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Wirtschaft

Sprudelndes Öl, klingelnde Kassen: Die Gewinne der Öl-Konzerne

 
Sprudelndes Öl, klingelnde Kassen: Die Gewinne der Öl-Konzerne

Mit diesen Bildern beginnt die Geschichte eines Vorfalls, der die Erdölförderung vor den Küsten der USA wohl für immer verändern wird.

Ein Blow-out zerstört Ende April die Plattform "Deepwater Horizon". Elf Menschen sterben. Heftige Brände brechen aus. Explosionen erschüttern das Wrack rund 70 Kilometer vor den Stränden Louisianas.

Trotz aller Löschversuche nimmt die Katastrophe ihren Lauf: Die Bohrinsel sinkt nach zwei Tagen unter Feuer. Das Bohrgestänge bricht. Rohöl schießt aus dem Bohrloch in über 1.500 Metern Tiefe.

Alle Versuche, das Loch am Meeresgrund zu schließen, scheitern. Ein gewaltiger Ölteppich treibt auf die US-Küste zu.

Es droht ein Desaster bisher nie dagewesenen Ausmaßes. Die betroffenen US-Bundesstaaten rufen den Notstand aus. Die US-Marine eilt zur Hilfe.

BP-Chef Tony Hayward muss sich ernste Sorgen machen: Mit den Aktien seines Hauses geht es seit dem Unglück rapide abwärts. Das Image ist dahin. Eine Kostenlawine rollt auf den Konzern zu.

Während sich BP - unter erheblichem Druck der Öffentlichkeit - zu seiner Verantwortung bekennt, strömt weiter unaufhörlich Öl ins Meer: Schätzungen zufolge sind es bis zu 5.000 Barrel pro Tag.

Zehn Tage nach der ersten Explosion übernimmt der britische Mineralölkonzern die "volle Verantwortung". BP will sich um die Beseitigung des Ölteppichs kümmern. Außerdem verspricht das Unternehmen, für "berechtigte Ansprüche" bei Schäden aufzukommen. Die ersten Klagen liegen auf dem Tisch.

Die US-Regierung erhebt die Ölpest zur "nationalen Katastrophe" und kündigt an, die Bekämpfung der Folgen BP voll in Rechnung zu stellen. Die Ratingagentur Fitch beziffert den wirtschaftlichen Schaden auf zwei bis drei Milliarden Dollar (1,5 bis 2,2 Mrd. Euro).

Gut möglich, dass die Angelegenheit viel teurer wird: "Der Markt rechnet mit einem Schaden von 14 Mrd. Dollar für BP", heißt es in einem Marktkommentar von Goldman Sachs. Und das sind nur die wirtschaftlichen Schäden.

In der Kurstafel sind die Reaktionen der Anleger gut zu erkennen: Die Aktie von TRANSOCEAN, Betreiber der havarierten Bohrplattform und BP-Vertragspartner, bricht ein.

Auch bei BP rauscht der Kurs in den Keller: Aus der Sicht der Analysten ist ein Ausverkauf allerdings "übertrieben". Goldman Sachs bestätigt die Kaufempfehlung für BP-Aktien (ISIN GB0007980591).

Kein Wunder: Sieben Tage nach Beginn der Katastrophe gibt der Konzern einen Quartalsgewinn von satten 5,6 Mrd. US-Dollar bekannt.

Der Zeitpunkt erscheint unpassend. Doch Veröffentlichungspflichten kennen keine Rücksicht. Immerhin verfügt BP damit zumindest theoretisch über die Mittel, um für den Schaden aufzukommen.

Auf dem Weg vom Bohrloch zum Verbraucher profitiert BP vor allem von der weltweiten Konjunkturerholung, sagen die Experten. Die anziehende Nachfrage nach Heizöl, Schweröl, Benzin, Kerosin und Diesel schiebt ...

... den Ölpreis im ersten Quartal kräftig nach oben: An den internationalen Rohstoffmärkten notiert das Barrel zu 159 Litern rund 72 Prozent über dem Niveau des Frühjahrs 2009. Ein Fass kostet im Durchschnitt 76 Dollar, Tendenz steigend.

Diesen Effekt spürt auch die Konkurrenz: CHEVRON kann seinen Gewinn dank hoher Preise mehr als verdoppeln.

Als Branchenzweiter in den USA steigert Chevron (ISIN US1667641005) den Überschuss auf 4,6 Mrd. Dollar. Pro Quartal, versteht sich.

Die gute Ertragslage dürfte BP-Chef Hayward kaum trösten. Immerhin gute Ratschläge könnte er sich bei einem gewissen Mr. Tillerson holen.

Rex Tillerson ist seit 2001 Chef von EXXONMOBIL, dem größten unter den mächtigen US-Ölkonzernen. Mit den juristischen und finanziellen Folgen von Ölkatastrophen kennt er sich aus.

Im März 1989 ist der Öltanker "Exxon Valdez" im Auftrag von ExxonMobil vor der Küste Alaskas unterwegs. Voll beladen mit Rohöl läuft das Schiff auf ein Riff. Auslaufendes Öl verseucht rund 2.400 Kilometer Küste.

Das Unglück gilt als eine der größten Umweltkatastrophen der Seefahrt sowie als bislang schlimmste Ölpest in der Geschichte der USA. Allen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren, bleibt die Erfahrung, klebriges Öl von kalten Felsen zu kratzen, für immer im Gedächtnis haften.

Zwei Jahrzehnte und mehrere Auseinandersetzungen vor Gericht später zahlt ExxonMobil etwas mehr als 507 Mio. Dollar an Berufsfischer, Fischverarbeiter und betroffene Anwohner. Die ursprünglich verhängte Strafe lag bei bei rund 2,5 Mrd. Dollar. Wie gesagt, Mr. Tillerson kennt sich aus.

In den ersten drei Monaten des Jahres 2010 - also genau 21 Jahre nach dem Unglück in Alaska - spült der hohe Ölpreis einen Reingewinn von rund 6,3 Mrd. Dollar in die Kassen des weltweit größten börsennotierten Ölkonzerns.

Am Aktienmarkt bleiben die Investoren unbeeindruckt: Im Jahr 2008, als der Ölpreis weit jenseits der 100 Dollar lag, notierte die ExxonMobil-Aktie (ISIN US30231G1022) schon mal deutlich höher.

Anständig am hohen Ölpreis verdienen tut auch CONOCOPHILLIPS. Im Vergleich zum Vorjahr kann der US-Konzern seinen Überschuss im ersten Quartal auf 2,1 Mrd. Dollar verdreifachen.

Im Gegensatz zu ExxonMobil übertrifft ConocoPhilips damit die Erwartungen am Markt. Im April taucht die Aktie (ISIN US20825C1045) vermehrt auf den Orderlisten auf.

Die Ölpest im Golf dürfte jedoch auch ConocoPhillips-Boss James Mulva bald einholen:

Das Weiße Haus legt bis auf weiteres sämtliche Bohrvorhaben vor der US-Küste auf Eis: Ein schwerer Rückschlag für gesamte US-Ölindustrie.

Aus Sorge vor Umweltschäden waren Bohrungen vor der Küste der USA jahrzehntelang verboten. Erst unter Obama gab es neue Genehmigungen - offiziell um die Abhängigkeit der USA von Ölimporten zu verringern.

Inoffiziell ist in Washington von einem Zugeständnis an die Republikaner die Rede, denen damit die Zustimmung zu einem Klimaschutzgesetz erleichtert werden sollte. Der Gesetzentwurf gilt als Kernstück der neuen US-Energiepolitik.

Was diese Entwicklung für den europäischen Branchenriesen ROYAL DUTCH SHELL bedeutet, ist noch nicht absehbar.

Die Reaktionen am Markt scheinen eindeutig: Die Shell-Aktie (ISIN GB00B03MLX29) legt kräftig zu. Allerdings schwillt der Netto-Gewinn im ersten Quartal auch um 49 Prozent auf 4,9 Mrd. US-Dollar an.

Etwas anders sieht die Lage bei TOTAL aus (ISIN FR0000120271). Der Markt hält sich zurück. Warum?

Unterm Strich verdient der französische Mineralölkonzern in den ersten drei Monaten des Jahres 2,6 Mrd. Euro.

2,6 Mrd. Euro? Das sind rund 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Nur 14 Prozent, muss es heißen. Denn ExxonMobil, die Nummer 1 der Branche, kommt auf einen Gewinnsprung von 40 Prozent. Daran muss sich ein Unternehmen wie Total messen lassen.

Das Umfeld für das Raffineriegeschäft bleibt schwierig, räumt Total-Chef Christophe de Margerie dann auch kleinlaut ein.

Der Bereich wird zum Sorgenkind: In den Raffinerien bricht der operative Gewinn um 74 Prozent auf 155 Mio. Euro ein. Im Vorjahr lag er bei 600 Mio. Euro.

Egal, wo Unternehmen nach Öl oder Erdgas bohren: Katastrophen wie vor der Küste der USA kann niemand ausschließen.

In der Nordsee zum Beispiel macht die norwegische Plattform "Statfjord A" gut 200 Kilometer westlich von Bergen hin und wieder von sich reden.

Die Anlage des norwegischen Konzerns Statoil liegt auf dem einst bedeutendsten Ölfeld zwischen Skandinavien und den britischen Inseln.

Manchmal verliert sie Öl - zuletzt im größeren Umfang im Jahr 2008. Seit Unglücken wie dem auf der "Piper Alpha" oder aktuell der Fall "Deepsea Horizon" ist klar, warum bei jedem Leck sofort evakuiert werden muss.

Im ersten Quartal 2010 verdient auch Norwegens größter Energiekonzern wieder richtig Geld: Dank hoher Weltmarktpreise für Öl und Gas kann das Unternehmen seine Gewinne zum Jahresauftakt mehr als verdoppeln.

Der Nettoertrag steigt von vier Milliarden Kronen vor zwölf Monaten auf 11,1 Mrd. Kronen: Das entspricht einem Reingewinn von rund 1,4 Mrd. Euro. Der Statoil-Umsatz (ISIN NO0010096985) schwillt im selben Zeitraum um 14 Prozent auf 128,7 Mrd. Kronen an.

Trotz hoher Kosten und kaum kalkulierbarer Risiken: Im Öl-Geschäft lohnt sich der enorme Aufwand immer noch.

Und daran wird sich so schnell wohl auch nichts ändern: An den Rohstoffmärkten notieren die Preise für Rohöl (Im Chart: die Nordseesorte Brent, ISIN: XC0009677409) weiterhin auf hohem Niveau.

(Quellen: dpa, DJ, rts, Unternehmensangaben / Text: Martin Morcinek)

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