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Wirtschaft

Rückblick: Überwintern in der Krise: Ein Fall für die Kurzarbeit

 
Wenn Autos, Düngemittel und Co. vom Band ins Leere purzeln, weil Abnehmer fehlen, ist es an der Zeit, das Knöpfchen zu drücken.

Wenn Autos, Düngemittel und Co. vom Band ins Leere purzeln, weil Abnehmer fehlen, ist es an der Zeit, das Knöpfchen zu drücken.

Die Liste der Betriebe, die wegen der Auftragsflaute die Produktion zurückfahren oder gar stoppen ("Kurzarbeit Null"), wird immer länger.

Die Beschäftigten drehen nicht mehr an den Werkbänken, sondern Däumchen. Noch ist der Job sicher, aber was wird nächstes Jahr?

Um niemandem in Zeiten der Flaute gleich kündigen zu müssen, hat der Gesetzgeber die Kurzarbeit erfunden. Das hilft. Vorübergehend.

Kurzarbeit gibt Unternehmen die Möglichkeit, die Produktion ohne Entlassungen zu drosseln und sich dadurch ...

... finanziell etwas Luft zu verschaffen. Der Staat springt bei den ausfallenden Arbeitszeiten mit mindestens 60 Prozent des Lohns ein. Ein Fall von Konjunkturellem Kurzarbeitergeld - in der Kurzform auch KUG genannt - ist aber nur dann gegeben,...

... wenn ein Unternehmen aus "wirtschaftlichen Gründen" oder wegen "eines unabwendbaren Ereignisses" die betriebsübliche Wochenarbeitszeit erheblich verkürzen muss.

Ferner heißt es in den Bedingungen der Bundesagentur für Arbeit (BA), der Arbeitsausfall müsse vorübergehend sein. Darüber hinaus muss es eine begründete Hoffnung auf eine Besserung der Lage geben.

Zudem muss über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen für mindestens ein Drittel der Belegschaft mehr als 10 Prozent der Arbeitszeit ausfallen. Kurzarbeit muss zwischen Unternehmen und Betriebsrat vereinbart, ...

... vom Arbeitgeber bei der örtlichen Agentur für Arbeit angemeldet und dort genehmigt werden. Die Chancen stehen nicht schlecht. Denn jeder Kurzarbeiter schont die Arbeitslosen-Statistik.

Kurzarbeit hat gegenüber Entlassungen den VORTEIL, dass die Personalkosten der Betriebe reduziert werden, die eingearbeiteten Mitarbeiter aber nicht verloren gehen, wie bei einer Kündigung. Die Mitarbeiter profitieren davon, dass ihr Job etwas sicherer ist.

Beschäftigte in Kurzarbeit bleiben außerdem Mitglied der gesetzlichen Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung, der Arbeitnehmer verliert dort also keine Ansprüche. Für die ausfallende Arbeitszeit ...

... werden die Beiträge nach einem fiktiven Arbeitsentgelt berechnet. Diese Beiträge hat allein der Arbeitgeber zu zahlen. Der NACHTEIL der Kurzarbeit besteht darin, dass es keinen vollen Lohnausgleich gibt.

Die BA springt nur für einen Teil des Verdienstausfalls ein. Einbußen beim Einkommen müssen also hingenommen werden. Mitarbeiter mit mindestens einem Kind ...

... erhalten 67 Prozent der Differenz zum Nettogehalt, kinderlose Beschäftigte 60 Prozent. Das ist schlecht für die Arbeitnehmer und schlecht für die Konjunktur, denn die Kaufkraft leidet.

Ein weiterer Nachteil - für den Arbeitnehmer - ist, dass der Bezug von Kurzarbeit zeitlich befristet ist. Die Regierung springt nicht in die Bresche, bis die Konjunktur wieder läuft. Sie will die Auswirkungen der Wirtschaftskrise lediglich mildern. Nach der ab 2009 gültigen ...

... Verordnung beträgt die Bezugsfrist für Kurzarbeitergeld ab kommendem Jahr längstens 18 Monate (bislang waren es 12 Monate). Die neue Verordnung gilt auf ein Jahr für alle Arbeitnehmer, deren Anspruch auf das ...

... Kurzarbeitergeld bis zum 31. Dezember 2009 entsteht. So willkommen das Kurzarbeitergeld auch ist, ein Allheilmittel ist es nicht. Im schlimmsten Fall droht den Arbeitnehmern nach dieser gesetzlich garantierten Zeit doch noch die Kündigung.

Bis vor kurzem war Kurzarbeit in den Statistiken der BA eine geringe Größe. Ende September 2008 waren bundesweit 50.000 Arbeitnehmer in Kurzarbeit. Im Dezember beantragen Firmen allein für 404.000 Mitarbeiter Kurzarbeit.

Tendenz steigend. Eine Umfrage der BA ergab, dass die meisten der 176 Arbeitsagenturen "viel mehr" Anfragen zur Kurzarbeit haben als noch vor Jahresfrist. Arbeitsmarktexperten gehen davon aus, dass 2009 HUNDERTTAUSENDE kurzarbeiten müssen.

Arbeitsminister Olaf Scholz (rechts) appelliert ausdrücklich an Unternehmen, Kurzarbeit zu beantragen und Entlassungen zu vermeiden. Das ist nicht nur gut für die Arbeitslosenstatistik, ...

... sondern auch für die Unternehmen. Füllen sich nämlich die Auftragsbücher wieder und rollen die Bänder wieder an, stehen die Arbeiter bereit. Es kann wieder losgehen.

Großes Thema ist Kurzarbeit in der Autobranche. Einen Zulieferer hat es kalt erwischt, bevor er Gegenmaßnahmen ergreifen konnte. Der Leverkusener Bremsbeläge-Spezialist TMD Friction musste Insolvenz anmelden: Aus für rund 2.000 Mitarbeiter.

Im Moment können die Konzerne noch einiges über die ehemals vollen Arbeitszeitkonten puffern. Aber diese leeren sich mittlerweile zusehends. Mit Gleitzeit lässt sich die Absatzflaute nicht mehr regeln.

Das Flexibilitätsmodell, auf das Deutschland hohe Stücke hält, hat seine Grenzen erreicht. Jetzt muss gerechnet werden. Denn wer die Arbeitszeitkonten seiner Beschäftigten ins Minus schickt, muss weiter für die volle Wochenarbeitszeit zahlen.

Wenn für jeden Mitarbeiter - wie derzeit in vielen Betrieben - bis zu 200 Minusstunden anfallen, bedeutet das ein erhebliches Risiko. Arbeitszeitkonten helfen nicht bei der Liquidität. Denn der Arbeitgeber geht finanziell in Vorleistung.

In normalen Zeiten pendeln sich Plus und Minus auf dem Arbeitszeitkonto ein. Ob 2009 aber überhaupt Mehrarbeit möglich sein wird, weiß niemand. Deshalb greifen viele Unternehmen jetzt zu anderen Maßnahmen.

DAIMLER schickt wegen der Absatzkrise rund 50.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit. Allein im Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim sind 10.000 betroffen, in Sindelfingen sogar 20.000.

Im Daimler-Stammwerk ist bis Ende März eine Vier-Tage-Woche geplant, zeitweise auch eine Drei-Tage-Woche.

Neben der Kurzarbeit wurden auch rund 150.000 Beschäftigte des Konzerns in auf vier Wochen verlängerte Weihnachtsferien geschickt.

Ohne Kurzarbeit will Daimler über Arbeitszeitkonten im größten Lastwagenwerk ...

... im rheinland-pfälzischen Wörth auskommen. Im Februar soll die Vier-Tage-Woche eingeführt werden. Außerdem sind Produktionsstopps an Fastnacht und Ostern geplant. In Wörth arbeiten 11.800 Menschen.

BMW schickt 26 000 Beschäftigte in Kurzarbeit. Damit soll rund ein Viertel aller Mitarbeiter in den kommenden Wochen weniger arbeiten. Betroffen sind die Standorte Dingolfing, Regensburg, Landshut und Berlin.

BMW will im Februar und März 38 000 Fahrzeuge weniger bauen als geplant. Schon im Dezember hatte der Konzern mit Produktionskürzungen und verlängerten Weihnachtspausen auf die Absatzflaute reagiert.

Die Motorrad-Produktion mit 2.000 Mitarbeitern in Berlin-Spandau ist außen vor. Motorräder laufen laut IG Metall besser als Autos.

Bei VOLKSWAGEN stehen in den deutschen Werken erstmals seit 25 Jahren für fünf Tage die Bänder still. 61.000 Beschäftigte sind in der letzten Februar-Woche davon betroffen.

Die VW-Tochter AUDI hat für die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm vom 20. bis 27. Februar Kurzarbeit beschlossen. Rund 25.000 Beschäftigte sollen von der Regelung betroffen sein.

Der Sportwagenbauer PORSCHE kündigte im November an, die Produktion im Stammwerk Stuttgart-Zuffenhausen bis Ende Januar für insgesamt acht Tage ruhen zu lassen. Davon seien rund 2500 der insgesamt 4800 Mitarbeiter des Werkes betroffen.

Ein Rahmenabkommen mit dem Mutterkonzern GM soll für die europäischen OPEL-Standorte flexible Lösungen schaffen, um auf die Krise reagieren zu können. Arbeitszeitreduzierung, Langzeit-Urlaub und Kurzarbeit sollen danach vom Unternehmen bezuschusst werden.

Die Weihnachtsferien in der Opel Eisenach GmbH wurden auf vier Wochen ausgedehnt, die Produktion stand dort bis zum 12. Januar still, Anfang Februar soll sie erneut für eine Woche gestoppt werden.

Der US-Autobauer FORD plant Kurzarbeit in seinen deutschen Werken in Köln und Saarlouis. Der genaue Umfang ist nach Firmenangaben noch unklar, die Verhandlungen mit dem Betriebsrat laufen derzeit.

Im Kölner Motorenwerk hatte Ford bereits im vergangenen November für einige hundert Mitarbeiter auf Kurzarbeit umgestellt.

Auch der Nutzfahrzeug- und Maschinenbaukonzern MAN fährt nach dem Einbruch auf dem Lastwagen-Markt seine Produktion zurück und vereinbarte Kurzarbeit für 9400 Beschäftigte. Dazu kommt der Abbau von Arbeitszeitkonten und die Nutzung anderer Arbeitszeitmodelle.

Eine neue Anregung in Sachen Sparen kam für die deutschen Autobauer aus Frankreich. In Anbetracht der vierwöchigen Kurzarbeit bei dem französischen Autobauer PSA Peugeot Citroën hat sich der Betriebsrat für den Weihnachtsmarkt etwas Besonderes ...

... ausgedacht: Die Belegschaft des PSA-Werkes Sochaux konnte tonnenweise Kartoffeln kaufen, zweieinhalb Kilogramm zu 1,50 Euro. Bis zum Mittag war die Hälfte der Kartoffeln und anderer Gemüsesorten verkauft. Auch eine Idee für deutsche Unternehmen?

Auch die großen Autoteile-Hersteller treten auf die Bremse. Bei BOSCH gilt bereits für 4.000 Mitarbeiter Kurzarbeit. Konkurrent CONTI hat zu ähnlichen Maßnahmen gegriffen.

Der Wälzlager-Hersteller SCHÄFFLER, seit kurzem Mutterkonzern von Conti, will Schichten ausfallen lassen und die Zahl der Zeitarbeiter reduzieren.

Bei RHEINMETALL steht bei nahezu allen deutschen Standorten in der ersten Hälfte 2009 Kurzarbeit an.

Auch bei der Rheinmetall-Tochter KOLBENSCHMIDT PIERBURG wird an nahezu allen deutschen Standorten in der ersten Hälfte 2009 kurzgearbeitet.

Auch DELPHI, einer der weltweit größten Autozulieferer, schickt wegen der Absatzflaute in Deutschland Mitarbeiter in Kurzarbeit. Die deutsche Tochter des US-Unternehmens hat ihren Firmensitz in Wuppertal und beschäftigt 5.200 Mitarbeiter an 19 Standorten.

Andere Branchen versuchen ebenfalls zu überwintern. Hier gilt seit Dezember für rund 1.600 der 2.600 Beschäftigten beim Stahlriesen ARCELORMITTAL in Eisenhüttenstadt Kurzarbeit. 300 Jobs werden dennoch abgebaut.

Bei OSRAM wird seit dem 1. November kurz gearbeitet. Voraussichtlich ein halbes Jahr lang, heißt es. Betroffen sind 120 der 2000 Berliner Mitarbeiter.

Der Kasseler Düngemittel- und Salzspezialist K+S schickt fast ein Fünftel seiner 10.000 Beschäftigten in Deutschland nach einem verlängerten Weihnachtsurlaub in die Kurzarbeit.

Betroffen sind die Standorte Hattorf in Hessen, Unterbreizbach in Thüringen und das Werk Bergmannssegen-Hugo bei Sehnde in Niedersachen mit 1.800 Beschäftigten. Auch 7.000 Beschäftigte in der Produktion ...

... und in den Gruben gingen vom 19. Dezember an in einen bis Mitte Januar zwangsweise verlängerten Weihnachtsurlaub. In Sehnde soll die Kurzarbeit wochenweise bis Mitte April dauern, an den zwei anderen Standorten bis Mitte Februar.

Die Beschäftigten der Gütersparte bei der Deutschen Bahn, DB SCHENKER RAIL, müssen sich ebenfalls auf Kurzarbeit einstellen. Die Details handelt das Unternehmen derzeit mit den Betriebsräten aus.

Auch die Baumarktkette PRAKTIKER hat nach einem Zeitungsbericht an allen Standorten Kurzarbeit eingeführt. Die Mitarbeiter sollen zwischen 10 und 30 Prozent weniger Stunden arbeiten.

Die Wirtschaftskrise trifft auch den Pharma- und Spezialchemiekonzern MERCK hart. Grund ist die schlechte Lage in Branchen wie der Autoindustrie und der Unterhaltungselektronik.

Merck geht davon aus, im ersten Halbjahr 2009 die Produktion in mehreren Anlagen wochenlang zu drosseln. In den betroffenen Betrieben in Deutschland, Asien und den USA beschäftigt Merck rund 800 Mitarbeiter.

In den Hauptstandorten Darmstadt und Gernsheim soll das Herunterfahren der Produktion durch Ausnutzen von Arbeitszeitkonten und Jahresurlaub geschehen. Zudem sollen Beschäftigte zeitweise in anderen Betrieben wie etwa der Pharmaproduktion arbeiten.

Der Holzkonzern KLAUSNER in Wismar stellte zum 1. November die Rundholzzufuhr ein. Der geplante Produktionsstopp wegen sinkender Nachfrage an Schnittholz wird im Sägewerk in Wismar zum Jahresende schrittweise wirksam.

Wann die ersten der 350 Beschäftigten in Kurzarbeit null gehen, steht noch nicht fest. Aufgrund der Immobilienkrise in den USA war Klausner bereits vor Monaten in Schwierigkeiten geraten.

Der österreichische Konzern ist der zweitgrößte Hersteller von Nadelschnittholz in Europa. In Deutschland unterhält er fünf Säge- und Hobelwerke und ist damit Branchenführer. (Text: Diana Dittmer; Bilder: ap, dpa, pixelio, rts / Stand: Februar 2009)

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