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Wirtschaft

November 2008: Piraten entern Konsumwelt

 
Die Bilder von der somalischen Küste schocken und faszinieren gleichzeitig.

Die Bilder von der somalischen Küste schocken und faszinieren gleichzeitig.

Mit kleinen Booten und einer bis an die Zähne bewaffneten Mannschaft werden riesige Schiffe in Bedrängnis gebracht, ...

... Besatzungsmitglieder als Geiseln genommen, ...

... und horrende Lösegeldsummen verlangt - ...

... wie beim größten Piratencoup moderner Zeiten, der Entführung des Supertankers "Sirius Star".

Die Piraten verhandeln derzeit um eine Freigabe des mit rund zwei Mio Barrel Rohöl beladenen Schiffs. Im Gespräch ist offenbar ein Lösegeld in Höhe von 25 Mio. Dollar.

Doch was hat der Supertanker mit Otto Normalverbraucher zu tun?

Doch auch nicht mehr als die Piraten aus Film ...

... und Fernsehen, oder?

Falsch gedacht. Die wachsende Piraterie wird sich auch im Supermarkt um die Ecke spürbar niederschlagen.

Denn die Überfälle machen die Versicherungen für Schiffe teurer ...

... und in Folge steigen auch die Kosten für die Waren im Supermarkt.

"Das ist ein Dominoeffekt für die Konsumenten", erklärt Clive Washbourne vom Spezial-Versicherer Beazley at Lloyd's.

"Wenn die Zahl der Attacken und Lösegeldforderungen zunimmt, dann steigen auch die Versicherungsraten. Diese würden die Schiffseigner den Unternehmen aufschlagen, die die Schiffe chartern.

Diese wiederum werden ihre Kosten an die Verbraucher weiterreichen."

Nach Angaben der Denkfabrik Chatham House sind die Versicherungsprämien für Schiffe, die durch den Golf von Aden und den Suez-Kanal fahren, in den vergangenen Monaten um das Zehnfache gestiegen.

Andere Schiffe meiden Chatham House zufolge nun die Strecke und fahren kostspielige Umwege.

Dies verteuere Waren und Öl aus Asien und dem Nahen Osten. Pro Jahr fahren 16.000 Schiffe durch den Golf vor der Ostküste Afrikas.

Eine Passage für einen Tanker kostet etwa 400.000 Euro.

Insgesamt liegen die täglichen Kosten für Tank- und Containerschiffe bei ungefähr 80.000 Euro.

Rechnet man für die Afrika-Umrundung nun mit etwa 10 Tagen, ergibt das 800.000 Euro minus den Kosten für die Suez-Passage.

Ein Nullsummenspiel, möchte man meinen. Dennoch lohnen sich die Umwege für die Reedereien.

Denn nach Zahlen der weltweit wichtigsten Meldestelle für Piratenattacken in Malaysia gab es in den ersten neun Monaten des Jahres weltweit 199 Piratenüberfälle.

115 Schiffe wurden geentert, 31 gekapert und 16 Matrosen ermordet.

Neben den menschlichen Tragödien, kommt jeder Tag, den die Schiffe in der Hand der Entführer sind, die Reedereien teuer zu stehen.

Bei dem Versicherer Hiscox ist wegen der zunehmenden Piraten-Überfälle die Nachfrage nach Spezialversicherungen extrem angestiegen.

Mit der Hiscox- "Kidnap & Ransom"- Versicherung (Entführung & Lösegeld) können sich die Reederei nämlich gegen alle durch Piraten verursachte Schäden absichern.

Inklusive der Kosten für die Übergabe des Lösegelds und die Beratung der Crew.

Ein offenbar zunehmend lohnendes Geschäft, auch wenn man sich beim Hiscox nicht in die Karten schauen lassen will, wie lohnend.

Das sei so ein sensibles Thema, dass man da keine Zahlen nennen könne, erklärte ein Pressesprecher gegenüber n-tv.de.

Grund für die zunehmende Piraterie ist das nicht zu bremsende Wachstum des Seehandels.

Mit dem Transport über den Seeweg wird in Zeiten der globalen Vernetzung über 90 Prozent des grenzüberschreitenden Warenhandels abgewickelt.

Nach vorläufigen Zahlen wurden 2007 7,57 Mrd. Tonnen über die Ozeane transportiert. Zum Vergleich: 1980 waren es lediglich 3,60 Mrd. Tonnen. (Quelle: Fearnleys)

Ein lohnendes Feld, denn wie "Wikipedia" zu definieren weiß, kommt Piraterie schon seit Urzeiten vor allem dort vor, "wo der Seehandel ein ausreichend großes Aufkommen erreicht" ...

... und gleichzeitig: "die Intensität der Überwachung und Bekämpfung ein bestimmtes Maß im Verhältnis zur Küstenlänge nicht überschreitet" ...

... und schließlich "ein Teil der Bevölkerung in der Piraterie eine lohnende Alternative zu anderen Beschäftigungen sieht."

Zu eins: Das ausreichend große Aufkommen dürfen wir als gesichert annehmen.

Zu zwei: Die Intensität der Überwachung ist aktuell das globale Thema nach der Finanzkrise.

Denn sowohl die USA als auch Russland und nicht zuletzt Deutschland wollen sich nicht länger damit abfinden, die Piraten nur beobachten, aber nicht verfolgen oder festnehmen zu können. (Fregatte "Emden")

"Die Deutsche Marine darf die Piraten nur erschrecken", ätzt es in den deutschen Medien. Es müsse ihnen jedoch mit Gewalt begegnet werden, so wie es die indische Marine vorgemacht habe.

Die Vorraussetzungen sind gegeben, denn seit Juni 2008 wird Piraterie als kriegerische Handlung eingestuft, gegen die die Weltgemeinschaft nun vorgehen will. (Im Bild: Der Präsident des European Defence Council, Herve Morin)

Doch werden sie einiges aufbringen müssen, um die Piraterie einzudämmen, denn das Geschäft ist einfach zu lohnend.

Damit kommen wir zu Teil 3 der Definition: Die Alternative zu anderen Beschäftigungen.

In Puntland im Norden Somalias sind die Piraten für die Küstenbewohner wahre Helden.

"Sie haben die schönsten Frauen, die schnellsten Autos und die besten Waffen", heißt es.

Die ganze lokale Wirtschaft der halbautonomen Region wird durch die Piraten in Gang gebracht.

Auf bis zu 30 Mio. Dollar werden die Einnahmen geschätzt.

Während in überwiegenden Teilen Somalias die Bevölkerung nach Jahrzehnten Bürgerkrieg Hunger leidet, ...

... gibt es für die Piraten und ihre Helfershelfer Häuser, Autos, Restaurants.

Gleichzeitig sehen sich die Piraten selbst als eine Art moderne Robin Hoods.

Sie kämpfen gegen "Ausländer, die unsere Gewässer vergiften und unsere Ressourcen stehlen."

Unter solchen Voraussetzungen dauert das Anheuern nicht lange.

Und was die in Aussicht stehende Bestrafung angeht: Die puntländische Regierung hat zwar inzwischen die Todesstrafe für Piraterie eingeführt, ...

aber noch kein Todesurteil vollstreckt.

Solange das Elend in Somalia nicht eingedämmt wird, wo hunderte Menschen auf der Flucht aus Mogadischu sterben, werden die ...

... Piraten weiter Volkshelden sein und keine Nachwuchsprobleme haben.

Auch Kriegsschiffe werden sie vermutlich nur punktuell aufhalten können.

Denn die modernen Piraten haben, wie ihre historischen Vorbilder, nichts zu verlieren.

Daher drängen Experten auf eine Lösung, die vor allem Hilfe für die notleidende Bevölkerung vorsieht.

Somalia brauche eine staatliche Ordnung, das Piratengewerbe müsste durch andere Jobs unattraktiv gemacht werden ...

... und eine somalische Küstenwache müsste die Überwachung übernehmen.

Denn ohne Stabilität und Frieden wird es keine langfristige Lösung geben, ...

... auch nicht für die westliche Wirtschaftsgemeinde. (Text: Samira Lazarovic, alle Bilder: rts, pa)

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