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Mittwoch, 01. Juli 2009

Kulturelle Öffnung gen Westen: China tut sich schwer

Chinesische Autoren sind weitgehend unbekannt. Daher schickt China knapp 50 Autoren zur Frankfurter Buchmesse. Doch nicht alle dürfen fahren. Die Zensur ist noch immer allgegenwärtig.
Yu Hua gehört zu den wenigen international erfolgreichen Schriftstellern seines Landes.

Yu Hua gehört zu den wenigen international erfolgreichen Schriftstellern seines Landes.
(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Alter von 17 Jahren hat Chun Sue in "Beijing Doll" die Träume einer erlebnishungrigen jungen Generation in Chinas Hauptstadt beschrieben. Das 2002 erschienene Buch wurde auch ins Deutsche ("China Girl") und andere Sprachen übersetzt - in China kam es auf den Index. Jetzt erfährt die Autorin eine kleine Form der Genugtuung: Auf Einladung des chinesischen Schriftstellerverbandes wird sie zur Frankfurter Buchmesse fahren, deren Ehrengast vom 14. bis 18. Oktober dieses Jahr China ist. "Ich werde ein bisschen frischen Wind hineinbringen", hofft die 25-Jährige beim Gespräch im "Thinking Café", einem Buchladen und Kultur-Treff in Peking.

Auf der weltgrößten Bücherschau im Oktober will sich die chinesische Literatur und Kultur erstmals umfassend auf einer internationalen Bühne präsentieren. Den Chinesen geht es in Frankfurt vor allem aber auch darum, als neue globale Wirtschaftsmacht die sich im Umbruch befindende Verlagsindustrie neu auszurichten. Es bleibt ein riskanter Balanceakt, weil die Frage der Menschenrechte bei der Buchmesse zum Leidwesen des Gastlandes mit Sicherheit eine wichtige Rolle spielen wird. Die Buchmesse "wünscht" dies ausdrücklich, wie jüngst deren Direktor Jürgen Boos sagte - und damit offensichtlich bemüht war, Kritikern des chinesischen Gastland-Auftritts von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Privat- erfolgreicher als Staatsverlage

Bei der Umgestaltung seines Verlagswesens will China die 578 Staatsverlage zum Teil börsentauglich machen. Außerdem sollen die mehreren tausend kleinen Privatverlage mit Hilfe eines Fonds auch finanziell gefördert werden. Bisher können Privatfirmen nur mit Genehmigung der Staatsverlage Bücher herausbringen. Dabei sind es gerade die kreativen Privaten, die die Bestseller auf den Markt bringen.

Doch trotz Reformen scheint die Zensur weiter allgegenwärtig - auch als Schere im Kopf der Autoren. Sie fühle sich beim Verfassen ihres Internet-Blogs oft "hilflos", sagt Chun Sue. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wie sie sich über den offiziell gegen Pornografie und Gewalt gedachten Software-Filter äußern soll. Seit dem 1. Juli dürfen Computer in China trotz internationaler Proteste nur noch mit dem umstrittenen Filter ("Green Dam") verkauft werden.

Mit 50 Autoren nach Frankfurt

Das Buch "Beijing Doll" der chinesischen Autorin Chun Sue kam in ihrem Heimatland auf den Index.

Das Buch "Beijing Doll" der chinesischen Autorin Chun Sue kam in ihrem Heimatland auf den Index.
(Foto: picture-alliance/ dpa)

Knapp 50 Autoren und etwa 600 Künstler schickt China, das seine in Europa weitgehend unbekannte Literatur mit 500 Millionen Euro Übersetzungszuschüssen fördert, nach Frankfurt. Neben "unbeschriebenen Blättern" gehört dazu auch der regierungskritische Yu Hua, der mit seinen Romanen zu den wenigen internationalen Stars gehört. Zu Hause bleiben muss aber zum Beispiel Yan Lianke, der mit einer "Amour fou" zu Maos Zeiten zwischen einem einfachen Soldaten und der sexbesessenen Gattin eines Generals bekannt wurde. Beim Liebesspiel bringen sie sich regelmäßig durch das Zertrümmern einer Büste des Großen Führers in Fahrt. "Dem Volke dienen" wurde in China verboten. Ohne Einladung werde er nicht nach Frankfurt fahren, sagt Yan, der weiter KP-Mitglied ist.

Chinas Behörden bleiben unberechenbar. Vergangene Woche wurde zum Beispiel der Bürgerrechtler Liu Xiaobo offiziell angeklagt. Liu, einer der bekanntesten Kritiker des kommunistischen Apparats, steht seit 2003 auch dem chinesischen PEN-Club unabhängiger Schriftsteller vor. Auf der anderen Seite finden verbotene Bücher über das Ausland oder durch das Internet immer wieder den Weg zum Leser in China.

Hoffen auf das Internet

Man wisse nie genau was passiert, sagt Ai Weiwei, Chinas international berühmtester Künstler, der auf der letzten Kasseler documenta groß vertreten war. "Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß." Ai, der als soziales Gewissen des Landes gilt, hat aber eine klare Meinung: "Das System ist dumm, krank und unverantwortlich." Er hofft auf die Kraft des Internets. Das Netz sei für die "Regierung gefährlich". Er selbst ist passionierter Blogger - aus Chinas größtem Internet-Portal Sina wurde jedoch sein Tagebuch wieder entfernt.

Das Internet hat in China einen beispiellosen Siegeszug angetreten: Mit über 300 Millionen Nutzern gilt es inzwischen als wichtigstes Massenmedium. Es hat die Literatur bereits massiv verändert. In China erscheinen zwar jährlich rund 250.000 neue Titel, die Leserschaft stagniert jedoch bei 20 bis 30 Millionen, und die Auflagen bleiben meist bescheiden. Dagegen ist die Zahl der Online-Romane explodiert. Teenager lassen sich ihre Lektüre auch auf Handys herunterladen. Es gibt regelrechte Popstars unter den Internet-Autoren wie etwa Lu Jinbo. Mit 34 Jahren hat er inzwischen eine eigene Agentur gegründet, die Online-Soaps über die Sorgen und Nöte der 10- bis 13-Jährigen wie industrielle Ware konfektioniert. "Chicklet-Literature" für die Teenies wird das in China genannt.

"China wird weltweit bei den Veröffentlichungen im Internet führend werden", sagt Luc Kwanten, ein ehemaliger amerikanischer Universitätsprofessor, der seit Jahren westliche Bücher nach China vermittelt. Davon werde auch der traditionelle Buchmarkt profitieren. Immerhin: Die erfolgreichste Autorin, die Lu Jinbo für die "Chicklets" im Internet aufgebaut hat, verkaufte von ihren Online-Ratgebern auch vier Millionen Exemplare in den Buchläden.

Thomas Maier, dpa

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