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Donnerstag, 18. Dezember 2014

Schöne Seiten unter dem Tannenbaum: Schenk doch ein Buch!

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Das Top-Weihnachtsgeschenk. Wer möchte es nicht gerne verschenken? (Foto: dpa)

Das Top-Weihnachtsgeschenk. Wer möchte es nicht gerne verschenken?

Das Top-Weihnachtsgeschenk. Wer möchte es nicht gerne verschenken?

Oder noch besser: Es bekommen!

Was das Top-Geschenk sein könnte, da gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Ein Glück, dass es Umfragen zu dem Thema gibt.

Demnach freuen sich Männer über Elektronik.

Frauen über Wellness.

Urlaube finden beide Geschlechter toll.

Aber was ist denn das eine, ultimative Geschenk, auf das sich alle Geschlechter und Altersgruppen einigen können?

Es sind tatsächlich immer noch und immer wieder: Bücher! Ob in klassischer Buchform oder als digitaler Gutschein mit einer liebevollen Empfehlung.

Aber ach! Die Auswahl ist so groß! Die Zeit zum Stöbern zu kurz!

Wie alle Jahre wieder können Sie sich aber auch dieses Weihnachten ganz auf uns verlassen. Wir haben eifrig gelesen und präsentieren Ihnen hier unsere persönlichen Geschenktipps. Auf geht’s!

Krieg, Liebe und Verrat sind die Themen der großartigen Saga "Die Stimmen des Flusses". Die Lehrerin Tina Bros findet zufällig die Aufzeichnungen des 1944 getöteten Dorfschullehrers Oriol Fontelles.

Sein Schicksal lässt sie nicht mehr los und verbissen geht sie der Fragen nach: Warum musste Fontalles sterben? War er ein Frankist oder Kommunist? Wer hat ihn verraten?

Der katalanische Autor Jaume Cabré verschränkt das Schicksal der Lehrerin mit dem des Dorfschullehrers und zeichnet mit ebenso scharfem wie bitterbösem Blick ein Sittengemälde des Spanischen Bürgerkrieges und der Anfänge der Franco-Ära. Am Ende des fast 700 Seiten langen, virtuos durchkomponierten Buches bleibt vor allem ein Gefühl: Bedauern, dass der Roman schon ein Ende hat. (Suhrkamp, 666 Seiten, 9,99 Euro)

Zum Glück gibt es noch weitere ins Deutsche übersetzte Romane Cabrés. Besonders empfiehlt sich "Senyoria", die Geschichte eines Richters am Ende des 18. Jahrhunderts, den seine eigenen Verfehlungen einholen. Mehr und mehr zieht sich die Schlinge zu und obwohl Don Rafel Massò i Pujades alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse ist, kann der Leser doch nicht umhin als mit ihm zu fühlen und zittern. Gleichermaßen humorvoll und einfühlsam beschreibt Cabré seinen Romanhelden, dessen Eitelkeiten, Begierden und Träume so zeitlos sind. (Suhrkamp, 444 Seiten, 9,95 Euro)

Warum machen die Briten noch Witze, selbst wenn sie gerade einem Terroranschlag entkommen sind? Weshalb begrüßen sie sich nicht ordentlich, sagen nie das, was sie meinen? Und warum machen sie sich selbst noch in Kontaktanzeigen schlecht?

Wer die britische Psyche verstehen will, sollte unbedingt "Watching the English" lesen. Mehr als 20 Jahre hat die Anthropologin Kate Fox das Benehmen ihrer Landsleute zu ergründen versucht und ein gleichermaßen kluges wie humorvolles Buch verfasst.

Auf sehr unterhaltsame Weise schärft es den Blick für Verhaltensweisen. Wobei nicht nur die ausgesprochenen und unausgesprochenen Regeln des Inselvolkes klar zutage treten, sondern im Vergleich dem Leser auch das eigene, vermeintlich so selbstverständliche, Verhalten im neuem Licht erscheint. (Hodder and Stoughton, 424 Seiten, 12,71 Euro)

Den Haag, 2005: Als ehemaliger Anführer der "Wölfe", einer Elitetruppe der serbischen Armee, ist Marko Kovać für mehrere Kriegsverbrechen während des Bosnienkriegs angeklagt. Doch dass er tatsächlich für die Verbrechen in Višegrad an der Drina verantwortlich ist, lässt sich bisher nicht beweisen. Als ein Kronzeuge bei einem Attentat getötet wird, droht der Prozess gegen den Serben endgültig zu scheitern. Um ihn schließlich doch noch zu überführen, …

… macht sich Chefermittlerin Jasna Brandič auf den Weg nach Belgrad. Es beginnt ein riskanter Wettlauf gegen die Zeit - und gegen die skrupellosen "Wölfe", die schon längst Jasnas Fährte aufgenommen haben. Der jugoslawische Bürgerkrieg ist in André Georgis Romandebüt "Tribunal" allgegenwärtig. Geschickt verknüpft der Drehbuchautor seine fiktive Geschichte mit historischen Fakten und erzählt so einen packenden Politthriller über einen Konflikt, der bis heute einen langen, blutigen Schatten wirft. (Suhrkamp, 316 Seiten, 14,99 Euro)

Auch "Schmetterling im Sturm" erzählt eine nervenaufreibende Geschichte um eine ehrgeizige junge Frau: Eigentlich will Farah Hafez in einem Amsterdamer Krankenhaus ihre letzte Kampfsportgegnerin besuchen, als ein schwerverletztes Kind in die Notaufnahme eingeliefert wird. Sofort fällt der Journalistin die Kleidung des Jungen auf, denn diese wird traditionell in ihrer Heimat Afghanistan getragen - allerdings von Mädchen.

Für Farah ist klar: Der Junge wurde Opfer eines schrecklichen Rituals, das nun offenbar seinen Weg in die Niederlande gefunden hat. Bei ihrer Suche nach den Drahtziehern kommt sie einem internationalen Kinderhändlerring auf die Spur und dringt dabei bis in die höchsten politischen Kreise vor. Man kann sich jetzt schon auf weitere Thriller von Walter Lucius freuen - sein Romandebüt ist der Auftakt zur sogenannten Heartland-Trilogie. (Suhrkamp, 571 Seiten, 15,99 Euro)

"Der Tod ist unvermeidbar, wie das Leben." Diese Erkenntnis teilen Fuchs und Wildschwein, während sie einer Eintagsfliege beim Schlüpfen zusehen. Doch dann verlieben sie sich in das Eintagsfliegenmädchen und bringen es kaum übers Herz, ihr von ihrem baldigen Tod zu erzählen. Einen Beruf und ein paar Sprachen lernen, heiraten, alt werden - die Eintagsfliege hat viel vor und so wenig Zeit.

Aber Fuchs (Martin Baltscheit) und Wildschwein (Charly Hübner) schwindeln ein wenig und feiern mit der süßen Fliege (Annett Louisan) auf der Glückssuche das Leben. Eine wundervoll erzählte und herrliche weise Geschichte, die vollkommen zu Recht die Hörbuchpreise abräumt. (Oetinger audio, 41 Minuten, ab 6 Jahren, 12,99 Euro)

Der Traum vom Fliegen wird für eine kleine Maus zur Überlebensstrategie, nachdem plötzlich überall in der Stadt Mausefallen auftauchen und dafür die Mäuse verschwinden. Aber wie soll es nur klappen, sich in die Lüfte zu erheben, um bis nach Amerika zu kommen? Die ersten Versuche der Maus schlagen fehl, aber wer zu seinen Freunden will, muss die Erfindung einer Flugmaschine schaffen.

Torben Kuhlmann gibt dem Luftfahrt-Mythos von der ersten Alleinüberquerung des Atlantiks von Charles Lindbergh einen poetischen sepiafarbenen Ton.

Seine Illustrationen, in denen das historische Hamburg wiederaufersteht, entfalten zusammen mit der Geschichte einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. ("Lindbergh", Nord-Süd-Verlag, ab 5 Jahren, 96 Seiten, 17,95 Euro)

Stichkopf ist das erste Wesen, das der Junge Erasmus in bester Frankensteinmanier erschaffen hat. Seitdem sind viele Jahre vergangen, und immer neue Monster haben das Licht der Welt erblickt. Monster, denen Stichkopf zahlreiche Unarten wie den Drang Menschen zu fressen, abgewöhnt hat.

Doch Professor Erasmus verliert zunehmend jedes Maß und dann begehren auch noch Fremde Einlass in die Burg Grottenow. Guy Bass hat eine gleichermaßen lustige wie berührende Gruselgeschichte geschrieben, in der Liebe und Freundschaft ihre eigene Zauberkraft entwickeln. ("Stichkopf", Fischer KJB, 192 Seiten mit vielen Illustrationen, 11,99 Euro)

Zwischen 10 und 200 Millionen Tierarten leben auf der Erde, davon kennt die Menschheit noch immer nur einen Bruchteil. Dabei sind Plattentiere, Bärtierchen, Hakenrüssler und Gliederfüßer bei genauer Betrachtung mindestens so faszinierend wie die meisten Säugetiere. Der Biologe Ross Piper zeigt auf über 500 Fotos die oft bizarre Schönheit dieser Lebewesen.

In seinen Beschreibungen widmet er sich gleichermaßen wissenschaftlich und trotzdem sehr unterhaltsam ihrem Körperbau, ihrer Lebensweise und vor allem ihren Überlebenstechniken. Hier hat man das Gefühl, der Evolution bei der Arbeit zuzusehen. Ross Piper "Unbekannter Planet". (Theiss-Verlag, 320 Seiten, 49,95 Euro)

In sein Testament hatte Wolfgang Herrndorf geschrieben, dass keines seiner Fragmente aufbewahrt werden sollte. Erst kurz vor seinem Suizid am 26. August 2013 am Berliner Hohenzollernkanal revidierte er diese Forderung an seine Freunde. Und so konnte "Bilder deiner großen Liebe" als Herrndorfs unvollendeter letzter Roman doch noch erscheinen.

Eine Fortsetzung seines Bestsellers "Tschick" aus Isas Perspektive schwebte Herrndorf vor, doch dann machte sich seine Isa unter den Sternen auf den Weg und erzeugte dabei ihre ganz eigene Geschichte. Auf dieser Wanderschaft zu sich selbst trifft sie schließlich auch Tschick und Maik wieder. Ein Buch, das die Trauer um einen sprachgewaltigen Autor neu weckt. (Rowohlt-Verlag, 144 Seiten, 16,95 Euro)

Das Herrenhaus Highclere Castle lieferte in der Familiensaga Dowton Abbey nicht nur die Kulisse für die Dreharbeiten, die frühere Schlossherrin Lady Almina inspirierte Drehbuchautor Julian Fellowes auch zur Figur der Lady Cora Crawley. Die jetzige Schlossherrin von Highclere Castle, Lady Fiona Carnarvon, erzählt in "Lady Almina und das wahre Dowton Abbey" die Geschichte der berühmten Ahnherrin.

Vieles kommt einem bekannt vor: der Tausch Geld gegen Titel, gelegentlich etwas unklare Vaterschaftsverhältnisse, schwierige Erb- und Mitgiftverhandlungen und das ständige Ringen mit dem Personal. Britische Kritiker bemängeln den etwas geschönten Blick auf die Familiengeschichte, das sollte enthusiastische Downton-Fans jedoch nicht davon abhalten, sich den Schmöker genüsslich zu Gemüte zu führen. (mvg-Verlag, 301 Seiten, 17,99 Euro)

Lange bevor Facebook den Blick auf Fotos von Urlauben, Mittagessen oder den süßen Nachwuchs von Freunden und Bekannten erlaubte, erhielten Harvard-Absolventen alle fünf Jahre ein gebundenes Statusupdate von ihren Mitstudenten. So schwer es ihr selbst fiel, rechtzeitig mit ihrem eigenen Beitrag für das "Red Book" fertig zu werden, so begierig wartete die US-Schriftstellerin Deborah Copaken Kogan immer darauf. Das war die Initialzündung für ihren Roman "The Red Book" über vier Harvard-Absolventinnen, die sich zum 20. Jahrestag wiedertreffen.

Addison, Clover, Mia und Jane sind über die Jahre lose befreundet geblieben. Beim Klassentreffen stellen sie ihr Leben und ihre Freundschaft auf den Prüfstand. Und stellen fest: Von den Träumen von 1989 sind sie alle weit entfernt. Addison lebt eine Lüge, Clover hat alles in ihren nun verlorenen Job bei Lehman Bros gesteckt und darüber versäumt, Kinder zu kriegen, Mia hat wiederum ihren Traum von der Schauspielerei für ihre Kinder begraben und Jane musste mehr Schicksalsschläge ertragen, als sie konnte. Doch ist es zu spät, dem Leben noch einmal eine neue Richtung zu geben?

Ob man Klassentreffen liebt oder meidet – "The Red Book" ist die ideale Lektüre, wenn man gerade eine solche Einladung erhalten hat. Ist der alte Schwarm immer noch so attraktiv? Werden die anderen das eigene Leben auch als Erfolg werten? Sieht man noch so aus wie damals? Auch wenn es bislang nur auf Englisch erhalten ist, werden nicht nur Harvard-Absolventinnen "The Red Book" vor der letzten Seite nicht aus der Hand legen können. (Virago, 16,18 Euro)

In einem Rutsch liest sich auch "Die Galerie der verschwundenen Ehemänner", der dritte Roman der 1980 geborenen Autorin Natasha Solomons. Die lebt in einem baufälligen Naturstein-Cottage in Dorset, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann David auch Drehbücher entwickelt. Die ländliche englische Idylle, aber auch die Neugier der Nachbarn an diesen Orten spielt in ihren Büchern eine große Rolle.

Juliet Montague bekommt die soziale Kontrolle in ihrer konservativen jüdischen Gemeinde in einem Londoner Vorort mit aller Wucht zu spüren, als ihr Ehemann einfach verschwindet. Sie wird zu einer "Aguna", eine Verlassene, die ohne Hoffnung auf Scheidung oder eine Todesnachricht an den Verschollenen gebunden ist. Doch statt wie erwartet fortan allein für ihre Kinder zu leben, bricht Juliet aus. Statt eines Kühlschranks kauft sie sich an ihrem 30. Geburtstag ein Portrait ihrer Selbst. Ihre Eintrittskarte in die Kunstwelt Londons und nur das erste Portrait einer ungewöhnlichen Frau.

Mit der von ihrem Romeo verlassenen Juliet setzt Natasha Solomons der Großmutter ihres Mannes ein Denkmal, die in der Nachkriegszeit als Aguna nicht nur ihre Kinder allein großzog, sondern gegen die Konvention erfolgreich einen eigenen Friseursalon führte. Der Gegensatz zwischen der Kunstszene und der kleinbürgerlichen jüdischen Welt, macht den Reiz dieses Buches aus. Solomons hat sich mit drei Büchern schon eine Fangemeinde erschrieben, die sich etwa zu eigenen Portraits der fiktiven Juliet inspirieren ließen und diese bei Twitter teilen. (Rowohlt, 416 Seiten, 19,95 Euro)

Können Schauspieler schreiben? Und ob. Nach seinen venezianischen Geschichten "Die Seerose im Speisesaal" seufzte das Feuilleton beglückt nach mehr. Ulrich Tukur tat ihnen den Gefallen und legt nun mit "Die Spieluhr" eine Novelle vor. Ein Format, das im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt hatte und jetzt auch bei modernen Autoren wieder beliebt ist. Doch bislang hat kaum jemand etwas geschaffen, das so seltsam, eindringlich und auch magisch ist, wie man sich die "Kleine Schwester des Dramas" vorstellt. Tukur gelingt das scheinbar mühelos.

Ein Schauspieler reist nach Nordfrankreich, um dort die Hauptrolle in einem Film über einen Kunsthändler und einer Putzfrau, die himmlischen Stimmen zum Malen bringen, zu übernehmen. Der Kunsthändler und seine Entdeckung leben in schweren Zeiten, zwei Weltkriege reißen sie auseinander. Auf der Suche nach einem geeigneten Drehort verschwindet ein junger Filmassistent. Und erzählt bei seiner Rückkehr Unglaubliches.

Im mehrfach ausgezeichneten Film "Séraphine" spielte Tukur 2008 tatsächlich den deutschen Kunstsammler Wilhelm Ude, der historisch verbürgt in einer Putzfrau eine begabte Malerin entdeckte. In "Die Spieluhr" spinnt er die Geschichte fort und übertüncht dabei geschickt mit einem magischen Firnis die Grenzen zwischen Wahrheit und Imagination. Ist die Zeit eine Art Membran, die wir durchstoßen können?, fragt Tukur, der von sich selbst behauptet, im falschen Jahrhundert zu leben. Ein Schmuckstück unter der Tanne. Auch wegen der patina-goldenen Gestaltung. (List Taschenbuch, 160 Seiten, 10,99 Euro)

Dieses Buch ist zwar schon ziemlich alt, aber trotzdem noch klasse! "Fegefeuer der Eitelkeiten" von Tom Wolfe erschien 1987 in den USA und wurde so etwas wie der Kult-Roman der 80er. Worum geht's? Sherman McCoy, ein Börsenhai, der sich für den Allergrößten hält, fährt in der Bronx einen jungen Schwarzen an, der daraufhin ins Koma fällt. Als ein Reporter die Geschichte groß herausbringt, steht für Sherman plötzlich alles auf dem Spiel - Freunde, Familie, Job und Ansehen.

Die Arroganz der Börsenmakler ist noch immer aktuell (siehe Finanzkrise), die Proteste, wenn ein Weißer einem Schwarzen Gewalt antut, ebenso (siehe Ferguson) - und eine Geschichte um Hochmut und Fall sowieso. Tom Wolfe (Bild) ist ein Meisterwerk gelungen. Und es liest sich mindestens so spannend wie sich eine gut gemachte Fernsehserie à la "Breaking Bad", "The Wire" oder "House of Cards" anschauen lässt. (Rowohlt, 926 Seiten, 12,99 Euro)

Der Comic "Unsichtbare Hände" von Ville Tietäväinen lässt einen lange nicht mehr los. Vor einem realen Hintergrund erzählt er die fiktive Geschichte des Marokkaners Rashid, der nach einer gefährlichen Überfahrt als illegaler Einwanderer in Spanien landet. Er heuert auf einer jener riesigen Plantagen an, die ganz Europa mit Obst und Gemüse versorgen.

Seine rechtlose Lage wird jedoch gnadenlos ausgenutzt. Rashid wird zum modernen Sklaven, der unter menschenunwürdigen Bedingungen sein Leben fristet und am Ende nur einen Ausweg hat. "Unsichtbare Hände" prangert ein gnadenloses System an, von dem jeder Supermarktbesucher hierzulande profitiert. Diese Graphic Novel rüttelt auf. (Avant-Verlag, 216 Seiten im Großformat, 29,95 Euro)

Zum Jahresende hat der Verlag Reprodukt nochmal ein paar schöne Comics herausgebracht. Darunter ist "Come Prima" des französischen Zeichners Alfred: Zwei zerstrittene Brüder sehen sich in den 50ern nach etlichen Jahren wieder. Gemeinsam sollen sie die Asche des verstorbenen Vaters von Südfrankreich nach Italien bringen.

Ein Road Trip beginnt, bei dem ein paar dunkle Familiengeheimnisse aus der Zeit des Faschismus ans Tageslicht kommen. Und die Brüder lassen dabei gerne mal die Fäuste fliegen. Alfred erzählt eine dichte und packende Geschichte und taucht sie in warme Farben. Ein erstklassiges Lesevergnügen. (Reprodukt, 224 Seiten, 34 Euro)

Reprodukt bringt mittlerweile aber auch Kindercomics heraus. Zum heimlichen Star hat sich "Ariol" entwickelt, von dem mittlerweile drei Bände vorliegen - und sie werden immer besser. Der kleine Esel und seine Freunde, darunter Schwein Ramono, erleben Abenteuer in der Schule und in den Ferien, oder eifern ihrem Helden "Hengst Heldenhuf" nach.

Ariols Schöpfer, Emmanuel Guibert und Marc Boutavant, gelingen wunderbare Beobachtungen zwischen kindlicher Fantasie und erstem Verliebtsein - und sie zeigen dabei, im Gegensatz zu vielen Klassikern, die Lebenswirklichkeit heutiger Kinder. Das ist nicht nur für Steppkes ab sechs Jahren geeignet, sondern auch für alle anderen. ("Ariol 3: Saugute Freunde" Reprodukt, 128 Seiten, 14 Euro)

Aus der Superhelden-Ecke kommt die zweite Nummer von "Captain Berlin", auf die man ein Jahr warten musste. Diesmal nimmt es der von Multitalent Jörg Buttgereit erdachte maskierte Rächer mit Hitlers Homunkulus und dem Elefantenmenschen auf. Wer auf Pulp-Literatur steht, kommt hieran nicht vorbei. Zwei Comicgeschichten in einem Heft - beide enden mit einem Cliffhanger, aber Heft 3 soll schon in Planung sein. ("Captain Berlin #2", 36 Seiten, erhältlich beim Weissblech Verlag und im Comicfachhandel)

Und wo wir schon mal bei Genre-Comics sind: "Das Imperium des Atoms" von Thierry Smolderen (Text) und Alexandre Clérisse ist eine durchgedrehte Science-Fiction-Farce, ein Schurkenstück über böse Mächte und eine liebevolle Hommage an die Ästhetik und Zukunftsgläubigkeit der 50er Jahre mit satirischen Spitzen - angelehnt an das Leben des mysteriösen amerikanischen Psychologen und Autors Paul Linebarger. (Carlsen, 144 Seiten, 22,90 Euro)

Nach dem hochgelobten ersten Band hat der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz (rechts, mit Günter Grass (m.) und Siegfried Lenz) den zweiten Teil seiner Tagebücher vorgelegt - diesmal für die Jahre 2002-2012. Erneut wird darin ein Panoptikum des Kulturbetriebs ausgebereitet. Doch es ist ein auch Buch der zunehmenden Einsamkeit, des Altwerdens und des Abschieds. Der Tod etlicher Zeitgenossen lässt auch ihn das Alter spüren. Die Verbleibenden ziehen sich zurück. Scharfsinnig und scharfzüngig kommentiert Raddatz ihn umschlingende Einsamkeit.

Doch die Aufzeichnungen durchzieht ein sentimentaler Ton. Langjährige Freundschaften zerbrechen. Die Aufträge werden spärlicher. Der Ruhm früherer Tage - Vize-Cheflektor beim Verlag "Volk und Welt", Cheflektor bei Rowohlt und langjähriger "Zeit"-Feuilletonchef - zählt zunehmend weniger.

Im September zog der inzwischen 84-Jährige dann den Schlussstrich - und erklärte seinen Abschied vom Journalismus. "Ich habe mich überlebt", schrieb er in einem kleinen Essay. "Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt. Diese Welt – in der ich mich durchaus noch kundig machen möchte – weicht von mir, gibt mir keine Kunde mehr; ich bin aus der Welt gefallen." Sicherlich einer der betrüblichstes Texte des Jahres, erschienen in der "Welt". (Rowohlt, Bd.2 , 720 Seiten, 24,95 Euro; Bd.1, 944 Seiten, 34,95 oder 14,99 Euro )

Als in einem Park in Glasgow eine tote junge Frau gefunden wird, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn in diesem Fall will sich keiner die Geschäfte verderben lassen, haben mächtige Gangster ihren ganz eigenen Begriff von Moral und schweigt der Vater, weil er auf Rache sinnt. Ermittler Jack Laidlaw weiß, dass er den Mörder zuerst finden muss, wenn er eine weitere Bluttat verhindern will.

Den Täter stellt Autor William McIlvanney seinen Lesern bereits auf den ersten Seiten seines Krimis vor. Es geht ihm nicht um die nervenaufreibende Jagd nach dem großen Unbekannten. Er taucht tief in die finsteren Abgründe der schottischen Stadt ein, lässt die einfachen Leute aus der Peripherie auf ausgebuffte Gestalten der Unterwelt treffen und entwirft das soziale Panorama einer verkommenen Gesellschaft.

"Laidlaw" ist der Auftakt einer Trilogie um den gleichnamigen kauzigen Detective Inspector, die McIlvanney bereits ab den 1970er-Jahren geschrieben hat. Nachdem die Bücher 2013 in Großbritannien wiederentdeckt wurden, ist der erste Band jetzt in deutscher Neuübersetzung erschienen, die anderen zwei sollen folgen. Der Guardian schreibt über "Laidlaw": "Wenn Sie dieses Jahr nur einen Krimi lesen, dann sollte es dieser sein." Dem ist nicht viel hinzuzufügen. (Verlag Antje Kunstmann, 304 Seiten, 19,95 Euro)

Wenn ein Buch den Titel "Wir haben Raketen geangelt" trägt, dann macht das neugierig. Und tatsächlich: Das Debüt von Karen Köhler ist eine kleine literarische Entdeckung. Ein Indianer mit dem Rezept gegen Sonnenstich, eine Kreuzfahrt-Animateurin im Quallenkostüm, ein täglich Banana Split essender "Commandante" und eine Frau, die gegen 50 Joghurtbecher im Kühlschrank kämpft, bevölkern unter anderem die neun Geschichten. Aber was lustig klingt, hat jedesmal eine tragische Pointe.

Die Erzählungen schildern allesamt Ausnahmesituationen und setzen dort ein, wo das bisherige Lebensuniversum zerplatzt. Rau und melancholisch, gleichzeitig mit charmantem Witz schreibt Köhler über Liebe, Freundschaft, Krankheit und Verlust. Bewegende Leseerlebnisse sind garantiert. (Hanser, 240 Seiten, 19,90 Euro)

Im Alter von 88 Jahren starb in diesem Jahr einer der begnadetsten deutschen Erzähler: Siegfried Lenz. Seine Romane und Kurzgeschichten haben Millionen Leser begeistert. Und das werden sie auch in Zukunft tun. Denn egal ob in "Schweigeminute", "Arnes Nachlass" oder "Die Maske" - mit seiner behutsamen, liebenswürdigen und immer auch ein wenig schwermütigen Art hat Lenz literarische Kleinode geschaffen, in denen er die Schicksale von Menschen, ihre kleinen und großen Verfehlungen mit den gesellschaftlichen Fragen der Zeit verknüpft.

Wer neben der Lektüre seiner Werke ein wenig mehr über die Person Siegfried Lenz erfahren möchte, dem sei das kürzlich erschienene Buch über seine 50-jährige Freundschaft zu Helmut Schmidt ans Herz gelegt. Autor Jörg Magenau beschreibt darin die innige Verbundenheit der beiden Tabakliebhaber, die sich ihr Leben lang siezten: …

… Auf der einen Seite der menschenfreundliche und bescheidene Schriftsteller, der Literatur nur eine begrenzte politische Reichweite zugesteht. Auf der anderen Seite der oft barsche Politiker, der seine Aufgabe als Bundeskanzler rational angeht und Visionen für eine Krankheit hält. Magenau hat zahlreiche Gespräche mit diesen unterschiedlichen Männern geführt und bisher unveröffentlichtes Archivmaterial ausgewertet. Entstanden ist das Porträt einer tiefen Freundschaft, das gleichzeitig ein Stück Zeitgeschichte ist. ("Schmidt - Lenz. Geschichte einer Freundschaft", Hoffmann und Campe, 272 Seiten, 22 Euro)

War was dabei? Vielleicht auch für den eigenen Wunschzettel? Die Redaktion von n-tv.de wünscht jedenfalls viel Spaß beim Verschenken und erhalten.

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