der Bericht der US-Antidoping-Agentur, umfasst mehr als 1000 Seiten und enthält eidesstattliche Aussagen von 26 Personen, darunter 15 Radfahrer. Enthalten sind E-Mails, wissenschaftliche Daten, Labortests und Überweisungen.

Die Armstrong-Akte stellt die Dopingpraktiken des Ex-Weltmeisters, den großen Betrug in all seinen Ausmaßen dar. Es geht nicht nur um den Missbrauch.

Der Bericht zeigt auch, wie Armstrong andere Fahrer beeinflusst und mit Dopingmitteln gehandelt hat.

Hamilton und die anderen früheren Mitstreiter gewähren tiefe Einblicke in "das hochentwickeltste, professionellste und erfolgsreichste Dopingprogramm, dass die Sportwelt jemals gesehen hat". (WADA)

Für den Radsportverband steht im Fall Armstrong viel auf dem Spiel: die Glaubwürdigkeit einer ganzen Sportart. Doch nach vielen Jahren, in denen die Anstrengungen im Kampf gegen Doping scheinheilig wirken, setzt die UCI mit der Aberkennung der sieben Titel ein Zeichen.

Armstrong droht außerdem die Rückzahlung sämtlicher Preisgelder.

Der gefallene Held hat sich selbst längst zum Opfer erklärt. "Es ging mir schon besser, aber auch schon schlechter. Es waren schwere Wochen für mich und meine Familie, meine Freunde", sagt er.

Die aberkannten Tour-Siege werden nicht neu vergeben.

Inklusive dem US-Amerikaner stehen 20 der 21 Podestfahrer von 1999 bis 2005 inzwischen direkt mit Doping in Verbindung. Jan Ullrich - der Tour-Zweite in den Jahren 2000, 2001 und 2003 - hatte bereits im Sommer signalisiert, dass er eine nachträgliche Ernennung als Sieger nicht akzeptieren werde.

Armstrong ist nur einer von vielen in einem dopingverseuchten Sport. Und doch wird er in die Geschichte eingehen.

Als der Mann, der die Popularität des Radsports zunächst in unglaubliche Höhen klettern ließ, um ihn dann in seine schlimmste Krise zu stürzen.

Keiner war so erfolgreich wie er und hat am Ende doch alles verloren.

Er, Lance, dem auf seiner Tour alle Mittel recht waren. Der so oft das gelbe Trikot trug, aber nie ein echter Champion gewesen ist. Und der am Ende immer noch alles leugnet.

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