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Donnerstag, 12. Oktober 2017

Southwest, Jetblue, Ryanair: Wie Billigflieger den Himmel eroberten

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Es sind turbulente Zeiten für die Luftfahrtbranche. Den traditionellen Fluggesellschaften sitzen die Billigflieger im Nacken. (Foto: picture alliance / dpa)

Es sind turbulente Zeiten für die Luftfahrtbranche. Den traditionellen Fluggesellschaften sitzen die Billigflieger im Nacken.

Es sind turbulente Zeiten für die Luftfahrtbranche. Den traditionellen Fluggesellschaften sitzen die Billigflieger im Nacken.

Billigfluggesellschaften werden zwar gerne für ihren schlechten Komfort verspottet.

Trotzdem erobern sie immer mehr Luftraum.

Der Preis geht für viele Flugreisende deutlich vor Komfort.

2016 beförderten Easyjet, Ryanair und Co. erstmals über eine Milliarde Fluggäste. Das entspricht 30 Prozent der 3,7 Milliarden Flugreisenden insgesamt.

Billigflieger haben die Reisegewohnheiten der Menschen verändert.

Immer mehr Menschen können sich Flugreisen leisten. Die Preiskurve für Tickets zeigt in den vergangenen Jahren steil nach unten.

Mussten Reisende 1996 für den günstigsten Lufthansa-Flug von Hamburg nach Lissabon umgerechnet 860 Euro hinblättern, fliegen sie heute mit Ryanair regulär für 40 Euro hin und zurück. Preisdumping bis zu 80 Prozent sind keine Ausnahme.

Billigflieger konnten sich so eine ordentliche Scheibe vom Markt abschneiden.

Alte Platzhirsche wie Deutsche Lufthansa, Air France oder Alitalia gerieten ins Schwitzen. Überlebensstrategien für den immer schärferen Wettbewerb ließen viel zu lange auf sich warten.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr versucht es heute mit eigenen Billigfliegern.

Die hochverschuldete Alitalia schafft es nicht mehr aus eigener Kraft. Sie könnte von Billigflieger Ryanair übernommen werden.

Ryanair-Chef Michael O'Leary will 90 Maschinen kaufen - Piloten, Bordpersonal und Routen würde er auch übernehmen.

Der alten Luftfahrt geht es nicht gut, auch wenn die Passagierzahlen ständig steigen, es weltweit mehr Flüge und mehr Flughäfen gibt.

Selbst erfolgsverwöhnte Fluggesellschaften am Golf befinden sich im Sinkflug. Emirates, Qatar und Etihad waren lange Zeit mit ihren attraktiven Preisen, gutem Service und vielen Umsteigemöglichkeiten an der Schnittstelle von Europa, Asien und Afrika erfolgreich.

Doch sinkende Ölpreise machen den Besitzern der Airlines zu schaffen. Ihnen bleibt weniger Geld zur Unterstützung ihrer Unternehmen.

Und selbst die Deutsche Lufthansa, die 2016 Rekordzahlen vorlegte, gilt als zu starr strukturiert. Überbordende Bürokratie und teure Piloten sorgen für Probleme.

Billigflieger wie Easyjet dagegen sind schlank und profitabel. Doch wann und wie hat dieser Siegeszug Billigflieger eigentlich begonnen? Ein Rückblick:

Das Prinzip der Billigfluggesellschaften stammt - wenig überraschend - aus den USA.

Obwohl es häufig heißt, die Fluggesellschaft Southwest Airlines sei die erste gewesen, die Billigflüge angeboten habe, ist sie nur die Nummer zwei.

Die unumstrittene Nummer 1 am Aldi-Himmel der Luftfahrt war die Pacific Southwest Airlines (PSA) mit Sitz in San Diego. Sie wurde bereits 1949 gegründet. PSA war damals eine der renommiertesten und bekanntesten Fluggesellschaften in den USA.

PSA flog damals mit einer geleasten Douglas DC-3 einmal wöchentlich von San Diego nach Oakland via Burbank. Ein Flug kostete rund 16 Dollar. Als Ticket-Verkaufsstelle diente eine umgebaute Latrine aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die Fluggesellschaft machte durch zwei Erkennungsmerkmale auf sich aufmerksam: Durch eine Bemalung, die dem Flugzeug unter dem Motto "Catch our smile" ein lächelndes Gesicht verlieh.

Zum anderen zeichnete sich die Rocklänge der Stewardessenuniform durch ausgesprochenen Minimalismus aus. 1987 fusionierte PSA mit US Airways. Im April 1988 wurde der Flugbetrieb eingestellt.

Southwest gründete die heute größte Billigfluggesellschaft der Welt 1971. Gemessen an beförderten Passagieren (2010: 88 Mio.) ist Southwest nach Delta Air Lines die zweitgrößte US-Fluggesellschaft und zugleich die größte Inlandsfluggesellschaft der Welt.

Southwest rangiert zudem unter den Top Ten der gewinnstärksten Fluggesellschaften der Welt auf Platz vier.

In Europa gab es bald ähnliche Entwicklungen. Als erste europäische Fluggesellschaft dieser Kategorie gilt die britische Laker Airways, die von Freddie Laker im Jahre 1966 vornehmlich für den Charterverkehr gegründet wurde.

Laker bot auch interkontinentale Billigflüge an, scheiterte allerdings damit. 1982 war die Airline insolvent, der Flugbetrieb wurde eingestellt.

In den 1990er-Jahren kopierten dann mit der irischen Billig-Airline Ryanair und der britischen Easyjet für uns bekanntere Namen das erfolgreiche Konzept von Southwest Airlines. Sie erreichten allerdings nie die Größe oder die Umsatzzahlen des US-Vorbilds.

Trotzdem revolutionierten auch sie das Fliegen. Flogen 1994 noch rund drei Millionen Passagiere mit Billigfluggesellschaften, davon die meisten mit Ryanair, so waren es 1999 bereits 17,5 Millionen.

Billigflieger sind nicht mehr vom Himmel wegzudenken. Längst spielen sie in der Oberliga mit. Ryanair bietet möglicherweise für Alitalia. Easyjet prüft einen Kauf von Air Berlin - und tritt damit gegen den Champion Deutsche Lufthansa an.

Die altehrwürdige British Airways erkannte in den 90ern die Zeichen der Zeit. Unmittelbar nach dem Start von Ryanair, 1995, gründete sie ihre eigene Low-Cost-Sparte: Go nahm 1998 den Betrieb vom Flughafen London-Stansted auf.

KLM folgte dem Beispiel der British Airways im Jahr 2000, indem sie die Billigfluggesellschaft Buzz gründete.

Im Herbst 2002 starteten mit Germanwings und Hapag-Lloyd Express (heute TUIfly) zwei deutsche Billigfluggesellschaften vom Flughafen Köln/Bonn. Seitdem boomen die Billigflieger auch in Deutschland.

Durchschnittlich wird jeder fünfte Flug in Deutschland von einer Billigfluggesellschaft durchgeführt. Damit hat sich der Anteil der Billigfluggesellschaften an der Anzahl der Flüge in Deutschland in den letzten sechs Jahren vervierfacht.

Die Billignamen aus den 2000er-Jahren im Rest der Welt heißen Jetblue, Azul, Volaris Aviation oder IndiGo.

Gründer von Jetblue ist der US-amerikanisch-brasilianische Geschäftsmann David Neeleman, ein ehemaliger Mitarbeiter der Southwest Airlines. Er startete den Betrieb im Jahr 2000. Heute ist Jetblue die fünftgrößte Fluggesellschaft der USA. Seit 2008 ist Lufthansa an Jetblue beteiligt.

An den Drehkreuzen JFK in New York und Logan in Boston ist der Discounter die größte vertretene US-Airline. In den USA nutzt heute etwa jeder dritte Fluggast Billigfluggesellschaften.

2008 hob Jetblue-Airways-Gründer Neeleman in Brasilien seine nächste Billigairline, Azul, aus der Taufe. Im ersten Jahr transportierte sie zwei Millionen Passagiere, heute sind es 20,6 Millionen. Azul hat in Brasilien einen Marktanteil von 17,5 Prozent. Damit ist sie dort die drittgrößte Fluggesellschaft nach TAM und Gol.

Kontrollieren Billigflieger in Europa 20 und in den USA 30 Prozent der Sitze in den Flugzeugen, sind es in den rasant wachsenden Märkten Indiens und Südostasiens bereits mehr als 50 Prozent.

Allein die indische Airline IndiGo, auch Interglobe Aviation genannt, die es seit 2006 gibt, kontrolliert 40 Prozent des heimischen Marktes.

Wie schaffen es die Flug-Discounter, so billige Tickets anzubieten? Hier noch die mexikanische Volaris Aviation, die 2005 gegründet wurde. Sie kontrolliert allein 28 Prozent des heimischen Marktes.

Um die Ausbildungs- und Instandhaltungskosten zu begrenzen, bestehen ihre Flotten meist nur aus einem Flugzeugmodell. Die Flotte von Easyjet besteht aus 270 Airbus-Standardrumpfflugzeugen, Ryanair nutzt nur Boeing 737-800-Flugzeuge.

Oft kaufen sie auch eine große Anzahl von Maschinen auf einmal, um von Anbietern wie Boeing und Airbus Rabatte zu bekommen.

Die Löhne sind nicht so großzügig wie bei den Fluggesellschaften der alten Schule, viele Mitarbeiter bewegen sich am unteren Ende des Gehaltsspektrums.

Als Marktneulinge haben die jungen Billigflieger kaum Pensionsverpflichtungen. Oft gibt es bei ihnen keine Gewerkschaften. Konditionen, die die Beschäftigten der gestrauchelten Air Berlin das Fürchten lehren. Aber so bleiben die Kosten der Billig-Airlines merklich niedriger.

Dass diese Preispolitik auch nach hinten losgehen kann, bekommt Ryanair-Chef Michael O'Leary gerade zu spüren. Ryanair musste Tausende Flüge streichen. Schlechte Urlaubsplanung und die Air-Berlin-Abwicklung sollen die Gründe sein. Eigentlich laufen aber vor allem die Piloten weg. O'Leary schreibt eigens einen Brief mit dem Appell, der Airline treu zu bleiben.

Air Berlin - die sich selber nicht als Billigairline bezeichnet - hat im Wettbewerb den Kürzeren gezogen. Die Fluggesellschaft wird zerschlagen.

Wie hart der Wettbewerb ist, zeigt eine Beispielrechnung des Bundesverbands der deutschen Luftfahrtindustrie: Von 100 Euro Ticketumsatz auf einem innerdeutschen Flug bleibt nach Abzug aller Kosten für Treibstoff, Steuern, Gebühren, das Flugzeug und das Personal nicht mehr als etwa ein Euro an Gewinn übrig.

Doch die Jagd über den Wolken geht weiter. Als nächstes wollen Billigfluggesellschaften den Markt für Interkontinentalflüge erobern. Einige haben schon Routen im Programm, so die isländische Wow Air.

Wow und Norwegian Air Shuttle teilten sich in diesem Jahr 37 Prozent der Sommersitze zwischen den USA und Europa.

Asiatische Airlines bieten Billig-Tickets von Südkorea und Malaysia nach Hawaii an und liebäugeln bereits mit der Westküste der USA. Die rasante Ausweitung des Routenplans der Billigflieger macht es inzwischen möglich, ausschließlich mit Discount-Tickets um die Welt zu fliegen. Laut dem Magazin "Clever Reisen" funktioniert das für weniger als 1400 Euro.

Schön für die Reisenden: Die Billigfluggesellschaften haben neuerdings auch den Komfort für sich entdeckt. Es gibt Premiumsitze und Mahlzeiten - natürlich gegen eine Gebühr. (Text: Diana Dittmer)

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