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Wirtschaft

Bypass für Europa: Die Ostsee-Pipeline

 
Bypass für Europa: Die Ostsee-Pipeline

Nach fünf Jahren Gezerre um die Ostseepipeline Nord Stream ist Anfang April 2010 der Startschuss für Europas größtes Energieprojekt gefallen.

Deutschland und die EU versprechen sich mehr Energiesicherheit. Russland will über die Leitung Gas direkt nach Deutschland pumpen und damit auch andere europäische Staaten versorgen. Die Bedeutung der Ukraine, Weißrusslands und Polens als Transitländer für russisches Gas würde zurückgehen.

Die Pipeline mit einer Länge von etwa 1220 Kilometern soll vom russischen Wyborg durch die Ostsee nach Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern verlaufen.

Die erste Leitung soll Ende 2011 und die zweite 2012 in Betrieb gehen. Die Kosten werden auf 7,4 Mrd. Euro beziffert. Damit wird das Projekt zwei Mrd. Euro teurer als bisher geplant.

Jede Leitung soll über eine Jahreskapazität von 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas verfügen. Zum Vergleich: Der Jahresverbrauch in Deutschland liegt bei rund 100 Milliarden Kubikmetern.

Von Deutschland aus könnte das Gas unter anderem nach Dänemark, die Niederlande, Belgien, Großbritannien und Frankreich strömen.

Das Gas wird von der russischen Jamal-Halbinsel wie vom Gasfeld Schtokman in der Barentsee kommen.

Die Betreiber haben sich in einem Konsortium zusammengeschlossen. Hauptgesellschafter der Nord Stream AG ist der russische Gasmonopolist Gazprom mit 51 Prozent.

Eon Ruhrgas und die BASF-Tochter Wintershall halten je 15,5 Prozent, der französische Konzern Suez und die niederländische Gasunie jeweils neun Prozent.

Aufsichtsratschef von Nord Stream ist der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder. Er hatte gemeinsam mit Moskaus Regierungschef Wladimir Putin das Projekt durchgesetzt.

Der Bau der Pipeline stieß bei Anrainerstaaten auf Kritik. Schweden machte Bedenken wegen des Umweltschutzes geltend. (Hier Schwedens Außenminister Carl Bildt)

Die Baltenstaaten und Polen fürchten, Russland könne ihnen den Gashahn leichter abdrehen, wenn das Gas für Westeuropa nicht mehr durch die gleichen Leitungen fließt. Außerdem entgehen Polen die Transiteinnahmen, die das Land bisher für die Durchleitung kassiert.

Polen reagierte ausgesprochen emotional auf das Projekt. Im Mai 2006 verglich der damalige Verteidigungsminister Sikorski den geplanten Bau mit dem Hitler-Stalin-Pakt, da Polen außen vor bleibe.

Europa deckt derzeit etwa 40 Prozent seines Erdgasverbrauchs aus eigenen Vorkommen. Der Rest wird importiert, vor allem aus Russland. Wichtige Pipelines führen durch die Ukraine.

Sobald die erste Leitung in Betrieb geht, soll Streit zwischen Russland und der Ukraine die Gas-Versorgung Europas nicht mehr beeinträchtigen.

Zuletzt saßen im Januar 2009 in Osteuropa viele Menschen im Kalten, weil Moskau im Streit um Lieferpreise mit Kiew den Gashahn zugedreht hatte und die Ukraine Gas abzapfte, das für die EU bestimmt war.

Die Ukraine, bisher wichtigstes Transitland, bleibt zwar ein wichtiger Transportweg. Doch ist der Ruf des Landes als Transitstrecke angekratzt.

Seit der Wahl von Vikor Janukowitsch zum ukrainischen Präsidenten bessern sich zwar die Beziehungen zu Russland.

Allerdings muss die finanziell strauchelnde Ukraine das marode Pipeline-Netz rundum erneuern. Ein Plan für die Sanierung in Höhe von mehreren Milliarden Euro ist nicht in Sicht. (Auf dem Bild: Oleg Dubyna, Chef des staatlichen Energieunternehmens Naftogaz)

Der staatlich kontrollierte Gazprom-Konzern arbeitet seit Jahren daran, Kontrolle über die Pipelines zu gewinnen, durch die das Gas zu den Kunden strömt. (Auf dem Bild: Gazprom-Chef Alexej Miller und Wladimir Putin)

Dadurch und durch die immensen Gasreserven würden der wirtschaftliche und der politische Einfluss des Kremls gegenüber den Kunden wachsen.

Wie die Strategie funktioniert, bekam unter anderem Weißrussland zu spüren. Dem Land wurde zweimal nach einem Streit um Preiserhöhungen das Gas abgedreht.

Weißrussland lenkte ein, akzeptierte einen höheren Preis und erlaubte Gazprom, sich mit bis zu zu 50 Prozent am staatlichen Gaskonzern zu beteiligen. (Wladimir Putin und Weißrusslands Präsident Aleksander Lukaschenko)

Gazprom baut seine Position zugleich aus, indem es neue Pipeline-Projekte vorantreibt, beispielsweise die Leitung durch die Ostsee. Russland bekommt damit erstmals einen direkten Zugang zu seinen westeuropäischen Kunden.

Die russische Regierung plant derzeit auch den Bau von "South Stream". Die Pipeline soll Europa mit russischem Gas aus der Schwarzmeer-Region versorgen.

Um die Abhängigkeit von Russland zu vermindern, treibt die Europäische Union den Bau der Pipeline "Nabucco" voran. Dadurch soll ab 2014 kaspisches Gas über die Türkei nach Österreich gelangen.

Das Projekt hat ein prominentes Gesicht: Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer berät die Konsortiumsmitglieder RWE und OMV.

Die Ostsee-Pipeline wird die Gasversorgung aus Russland stabilisieren. Denn Russland hat kein Interesse daran, Westeuropa das Gas abzudrehen. Schließlich ist das Land auf die Einnahmen angewiesen.

Außerdem fehlt Russland die Infrastruktur, um das von Europa benötigte Gas einfach an andere Länder in Asien zu liefern. Die Ostsee-Pipeline wird diese gegenseitige Abhängigkeit zementieren.

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