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Wirtschaft

Russland dreht den Gashahn auf: Ostseepipeline geht in Betrieb

 
Russland dreht den Gashahn auf: Ostseepipeline geht in Betrieb

Nach rund anderthalb Jahren Bauzeit fließt nun erstmals russisches Erdgas in der Ostseepipeline Nord Stream Richtung Deutschland.

Der russische Regierungschef Wladimir Putin lässt es sich nicht nehmen, in Wyborg in der Nähe der finnischen Grenze selbst den Startknopf zu drücken.

Die 1224 Kilometer lange Leitung werde zuerst mit "technischem Gas" vollgepumpt, um Druck aufzubauen, erklärt Putin den Vorgang.

Ende Oktober, Anfang November 2011 würden erstmals europäische Verbraucher Gas durch die Nord Stream-Pipeline erhalten, so Putin weiter. Dabei geht es vorerst nur um den ersten Leitungsstrang.

Auch Altkanzler Schröder ist eigens angereist. Er ist Chef des Aktionärsausschusses bei der Nord Stream AG und hatte gemeinsam mit Wladimir Putin das Projekt durchgesetzt.

Ende August war am deutschen Anlandepunkt in Lubmin bei Greifswald der erste Strang der Ostseepipeline mit der Festlandleitung Opal verschweißt worden.

Doch die Verbraucher hierzulande werden erst einmal noch nichts vom russischen Erdgas haben. "Solange die Leitung mit dem Basisgas gefüllt wird, bleibt in Deutschland der Gashahn noch geschlossen", sagt der Sprecher des Betreiberkonsortiums Nord Stream, Steffen Ebert.

Die Befüllung der Pipeline mit Erdgas ist ein technisch aufwendiges Verfahren: In den nächsten vier Tagen wird mit dem von Russland aus eingeleiteten Erdgas zunächst der Stickstoff, der als Sicherheitspuffer diente, auf deutscher Seite aus der Leitung gedrückt, wie Ebert erläutert.

Dass derzeit die Leitung zwischen Wyborg und Lubmin mit Stickstoff gefüllt ist, hat nach Angaben von Nord Stream einen guten Grund:

Stickstoff verdrängt Sauerstoff, der die Innenwand der Röhre angreifen und beim Pumpen von Methangas ein explosives Gemisch bilden kann.

Mit dem Auffüllen weiteren Gases - insgesamt 100 Millionen Kubikmeter - wird dann Schritt für Schritt der Basisdruck in der Leitung auf 75 Bar erhöht.

Wird dann nach der Inbetriebnahme Erdgas eingefüllt, könne die gleiche Menge auf deutscher Seite entnommen werden.

Das Gas des russischen Energieriesens Gazprom, das später über die Trasse in das westeuropäische Erdgasnetz eingespeist wird, stammt aus dem Feld Juschno-Russkoje, das als eines der weltweit größten Lagerstätten gilt.

Dieses Gebiet in der Region Tjumen verfügt Nord Stream-Angaben zufolge über Gasreserven von mehr als einer Billion Kubikmeter, darunter mehr als 700 Milliarden Kubikmeter nachgewiesene Reserven.

Für Nord Stream sei die Befüllung mit Erdgas ein weiterer Meilenstein auf dem Weg bis zur Inbetriebnahme, sagt Ebert.

Außerdem liegen vom zweiten Pipelinestrang bereits rund 640 Kilometer auf dem Meeresboden der Ostsee. Er soll 2012 in Betrieb gehen.

Die Kapazität beider Leitungsstränge beträgt 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Damit könnten rechnerisch 26 Millionen Haushalte mit Gas versorgt werden.

Putin hatte unlängst einen möglichen dritten Strang ins Gespräch gebracht, um den wachsenden Energiehunger in der EU zu befriedigen.

Russland will über die Leitung Gas direkt nach Deutschland pumpen und damit auch andere europäische Staaten versorgen.

Von Deutschland aus könnte das Gas unter anderem nach Dänemark, die Niederlande, Belgien, Großbritannien und Frankreich strömen.

Gazprom hat nach Angaben des Konsortiums inzwischen Gaslieferverträge über rund 23 Milliarden Kubikmeter mit den Energieunternehmen Dong Energy (Dänemark), Eon Ruhrgas, Wingas, GDF Suez (Frankreich) sowie der britischen Gazprom abgeschlossen.

Das privat finanzierte Projekt mit einem Budget von 7,4 Milliarden Euro ist auf eine Betriebsdauer von mindestens 50 Jahren ausgelegt. (Auf dem Bild: Gazprom-Chef Alexej Miller und Wladimir Putin)

Mehrheitseigner im Ostsee-Pipeline-Betreiberkonsortium Nord Stream ist der russische Gasriese Gazprom mit 51 Prozent.

Weitere Anteile halten die deutschen Firmen Eon Ruhrgas und die BASF-Tochter Wintershall, der französische Energiekonzern GDF Suez und das niederländische Unternehmen Gasunie.

Aus russischer Sicht ist Nord Stream auch eine zusätzliche Sicherheit, um die Ukraine als bisher wichtigstes Transitland für Gaslieferungen in die EU bei möglichen Problemen zu umgehen.

"Wir befreien uns Schritt für Schritt vom Diktat der Transitstaaten", sagte Putin mit Blick auf die heftigen Streits etwa mit der Ukraine über die Durchleitung russischen Gases nach Europa.

In den Transitstaaten stößt das Projekt naturgemäß auf wenig Gegenliebe. Die Baltenstaaten und Polen fürchten, Russland könne ihnen den Gashahn leichter abdrehen, wenn das Gas für Westeuropa nicht mehr durch die gleichen Leitungen fließt.

Außerdem entgehen Polen die Transiteinnahmen, die das Land bisher für die Durchleitung kassiert.

Polen reagierte ausgesprochen emotional auf das Projekt. Im Mai 2006 verglich der damalige Verteidigungsminister Sikorski den geplanten Bau mit dem Hitler-Stalin-Pakt, da Polen außen vor bleibe.

Auch für die Ukraine, bisher wichtigstes Transitland bedeutet die Pipeline eine Umstellung. Das Land bleibt zwar ein wichtiger Transportweg. Doch ist der Ruf des Landes als Transitstrecke schwer angekratzt.

Der alljährliche Streit um Lieferpreise zwischen Russland und der Ukraine, der immer wieder dazu führt, das Moskau Kiew den Gashahn zudreht und Tausende Menschen im Kalten bleiben, soll die Gasversorgung in Europa nicht mehr beeinträchtigen.

Parallel zur Ostsee-Pipeline Nord Stream entsteht – ebenfalls unter der Federführung von Gazprom – das Gasprojekt South Stream zur Versorgung Südeuropas.

Mit dieser "Gaszange" hilft Gazprom seinem Mehrheitseigner, der russischen Regierung, dabei, das unbeliebte EU-Vorhaben "Nabucco" zu behindern.

Mit der geplanten Nabucco-Leitung vom Kaspischen Meer will die EU unabhängiger vom russischen Gas werden. Durch die Gaspipeline, deren Bau noch nicht gesichert ist, soll ab 2017 Gas aus dem Kaspischen Raum nach Europa strömen.

Das Projekt, an dem neben der österreichischen OMV auch der deutsche Energieriese RWE beteiligt ist, ist Moskau ein Dorn im Auge.

Entsprechend wurde beim jüngst geschlossenen Bündnis zwischen Gazprom und RWE über den gemeinsamen Bau von neuen Gaskraftwerken und einer Beteiligung am Gas- und Steinkohlekraftwerkspark in Westeuropa das "heikle Thema Nabucco" vorerst ausgespart.

RWE will jedoch ungeachtet der geplanten Zusammenarbeit mit Gazprom die Pläne zum Bau der Nabucco-Gaspipeline weiter vorantreiben.

Den ehemaligen Außenminister Joschka Fischer, der die Konsortiumsmitglieder RWE und OMV berät, wird das freuen.

In der Bundesregierung herrscht dagegen mittlerweile die Meinung vor, dass es zum Gaslieferanten Russland kaum eine Alternative gibt – auch wenn Kanzlerin Merkel auf ihren Reisen in Nigeria und Angola eifrig nach anderen Lösungen gesucht hat.

Für Wladimir Putin ist ohnehin eindeutig, wer das Rennen um die Gasversorgung Europas gewonnen hat: "All die alternativen Vorhaben? Wo sind sie denn? Alle nur auf dem Papier." (sla/dpa/rts)

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