Amokschütze von Blacksburg23-jähriger Südkoreaner
Die Bluttat von Blacksburg wurde von einem südkoreanischen Studenten namens Cho Seung Hui verübt. Der 23-Jährige studierte mit einem Ausländervisum an der Virginia-Tech-Universität Englisch und lebte in einem Wohnheim auf dem Campus. Auslöser des Universitätsmassakers in den USA war möglicherweise ein Liebesdrama.
Ein Liebesdrama war möglicherweise der Auslöser für das beispiellose Universitätsmassaker in den USA. Ein Student aus Südkorea hatte nach einem Streit mit seiner Freundin in Blacksburg (US-Bundesstaat Virginia) 32 Menschen und sich selbst erschossen. 15 Studenten und Lehrkräfte wurden verletzt. Die Polizei verfolgte anscheinend nach einer ersten Schießerei in einem Wohnheim zunächst eine falsche Spur.
Dabei hatte der Student am frühen Montagmorgen seine Freundin und einen Mann erschossen, der den Streit schlichten wollte. Rund zweieinhalb Stunden später brachte er in einem Hörsaalgebäude die anderen Menschen um. Nach den Ereignissen wurde erneut der Ruf nach einer Verschärfung der Waffengesetze laut.
Bewegende Trauerfeier
In einer mehr als einstündigen Trauerfeier haben am Dienstagabend US-Präsident George W. Bush, führende Politiker des Bundesstaates Virginia und bis zu 30.000 Studenten und Lehrkräfte Abschied von den Opfern des bislang blutigsten Amoklaufes in der Geschichte der USA genommen.
Er und Ehefrau Laura seien mit Herzen voller Trauer gekommen, sagte Bush. "Es ist ein Trauertag für unsere gesamte Nation." Es sei unmöglich, einen Sinn in einer solchen Gewalt und eines solchen Leidens zu sehen. Die Gedenkfeier verlief so emotional, dass ein hinter Bush sitzender junger Mann in sich zusammenbrach.
"Worte können die tiefe Trauer überhaupt nicht ausdrücken", sagte Universitätspräsident Charles Steger. Er bedankte sich für die weltweiten Sympathien und die Solidarität, die alle in Blacksburg tief berührt hätten. Für den Rest der Woche sagte die Universität alle Kurse ab. Papst Benedikt XVI. schrieb in einem Telegramm, er wolle für die Opfer, ihre Familien und die Schulgemeinde beten.
Keine deutschen Opfer
Unter den Opfern sind nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin keine deutschen Studenten. Zwölf Verletzte befanden sich noch im Krankenhaus. Der Amokläufer, der 23-jährige Cho Seung-Hui aus Südkorea, hatte sich beim Eintreffen der Polizei selbst das Leben genommen. Zeugen berichteten, er habe sich mit einem Kopfschuss schwer entstellt. Eine Frau berichtete CNN: "Er war wie ein Pfadfinder gekleidet."
Spontane Gedenkfeiern
Bereits in der Nacht hatten sich Studenten auf dem Campus zu spontanen Gedenkfeiern versammelt. In die Trauer mischte sich Wut auf die Polizei und die Universitätsleitung. Grund war die Entscheidung, den Lehrbetrieb nach der ersten Schießerei fortzusetzen. Universitätsleitung und Polizei rechtfertigten sich damit, dass sie die erste Bluttat als Einzelfall bewertet und Zeugen vernommen hätten. Erst mehr als zwei Stunden später wurden die Studenten per E-Mail aufgerufen, nicht ins Freie zu gehen, da ein Schütze auf dem Campus sein Unwesen treibe.
Tot während der Deutschstunde
Die meisten Opfer wurden in ihren Klassenzimmern getötet, mehrere während eines Deutschunterrichts. Unter den Toten ist auch der Deutsch-Professor Christopher "Jamie" Bishop. Der 75-jährige Professor für Mechanik und Aeronautik, Liviu Librescu, aus Israel wurde getötet, als er sich dem Attentäter in den Weg stellte, um seinen Studenten die Flucht zu ermöglichen.
Ungeheuer kaltblütig
Augenzeugen berichteten, der Amokläufer sei unbeschreiblich kaltblütig vorgegangen und habe seine Waffen, Medienberichten zufolge eine halbautomatische Walther-Pistole sowie eine Waffe vom Typ Glock, wiederholt nachgeladen. Ein Waffenexperte sagte, der Schütze müsse mehrere Schachteln Munition bei sich gehabt haben. Ein Krankenhaussprecher sagte, alle Verletzten wiesen mindestens drei Schusswunden auf.
"Besonderer Immunstatus"
Der Amoklauf trifft nach Ansicht des Philosophen Peter Sloterdijk die Gesellschaft auf besondere Art. Den meisten Menschen sei klar, dass Schulen und Hochschulen unter einem "ganz besonderen Immunstatus" leben. "Wenn der angetastet wird, dann erschrickt die Gesellschaft zu Recht auf eine Weise, die viel tiefer reicht", sagte der Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG).
Laut Amokforscher gibt es Vorzeichen
Vor solchen Taten gibt es nach Meinung des Berliner Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer häufig wahrnehmbare Anzeichen. "Manchmal warnt ein Schüler zum Beispiel seine ganze Klasse, dass bald etwas passiert", sagte Scheithauer. Der Professor leitet ein Forschungsprojekt mit dem Ziel, eine Bedrohung wie etwa beim Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt im Jahr 2002 besser und rechtzeitig zu erkennen.
Stringentes Waffengesetz in Deutschland
Nach den Worten von Konrad Freiberg, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist in Deutschland der Zugang zu Waffen "relativ schwer". "Wir haben unter Helmut Kohl zwanzig Jahre gebraucht, um ein Waffengesetz, was völlig veraltet war, zu novellieren", sagte Freiberg im n-tv-Talk "2+4". Die Zahl der Fälle, in denen gedroht oder geschossen wird, sei nun seit Jahren rückgängig.
Allerdings gebe es zu dem neuen Waffengesetz von 2003 noch keine Verwaltungsvorschrift, weil die Länder sich nicht einigen können. Freitag weiter: "Wir wissen wie viel Kühe wir haben, wie viele Bananen herkommen, aber wir wissen nicht, wie viele legale Waffen es in Deutschland gibt, weil die Bundesländer nicht in der Lage sind, ein zentrales Waffenregister aufzubauen."
Waffengesetze in der Kritik
Sicherheitsexperten forderten, die Diskussion um die Verschärfung der Waffengesetze und um die Rolle der Waffenlobby NRA (National Rifle Association) in den USA jetzt intensiver zu führen. "Wir erwarten von der US-Regierung ein Umdenken in Bezug auf den individuellen Waffenbesitz", sagte der Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn, Peter J.Croll. In den USA werden bei jährlich etwa 350.000 Verbrechen mit Schusswaffen mehr als 11.000 Menschen getötet. Die Rate solcher Morde liegt mit 3,8 Prozent pro 100.000 Einwohner deutlich höher als in vergleichbaren Ländern.
Australien prangert Waffenkultur an
Der australische Ministerpräsident John Howard kritisierte die Waffenkultur der USA. Australien habe nach einem schrecklichen Massaker im Jahr 1996, als 35 Menschen erschossen wurde, den Waffenbesitz rigoros beschränkt, sagte Howard. So habe die Waffenkultur in Australien kein solch negatives Ausmaß annehmen können wie in den USA. Die Regierung hatte damals fast alle Arten halbautomatischer Waffen verboten.