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Vor einem Jahr, am 27. April 2009, lag die Bayern-Welt in Trümmern.
In der Champions League waren die Münchner im Viertelfinale nach einer 0:4-Vorführung am FC Barcelona gescheitert, …
… im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen ausgeschieden, …
… in der Bundesliga drohte nach einem 1:5 in Wolfsburg und einer 0:1-Heimniederlage gegen Schalke sogar …
… das Verpassen der Champions-League-Plätze.
Der Trainer, der in den Augen der Bayern-Bosse dafür verantwortlich war und deshalb auf seiner ersten Station als Vereinstrainer nach nur zehn Monaten gefeuert wurde, hieß Jürgen Klinsmann.
Ein Jahr später könnte die Situation in München nicht unterschiedlicher sein.
Unter Louis van Gaal sind die Bayern zwei Spieltage vor Saisonende Bundesliga-Tabellenführer, sie stehen im Pokalfinale gegen Werder Bremen und spielen, das steht jetzt fest, am 22. Mai in Madrid auch um den Champions-League-Titel.
Nach der titellosen Saison 2008/2009 winkt den Bayern nun das erste Triple der ohnehin glorreichen Vereinsgeschichte.
Und: Die rundweg überzeugende Leistung im Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen Olympique Lyon lässt darauf schließen, dass die Bayern nicht als krasser Außenseiter ins Endspiel gehen werden, …
… egal ob der Gegner in Madrid Titelverteidiger FC Barcelona oder Inter Mailand sein wird.
"Das war fast Fußball in Vollendung", schwärmte Bayern-Präsident Uli Hoeneß nach der Partie …
… im vermeintlichen Hexenkessel Stade Gerland, das die Bayern mit ihrer spielerischen Überlegenheit rasch zum Verstummen brachten.
Dass Hoeneß noch anmerkte, "so etwas habe ich von Bayern München in einem wichtigen Champions-League-Spiel lange nicht gesehen", war auch ein Seitenhieb Richtung Klinsmann.
Und zwar deshalb, weil Hoeneß das 5:0 und 7:1 im letztjährigen Achtelfinale gegen Sporting Lissabon einfach unter den Tisch fallen ließ.
Es war aber auch ein dezenter Seitenhieb gegen Klinsmanns Vorvorgänger Felix Magath, der mit den Bayern in der "Königsklasse" nie glänzen konnte, den Münchnern nun aber mit Schalke die Meisterschaft streitig macht.
Ganz Unrecht hatte Hoeneß mit seiner Einschätzung freilich nicht. Im Gegensatz zum Vorjahr, als sich die Bayern gegen unfassbar schlechte Portugiesen in einen seltenen Rausch gespielt hatten, …
… war die Darbietung der Dominanz im Stade Gerland kein Ausreißer nach oben, sondern der vorläufige Höhepunkt einer kontinuierlichen Entwicklung unter Coach van Gaal.
Einer Entwicklung, die in den ersten Monaten erst holprig begonnen hatte und im Spätherbst schon gescheitert schien, ...
... nun aber virtuos einer Vollendung entgegenstrebt, ...
... die zwischenzeitlich niemand für möglich gehalten hätte.
Da kann Bayern-Kapitän Mark van Bommel noch so oft wiederholen: "Wir haben immer daran geglaubt. Es war schwieriger, mit Bayern das Finale zu erreichen, als damals mit Barcelona. Wir haben einen neuen Trainer und eine junge Mannschaft, aber wir glauben an uns."
Der Niederländer ließ den Gastgebern in Lyon gemeinsam mit Bastian Schweinsteiger keine Freiräume in der Mittelfeldzentrale.
Da mochten die OL-Fans noch so hektisch Fähnchen schwenken: Alle wichtigen Zweikämpfe im Mittelfeld gingen an die Bayern.
Mann des Spiels aus Bayern-Sicht war aber zweifelsohne Angreifer Ivica Olic.
Der kroatische Nationalstürmer stahl diesmal sogar Arjen Robben die Schau, der in den letzten Wochen das Abonnement auf den Titel "Bayern-Lichtgestalt" gehabt hatte.
Schon in der zweiten Minute setzte Olic und Thomas Müller hervorragend in Szene, als er auf der rechten Seite in seiner unnachahmlichen Art einen scheinbar verlorenen Ball noch eroberte und in Lyons Strafraum den mitgelaufenen Sturmkollegen bediente.
Der 20-Jährige vergab jedoch freistehend aus elf Metern überhastet die Großchance zum wichtigen Auswärtstor.
Doch wenn die Bayern in den vergangenen Wochen neben der taktischen Handschrift von van Gaal etwas ausgezeichnet hat, dann ist es der unbedingte Siegeswille und die große Moral der Mannschaft. Immer dann, wenn es um "Gladiolen oder Tod" geht, nehmen van Gaals Bayern die Blumen mit nach Hause.
Die vergebene Müller-Chance schockte die Bayern deshalb ebenso wenig wie die Personalsorgen vor dem Spiel.
Auch nach dem Müller-Fauxpas und ohne die Stammspieler Martin Demichelis und Franck Ribery dominierten die Bayern den früheren französischen Serienmeister, der im heimischen Stade Gerland vollmundig einen Sturmlauf ins Finale angekündigt hatte, mit klugem Pass- und überlegtem Aufbauspiel aus einer sicheren Abwehr heraus.
In der Innenverteidigung vertrat der 20-jährige Holger Badstuber den angeschlagenen Martin Demichelis tadellos.
Links in der Abwehrkette gab sich der 19-jährige Diego Contento keine Blöße.
Und im Angriff stellten vor allem die unermüdlichen Olic ...
... und Müller ...
... sowie mit Abstrichen Robben und...
... Ribery-Ersatz Hamit Altintop die unsichere Abwehr der Franzosen immer wieder vor große Probleme.
So auch nach zehn Minuten, als Müller frei vor Torhüter Hugo Lloris erneut zu überhastet agierte.
Das Führungstor blieb deshalb Ivica Olic vorbehalten. Nach 26 Minuten, eine echte Chance für Lyon hatten die Statistiker noch nicht notieren müssen, traf der Kroate ...
... nach eigentlich suboptimaler Vorarbeit von Thomas Müller ...
... zur wichtigen Führung für die Bayern. Nach feiner Drehung ließ Olic Lyons Keeper Hugo Lloris ...
... aus kurzer Distanz keine Abwehrchance.
Bayern führte verdient 1:0, ...
... Lyon brauchte nun schon dringend drei Tore.
Um Tore zu erzielen, braucht man wiederum Torchancen, die sich Lyon gegen die hochkonzentriert verteidigenden Bayern aber kaum erspielen konnten.
Die beste Chance zum Ausgleich vergab in der 31. Minute der Brasilianer Michel Bastos, als er im Bayern-Strafraum ausnahmsweise sträflich frei stand, den Münchner Abwehrlapsus aber nicht bestrafte.
Waren die Münchner in den vorherigen Runden bei ihren Gastauftritten in Florenz und Manchester nicht die bessere, sondern vor allem die glücklichere Mannschaft gewesen und jeweils in die nächste Runde gestolpert, …
… verdienten sie sich den Erfolg in Lyon mit ungeheurer Einsatzwillen, Spielfreude und absoluter taktischer Disziplin.
Zwar hatte Lyon kurz nach der Pause die erste große Chance, die Stürmer Bafetimbi Gomis in der 50. Minute vergab. Das Spiel machten aber weiterhin die Bayern, ...
...die durch Fernschüsse von Schweinsteiger (53.) und Robben (57.) kurz vor dem 2:0 und damit der endgültigen Entscheidung standen.
Die besorgte dann der Schweizer Schiedsrichter Massimo Busacca, als er Lyons Abwehrchef Cris in der 59. Minute wenig feinfühlig mit Gelb-Rot vom Platz stellte. Das Fortune mit glücklichen Platzverweisen blieb den Bayern also auch gegen Lyon treu.
Der Rest der Partie geriet zu einem Selbstläufer, in sich Lyon aufgab und Olic mit zwei weiteren Toren über sich hinauswuchs.
In der 67. Minute verwandelte der lauf- und kampfstarke Stürmer nach Steilpass von Hamit Altintop ...
... souverän zum 2:0.
In der 78. Minute besorgte er per Kopf ...
... den 3:0-Endstand.
Diesmal hatte ihm Lahm den Ball aufgelegt.
"Ich habe gedacht, Manchester war das Spiel meines Lebens, aber jetzt das Halbfinale war wieder so ein großartiges Spiel", strahlte der ohnehin immer lachende Olic nach der Partie.
Schon im Viertelfinale gegen Manchester hatte sich der Kroate als Mann für die wichtigen Tore erwiesen. Im Hinspiel erzielte Olic in der Nachspielzeit den 2: 1-Siegtreffer.
Im Rückspiel gegen das englische Spitzenteam leitete er nach einem 0:3-Rückstand mit seinem Tor zum 1:3 (Endstand 2:3) die Wende ein und ebnete den Weg ins Halbfinale.
Mit nunmehr zehn Bundesliga-Toren in dieser Saison und jetzt sieben Treffern in der Champions League hat "Schnäppchen" Olic auch den deutschen Nationalspielern Mario Gomez und Miroslav Klose längst den Rang abgelaufen.
Klose durfte in Lyon immerhin in den Schlussminuten den in der Höhe verdienten Sieg verwalten helfen.
Gomez, vor der Saison für 35-Millionen-Euro verpflichtet, drückte 90 Minuten die Bank. Das Argument, die Bayern hätten sich vor der Saison im Vergleich zur Klinsmann-Zeit für 85 Millionen Euro verstärkt und müssten unter van Gaal deshalb zwangsläufig erfolgreicher sein als im Vorjahr, verfängt immer weniger.
Van Gaal setzt nicht auf Millioneneinkäufe, sondern auf ein Spielkonzept – und deshalb auch teure Stars wie Gomez oder Timoschtschuk ohne zu zögern auf die Bank, wenn ablösefreie Neuzugänge wie Olic oder Talente wie Müller, Badstuber, Contento und Alaba engagierter, einfach besser ...
... oder wie im Fall Olic/Müller sogar beides sind.
Während Müller unter van Gaal, sofern er nicht gesperrt war, in jedem Pflichtspiel auf dem Platz stand, ...
... war er unter Klinsmann ähnlich wie Toni Kroos nur ein Perspektivspieler ohne echte Perspektive in München.
Doch während Kroos ging, blieb Müller – und wurde unter van Gaal zu einer tragenden Säule im Erfolgsrezept des Niederländers.
"Wenn ich mir vorstelle, wo ich vor einem Jahr gespielt habe, dritte Liga, und das war auch schon eine gute Liga für einen jungen Spieler. Es macht einfach Riesenspaß, mit dem Team im Finale zu sein", sagte Müller nun nach dem Erreichen des Endspiels.
Lyons Coach Claude Puel zeigte sich dabei als fairer Verlierer: "Die Bayern waren das stärkere Team. Schade, dass wir nach dem ersten Tor nicht den Ausgleich geschafft haben, wir hatten ein paar Möglichkeiten."
Durch den Einzug ins Champions-League-Endspiel haben die Bayern nicht nur Einnahmen von über 50 Millionen Euro sicher, sondern auch die Chance auf den fünften Triumph im wichtigsten europäischen Vereinswettbewerb.
"Jetzt müssen wir die Chancen nutzen, drei Titel zu gewinnen. Das wird uns auch für die Bundesliga beflügeln", glaubt Bayern-Manager Christian Nerlinger.
Youngster Contento sagte: "Finale, das ist ein Traum - und das mit 19. Ich hoffe auf Mailand im Finale. Inter finde ich schwächer als Barcelona, und die kommen aus meinem Land."
Wenn er wählen könnte, würde auch van Gaal mit seinen "unglaublichen" Bayern lieber gegen Inter Mailand spielen: "Ich hoffe, dass Jose Mourinho das Finale erreicht."
Aber auch vor einem Final-Duell mit seinem früheren Verein FC Barcelona würde der Niederländer keine weichen Knie kriegen.
Er predigt schon seit Wochen, was nach dem Spiel in Lyon auch immer mehr Nicht-Bayern-Fans zu glauben gewillt sind: "Bayern kann jede Mannschaft schlagen."
Diese Van-Gaal-Bayern schon. (Text: Christoph Wolf)
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