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Viele Verletzte schweben in Lebensgefahr. Die Ärzte versuchen sie zu stabilisieren.
Viele Verletzte schweben in Lebensgefahr. Die Ärzte versuchen sie zu stabilisieren.(Foto: imago/Westend61)

Opfer mit Kriegsverletzungen: Ärzte arbeiten wie in Feldlazaretten

Im Krieg haben Menschen oft so viele Verletzungen gleichzeitig, dass Ärzte in Feldlazaretten gewissermaßen Meister der Schadensbegrenzung sind. Genau so müssen derzeit die Ärzte in Brüssel arbeiten. Einer von ihnen sagt: "So sieht Krieg aus".

Hirntraumata, Gefäßquetschungen, abgerissene Körperteile, verbrannte Haut: Mit solchen Verletzungen sind die Opfer der Anschläge von Brüssel in Krankenhäuser überall in Belgien eingeliefert worden. Verletzungen, die typisch für Opfer in Kriegsgebieten seien, sagt Jacques Creteur, Chef der Intensivstation am Universitätskrankenhaus Erasme in Brüssel. "So sieht Krieg aus", sagt er.

16 Opfer der Attentate vom vergangenen Dienstag, bei denen durch Explosionen am Brüsseler Flughafen Zaventem und in einer U-Bahn-Station im Europaviertel der belgischen Hauptstadt nach bisherigen Informationen 31 Menschen getötet und 300 weitere verletzt wurden, hat das Krankenhaus Erasme aufgenommen. Die meisten Opfer schwebten in Lebensgefahr, viele hatten mehrere schwere Verletzungen.

In diesen Fällen müssten er und seine Kollegen Behandlungsmethoden anwenden, die Ärzten normalerweise nur in Feldlazaretten abverlangt werden, sagt Creteur. Er spricht von einer Art "Schadensbegrenzung". Es gehe darum, den Zustand des Patienten bei einem ersten Eingriff vor allem zu stabilisieren - etwa eine Blutung zu stoppen, ein zerschmettertes Körperteil zu richten -, um ihn später in einem besseren Zustand weiter operieren zu können.

Schritt für Schritt operieren

Wenn er bei den Anschlagsopfern, die meist eine Vielzahl von Verletzungen aufwiesen, alles auf einmal operieren würde, sei die Gefahr von großem Blutverlust, von Komplikationen oder anderen Problemen sehr groß, sagt Creteur. Insofern müsse Schritt für Schritt operiert und der Patient zwischendurch immer erst wieder stabilisiert werden. "So arbeiten Ärzte im Krieg, sie sind Spezialisten der 'Schadensbegrenzung'", sagt Creteur.

Fast hundert Anschlagsopfer sind in das Brüsseler Militärkrankenhaus eingeliefert worden, zahlreiche von ihnen mit Hautverbrennungen. Zwei Tage nach den Anschlägen würden noch 15 Opfer behandelt, davon fünf auf der Intensivstation, sagt ein Krankenhaussprecher. "Wir haben Menschen mit vielen verschiedenen Nationalitäten aufgenommen: Engländer, Franzosen, Amerikaner, Südamerikaner, Afrikaner."

Die Opfer der Anschläge kamen aus mindestens 40 verschiedenen Ländern, wie der belgische Außenminister Didier Reynders bereits am Dienstag mitteilte. Auch Deutsche befinden sich nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin unter den Verletzten; deutsche Todesopfer werden nicht ausgeschlossen. Auch für andere Länder ist die Zahl der betroffenen Staatsbürger noch nicht geklärt. Die Angaben sind bislang noch vorläufig. Das französische Außenministerium sprach von acht verletzten Franzosen, Portugal geht von mindestens 21 verletzten Staatsbürgern aus, Großbritannien von vier. Ein Brite gilt als vermisst.

Unklar ist natürlich auch, wann das letzte Anschlagsopfer das Krankenhaus verlassen wird. Doch der Arzt Creteur gibt zu bedenken, dass die körperlichen Verletzungen nur eine Folge der Anschläge seien - es gebe noch die seelischen Schäden. Diese zu heilen dauere oft Jahre. "Einige Opfer werden ein oder zwei Jahre brauchen, bevor sie wieder arbeiten gehen, in eine U-Bahn steigen oder sich in einer Menschenmenge aufhalten können", sagt Creteur.

Quelle: n-tv.de

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