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Propaganda, Terror, Boykott: Olympia und die Politik

 
Kurz vor den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking erweist sich die Trennung von Sport und Politik als Utopie. Der olympische Fackellauf gerät zum Desaster für Peking.

Kurz vor den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking erweist sich die Trennung von Sport und Politik als Utopie. Der olympische Fackellauf gerät zum Desaster für Peking.

Begleitet von Protesten und Übergriffen wird die als größter Fackellauf der Geschichte angekündigte Veranstaltung zum Auflauf der Sicherheitskräfte.

Eine Verkürzung der Strecke in verschiedenen Städten wird beschlossen.

Die Funktionäre der Nationalen und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) stehen den Ereignissen hilflos gegenüber. (IOC-Präsident Jacques Rogge (l.) und der Chef des Pekinger Organisationskomitees)

Thomas Bach, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes und IOC-Vize, legt sich früh fest: Deutschland wird die Spiele von Peking nicht boykottieren. (Mit Jacques Rogge)

Dafür erntet er viel Kritik. Man wirft ihm vor, er denke vor allem an seine Karriere, schließlich gilt er als heißer Kandidat für den Posten des IOC-Chefs.

IOC-Mitglied Walther Tröger wiederum warnt die Athleten - sie dürften sich bei den Wettkämpfen nicht politisch äußern. Dies sei schließlich in der Charta des IOC festgelegt. Doch der Hinweis auf den unpolitischen Charakter von Olympia greift zu kurz.

Sicher: Olympische Spiele konnten immer wieder zur Völkerverständigung beitragen.

Und der olympische Gedanke des sportlichen Wettstreits, so wie ihn Pierre de Coubertin, der Begründer der Spiele der Neuzeit, formulierte, hat nach wie vor Bestand: ?

? Das Wichtige sei nicht das Gewinnen, sondern die Teilnahme. Das Grundlegende im Leben sei nicht die Eroberung, sondern der Wettstreit.

Doch Pierre de Coubertin ist darauf angewiesen, dass seine Idee von der Politik unterstützt wird. Nur so kann er die Olympischen Spiele als internationale Veranstaltung durchsetzen. (Statue zu Ehren Coubertins auf dem antiken Gelände von Olympia)

Dieser Umstand gilt verstärkt für seine Nachfolger im Amt des IOC-Präsidenten. (IOC-Präsident Rogge und Russlands Präsident Wladimir Putin)

Je größer die olympische Bewegung wird, desto stärker wird die Politik zum Ansprechpartner - für die Finanzierung, für Infrastruktur und Sicherheit.

Für die Politik wiederum wird Olympia zum Statussymbol - der Sportler kämpft für sein Land, er ist Repräsentant seiner Nation und wird vom Staat gefördert, um den Sieg zu erringen.

Die Nationalen Olympischen Komitees und die Politik gehen in der Sport- und Olympiapolitik Hand in Hand. (Innen- und Sportminister Schäuble (r.) mit Thomas Bach, dem höchsten deutschen Sportfunktionär)

Dabei will sich die olympische Bewegung in der Vorstellung Coubertins bewusst vom Denken in politischen Kategorien distanzieren. Und, in Anlehnung an die antike Friedenspflicht, Kriege verhindern.

Doch schon die ersten Olympischen Spiele im Jahr 1896 in Athen sind politisch.

Sie werden vom griechischen Staatsoberhaupt, König Georg I., eröffnet. Der Kronprinz ist Chef des Organisationskomitees. Beide fordern, die Spiele in jedem Jahr in Athen stattfinden zu lassen. Coubertin wehrt sich dagegen - Olympia soll die Völker einen.

Auch eine politische Entscheidung gibt es bereits: Die Starter Ungarns werden nicht als Vertreter der k.u.k.-Monarchie Österreich-Ungarn geführt, sondern als selbstständige Mannschaft. (Medaille von 1896)

Gleiches gilt für die Finnen bei den Spielen 1912 in Stockholm - fünf Jahre vor der eigentlichen Unabhängigkeit. (Paavo Nurmi, Finnlands wohl bekanntester Olympionik, 1952 in Helsinki)

Doch es ist nicht nur die Funktionärs-Politik, die Olympia beeinflusst - 1916 fallen die an Berlin vergebenen Spiele aus. Denn nicht der Krieg ruht während der Olympischen Spiele, wie in der Antike üblich, ?

? sondern die Spiele werden wegen des Ersten Weltkrieges abgesagt. Die Jugend der Welt stürmt aus den Schützengräben - und nicht auf der Bahn.

Coubertin hatte mit der Vergabe an Berlin sogar versucht, einen Krieg zu verhindern. Berlin wiederum - im festen Glauben an einen schnellen Sieg - hatte die Spiele erst im letzten Moment abgesagt.

1920 in Antwerpen, es sind die ersten Spiele nach dem Krieg, werden die Kriegsverlierer, darunter Deutschland und Österreich, ausgeschlossen. Sie dürfen erst 1924 in Paris wieder teilnehmen.

Es folgen die Spiele 1928 in Amsterdam ?

? und 1932 in Los Angeles.

Aber es sind die Wettkämpfe 1936 in Berlin, die dem unpolitischen Sport endgültig den Garaus machen.

Sie werden von den Nationalsozialisten zur hemmungslosen Selbstdarstellung missbraucht.

Deutsche Sportler zeigen bei der Siegerehrung den Hitlergruß. (Der Deutsche Lutz Long (r.) bei der Siegerehrung für den Weitsprung - gewonnen hat Jesse Owens)

Die Organisatoren sind Nationalsozialisten und gegenüber der politischen Führung weisungsgebunden. (Hitler (2.v.l.) und der Chef des Deutschen Olympischen Komitees, Theodor Lewald (M.), der auch im IOC sitzt und das Organisationskomitee leitet)

Die Spiele werden komplett vom Staat finanziert und bis ins kleinste Detail geplant. Dem IOC wirft man später vor, sich nicht genug distanziert zu haben.

Die Judenverfolgung wird kurzfristig abgemildert - Deutschland soll für die ausländischen Gäste in einem positiven Licht erscheinen.

Gleichzeitig werden die Sportstätten permanent von der Gestapo überwacht - Proteste sollen im Keim erstickt werden. Der Postverkehr des olympischen Dorfes wird umfassend zensiert. Nur deutsche Fotografen sind zugelassen.

Juden gehören nicht zur deutschen Mannschaft. Als "Feigenblatt" dienen den Nationalsozialisten zwei halbjüdische Sportler, die aber schon längst im Ausland leben.

Zur Inszenierung gehören auch der erste Fackellauf der Geschichte vom antiken Olympia nach Berlin, der mit seiner mythischen Gestaltung der Ideologie der Nazis entgegenkommt, ...

? und der von Leni Riefenstahl gedrehte zweiteilige Film "Olympia: Fest der Völker" bzw. "Fest der Schönheit" - ein Dokument der nationalsozialistischen Ästhetik.

International werden die Spiele als großartige Veranstaltung wahrgenommen.

Es sind die ersten Spiele der Moderne. So werden zum Beispiel die Wettkämpfe im Rundfunk übertragen.

Es gibt über drei Millionen Zuschauer - und das Deutsche Reich wird erfolgreichste Nation. (Siegerehrung der 4x400 Meter Staffel der Männer)

Aber die Judenverfolgung, die Errichtung von Konzentrationslagern und die Nürnberger Rassegesetze sind der Anlass für Boykott-Überlegungen, vor allem in den USA. Dass er nicht stattfindet, wird als Sieg der Trennung von Sport und Politik gedeutet.

Avery Brundage, der spätere IOC-Präsident, spricht sich für eine Teilnahme der USA aus - und setzt sich durch. Boykottiert werden die Spiele nur vom Freistaat Irland und der Mannschaft Palästinas.

Eine zweifelhafte Entscheidung, aber sie hat auch etwas Gutes: Denn Star der Spiele wird der US-Amerikaner Jesse Owens, der die Leichtathletik-Wettkämpfe dominiert, ?

? und die von Hitler postulierte Überlegenheit der weißen Rasse konterkariert - sehr zum Missfallen der nationalsozialistischen Elite.

Der Zweite Weltkrieg verhindert die folgenden Olympischen Spiele: 1940 werden sie an Tokio vergeben. Doch durch den japanisch-chinesischen Krieg werden sie der Stadt wieder entzogen ?

? und Helsinki zugeschlagen - in Europa tobt jedoch inzwischen der Krieg. So wie noch 1944, als Olympia in London stattfinden soll.

Nachgeholt werden die Spiele 1948 - ebenfalls in London. Deutschland und Japan werden als Kriegsschuldige ausgeschlossen.

1952 in Helsinki gibt es ein neues Politikum. Erstmals nimmt die Sowjetunion an Olympia teil. Der Ostblock erhält ein eigenes olympisches Dorf. (Emil Zatopek (r.), Olympiasieger über 5000 m)

Trotzdem gelten die Spiele, genau wie die folgenden in Melbourne (1956), Rom (1960) und Tokio (1964), als Spiele der Verständigung, obwohl sich die Spannungen zwischen Ost und West verschärfen.

1956 boykottieren die Niederlande, die Schweiz und Spanien die Spiele aus Protest gegen die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn.

Ägypten, Irak, Kambodscha und der Libanon reisen wegen der Suez-Krise nicht nach Melbourne.

Ende der 1960er Jahre kommt es jedoch zur zunehmenden Politisierung. Die Sportler gewinnen die Medaillen für den jeweiligen Block und damit für die Ideologie. Auch innenpolitische Konflikte drücken sich während der Spiele aus.

Olympia 1968 in Mexiko-Stadt wird von einem Massaker an demonstrierenden Studenten überschattet, das zehn Tage vor der Eröffnungsfeier stattfindet.

Geschätzt werden über 300 Demonstranten getötet. Aufgeklärt wird der Vorfall bis heute nicht vollständig.

Ein weiteres Ereignis sorgt in Mexiko für Aufsehen: Tommie Smith (m.) und John Carlos (l.), zwei US-Athleten, protestieren bei der Siegerehrung gegen die Rassendiskriminierung in den USA ?

? und zeigen die schwarze Faust der Black Panther-Bewegung. Beide werden daraufhin vom Nationalen Olympischen Komitee der USA von den Spielen ausgeschlossen.

Die folgenden Spiele in München stehen im Zeichen des Terrors.

Acht palästinensische Terroristen dringen in das von Kritikern als unsicher empfundene olympische Dorf ein, besetzen die Unterkünfte der israelischen Mannschaft, ?

? ermorden zwei Mitglieder des Teams und nehmen neun weitere Geiseln.

Die Befreiung durch die deutsche Polizei misslingt. Alle israelischen Sportler und die Mehrzahl der Terroristen kommen ums Leben.

Die Spiele werden jedoch fortgesetzt.

"The Games must go on" - "Die Spiele müssen weiter gehen", verkündet IOC-Präsident Brundage.

Wiederholt hat sich solch eine Attacke nicht mehr. Doch die Politisierung nimmt in den folgenden Jahren andere Formen an - die des Boykotts.

1976 bleiben afrikanische Staaten den Spielen in Montreal fern. Sie protestieren damit gegen die Teilnahme Neuseelands, das immer noch sportliche Kontakte zum Apartheid-Staat Südafrika hält.

Und auch Taiwan fährt nicht nach Kanada, denn es sollte unter dem Namen "Taiwan" starten, nicht unter der Eigenbezeichnung "Republik China". Bereits in Rom hatten sie für ihren Namen protestiert.

Der Boykott als Ausdruck politischer Meinung bestimmt auch die folgenden Spiele: 1980 fehlen in Moskau die USA, die Bundesrepublik Deutschland und weitere Staaten, vor allem des Westblocks und der Arabischen Liga - insgesamt 64.

Andere Sportler treten zwar an, verzichten aber auf Hymnen und Flaggen ihrer Länder. Die britischen Athleten bleiben der Eröffnungsfeier fern - nur der Chef des Nationalen Olympischen Komitees trägt die Olympia-Fahne.

Der Grund für den Boykott ist der sowjetische Einmarsch in Afghanistan Ende 1979.

Nahezu der gesamte Ostblock, mit Ausnahme Rumäniens und Jugoslawiens, revanchiert sich 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles und bleibt den Veranstaltungen fern.

Als Grund werden unzureichende Sicherheitsvorkehrungen für die sowjetischen Sportler genannt. Zuvor hatte es in den USA Proteste gegen die UdSSR gegeben.

Als Reaktion ruft Medienmogul Ted Turner (m.) die Goodwill Games ins Leben, die die USA und UdSSR einander näher bringen sollen. Sie finden insgesamt sechsmal statt, abwechselnd in den USA und der Sowjetunion, 2001 letztmalig in Australien.

Boykott und Gegen-Boykott lassen für Olympia 1988 in Seoul Schlimmes erahnen. Doch die Entspannungspolitik Ende der 1980er Jahre verhindert ein olympisches Debakel. Nur Nordkorea fehlt, da es nicht als Gastgeberland eingebunden wird.

Das Ende des Ostblocks bedeutet auch ein (vorläufiges) Ende der Olympia-Boykotte. Erst für die Spiele in Peking werden diese wieder ernsthaft von mehreren Staaten diskutiert - und von Menschenrechtsorganisationen gefordert.

Doch deshalb ist Olympia nicht unpolitischer geworden. 1996 explodiert in Atlanta die Bombe eines christlichen Fundamentalisten. Zwei Menschen sterben, über 100 werden verletzt.

2002, ein halbes Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, werden die Winterspiele in Salt Lake City unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen von US-Präsident Bush zur patriotischen Veranstaltung umgedeutet.

Er eröffnet die Spiele "im Namen einer stolzen, entschlossenen und dankbaren Nation" - und ändert damit erstmals in über 100 Jahren den von Coubertin entwickelten Eröffnungssatz.

Die zunehmende Kommerzialisierung macht die Veranstaltung außerdem zu einem wichtigen Wirtschaftsunternehmen für die Veranstalter. Entsprechend hart wird um die Vergabe gekämpft - mit allen Mitteln, inklusive Bestechung und Korruption.

Mit der Vergabe setzt das IOC aber auch, gewollt oder ungewollt, politische Zeichen. Doch diese sind oft umstritten. Schon wenige Jahre nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz soll Peking die Olympiade 2000 bekommen - ...

... auf ausdrücklichen Wunsch von IOC-Chef Samaranch. Doch Sydney kann sich durchsetzen - auch wegen der Bestechung afrikanischer IOC-Mitglieder.

Der langjährige IOC-Präsident steht ohnehin im Ruf, das Komitee autokratisch geführt zu haben. Unter ihm soll die Korruption eine Blüte erlebt haben.

Andererseits hat er die olympische Bewegung durch die schwierigen Boykott-Jahre geführt - und durch die Kommerzialisierung die Finanzierung gesichert. (Mit Nachfolger Rogge)

Samaranchs Wunschkandidat Peking kommt erst acht Jahre später zum Zug, als er bereits abgetreten ist. Eine Entscheidung, die seither von Menschenrechtsgruppen, aber auch von Politikern kritisiert wird ...

... und zu Protesten beim Fackellauf führt. So politisch war Olympia lange nicht.

Und auch in Zukunft werden sich die Olympischen Spiele nicht von der Politik fernhalten können. Denn 2014 finden die Winterspiele im russischen Sotschi statt. Präsident Putin (r.) hat sich persönlich dafür stark gemacht.

Die Trennung von Sport und Politik bleibt somit auch weiterhin Utopie. (Text: Markus Lippold, alle Bilder: dpa, AP)

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