Erinnerungen an RuandaDas zweite Leben nach dem Genozid
Es ist 15 Jahre her. Doch wenn Pierre Celestins Karimumrumba Bauarbeiter mit ihren Spitzhacken sieht, dann ist es wieder 1994 und Hutus jagen und töten Tutsis.
Die Mörder müssen gedacht haben, sie hätten ganze "Arbeit" geleistet, damals Ende Mai 1994. Sie hatten Pierre Celestins Karimumrumbas Frau und seine vier Kinder umgebracht. Auch seine Schwester und ihr Mann waren mit Macheten zerhackt worden - im schwärzesten Jahr der Geschichte Ruandas, als die Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Tutsi einem Todesurteil gleich kam. Anders als viele Opfer des Völkermords kannte Pierre Celestine die Mörder seiner Familie nicht. Es waren Fremde, die in sein Dorf etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Kigali gekommen waren, um alle Tutsi zu töten.
Sie glaubten, auch der heute 57 Jahre alte Karimumrumba sei tot. Arme und Beine, Rückgrat und Brustkorb waren gebrochen. Pierre Celestins Glück im Unglück war, dass die überwiegend aus im Exil lebenden Tutsi-Kämpfern bestehende Ruandische Patriotische Front (RPF) nach 100 Tagen dem Massenmord ein Ende setzten. Sie eroberten das Dorf Gahanga, während er ums Überleben rang. Der Schwerverletzte wurde entdeckt und gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht.
Arme zu schwach, um den Rollstuhl zu bewegen
Er überlebte, aber für eine wirkliche Heilung waren die Verletzungen auch nach zwei Jahren Behandlung zu schwer. Celestine wird nie wieder gehen können, und seine Arme sind zu schwach, um seinen Rollstuhl auf dem unebenen und hügeligen Gelände bewegen zu können. Ohne seine heutige Ehefrau Stephania Mukantenera, auch sie eine Überlebende des Völkermordes, könnte er noch nicht einmal das bescheidene Haus verlassen.
Der hagere Mann im abgetragenen Anzug ist von den Narben der Verletzungen gezeichnet, den äußeren wie den seelischen. Selbst wenn er lächelt, bleiben seine Augen traurig. Doch er blickt trotzdem nach vorne, auf das Leben mit seiner zweiten Familie: Er hat die Kinder seiner ermordeten Schwester aufgenommen, heute gehören auch zwei Aids-Waisen zu der sechsköpfigen Patchwork-Familie. "Ich fühle mich im heutigen Ruanda sicher, dass niemand mehr kommen kann und mein Leben noch einmal zerstören kann", sagt er mit heiserer, fast flüsternder Stimme. "Und nun habe ich die Möglichkeit, auch Geld für meine Familie zu verdienen."
Start in ein neues Leben
Bis vor zwei Jahren lebte die Familie nur von dem, was Stephania auf der kleinen Farm anbaute und auf dem Markt verkaufen konnte. Damals erhielt Pierre Celestin eine Ausbildung im Rahmen eines Projekts der Christoffel Blindenmission für Behinderte in der Region. Nun webt und flechtet er Strohmatten, traditioneller Bodenbelag in vielen Häusern. "Für eine Matte bekomme ich 20.000 Franc (knapp 27 Euro)", erzählt er. Ungefähr drei dieser Matten kann er im Monat herstellen.
Es ist nicht nur das zusätzliche Einkommen, das das Leben der Familie erleichtert. Karimumrumba hat sein Selbstwertgefühl zurück erhalten - er ist nicht mehr völlig von Hilfe abhängig, sondern kann zum Überleben seiner Familie beitragen. Inzwischen ist er sogar der Leiter der kleinen Kooperative von Behinderten und derjenige, der im Dorf die Anliegen der Behinderten vertritt. Trotz seiner körperlichen Schwäche strahlt der 57-jährige viel Würde aus.
Weiterleben für die neuen Kinder
Er hat sein zweites Leben gemeistert, die neue Existenz 15 Jahre nach dem Völkermord. Doch die Erinnerungen bleiben. Vor allem, wenn er die Gefängnisinsassen sieht, die mit Spitzhacken und Schaufeln auch in seinem Dorf Gahanga Straßen bauen und Gräben ausheben. Viele von ihnen sind "Genocidaires", Angehörige der Hutu-Milizen, die während des Völkermords 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu abschlachteten.
Doch die Vergangenheit ist nie ganz vorbei. "Wenn ich an meine ermordete Frau, an meine Schwester und meine Kinder denke, dann bin ich einfach nur traurig und verzweifelt", sagt er. "Dann frage ich mich, warum ich ohne sie überleben musste und wäre lieber tot mit ihnen. Aber dann sehe ich meine neue Familie, die Kinder die mich noch brauchen. Und deshalb muss ich weiter leben."