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Egal wohin man blickt, überall hat sich schon die Krise breitgemacht. "Finanzkrise", "Wirtschaftskrise", "große Krise" oder "ich krieg die Krise" sind allerorten zu hören.
Die Krise dominiert auch die Emails unserer Leser an die Redaktion. Dabei fällt auf, dass sich viele von Ihnen wünschen, endlich nicht mehr nur Negatives zu lesen.
Denkt doch mal positiv, fordern sie. Also gut, machen wir.
Wo ist denn nun das Positive? Man muss ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten und den Untergang des Kapitalismus feiern.
Blicken wir doch auf etwas Handfestes, zum Beispiel auf den Ölpreis. Erinnern Sie sich noch? Vor einigen Monaten kostete ein Fass fast 150 US-Dollar. Mittlerweile hat sich der Preis mehr als halbiert.
Das ist zwar schlecht für den Scheckbuch-Sozialisten Hugo Chavez, aber gut für die Wirtschaft hierzulande.
Auch Otto-Normal-Verbraucher kann sich freuen. Die Benzin- und Heizölpreise sinken, auch die Gasrechnung fällt geringer aus. Die Preissenkungen entsprechen zwar nicht den Preiserhöhungen, aber lassen wir das.
Außerdem sinkt durch den fallenden Ölpreis die Inflation. Damit gewinnt die Europäische Zentralbank den dringend benötigten Spielraum, um den Leitzins zu senken und so die Konjunktur anzukurbeln, die durch die Finanzkrise in die Rezession gleitet.
Womit wir beim Euro wären. Die Gemeinschaftswährung verliert zum Dollar deutlich an Wert. Gut, das macht Reisen in die USA zwar teurer, aber in Deutschland ist es ja auch schön.
Wer unbedingt ins Ausland will, kann ja nach Island fahren. Dort ist es derzeit zwar kalt, aber extrem günstig.
Festzuhalten bleibt, dass der schwächere Euro der deutschen Exportwirtschaft kräftig hilft.
Wer keine Aktien hat oder rechtzeitig ausgestiegen ist, kann auch dem Kurssturz an der Börse etwas Positives abgewinnen.
Die Erkenntnis, dass die Börse keine Einbahnstraße ist, setzt sich durch. Das heißt aber auch, dass es irgendwann wieder kräftig nach oben gehen wird - und Aktien sind derzeit billig zu haben.
Abgesehen von VW - das jedoch ist eine andere Geschichte.
Das Risikobewusstsein der Anleger sollte sich deutlich verbessert haben. Hohe Renditen bedeuten nun einmal hohes Risiko. Vielleicht sind Anleger künftig vorsichtiger, wenn ihnen unverständliche Finanzprodukte mit traumhafter Verzinsung angeboten werden.
So liebe Banker, jetzt seid Ihr an der Reihe. Vielleicht setzt sich in der Branche langfristig die Erkenntnis durch, dass sich solides Wirtschaften lohnt.
Anders ausgedrückt: Halbglatzen und pastellfarbene Sakkos sind doch sexy.
Die Investmentbanker in Brioni-Anzügen und handgenähten Schuhen haben den Laden gegen die Wand gefahren. Das langweilige, solide, traditionelle Bankgeschäft mit überschaubaren Renditen gewinnt plötzlich wieder ungeahnte Attraktivität.
Wer ausreichend Humor hat, kann sich zurücklehnen und ein merkwürdiges Schauspiel genießen. Banker entpuppen sich plötzlich als Sozialisten indem sie fordern, die Milliardenverluste gefälligst zu verstaatlichen.
Und natürlich gehen die Verantwortlichen der Branche tief in sich und bekommen einen hochroten Kopf, wenn sie an die gigantischen Bonuszahlungen denken, die sie sich in den vergangenen Jahren genehmigt haben.
Das zeigt ein Blick über den Atlantik: In den USA wird über die absurden Gehälter an der Wall Street diskutiert. Im Jahr 2007 verdiente der bestbezahlte Hedge-Fonds-Manager soviel wie alle Lehrer von New York zusammen - in den letzten drei Jahren.
Darauf weist Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hin. Und ganz sicher werden irgendwann Konsequenzen gezogen. So etwas wird es künftig garantiert nicht mehr geben. Natürlich nicht.
Apropos Krugman. Gewinnen wir der Finanzkrise doch noch etwas Positives ab. Die neoliberale Dauerbeschallung hat ein Ende. Zumindest vorläufig.
Neoliberalen mag es ein Graus sein, doch der Staat gewinnt als Krisenmanager Respekt und Einfluss zurück.
"It's the economy, stupid!" wusste schon Bill Clinton. Die Wirtschaftskrise dominiert den Wahlkampf in den USA. Vielleicht erkennen die Wähler, dass Wirtschaftskompetenz wichtiger ist als vermeintlich konservative Werte.
Der künftige US-Präsident wird sich darauf konzentrieren müssen, die Konjunktur der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt zu beleben und die Exzesse des Finanzsystems zu beseitigen. Für außenpolitische Abenteuer bleibt dann keine Zeit.
Bleiben wir noch kurz in den USA. Häuser sind dort jetzt günstiger zu haben. Das ist doch prima.
Klasse Sache, so eine Finanzkrise. Danke schön. (Text: Jan Gänger; Bilder: AP, dpa, Reuters)
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