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Die Vereinigten Staaten verfolgen in diesem Jahr ein ambitioniertes Projekt: ...
... Die Suche nach denen, die für die weltweite Finanzkrise verwantwortlich sind. Banker und Politiker werden der Reihe nach vor eine Untersuchungskommission gezerrt. Schwere Vorfwürfe kommen hier auf den Tisch. Schuld ist aber offenbar niemand.
Wer trägt die Schuld an dem globalen Debakel, das Billionen verschlungen hat und den Steuerzahler teuer zu stehen kommt?
Dieser Frage versucht eine Untersuchungskommission in den USA seit Januar nachzugehen.
Anfang des Jahres stand die erste Welle der potenziellen Schuldigen vor dem Ausschuss: Die Chefs der vier größten US-Banken. Doch es kam, wie nicht anders zu erwarten.
Das große Schuldbekenntnis der Super-Banker (v. l. Blankfein von GOLDMAN SACHS, Dimon von JP MORGAN, Mack von MORGAN STANLEY und Moynihan von BoA) blieb aus.
Zwar räumten sie in Washington vor der Untersuchungskommission eigene Fehler ein. Die Verantwortung für das ganze Desaster wiesen sie jedoch von sich.
Erstes Fazit: Aus den Anhörungen im Januar ist niemand schlau geworden. Wer ist schuld an der Finanzkrise? Irgendwie alle, irgendwie auch keiner.
Drei Monate sind vergangen, die Suche nach den Verantwortlichen ist geblieben. Noch immer beschuldigen sich verschiedene Personen, Banken und Institute gegenseitig.
Die jüngsten Vorwürfe belasten vor allem die CITIGROUP, die sich mit Kreditverkäufen massiv verspekuliert hatte und nur durch hohe Staatshilfen über Wasser bleibt.
Ex-CITIGROUP-Manager Richard M. Bowen sagte vor der Untersuchungskommission, er habe Mitte 2006 entdeckt, dass rund 60 Prozent der angekauften Kredite nicht den Standards entsprochen hätten, die die CITIGROUP eigentlich für diese Produkte aufgestellt habe.
Im Jahr 2007, dem Jahr des Beginns der weltweiten Finanzkrise, sei diese Quote auf 80 Prozent angewachsen. Er habe die Führung der Bank wiederholt darauf hingewiesen. Die CITIGROUP habe aber weiterhin diese Problem-Kredite verkauft.
"In den Jahren 2006 und 2007 habe ich viele Änderungen bei der Risikobewertung dieser Kredite beobachtet", so Bowen. Eine große Anzahl an Hypothekenkrediten sei von "abgelehnt" in "genehmigt" geändert worden.
Die CITIGROUP-Sprecherin Shannon Bell dementierte die Vorwürfe: "Mr. Bowens Einwände wurden stets geprüft. Es wurde hinreichend und korrekt darauf reagiert."
Sogar den ehemaligen US-Finanzminister Robert Rubin soll Bowen in einer E-Mail vor einem "Zusammenbrechen der inneren Kontrollen" gewarnt haben.
Rubin war damals Aufsichtsratsmitglied der Citigroup. Zusammen mit dem früheren CEO Charles Prince trat er erneut vor die Untersuchungskommission.
"Praktisch alle von uns haben die machtvolle Kombination von Kräften, die am Werk waren, und die Möglichkeit einer massiven Krise übersehen", so Rubin vor dem Ausschuss.
Nach diesem beherzten Rundumschlag brachte der ehemalige US- Finanzminister jedoch klar zum Ausdruck, dass ihn an den hohen Verlusten der Citigroup als Berater keine Schuld treffe.
Der ehemalige CEO Charles Prince zeigte mehr Reue: "Ich kann nur mein tiefstes Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass unser Management - allen voran ich selbst - nicht gesehen hat, was vor uns lag."
Damals, nur wenige Monate vor der Katastrophe, ließ Prince verlauten: "Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen. Wir tanzen immer noch."
Mit der Metapher hatte Prince die Strategie der Citigroup verteidigt, ebenso laxe Kredite wie die anderen Großbanken anzubieten, um konkurrenzfähig bleiben zu können.
Der Spruch gilt seit Krisenbeginn als Inbegriff der fatalen Eigendynamik des Banksektors. Vor der Kommission holte er Prince, dessen Hände sichtlich zitterten, auf bitterem Wege wieder ein.
Der stellvertretende Vorsitzende der Untersuchungskommission Bill Thomas (r.) fragte die Führungskräfte der CITIGROUP, ob ihnen die "desaströse Leistung" ihres Unternehmens nicht den Schlaf raube. "Sie haben nicht gewusst, was sie da taten", bekräftigte er.
US Präsident Obama hat jedenfalls einen Plan. Er möchte die Staatsanteile an der CITIGROUP bis Ende des Jahres wieder in die Wirtschaft entlassen. Die Transaktion soll MORGAN STANLEY übernehmen – eine der großen Krisenbanken.
Warnungen vor dem großen Desaster - das klingt bekannt. Einen ähnlichen Fall wie bei der CITIGROUP hat es schon bei LEHMAN BROTHERS gegeben.
2008 schrieb der ehemalige LEHMAN-Vizepräsident Matthew Lee einen Brief an den Vorstand. Darin beschreibt er seine Beobachtungen bezüglich der Buchführung der Bank.
Die Zahlen über die Wertpapiereinlagen seien fehlerhaft, viele potenziell gefährliche Einlagen würden gar nicht aufgeführt, die Firma besäße zu viele marktuntaugliche Produkte und das Prüfungspersonal habe schon lange den Überblick verloren, schreibt Lee.
Die Firmenleitung reagierte auf den Brief, doch anders als Lee es sich vorgestellt hatte. Einen Monat später durfte er bei LEHMAN seinen Hut nehmen.
Die Pleite der US-Investmentbank LEHMAN BROTHERS im September 2008 gilt als Höhepunkt der Krise.
Auch der Chef der größten Investmentbank GOLDMAN SACHS, Lloyd Blankfein, sieht keine Verantwortung bei sich selbst. Vor dem Kontrollausschuss suchte er im Januar die Schuld eher bei den Kunden: "Wir repräsentieren nur die andere Seite dessen, was Menschen tun wollen."
Eine besonders zynisch wirkende Aussage, bedenkt man, wie Blankfein während der Krise Geld verdient haben soll. Die Kommission wirft der Bank vor, mit minderwertigen Hypotheken hinterlegte Wertpapiere absichtlich an Kunden verkauft zu haben, um dann auf deren Wertverlust Wetten abzuschließen.
"Das hört sich für mich ein bisschen so an, als ob sie ein Auto mit kaputten Bremsen verkaufen und dann eine Unfallversicherung auf den Käufer dieses Autos abschließen würden", sagte der Kommissionsvorsitzende Phil Angelides im Januar.
Im jüngst veröffentlichten Jahresbericht von GOLDMAN SACHS werden die Vorwürfe dementiert. Die Bank habe lediglich ihr Risiko bei Hypothekenpapieren rechtzeitig verringert.
Nun ebenfalls vor die Untersuchungskommission gezerrt: Der ehemalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan.
Dem Chef der "FEDERAL RESERVE", kurz "FED" wird vorgeworfen, er habe keinen Riegel vorgeschoben, als der Markt sich zu destabilisieren begann.
Auch Greenspan übte sich während einer mehrstündigen Anhörung in Schuldabweisung: Nicht die mangelnde Regulierung sei das Problem gewesen, sondern das fehlende Urteilsvermögen der Firmen.
Außerdem trage die US-Politik Schuld. Sie habe die Notenbank dazu gedrängt, eine unreflektierte Vergabe von Krediten, auch für arme Menschen, zu fördern.
"Ich saß in so vielen Meetings, in denen der Druck auf die FEDERAL RESERVE und auf andere Regulierungsinstitutionen, Kreditvergaben zu erweitern bemerkenswert war", verteidigte sich Greenspan.
Die Antwort des Kommissions-Vorsitzenden Angelides fiel harsch aus: "Meine Meinung ist: Sie hätten gekonnt, sie hätten gemusst und sie taten es nicht."
Die Kommission warf Greenspan darüber hinaus vor, die CITIGROUP mit nur zwölf Mitarbeitern geprüft zu haben, obwohl die Notenbank 2600 Prüfer beschäftigt.
Darauf entgegnete der FED-Chef: "Ich erinnere mich nicht daran, dass irgendwelche internen Anforderungen von zusätzlichem Personal abgelehnt worden wären."
Die US-Notenbank und ihr Ex-Chef Alan Greenspan werden nicht nur von der Kommission unter Beschuss genommen. Für die Banken ist die FED ein willkommener Krisen-Sündenbock.
Im Januar hatten die bei der Anhörung anwesenden Bankchefs beteuert, die Aufsichtsbehörden hätten eingreifen müssen. Diese Aussage steht jedoch im Widerspruch zur Forderung von JP-MORGAN-Chef Jamie Dimon.
Anfang des Jahres sprach sich der Banker gegen zu viel Regulierung aus: "Die Lösung kann nicht sein, dass die Größe der Finanzkonzerne beschränkt wird."
Es bedürfe eines Systems, in dem selbst die größte Bank umfallen könne, ohne dass der Steuerzahler am Ende dafür geradestehen müsse.
Barack Obama strebt momentan zunächst ein System an, in dem die größten Banken zur Kasse gebeten werden.
Der US-Präsident möchte einen Krisenfonds errichten, in den die Banken einzahlen. Mit den daraus entstehenden Milliardensummen sollen künftige Finanzkrisen verhindert werden.
Die Meinungen in den Vereinigten Staaten sind geteilt. Kritiker bezeichnen Obamas Plan als Populismus, andere begrüßen ihn als überfälligen Schritt hin zur notwendigen Reglementierung des Finanzsektors.
Umstritten sind zurzeit auch Gerichtsverfahren, in denen Investoren mit Banken wegen deren Vorgehen in der Finanzkrise streiten. Die Prozesse gehen laut "Wall Street Journal" generell zu Gunsten der Banken aus.
Die Begründung: Die Schuld liegt im "global kollabierenden Markt", nicht bei den Banken. Damit hat das Justizsystem sich die Strategie der Banker offenbar zu Eigen gemacht.
Der Verwaltungsratschef der Investmentbank MORGAN STANLEY, John Mack, räumte im Januar vor der Untersuchungskommission ein: "Die Banken haben zweifellos Fehler gemacht. Viele Firmen sind ein zu hohes Risiko eingegangen."
Bis Ende des Jahres hat die Kommission Zeit, die Schuldigen zu finden. Ob das Risiko für die Banker wirklich zu groß war, kann erst beantwortet werden, wenn sie Konsequenzen tragen müssen. (Text: Robert Meyer mit Material von Reuters, dpa)
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