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Kinder sterben auf Klassenfahrt: Belgien und Niederlande unter Schock

Es ist der Alptraum aller Eltern, ihr Kind fährt auf eine Ferienreise und kehrt nie wieder zurück. Zwei Schulklassen aus den belgischen Orten Lommel und Heverlee trifft dieses Schicksal. Ihr Bus verunglückt auf der Heimreise in einem Schweizer Tunnel, 22 Kinder, vier Betreuer und die beiden Busfahrer sterben. Eltern, Verwandte und Mitschüler stehen unter Schock.

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Mindestens 28 Menschen, darunter 22 Kinder, sind bei einem schweren Busunglück in einem Schweizer Autobahntunnel gestorben. Die toten Erwachsenen sind vier Lehrer und die beiden Busfahrer. Im Unfallfahrzeug saßen zwei Schulklassen, die auf der Rückfahrt von einer Skifreizeit waren. Die Kinder sind alle um die zwölf Jahre alt. Sie kamen nach Angaben belgischer Behörden aus der Grundschule t'Stekske in Lommel an der niederländischen Grenze und aus der Schule Sint Lambertus aus Heverlee in der Nähe von Brüssel.

Der Bürgermeister des Ortes Lommel sagte, aus seiner Gemeinde seien 22 Kinder und zwei Lehrer in dem Bus gewesen. Der niederländische Premier Mark Rutte bestätigte, dass neun der mitreisenden Kinder aus den Niederlanden stammten. Hier sind wahrscheinlich 16 Tote zu beklagen. Aus Heverlee waren 24 Kinder, ein Lehrer und eine Begleiterin in dem Bus. 16 der Kinder hätten zum Teil schwer verletzt überlebt, hieß es von der dortigen Schule. Das Schicksal von acht Kindern sei "ungeklärt". Sie sind wahrscheinlich, ebenso wie die Betreuer tot. An Bord des Busses waren insgesamt 52 Insassen.

Vor den Schulen der Kinder in Heverlee in der Nähe von Brüssel und in Lommel an der niederländischen Grenze versammelten sich am Morgen Mitschüler und Angehörige. Weinend lagen sich Menschen in den Armen. "Einige Eltern wissen, dass ihre Kinder überlebt haben. Für andere gibt es keine Nachrichten", sagte ein Polizeisprecher.      

Unklarer Unfallhergang

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Ihr Bus raste am Dienstagabend in dem Tunnel der A9 bei Siders im Wallis gegen eine Nothaltestelle in der Wand. Der schwere Unfall sorgte in der Schweiz und Belgien für große Bestürzung.

Zur konkreten Unfallursache gab es zunächst keine Angaben. Die Schweizer Nachrichtenagentur SDA berichtete, der Reisebus habe gegen 21.15 Uhr zunächst Randsteine gestreift und sei dann frontal in die Nothalte-Nische geprallt. Er sei von Siders in Richtung Sitten gefahren.

Nach belgischen Informationen war kein weiteres Fahrzeug beteiligt. Zwei weitere Busse aus dem Konvoi konnten die Fahrt fortsetzen. Die Kinder in diesen Bussen hatten von dem Unfall nichts mitbekommen und erreichten inzwischen wohlbehalten Belgien.

Noch viele Unklarheiten

Anschnallpflicht
  • In Deutschland ist es seit 1999 vorgeschrieben, in Reisebussen einen Sicherheitsgurt anzulegen.
  • Voraussetzung dafür ist, dass ein Gurt vorhanden ist. Ebenfalls seit 1999 müssen Reisebusse mit Sicherheitsgurten auf allen Sitzplätzen ausgestattet sein.
  • EU-weit gilt seit dem 9. Mai 2006 die Anschnallpflicht im Reisebus. Sie gilt generell für alle Fahrzeuge, sofern sie entsprechend ausgestattet sind.
  • In der Schweiz wurde die Pflicht zum Gurt ebenfalls 2006 zum Gesetz.

Der Tod der Busfahrer könnte die Aufklärung des Unfalls erschweren. Bisher gehen die belgischen Behörden davon aus, dass die vorgeschriebenen Ruhe- und Fahrzeiten eingehalten wurden. Der Bus war ein moderner Reisebus und mit Gurten ausgerüstet.

Die Eltern müssen nun in schrecklicher Ungewissheit ausharren. Noch immer ist die Identität aller getöteten Kinder nicht geklärt. Ein Sprecher der Walliser Kantonspolizei sagte der Schweizer Zeitung "Blick", dass zunächst DNA-Proben genommen werden müssten. Dieses Vorgehen sei nötig, weil viele Leichen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt sind. Die Schweizer Innenministerin Joelle Milquet kündigte die Entsendung von Spezialisten für die Opfer-Identifizierung an.

Eltern der Opfer machten sich sofort auf den Weg zur Unglücksstelle. Zwei Militärflugzeuge stünden bereit, um die Eltern nach Siders zu fliegen, teilte das belgische Außenministerium in Brüssel mit. Während der Reise gebe es psychologische Betreuung.

"Die Front des Busses war total eingedrückt", berichtete eine Korrespondentin des Schweizer Fernsehens vom Unglücksort. Rettungskräfte hätten die Seitenteile des zerquetschten Fahrzeugs aufschneiden müssen, damit die Opfer herausgeholt werden konnten. Auf der Fahrbahn lagen Kleider und Gepäckstücke der Kinder. Die Helfer seien noch immer geschockt von dem, was sie gesehen hätten, berichtete der medizinische Leiter der Walliser rettungsorganisation, Jean-Pierre Deslarzes. Die Tatsache, dass Kinder betroffen seien, habe alles nur noch schwerer gemacht. Den Rettern ist am Morgen die Belastung des nächtlichen Einsatzes anzusehen, viele kämpfen mit den Tränen.

Dutzende Verletzte wurden mit Hubschraubern und Rettungsfahrzeugen in mindestens vier Krankenhäuser gebracht. Die Rettungsaktion mit 200 Einsatzkräften dauerte die ganze Nacht. Drei Businsassen erlitten besonders schwere Verletzungen. Zwei von ihnen wurden zum Universitätskrankenhaus von Lausanne geflogen, einer zu einer Klinik in Bern.

"Tragischer Tag für Belgien"

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Das Unglück, das zu einem der schwersten Straßenverkehrsunfälle in der Schweiz gehört, rief große Bestürzung hervor. "Das ist ein sehr trauriger Tag für ganz Belgien", erklärte der belgische Premierminister Elio Di Rupo. Er wollte noch am Mittwoch in die Schweiz reisen. Der belgische Kronprinz Philippe und seine Frau, Prinzessin Mathilde, schrieben in einer Mitteilung, das Unglück treffe sie auch deshalb sehr, da sie selbst Eltern seien.

Das Schweizer Parlament, die Vereinigte Bundesversammlung, gedachte der Opfer: "Wir haben mit großer Bestürzung vom schweren Unglück des belgischen Reisecars im Wallis erfahren", sagte Nationalratspräsident Hansjörg Walter. Anschließend verharrten die Parlamentarier in einer Schweigeminute.

Bei dem Busunglück handelt es sich um das schwerste seit 30 Jahren. Am 12. September 1981 war ein mit deutschen Touristen besetzter Reisebus auf einem Bahnübergang in der Nähe von Zürich von einem Regionalzug erfasst worden. Alle 39 Insassen kamen ums Leben. Das letzte schwere Busunglück ereignete sich 2005. Bei einem Unfall auf der Nordseite des Grossen St. Bernhard wurden 13 Insassen getötet und 15 verletzt.  

Quelle: n-tv.de

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