Die moralische Instanz der DDRChrista Wolf ist tot

Die wohl populärste Schriftstellerin der DDR, Christa Wolf, ist tot. Wolf sah die DDR und die SED mit kritischer Distanz, blieb ihr aber bis zum Schluss treu. Vielen Lesern in Ost und West war sie über Jahre eine moralische Instanz des anderen Deutschlands. Sie erhielt zahlreiche Literaturpreise.
Die Schriftstellerin Christa Wolf ist tot. Sie starb im Alter von 82 Jahren in Berlin, teilte der Suhrkamp Verlag mit. Wolf gilt als eine der bekanntesten und produktivsten Schriftstellerinnen der . Sie war eine Dichterin, deren Wort "hüben und drüben" viel bedeutet hat.
Wolf hatte in ihren Romanen und Erzählungen die Kämpfe, Hoffnungen und Irrtümer ihrer Zeit kritisch und selbstkritisch befragt und mit tiefem moralischen Ernst und erzählsicherer Kraft geschildert. Vor allem war es ihre Ehrlichkeit und Gradlinigkeit, für die ihre Leser sie schätzten. Für die einen ist sie immer noch die "Staatsschriftstellerin" der ehemaligen DDR. Für andere, wie zum Beispiel Günter Grass, war Christa Wolf immer eine Anwärterin für den Nobelpreis.
Wolf war nach der Wende 1993 nach Kalifornien ausgewichen, um dort in Ruhe arbeiten zu können, nachdem im wiedervereinigten Deutschland eine heftige Diskussion um sie und andere frühere DDR-Schriftsteller als "deutscher Literaturstreit" hohe Wellen in den Feuilletons geschlagen hatte. Damals war auch bekannt geworden, dass Wolf in früheren Jahren von 1959 bis 1962 von der Stasi zunächst als "Gesellschaftliche Mitarbeiterin" und dann als IM "Margarethe" geführt worden war, was die Autorin nach eigenem Bekenntnis verdrängt hatte. Dagegen stand, dass sie und ihre Familie seit Ende der 60er Jahre systematisch von der Stasi ausspioniert wurden.
Die "deutsche Zerrissenheit" hatte in Wolf ein literarisches Sprachrohr gefunden, vor allem in ihrer bekannten, von Konrad Wolf 1963/64 verfilmten Erzählung "Der geteilte Himmel". Zu Wolfs anderen wichtigen Werken gehören die Romane und Erzählungen "Nachdenken über Christa T.", "Kindheitsmuster", "Kein Ort. Nirgends", "Kassandra" und "Medea. Stimmen". 2003 veröffentlichte sie unter dem Titel "Ein Tag im Jahr" Tagebuchauszüge von 1960 bis 2000. Ihr letzter Roman "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" erschien im Sommer 2010.