Missbrauch an Odenwald-Schule24 Fälle, drei Täter
Auch außerhalb der katholischen Kirche werden immer neue Missbrauchsfälle bekannt. Die renommierte Odenwald-Schule trifft der Skandal im Jubiläumsjahr.
Nach neuen Missbrauchs-Vorwürfen gegen Lehrer der Odenwaldschule ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Das bundesweit bekannte Elite-Internat rief in Heppenheim alle ehemaligen Schüler aus den Jahren 1970 bis 1985 auf, sich an eine Telefon-Hotline zu wenden. In Wiesbaden setzte am Montag das hessische Kultusministerium eine Arbeitsgruppe ein, um mögliche Versäumnisse der Schulaufsicht zu prüfen.
Bisher sind nach Angaben von Schulleiterin Margarita Kaufmann 24 Fälle von Missbrauch aus der damaligen Zeit bekanntgeworden. Darunter sind 23 Jungen und ein Mädchen, das sich erst am Wochenende meldete. "Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte", sagte Kaufmann in Heppenheim. Sie geht von drei Lehrern als mutmaßlichen Täter im dem Missbrauchs-Skandal aus.
Vorwürfe aus den 90-er Jahren
Gegen den früheren Schulleiter der Reformschule war bereits 1999 Strafanzeige erstattet worden. Die Staatsanwaltschaft in Darmstadt stellt jedoch das Verfahren wegen Verjährung ein. Am Montag leitete die Behörde nach Mitteilung ihres Sprechers Ger Neuber neue Ermittlungen ein. Nach den jüngsten Berichten sei nicht auszuschließen, dass es in dem Elite-Internat Übergriffe gegeben habe, die nicht verjährt seien, hieß es.
Die Leitung der Odenwaldschule entschuldigte sich öffentlich für die Vorfälle. "Das Leid können wir nicht mehr gut machen", sagte Direktorin Kaufmann. "Aber wir können sagen, wir sehen und wissen, dass es Leid war." Die Schulleiterin wies den Vorwurf der "Verschleierung" zurück. Sie räumte jedoch ein, das Internat habe bei den Fällen nicht "aktiv" recherchiert.
Das Internat verschickte am Montag Briefe an rund 900 ehemalige Schüler der Jahrgänge 1970 bis 1985. Kaufmann sagte, bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung Ende März solle darüber entschieden werden, ob und welche Führungskräfte aus der Schulleitung zurücktreten müssten. Betroffene berichteten unter anderem, sie seien von 1970 bis 1985 von Lehrern als "sexuelle Dienstleister" fürs Wochenende eingeteilt worden.
Altschüler diskutieren
In einem Internet-Blog diskutieren derzeit ehemalige Schüler des Internats, in dem das Lernen in der Gemeinschaft im Vordergrund steht, heftig über die Schule und vor allem dessen ehemaligen Leiter. Das bundesweit bekannte Internat, das zahlreiche prominente Abgänger hat, wurde vom Pädagogen Paul Geheeb (1879-1961) gegründet.
Auf der Liste der ehemaligen Schüler stehen prominente Namen. Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit besuchte die Schule von 1958 bis 1965. Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker schickte einen seiner Söhne auf die Schule. Auch die TV-Moderatorin und Bestsellerautorin Amelie Fried ist Absolventin. Sie hatte am Sonntag der Direktorin den Rücken gestärkt. Deren Aufklärungsarbeit sei vom Vorstand des Trägervereins massiv behindert worden.