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Künstlerin, Lennon-Witwe, Hassfigur: Yoko Ono polarisiert bis heute

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Ihr Mann war ihr Schicksal - auch noch kurz vor seinem Tod, als dieses Bild von Annie Leibovitz entstand. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ihr Mann war ihr Schicksal - auch noch kurz vor seinem Tod, als dieses Bild von Annie Leibovitz entstand.

Ihr Mann war ihr Schicksal - auch noch kurz vor seinem Tod, als dieses Bild von Annie Leibovitz entstand.

Denn wenn man den Namen Yoko Ono hört, denkt man zuerst an …

… John Lennon.

Immer noch, mehr als 30 Jahre nach seinem Tod.

Sie ist die Frau, die zur Hassfigur vieler Beatles-Fans wurde.

Die Frau, die verantwortlich sein soll für das Ende der größten Band aller Zeiten.

Die Frau, die den verheirateten Lennon seiner Frau ausspannte und fortan an ihm zu kleben schien, selbst wenn die Beatles im Studio waren.

Die Frau, die die Spannungen innerhalb der Band noch erhöht und das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht haben soll.

Die Frau schließlich, die Lennon danach angeblich beherrschte und mit ihm experimentelle Musik und aufsehenerregende Aktionen veranstaltete - …

… und Plattencover, für die sich beide auszogen (und das dann später für eine Wodka-Werbung verwendet wurde).

Diese Vorurteile bestehen seit den späten 60er Jahren.

Allerdings übersieht man dabei drei Dinge: Erstens beruhte die Beziehung auf Gegenseitigkeit - auch John Lennon klebte an Yoko Ono, sie teilten viele Ansichten und kombinierten ihre künstlerischen und politischen Ausdrucksweisen zu einer neuen Form.

Zweitens hatten sich die Fab Four ohnehin mit den Jahren auseinanderentwickelt. Die Band wäre auch ohne Ono kaum noch zu retten gewesen.

Zuletzt bestätigte dies auch Paul McCartney, der lange ein angespanntes Verhältnis zu der Lennon-Witwe hatte: "Sie hat die Gruppe mit Sicherheit nicht auseinanderbrechen lassen, die Gruppe ist selbst auseinandergebrochen."

Yoko Ono habe, so McCartney weiter, ihrem Mann gut getan und ihn inspiriert. Ohne ihren Einfluss hätte es Songs wie "Imagine" wahrscheinlich nie gegeben.

Was direkt zu Punkt drei führt: Yoko Ono war - und ist - eine Künstlerin mit eigenem Renommee, die zu den Vorreitern von Konzeptkunst und Fluxus gehört - auch wenn diese Kunstrichtungen nicht jedermanns Sache sind.

Kostproben gefällig? In "Wall piece for Orchestra" schlägt sie 1962 zu Musikbegleitung ihren Kopf auf den Bühnenboden.

In "Cut Piece" darf das Publikum Onos Kleidung zerschneiden, bis diese nackt auf der Bühne steht - das Stück von 1960 führt sie etwa 2003 in Paris erneut auf.

"Hammer a Nail" schließlich bezieht ebenfalls das Publikum ein, das Nägel in ein Holzbrett schlägt und so das Kunstwerk selbst erst erschafft. Dieses Werk stellte sie etwa 1966 in London aus - und soll so John Lennon auf sich aufmerksam gemacht haben.

Keine Frage: Ohne Lennon wäre Yoko Ono heute nicht so bekannt, vielleicht nur einem kleinen Kreis von Kunstliebhabern. Sie profitierte also ohne Frage von seiner Popularität.

Und doch scheint es so, als werde sie nun, zu ihrem 80 Geburtstag, auch als eigenständige Künstlerin anerkannt.

Die Frankfurter Schirn widmet ihr etwa eine große Retrospektive (bis zum 12 Mai 2013).

Das nahm Ono zum Anlass für einen Auftritt, bei dem sie die Musiker eines Kammerorchesters mit Mullbinden umwickelte (in Erinnerung an ihr Stück "Sky Piece to Jesus Christ" von 1965), …

… ein Action-Painting an die Wand malte, eine Vase zerbrach (die Zuschauer sollten die Scherben mit nach Hause nehmen und in zehn Jahren wieder zusammenkommen) und geduldig Fragen aus dem Publikum beantwortete.

Der 80. Geburtstag: Für Ono ist das auch Anlass, ein neues Leben anzufangen, wie sie kürzlich sagte. "Ich werde all das machen, was ich bisher nicht geschafft habe."

Dabei hatte sie bereits ein turbulentes Leben hinter sich, als sie Mitte der 60er Jahre Lennon traf. Yoko - der Name bedeutet Kind des Ozeans - wurde am 18. Februar 1933 in Tokio in eine wohlhabende Familie geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie abwechselnd in Japan und New York, wo ihr Vater in den 30er Jahren arbeitete.

Erst nach dem Angriff auf Pearl Harbor 1941 zog die Familie wieder nach Japan. Dort erlebte Ono die Bombenangriffe auf Tokio, nach denen sie ins Hinterland geschafft wurde. Das Leben auf dem Lande war hart, die Kinder mussten teils um Essen betteln. In dieser Zeit, sagte Ono später, entwickelte sie ihre aggressive Haltung und identifizierte sich fortan als Außenseiterin.

Nach dem Krieg besuchte sie eine angesehene Privatschule, wo sie in einer Klasse mit dem späteren Kaiser Akihito landete, und begann ein Philosophiestudium - als erste Frau in Japan.

Jedoch übersiedelte die Familie 1952 erneut in die USA, in die Nähe von New York. Dort fühlte sie sich bald von der Künstlerszene angezogen, besuchte Galerien und Happenings und begann eigene künstlerische Arbeiten. Inspiration fand sie dabei im Kreis um den Komponisten John Cage.

Wobei das nicht selbstverständlich war, als Frau in der von Männern dominierten Kunstwelt.

1956 heiratete Ono den Komponisten Toshi Ichiyanagi. In dieser Zeit etablierte sie sich auch als Konzeptkünstlerin, die starken Einfluss auf die Fluxusbewegung ausübte. Nach der Scheidung ging sie jedoch vorübergehend zurück nach Japan.

Ihr zweiter Ehemann wurde 1962 der Musiker und Kunsthändler Anthony Cox, mit dem sie auch künstlerisch zusammenarbeitete. 1969 trennten sie sich und es entbrannte ein Kampf um das Sorgerecht für die Tochter Kyoko, bei dem Cox unterlag.

In der Folge entführte er allerdings 1971 die gemeinsame Tochter und tauchte mit ihr unter - erst Mitte der 90er sah Ono sie wieder.

Bei der Scheidung von Cox war Ono aber ohnehin bereits mit John Lennon liiert. Beide hatten sich Mitte des Jahrzehnts kennengelernt, wobei verschiedene Versionen darüber existieren.

Fest steht: Im Mai 1968 nahmen beide in Lennons Haus das gemeinsame Album "Two Virgins" auf und machten danach "Liebe im Morgengrauen", wie Lennon später sagte.

Nur war der Beatle da noch verheiratet und seine Frau Cynthia war nicht sehr erfreut, als sie aus dem Urlaub kam und Yoko Ono in ihrem Bademantel antraf - die Scheidung wurde noch im selben Jahr vollzogen, kurz bevor Ono eine Fehlgeburt erlitt.

Die folgenden Monate waren sehr ereignisreich für das junge Paar, das im März 1969 auf Gibraltar heiratete.

Zusammen engagierten sie sich fortan politisch, vor allem gegen den Vietnamkrieg, zum Beispiel mit ihrer berühmten "War Is Over"-Plakataktion.

Legendär wurde ihr einwöchiges Bed-In für den Frieden während ihrer Flitterwochen in Amsterdam und ein zweites in Montreal - nachdem man sie nicht in die USA gelassen hatte.

In der kanadischen Metropole nahmen sie auch "Give Peace a Chance" auf, das sich zur Friedenshymne entwickelte und neben "Happy Xmas (War is Over)" von 1971 die bekannteste und erfolgreichste Zusammenarbeit ist.

Die Zeit war geprägt durch gemeinsame Aktionen, die gleichzeitig politisch und künstlerisch waren. So traten sie etwa in Säcken auf (das nennt man Bagism).

Hinzu kam eine äußerst intime Verbindung, die sich auch darin äußerte, dass Lennon sich offiziell den Zweitnamen "Ono" zulegte.

Das musste natürlich auch Auswirkungen auf die Beatles haben: Das von Lennon geschriebene "The Ballad of John and Yoko" wurde als Single herausgebracht, für "The White Album" steuerten sie das experimentelle "Revolution 9" bei.

Die Fans waren verstört und hatten vor allem ein Feindbild: Yoko Ono, die bei den Aufnahmen zu "Let It Be" permanent anwesend war und bei Entscheidungen teils im Namen von Lennon sprach.

Doch Lennon und Ono hatten nach der Trennung der Beatles bereits neue musikalische Pläne: Unter dem Namen "Plastic Ono Band" veröffentlichten sie "Live Peace in Toronto 1969", eine Mischung aus klassischen Rocksongs und avantgardistischer Musik aus Feedback und Onos Schreien.

Es folgten weitere musikalische Arbeiten, die sich in einer Grauzone zur künstlerischen Performance befanden - bei Beatles-Fans, aber auch in der Presse kam das überhaupt nicht an.

Doch auch Lennons drohende Ausweisung aus den USA und die Entführung von Onos Tochter Kyoko belasteten die Beziehung. 1973 trennten sie sich: Ono blieb in New York, während sich Lennon in Los Angeles mit May Pang amüsierte.

Mehr als ein Jahr später kamen sie aber wieder zusammen und im Oktober 1975, an Lennons Geburtstag, wurde Sohn Sean geboren. Von da an zog sich vor allem Lennon zurück und kümmerte sich um das Kind, Ono übernahm die geschäftlichen Angelegenheiten.

Erst fünf Jahre später traten sie mit dem Album "Double Fantasy" wieder ins Rampenlicht.

Doch kurz darauf, am 8. Dezember 1980, wurde Lennon von Mark Chapman erschossen.

Für Yoko Ono begann eine neue Zeit des Rückzugs, auch wenn sie immer wieder im Namen ihres verstorbenen Ehemanns auftrat und …

… zum Beispiel den Strawberry-Fields-Gedenkpark im New Yorker Central Park gestaltete, …

… sich um Wiederveröffentlichungen seiner Werke oder die Erinnerung an sein Leben kümmerte.

Zudem arbeitet sie natürlich weiter als Künstlerin, führt immer wieder ihre bekanntesten Performances auf oder steht als Musikerin auf der Bühne - auch mit Sohn Sean.

Sie ist auch dabei, wenn der Liverpooler Flughafen den Namen ihres Ehemanns erhält …

… oder wenn es um das Beatles-Musical "All You Need is Love" und die Cirque-du-Soleil-Show "LOVE" geht.

Kein Wunder, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu Reibereien mit den anderen Beatles, vor allem mit Paul McCartney, kam.

Mittlerweile scheinen sich beide aber ausgesöhnt zu haben.

Fehlt nur noch eins: dass Ono als vollwertige eigenständige Künstlerin anerkannt wird. Vielleicht schafft sie es ja zu ihrem 80. Geburtstag.

Auch wenn sie weiterhin die Frau ist, bei der man zuerst an John Lennon denkt. (Text: Markus Lippold)

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