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Rennfahrerblut ist keine Buttermilch: Ein Jahrhundert Tour de France

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Wenn sich Männer in engen Trikots und Hosen mit Einsatz auf superleichten Carbon-Rennrädern … (Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Wenn sich Männer in engen Trikots und Hosen mit Einsatz auf superleichten Carbon-Rennrädern …

Wenn sich Männer in engen Trikots und Hosen mit Einsatz auf superleichten Carbon-Rennrädern …

… Alpen- und Pyrenäen-Gipfel hinaufquälen, ist Tour de France. Unmenschlich mutet es an, wenn sie sich mit vor Schmerz verzerrten Gesichtern mühsam auf zwei Rädern bergan schleppen …

… oder pfeilschnell einem Vogelschwarm gleich über die Asphaltbänder Frankreichs schießen.

In diesem Jahr feiert "Le Grande Boucle" ihre 100. Jubiläum. 100 Rennen, unzählige Momente. Positive wie negative. Alles begann vor rund 110 Jahren.

Henri Desgrange, Chefredakteur von "L’Auto", will die Auflage seiner Sportzeitung steigern und ruft die Tour de France ins Leben - das erste Etappenrennen im Radsport. Mehr als 2400 Kilometer ist die erste "Große Schleife" lang und führt über sechs Etappen.

Maurice Garin gewinnt sie, mit einem Rad ohne Schaltung und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 25 Stundenkilometern. Damit gehört sie heute zu den langsamsten Austragungen.

Die schnellste Tour findet 2002 statt. Der US-Amerikaner Lance Armstrong fährt die fast 3300 Kilometer mit einem Schnitt von mehr als 42 Stundenkilometern.

Allerdings betrügt der Seriensieger. Er ist gedopt, wie er Jahre darauf gesteht. Alle sieben Tour-Gesamtsiege werden dem "Tourminator" aberkannt. Unter Fans …

… gilt die Frankreich-Rundfahrt von 1989 als die letzte mit "sauberem" Sieger: Armstrongs Landsmann Greg LeMond gewinnt sie vor dem Franzosen und zweifachen Tour-Sieger …

… Laurent Fignon, der später Dopingpraktiken einräumt. Diese Tour geht in die Geschichtsbücher auch deshalb ein, weil Fignon am Ende der rund 3300 Kilometer langen Strecke lediglich 8 Sekunden hinter LeMond liegt. Aber das Thema Betrug und Doping ist kein Phänomen der jüngeren Tour-Gegenwart. Bereits …

… 1904 werden die ersten Fünf der Gesamtwertung, inklusive Vorjahressieger Garin, im Nachhinein disqualifiziert. Sie sollen Abschnitte der mehr als 2400 Kilometer langen Strecke mit dem Zug zurückgelegt haben. Im Jahr darauf, als der Franzose Hippolyte Aucouturier (im Bild) Gesamtzweiter wird, schauen die Tour-Verantwortlichen deshalb genauer hin.

1910 gibt es dann eine bis heute entscheidende Änderung: Die Frankreich-Rundfahrt führt erstmals durch die Pyrenäen. Im Gegensatz zu heute gibt es dort aber keine Asphaltstraßen. Unbefestigte Schotterwege sind das höchste der Gefühle. Octave Lapize, gerade 23 Jahre alt, lässt sich davon nicht beirren - und gewinnt das Rennen.

Dem Belgier Philippe Thys gelingt als erstem Fahrer das Kunststück, drei Tour-Gesamtsiege einzufahren. Den Grundstein legt er jeweils immer auf der gleichen Etappe: der 6., über 326 Kilometer von Bayonne nach Luchon in den Pyrenäen. 1913, 1914 und 1920 trägt er sich in die Siegerliste ein. 1919 bremst ihn ein Gabelbruch aus, davor der Erste Weltkrieg.

1926 wartet ein mörderischer Rekord: Die Streckenlänge der Tour beträgt 5746 Kilometer. Die 3. Etappe führt von Metz nach Dünkirchen über 433 Kilometer. Neben dem Kopfsteinpflaster in der "Hölle des Nordens" wartet auf die Fahrer wie Albert Dejonghe der Tourmalet - und schreckliches Wetter. Tour-Direktor Desgrange schreibt damals: "Eine Schlammkloake, bei der man sich fragt, wie sich die Fahrer darin orientieren konnten." Einfach ist die Tour nie.

Desgrange ist es auch, der nach der Tour 1929 sagt: "Wir haben eine lebende Leiche gewinnen lassen." Gemeint ist der Belgier Maurice De Waele, ein Fahrer ohne Charisma, wie Desgrange findet. Die Frankreich-Rundfahrt ist entsprechend langweilig, die Auflagen seiner Zeitung gehen zurück. Desgrange ruft deshalb 1930 erstmals zum Länderwettbewerb. Nationalmannschaften treten an, wie die französische mit dem Tour-Gewinner André Leducq (2.v.l.).

Die Nationalmannschaften erhalten auch alle das gleiche Material. Technischer Fortschritt, wie etwa eine Gangschaltung, ist damit tabu. Zwei Ritzel am Hinterrad, beidseitig der Nabe, müssen ausreichen. Um diesen einen "Gang" höherzuschalten, musste das Hinterrad ausgebaut und gedreht werden. Zeitaufwendig und wenig praktikabel. Erst 1937 ist damit Schluss. Die Gangschaltung hält Einzug ins Peloton. Heute sind elektrische Schaltungen Standard.

Wie dem Belgier Thys funkt auch Gino Bartali ein Weltkrieg in die Siegerliste. Der Italiener gewinnt 1938 und 1948. 1937 wird er von Benito Mussolini an Platz 2 liegend nach Hause beordert: Der Duce wünscht sich einen linientreuen Faschisten als besten Italiener bei der Tour de France. Damit kann Bartali aber nicht dienen. 1938 wiederum wird ihm untersagt, am Giro d’Italia teilzunehmen. Und dann überrollt der Zweite Weltkrieg die Frankreich-Rundfahrt.

Von 1940 bis 1946 findet sie nicht statt. Noch schlimmer: 1944 ereilt „L’Auto“ das Schicksal vieler französischer Zeitungen: Verbot und Beschlagnahmung des Eigentums. Der Ausrichter fehlt - auch nach dem Ende des Krieges. 1946 wird "L’Equipe" gegründet, unterstützt von Widerstandskämpfern. Noch verhindert aber der schlechte Zustand der Straßen eine Wiederbelebung der Tour. Zudem gibt es politische Ränkespiele. Die von den Kommunisten unterstützte „Frankreichrunde“ kann sich aber nicht durchsetzen. Ab 1947 heißt es dann wieder "Tour de France" - dank dem "L’Auto"-Nachfolger "L’Equipe".

Damit ändert sich auch einiges bei der Tour: Der Startort ist nicht mehr Paris - einzige Ausnahme ist 2003, also 100 Jahre nach der ersten Tour gewissermaßen als Reminiszenz. Die Tour wird zudem international: Das liegt nicht nur an Fahrern, die aus immer mehr Ländern kommen. 1954 startet die Tour zudem erstmals außerhalb Frankreichs: Die 1. Etappe führt von Amsterdam ins belgische Brasschaat. Zudem wird der Mont Ventoux in die Tour integriert. 1951 ist der Franzose Lucien Lazarides (im Bild vorn) der erste Gipfelbezwinger. Die Etappe gewinnt aber ein anderer: Louison Bobet.

So wie der Ventoux sind auch andere Gipfel aus der Tour nicht mehr wegzudenken, etwa Alpe d’Huez oder der Tourmalet. Mit dem Fokus der Rennleitung auf die spektakulären Bergetappen fällt das Augenmerk der Zuschauer an den Strecken - zwischen 15 und 20 Millionen sind es in den vergangenen Jahren jeweils gewesen – auf die Bergspezialisten. Der erste von ihnen, der auch die Tour gewinnt, ist der Luxemburger Charly Gaul. Sein Spitzname „Engel der Berge“.

Jaques Anquetil ist da von einem anderen Schlag. Sein Spitzname lautet "Monsieur Chrono" ob seiner Zeitfahrkünste. Er gewinnt die Tour als erster Fahrer fünfmal, zuletzt 1964. Am Ende trennen ihn nur 55 Sekunden vor Raymond Poulidor, Publikumsliebling und der "Mann, der nie die Tour gewinnen konnte".

Poulidor schafft es acht Mal aufs Podium, aber nie nach ganz oben. 1964 unterliegt er Anquetil, auch weil dieser seine Erschöpfung im Anstieg zum Puy de Dôme geschickt verbergen kann. Er lehnt sich an Poulidor an, ein echtes "Ellenbogen-Duell" bei der Tour.

Ein anderer tragischer Held der Tour-Geschichte ist Tom Simpson. In Großbritannien verehrt man ihn. Bradley Wiggins, Gewinner der Frankreich-Rundfahrt im vergangenen Jahr, widmet Simpson sogar seinen Sieg.

Simpson verändert die Tour. Er stürzt beim Anstieg auf den Mont Ventoux. Dehydration. Überanstrengung. Er ist alkoholisiert und gedopt mit einem Medikamenten-Cocktail. Simpson riskiert für einen Sieg sein Leben - und verliert es, wie die Tour durch ihn am 13. Juli 1967 ihre Unschuld.

Doping begleitet die Tour seitdem. Immer wieder gibt es Gerüchte, kochen Spekulationen hoch. Auch um den "größten Radsportler aller Zeiten" Eddy Merckx ranken sich diese Gerüchte. Er gewinnt fünfmal die Tour, fünfmal den Giro, insgesamt siegt er bei mehr als 600 Rennen. Der Belgier kann alles: Eintagesrennen, Rundfahrten, Sechstagerennen, Bergankünfte, Zeitfahren, Sprints.

Merckx gönnt nur sich selbst die Siege, will andere nicht gewinnen lassen, was ihm den Spitznamen "Kannibale" einbringt. Seine Ära beginnt Ende der 1960er und dauert bis in die Mitte der 1970er an. Später wird bekannt, dass er regelmäßig Cortison verwendet hat. Allerdings landet es erst 1980 und damit nach seinem Karriereende auf der Dopingliste.

Bisher konnte keine Doping-Enthüllung die weltweite Strahlkraft der Tour de France beschädigen. Sie ist und bleibt ein kulturelles Aushängeschild Frankreichs. Ein Exportschlager. Allerdings ist es auch leicht von außen einzunehmen. Zahlreiche Interessengruppen nutzen die "Große Schleife" immer wieder, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. So führen demonstrierende Bauern am 19. Juli 1974 dazu, dass das Peloton umgeleitet wird: Die Strecke wird länger und am Ziel gibt es keine Zuschauer. Nur einmal wird eine Etappe wegen Demonstranten abgebrochen: Metallarbeiter, deren Fabrik geschlossen werden soll, beenden das Mannschaftszeitfahren am 7. Juli 1982.

Diese Bilder bleiben im Gedächtnis. Ebenso wie sich wohl die diesjährige letzte Etappe mit einem Zielsprint auf dem Champs-Élysées bei Sonnenuntergang ewig in die Gedächtnisse der Fahrer und Fans einbrennen wird. Anfang Juli 1987 ist es das Bild des Pelotons vor der Berliner Mauer, das um die Welt geht. Prolog, 1. und 2. Etappe finden in Westberlin statt. Der Kolumbianer Luis Herrera posiert vor ihr: Bis hierher und nicht weiter, heißt es auch für die Tour de France. Damals schauen rund 150 Millionen Menschen an den Fernsehern zu. Die Tour wird in 75 Länder übertragen. Heute sind es rund 190.

Ein weiterer Meilenstein der Tour ist auf den 19. Juli 1991 datiert: Miguel Indurain schlüpft in sein erstes Gelbes Trikot. Den Grundstein dafür legt er auf der Abfahrt vom Tourmalet. Er schießt an seinen Konkurrenten vorbei, geht als erster in den anschließenden Anstieg zum Col d'Aspin. Nur Claudio Chiappucci kann ihm noch folgen. Indurain wartet auf ihn und gemeinsam ziehen sie dann von dannen. Am Ende überlässt Indurain dem Italiener den Etappensieg. Indurain selbst sammelt in den Folgejahren zwölf davon ein. Sie bringen ihm fünf Tour-de-France-Gesamtsiege in Folge ein. Als er 1996 nicht gewinnen kann, …

… beendet "Big Mig" seine Karriere. Er wird so genannt, weil er mit 1,88 Meter für einen Radsportler ungewöhnlich groß ist - und mit 80 Kilogramm auch recht schwer. Aber die Hebelverhältnisse stimmen und mit einer Lungenkapazität von acht Litern liegt er drei Liter über dem menschlichen Durchschnitt. Bei Indurain wird ein Ruhepuls von 28 Schlägen in der Minute gemessen, 70 sind hier der Durchschnitt.

Überdurchschnittlich sollen auch die Voraussetzungen des Deutschen Jan Ullrich gewesen sein. "Ulle" gilt als "Jahrhunderttalent" des Radsports - und als schlampiges Genie gleichermaßen. Er gewinnt die Tour 1997, als bisher einziger Deutscher und wird deshalb von seinen Fans regelrecht vergöttert. Man leidet mit ihm, als er 1998 beim Anstieg nach Les Deux Alpes von Marco Pantani in Grund und Boden gefahren wird. Man freut sich mit ihm, als er …

… 2003 bei seiner Comeback-Tour wieder alte Qualitäten aufblitzen lässt. Ullrich ist unaufgeregt. Starallüren kennt er nicht. Er ist wie der Junge von nebenan. "Ich war verrückt nach Rennen, ich wollte alles gewinnen. Natürlich wollte ich nicht nur diesen einen Tour-Sieg erzielen", sagt er später. Aber es bleibt bei diesem einen Triumph. Denn trotz Blut-Dopings, das er kürzlich eingeräumt hat, gibt es danach immer einen, der besser ist. Ullrich wird fünfmal Tour-Zweiter.

Der Amerikaner Armstrong gewinnt sieben Mal die Tour - in Folge. Gedopt. Und sorgt so dafür, dass die Tour de France in den vergangenen Jahren in ein negatives Licht gerückt wird. Seine Gesamtsiege werden ihm aberkannt und nicht wieder vergeben. Ein Zeichen soll so gesetzt werden. Mit Armstrongs Karriereende, so hofft man, soll auch die Doping-Ära zu Ende gehen.

Weit gefehlt. Auch dem Spanier Alberto Contador wird einer seiner drei Triumphe aberkannt. 2010 wird der Luxemburger Andy Schleck nachträglich zum Tour-Sieger gekürt. Der will diesen Erfolg so nicht, vielleicht auch deshalb, weil sich auch um ihn Doping-Gerüchte ranken. Beide gehören auch bei der …

… diesjährigen 100. Austragung der Tour de France zu den Top-Favoriten auf den Tour-Sieg. Ein …

… weiterer ist der Brite Christopher Froome. Die Radsport-Fans …

… weltweit hoffen auf eine saubere Tour, auf einen nicht gedopten Sieger, auf eine 100. Tour de France, die hoffentlich nur sportlich Geschichte schreiben wird. Vive le Tour! (Text: Thomas Badtke)

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