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Dienstag, 01. Dezember 2009

Einmal Asylant sein: Aktionskunst schreckt auf

Der Rollentauch soll das Verständnis für die Menschen wecken, die wegen Hunger, Krieg oder Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten.

Der Rollentauch soll das Verständnis für die Menschen wecken, die wegen Hunger, Krieg oder Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten.
(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

"Was wollen Sie hier überhaupt? Woher kommen Sie? Wie alt sind Sie?" Der Dolmetscher ist bemüht, die harschen Worte der tamilischen Grenzbeamtin in halbwegs freundlichem Ton zu übersetzen. Trotzdem rutschen die 50 vermeintlichen Asylbewerber - alles Deutsche aus dem Münsterland - nervös auf ihrem Stuhl herum. Ihr Anliegen ist ernst: Sie wollen Asyl in Sri Lanka, koste es, was es wolle. Eine glaubwürdige Fluchtlegende mussten sie sich einfallen lassen. Das war die einzige Bedingung des Münsteraner Aktionskünstlers Thomas Nufer für die Teilnahme an dem Projekt "Parallelweltreisende".

In dieser Parallelwelt sind die Teilnehmer Asylbewerber für zwei Stunden - heimatlos, eingeschüchtert und ausgeliefert. Die Grenzbeamten sind selbst Flüchtlinge, die meisten sind Ende der 80er Jahre vor dem Krieg in Sri Lanka geflohen. Künstler Nufer hat fast ein Jahr an dem Projekt gearbeitet. Er habe den Rollentausch inszeniert, um für Verständnis für jene Menschen zu werben, die wegen Hungers, Krieges und Vertreibung ihre Heimat verlassen mussten: "Es ist Aktionskunst, und es ist ein politisches Statement."

Die Fluchtmotive interesssieren kaum

Am Hauptbahnhof geht die Reise los. Ein Bus soll die Flüchtlinge heimlich über die fiktive Grenze bringen, doch nach einer Viertelstunde stürmen Zöllner das verdächtige Fahrzeug. Der Fahrer wird verhaftet und vor aller Augen in Handschellen abgeführt. "Passport, Passport", schreien die Tamilen die Reisenden an, die Maschinenpistolen-Attrappe stets im Anschlag. Rucksäcke werden durchsucht, verdächtige Flüssigkeiten konfisziert. Das Steuer übernimmt jetzt ein Tamile, der die hilflosen Deutschen umgehend in eine Grenzkaserne bringt.

Die Fluchtmotive der Teilnehmer interessieren die Grenzbeamten in der kargen Baracke kaum. Ihnen geht es um den Fluchtweg: "Sie kommen über Indien? Das ist schon mal schlecht", oder "Da Sie in Malaysia schon abgelehnt wurden, werden wir es hier nicht anders machen. Wie in Europa." Anna Laumeier, Geschäftsführerin der "Gemeinnützigen Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender" Münster, kennt das: "So werden die Flüchtlinge kontrolliert. Es geht darum, ihnen falsche Angaben nachzuweisen und in Drittländer abweisen zu können."

"Dolmetscher" Vasanthan Subramaniam hat wie alle anderen "Beamten" die Situation der Mitspieler erlebt. Der Tamile kam vor 20 Jahren nach Deutschland. Einer Schwangeren, die während der Aktion vor der Schweinegrippe flieht, macht er nach langen Verhandlungen eindeutig klar: "Sie bekommen eine Duldung für ein Jahr. Sie dürfen ihren Bezirk nicht verlassen, keine Arbeit aufnehmen. Wir garantieren für ihr Überleben, ihr Kind darf hier zur Welt kommen. Das muss reichen!"

Stark beeindruckt sind die Flüchtlinge auf Zeit, als sie mit dem Bus ins normale Leben zurückfahren. Die Politikstudentin Judith Nübold sagt: "Mich irritiert die Zufälligkeit der Geburt. Mit einem europäischen Pass hat man ja eine ganz andere Eintrittskarte als so viele Menschen auf der Welt."

Malte Schönefeld, dpa

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