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Dienstag, 30. Mai 2017

Chronik der Eskalation: Tuchel-Rauswurf beendet BVB-Saison der Extreme

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Borussia Dortmund hat eine in allen Belangen außergewöhnliche Saison 2016/17 hinter sich. (Foto: imago/Nordphoto)

Borussia Dortmund hat eine in allen Belangen außergewöhnliche Saison 2016/17 hinter sich.

Borussia Dortmund hat eine in allen Belangen außergewöhnliche Saison 2016/17 hinter sich.

Geprägt wurde sie von Zerwürfnissen, Verletzungen, Krankheiten und Extravaganzen.

Aber alles überschattete der Mordanschlag auf die Mannschaft.

Die BVB-Saison der Extreme kulminierte drei Tage nach dem Pokalsieg ...

... in der vom Verein wochenlang vorbereiteten Trennung von Trainer Thomas Tuchel, dem punktbesten Bundesliga-Coach der BVB-Geschichte.

Die Chronik dieser bizarren BVB-Saison ist deshalb auch die Chronik einer Eskalation.

2. Juli 2016: Der BVB verkündet nach den Abschieden von Ilkay Gündogan und Mats Hummels den Wechsel von Henrikh Mkhitaryan zu Manchester United.

Zuvor hatte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke garantiert, dass nicht alle drei Leistungsträger den Verein verlassen werden.

Vor allem der Abgang von Mkhitaryan zu Manchester United verärgert Tuchel. Den nötig gewordenen großen Umbruch im Kader bezeichnet der Trainer als "riskant", Watzke bezeichnet ihn dagegen als "ambitioniert".

21./22. Juli 2016: Der BVB holt Mario Götze vom FC Bayern zurück und verpflichtet André Schürrle. Was keiner ahnen kann: Sie werden mehr Sorgenkinder als Stützen sein.

Als wichtigster Zugang wird sich Ousmane Dembélé erweisen.

September: Der neue Tuchel-BVB kommt ins Rollen. 6:0 in Lissabon, 6:0 in Darmstadt, 5:1 in Wolfsburg.

Einziger Wermutstropfen: die unglückliche Niederlage bei Aufsteiger RB Leipzig (0:1).

2. November 2016: Pierre-Emerick Aubameyang wird wegen eines unerlaubten Wochenend-Ausflugs nach Mailand für das Champions-League-Spiel gegen Sporting Lissabon suspendiert.

Als er in der Liga wieder mitspielen darf, erzielt er einen Viererpack gegen den Hamburger SV. Dennoch: Erste Unruhe und Zweifel kommen auf im Verein.

26. November 2016: Die Unruhe wächst. Nach dem 1:2 bei Eintracht Frankfurt wirft Tuchel seiner Mannschaft Totalversagen vor: "Technisch, taktisch, mental, Bereitschaft - komplett. Unsere Leistung war ein einziges Defizit."

2. Januar 2017: Eine "Kicker"-Reportage offenbart Differenzen im Verein. Tenor: Tuchel habe taktische Schwächen und Probleme, die Mannschaft zu führen, zudem werde intern wenig kommuniziert. Fazit: Verlängerung des bis 2018 laufenden Vertrags fraglich.

Zudem habe sich Tuchel mit BVB-Chefscout Sven Mislintat wegen des geplatzten Transfers des Atletico-Madrid-Talents Oliver Torres bereits im Januar 2016 überworfen.

Bezeichnend: Trotz des Streits mit Tuchel wird der von vielen Klubs umworbene und enge Vertraute von BVB-Sportdirektor Michael Zorc zum "Leiter Profifußball" befördert.

25. Januar 2017: Der BVB verpflichtet das vermeintliche schwedische Supertalent Alexander Isak für zehn Millionen Euro – und bestätigt damit die internen Kommunikationsprobleme. Denn Tuchel erklärt dazu: "Ich kannte den Spieler gar nicht." Er sei in den Transfer erst sehr spät eingeweiht worden.

Offene Kritik verkneift sich der Coach, möglicherweise nach einer Ansage der BVB-Spitze. Stattdessen sagt er: "Es gibt Transfers, in die ich als Trainer komplett involviert bin. Und es gibt Transfers wie Isak, bei dem das Scouting und Michael Zorc die große Vorarbeit leisten."

4. Februar 2017: Die "Gelbe Wand" wird zur "Wand des Hasses". Dutzende Plakate auf der Südtribüne enthalten üble Beleidigungen gegen den Gast RB Leipzig. Vor dem Stadion gibt es Jagdszenen: Die Polizei spricht von "extremer Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Dortmunder Anhängerschaft gegenüber den Gästen", auch gegen Frauen und Kinder. Mehrere Polizisten werden verletzt.

Beim nächsten Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg am 18. Februar bleibt die Südtribüne infolge einer DFB-Strafe leer.

11. Februar 2017: Tuchel erklärt die Partie in Darmstadt zum Mentalitätstest - und wird bitter enttäuscht.

Seine Mannschaft sei "gnadenlos durchgefallen" poltert er nach dem unerwarteten 1:2 beim Tabellenletzten.

Tuchel bringt seine Bedenken zum Ausdruck, ob das Saisonziel "direkte Champions-League-Qualifikation" nicht doch zu ambitioniert ist: "Vielleicht muss einfach mal da ein Umdenken stattfinden." Bei der Vereinsführung sorgt das für großes Befremden.

27. Februar 2017: Nachdem er von Tuchel zuletzt schon nicht mehr eingesetzt wurde, nimmt der BVB Mario Götze wegen einer Stoffwechselstörung aus dem Training. Der Weltmeister soll erst zur Sommer-Vorbereitung wieder fit sein.

11. April 2017: Bei der Abfahrt vom Hotel L'Arrivée zum Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco explodieren neben dem Mannschaftsbus drei Sprengsätze.

Scheiben bersten, Abwehrspieler Marc Bartra wird schwer an Arm und Hand verletzt und fällt bis Mitte Mai aus.

Die Ermittlungen zeigen, dass der BVB großes Glück hatte: Der mittlere Sprengsatz war in einer Hecke zu hoch platziert und hatte daher wenig Wirkung.

Als Tatverdächtiger wird später ein 28-Jähriger ermittelt. Er wollte sich angeblich an sinkenden BVB-Aktienkursen bereichern.

12. April 2017: Der BVB tritt nur einen Tag nach dem Anschlag zum Viertelfinal-Hinspiel gegen AS Monaco an, ...

... verliert mit 2:3 und scheidet später aus.

Nach dem Spiel klagen Tuchel und einige Spieler, sie fühlten sich überrollt und missbraucht und seien nicht in die Entscheidung eingebunden worden.

Das ist auch deutliche Kritik gegen die Vereinsführung um Hans-Joachim Watzke ...

... und Präsident Reinhard Rauball, der am Tag des Anschlags mit Blick auf die rasche Neuansetzung sagt: "Das sind Profis, da bin ich der Auffassung, dass sie das wegstecken können."

26. April 2017: Zweieinhalb Wochen nach dem Anschlag gewinnt der BVB das Pokal-Halbfinale bei Bayern München 3:2 und zieht als erste Mannschaft zum vierten Mal in Folge ins Pokalfinale ein.

6. Mai 2017: Watzke platziert ein brisantes Interview, ausgerechnet am Morgen des wichtigen Heimspiels gegen 1899 Hoffenheim, in dem es um Platz 3 in der Liga geht.

Im Interview erklärt Watzke, dass Tuchel in den Entscheidungsprozess zur Neunsatzung des Monaco-Spiels eingebunden gewesen sei – und er räumt einen klaren "Dissens" mit Tuchel ein, der nach dem 1:0-Sieg scharf antwortet.

Das Verhältnis scheint endgültig zerrüttet zu sein, das Interview scheint Teil einer gezielten Vereinskampagne. Neben Pro-Watzke-Artikeln erscheint unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung" ein Bericht, in dem anonym BVB-Spieler mit heftiger Kritik an Tuchel zitiert werden.

Die Medienresonanz ist gewaltig. Spekulationen, mit dem Watzke-Interview solle die Trennung von Tuchel vorbereitet werden, bezeichnet BVB-Sportdirektor Michael Zorc als "Unsinn". Er verweist auf ein angeblich ergebnisoffenes Gespräch nach dem Pokalfinale.

14. Mai 2017: Nationalspieler Julian Weigl erleidet einen Verrenkungsbruch des Sprunggelenks. Er wird monatelang ausfallen.

20. Mai 2017: Tuchel löst mit einem 4:3 gegen Werder Bremen ein, was Watzke monatelang als Minimalziel eingefordert hat: die direkte Champions-League-Qualifikation.

Aubameyang wird Torschützenkönig, Bartra gibt sein Comeback.

Die beiden Macher umarmen sich kurz ...

... und kühl.

27. Mai 2017: Mit einem 2:1 gegen Eintracht Frankfurt gewinnt Borussia Dortmund den DFB-Pokal.

Trotzdem gibt es Misstöne.

Die Ausbootung von Nuri Sahin, der in Berlin trotz der Verletzung von Weigl nicht mal im Kader stand, veranlasst Kapitän Marcel Schmelzer zu harscher Kritik an Tuchel: "Ich war geschockt. Nuri ist ein toller Fußballer, ein toller Mensch. Wir stehen hinter ihm."

Ähnlich äußerte sich der in Dortmund sehr einflussreiche Marco Reus: "Ich habe mich darüber gewundert. Nuri war eigentlich gut drauf."

30. Mai 2017: Der letzte Akt im Dortmunder Tuchel-Theater: der Trainer mit dem besten Bundesliga-Punkteschnitt der BVB-Geschichte muss drei Tage nach dem Pokalsieg gehen.

Das ergebnisoffene Gespräch dauert laut "Bild"-Zeitung nur 21 Minuten.

Bezeichnend: Tuchel gibt die Trennung über ein erst Stunden zuvor angelegtes Twitter-Profil zuerst bekannt.

Erst danach folgt eine offizielle Vereinsmitteilung und später sogar ein offener Brief von BVB-Boss Hans-Joachim Watzke.

Darin offenbart der Verein noch einmal, wie zerrüttet das Verhältnis zu Tuchel war. Unter anderem heißt es, der BVB lege großen Wert auf die Feststellung, "dass es sich bei der Ursache der Trennung keinesfalls um eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Personen handelt".

Vielmehr sei die Zusammenarbeit zwischen BVB-Führung und Tuchel aufreibend gewesen - und am Ende das Vertrauensverhältnis zerstört.

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