Panorama
Milke auf einer Pressekonferenz im März 2015 nach der Aufhebung ihres Urteils.
Milke auf einer Pressekonferenz im März 2015 nach der Aufhebung ihres Urteils.(Foto: AP)

"T" für Todesstrafe: Debra Milke hörte nie auf zu kämpfen

Von Solveig Bach

Jahrzehntelang galt Debra Milke als die Frau, die die Ermordung ihres vierjährigen Sohnes in Auftrag gegeben hatte. Beinahe wäre sie dafür hingerichtet worden. "Ein geraubtes Leben" erzählt ihre Geschichte.

"Nein, ich habe an keinem einzigen Tag je aufgegeben", schreibt Debra Milke am 19. Mai 2013 in einem Brief. Da sind es nur noch wenige Monate bis zu ihrer Freilassung. Am Ende wird die in Berlin geborene und in den USA aufgewachsene Frau 24 Jahre im Gefängnis verbracht haben, 22 davon im Todestrakt. Sie war dafür verurteilt worden, zwei Männer zum Mord an ihrem vierjährigen Sohn Christopher angestiftet zu haben. Das war 1990, Milke war 26 Jahre alt.

Erst am 5. September 2013 wird Milke das Gefängnis im US-Bundesstaat Arizona wieder verlassen. Da ist sie fast 50. Die US-Journalistin Jana Bommersbach hat ihr Buch über diese Jahre, das nun auch auf deutsch erscheint, "Ein geraubtes Leben" genannt. Akribisch zeichnet sie den Fall Milke nach, beginnend an jenem verhängnisvollen 2. Dezember 1989 als der vierjährige Christopher mit Milkes Mitbewohner James Styers in die Stadt fährt, um den Weihnachtsmann zu treffen. Einen Tag später wird der Junge tot gefunden, drei Kugeln im Hinterkopf.

Auch nach all den Jahren ist nicht aufgeklärt, was wirklich geschehen ist. Hat Styers Christopher erschossen oder doch sein Kumpel aus Schultagen, Roger Scott? Beide wurden wegen des Mordes zum Tode verurteilt. Scott wurde später wegen einer diagnostizierten Schizophrenie zu lebenslang begnadigt, Styers wartet noch immer auf seine Hinrichtung. Lange war Milke sicher, Scott, ein unsympathischer arbeitsloser Alkoholiker, tötete ihr Kind, um seinen Kumpel Styers nicht teilen zu müssen. Inzwischen hält sie auch für möglich, dass ihr freundlicher Mitbewohner noch eine andere Seite hatte. Der traumatisierte Vietnam-Veteran könnte mehr gewollt haben, als nur eine zeitweise WG und Christopher könnte ihm dabei im Wege gewesen sein. Weil schlampig ermittelt wurde, wird es wohl immer das Geheimnis der beiden Männer bleiben. Für Milke scheint es keine Rolle mehr zu spielen. "Mein Leben endete, als ich fünfundzwanzig war. Mit dem Tod meines Sohnes starb auch ein Teil von mir, und mein Leben war vorbei."

Ein gewaltiger Justizskandal

Bommersbach hat noch einmal all die skandalösen Einzelteile zusammengetragen, die dazu führten, dass Milke überhaupt verurteilt wurde: das ausgedachte Geständnis des skrupellosen Kriminalbeamten, der vorenthaltene Anwalt, der unerfahrene Pflichtverteidiger, der nicht gehörte psychologische Gutachter, die zurückgehaltenen entlastenden Indizien. Vieles davon weiß man inzwischen, an der Ungeheuerlichkeit all dieser Dinge ändert das nichts. Als das Urteil fällt, notiert Milke nur "T" für Todesstrafe.

Das Buch ist bei Droemer erschienen und kostet 19,99 Euro.
Das Buch ist bei Droemer erschienen und kostet 19,99 Euro.

Unfassbar spannend wird es jedoch, wenn die Autorin schildert, wie Milke im Knastalltag ihre Würde zu erhalten versucht. Unmittelbar nach ihrer Verurteilung wird sie wie ein Monster behandelt. Wenn sie in Ketten gelegt den Gang entlang geführt wird, hält sich keine andere Gefangene dort auf. Einer Kindsmörderin trauen alle das Schlimmste zu und lassen sie das auch spüren. Milke zieht sich völlig in sich selbst zurück und verordnet sich ein strenges Programm, damit "ihr Hirn nicht zu Brei" wird. Sie lässt sich zur Anwaltsassistentin ausbilden, auch um die Vorgänge in ihrem eigenen Fall besser zu verstehen, sie lernt Krankenpflege und Algebra. In einem Buchklub liest sie die dicksten Klassiker, macht Aerobic, Milke löst Tausende von Sudokus und Kreuzworträtsel. Während sie das eintönige Gefängnisessen zu sich nimmt, bastelt sie sich aus den Rezepten, die in allen möglichen Zeitschriften erscheinen, ein Traumkochbuch.

Milkes Art beeindruckt irgendwann auch den hartgesottensten Vollzugbeamten. Obwohl Todeskandidaten jeder Körperkontakt untersagt ist, streichelt eine der Frauen bei der Essenausgabe ihre Hände, damit sie nicht vergisst, wie sich eine menschliche Berührung anfühlt. Ein Häftlingsberater setzt sich ohne Milkes Wissen mit einem Anwalt in Verbindung, weil er einfach nicht glauben kann, dass diese Frau für den Tod ihres Sohnes verantwortlich sein soll.

Eine andere Welt

Auch wenn es Jahre dauert und Milke zwischendurch an den unendlich langen juristischen Vorgängen zu verzweifeln droht, am Ende ist sie die 151. Person, die einem amerikanischen Todestrakt lebend entrinnt. Auf einer Pressekonferenz, für die sie sich extra ein blaues Kleid gekauft hat, so wie sie es ihrer sterbenden Mutter versprochen hatte, sagt Milke: "Ich habe immer daran geglaubt, dass dieser Tag kommen würde. Ich dachte bloß nicht, dass es fünfundzwanzig Jahre, drei Monate und vierzehn Tage dauern würde, einen so eklatanten Justizirrtum zu korrigieren."

Als Milke verhaftet wurde, war George Bush senior Präsident der Vereinigten Staaten, es gab kein Internet, keine Handys, weder DVDs, noch Viagra. Bommersbach gibt dem Leser eine Ahnung davon, wie schwer es für Milke war, sich in diesem Draußen-Leben wieder zurecht zu finden. Nach zwei Jahrzehnten in Gefangenenkleidung sieht sie eine ganze Nacht lang die Kleidung durch, die ihre Unterstützer für sie bestellt haben. Schlafen kann sie nicht. "Mir machten zwei Dinge zu schaffen, die ich seit dreiundzwanzig Jahren nicht mehr erlebt hatte: die Dunkelheit und die Stille."

Milke legt sich einen Hund zu, später auch noch eine Katze, sie besucht das Grab ihrer inzwischen verstorbenen Mutter Renate Janka, in der Schweiz. Sie geht einkaufen und kocht, nimmt einen Halbtagsjob in der Kanzlei an, die sie verteidigte. Aber sie kämpft dennoch mit Depressionen. Die Qualen der endlosen Tage im Gefängnis, das jahrelange Auf und Ab der juristischen Entwicklungen, die Trauer um ihren Sohn und ihr eigenes ungelebtes Leben zerreißen sie beinahe. "Mein juristischer Kampf ist bedeutungslos verglichen mit dem immensen Schmerz in meinem Herzen und meiner Seele über Christophers grausamen Tod", hatte sie auf der  Pressekonferenz gesagt.

Inzwischen hat Milke eine Klage auf Haftentschädigung eingereicht. Dass es lange dauern kann, bis darüber entschieden wird, wer könnte das besser wissen als sie. Ihr eigenes Buch hat die Frau, die zwischenzeitlich schon einen Hinrichtungstermin hatte, ad acta gelegt, um mit den vergangenen Jahren abzuschließen. Stattdessen überließ sie Bommersbach Akten, Notizen und Briefe. Eine kluge Entscheidung.

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Quelle: n-tv.de

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