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Schubert-Weine: "Paradebeispiel für Eleganz"
Schubert-Weine: "Paradebeispiel für Eleganz"(Foto: picture alliance / dpa)

Rotes Gold vom Ende der Welt: Deutscher Spitzenwein aus Neuseeland

Von Julian Vetten, Martinborough

Der Pinot Noir ist die Diva unter den Rotweinreben: schwierig zu zähmen, aber extrem elegant. Grand Crus aus Burgund kosten deshalb gut und gerne bis zu 500 Euro pro Flasche - ein Tropfen aus Down Under, der gerade einmal ein Zehntel kostet, stiehlt ihnen die Show.

Am Anfang stand der Traum. Der Traum vom Ausnahmewein aus eigener Produktion. Marion Deimling und Kai Schubert träumten ihn schon, jeder für sich, als sie Anfang der 90er-Jahre begannen, Weinbau zu studieren - und sie träumten ihn gemeinsam, als sie wenige Jahre später an der Weinfachhochschule Geisenheim ihren Abschluss machten und sich in der Zwischenzeit kennen und lieben gelernt hatten. Eigentlich passte alles: das Fachwissen, die Detailverliebtheit, der Geschäftssinn und vor allem die Leidenschaft für Wein. Nur eines hatten die beiden jungen Winzer nicht: ein Weingut.

Kai Schubert und Marion Deimling beim Verkosten: dem Spätburgunder verfallen.
Kai Schubert und Marion Deimling beim Verkosten: dem Spätburgunder verfallen.

Fast 20 Jahre später sitzt Kai Schubert auf der Terrasse seines Cottages in Martinborough und lässt den Blick schweifen: Nur ein paar Meter weiter ranken Weinreben dem bedeckten neuseeländischen Himmel entgegen, in der Ferne erheben sich die Höhenzüge des Rimutaka-Passes - und von dort tost auch der Wind herunter, der hier fast immer bläst. Schubert ist die Brise gewohnt, wahrscheinlich spürt er sie schon gar nicht mehr bewusst - jedenfalls hält es ihn nicht davon ab, mit sichtlichem Genuss eine Flasche Rotwein zu entkorken. Es ist nicht irgendein Rotwein, sondern die Erfüllung seines Traumes: ein 2008er Pinot Noir mit dem klangvollen Namen "Marion's Vineyard". Wie um dem Namen alle Ehre zu machen, wuselt seine Frau ein paar Meter weiter zwischen den Reben umher und tut die geheimnisvollen Dinge, die Winzer in ihren Weinbergen eben so tun.

Dem Spätburgunder verfallen

"In Europa bei Null anzufangen ist praktisch unmöglich, weil die guten Lagen entweder von Generation zu Generation vererbt oder zu horrenden Preisen verkauft werden", erinnert sich Schubert an die schwierigen Anfangsjahre. Dass sich das frischverliebte Ehepaar in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet ein Weingut mit dem Schwerpunkt auf Pinot Noir zu gründen, machte die Sache nicht einfacher: Der Blaue Spätburgunder, wie er auf Deutsch heißt, gilt als die Diva unter den Rotweinreben, als enorm schwer zu zähmen und klimatisch extrem anspruchsvoll. Aber eben auch als "Paradebeispiel für Eleganz", wie Schubert sagt. Jahrelang reisten seine Frau und er auf der Suche nach der perfekten Lage durch die Welt, besuchten Australien, die USA, Chile - und Neuseeland.

Im Wairarapa, am Südzipfel der Nordinsel, wurden Deimling und Schubert schließlich fündig: Den beiden waren zuvor verdächtig viele sehr gute Pinot Noirs untergekommen, die alle aus ein und demselben winzigen Ort mitten im Nirgendwo kamen: Martinborough. "Es ist eine unvergleichliche Kombination aus dem perfekten Boden, dem ständigen Wind und großen Temperaturschwankungen, die dafür sorgt, dass die Reben auf natürliche Weise sehr geringe Erträge produzieren. Gleichzeitig sind die Beeren kleiner, was dann zu mehr Dichte und Konzentration führt", sagt Schubert. Viel, viel Plackerei für sehr wenig Wein: Um aus Deutschland 20.000 Kilometer um die Welt ins Wairarapa zu ziehen, muss man dem Spätburgunder schon verfallen sein.

Dramatische Wolkenformationen und wunderschöne Lichtstimmungen sind Alltag im Wairarapa.
Dramatische Wolkenformationen und wunderschöne Lichtstimmungen sind Alltag im Wairarapa.

Schubert und Deimling zögerten keine Sekunde: Sie übernahmen das kleine Weingut eines alten Italieners und gestalteten es nach ihren Vorstellungen um. Bescheidene 800 Flaschen produzierten sie in ihrem ersten Jahrgang 2001, mittlerweile sind es auf knapp 15 Hektar pro Jahr etwa 60.000 bis 70.000, von Sauvignon Blanc über einen Rosé bis zu mehreren Rotweinen. Das Flaggschiff allerdings ist, wie sollte es auch anders sein, ein Pinot Noir: Mehrere Jahrgänge des "Block B" wurden zwischenzeitlich mit Preisen ausgezeichnet, der 2008er setzte sich in einem Vergleich unter 19 Nationen gegen die etablierte Konkurrenz aus Deutschland, Italien, Frankreich, Australien, den USA und Chile durch und wurde zum Pinot Noir des Jahres gewählt.

Die Begründung der Jury ist verschnörkelt, wie es nur Weinsprache sein kann: "Block B vereint das Aroma kraftvoller, lebhafter und saftiger Früchte mit einem Hauch von süßer Erdbeere und dem Geschmack zarter Loganbeeren. Er vereint eine raffinierte Sättigung mit einem frechen Säurespritzer und ist geschmeidig und außerordentlich lang im Abgang." Schubert selbst hält von so viel verbalem Gewese nicht allzuviel: "Letztendlich geht es doch darum, dass unser Wein möglichst gut schmeckt. Der Block B hat ziemlich vielen Leuten ziemlich gut geschmeckt."

Audi kaufen, Porsche fahren

Marion Deimling im Weinkeller: "Viele kleine Schritte machen den Unterschied aus."
Marion Deimling im Weinkeller: "Viele kleine Schritte machen den Unterschied aus."

Es ist erfrischend, wie bodenständig Deimling und Schubert mit ihrem Lebenswerk umgehen. Die beiden Schwaben sind nicht nur ungemein herzliche Zeitgenossen, ihnen fehlt auch jeglicher Snobismus, für den die Branche nach außen hin bisweilen berüchtigt ist. Das zeichnet sich nicht zuletzt auch im Preis ihrer Weine aus: Mit rund 35 Euro pro Flasche bekommt man extrem viel Qualität für sein Geld - ein bisschen so, wie wenn man einen Audi A4 kauft, um dann Porsche zu fahren. Im Vergleich mit anderen Pinot Noirs wird das besonders deutlich: Bei einer Blindverkostung teilte sich ein 2004er "Block B" den ersten Platz mit einem Grand Cru aus dem Burgund - der mit runden 450 Euro zu Buche schlug.

"Es ist bei Wein nicht anders als den meisten anderen Luxusprodukten: Für viele Menschen funktioniert er vor allem als Statussymbol", sagt Schubert. Trotz aller Erfolge der vergangenen Jahre sind die Schubert-Weine deshalb immer noch ein Geheimtipp: Das junge Weinland Neuseeland ist zwar mittlerweile für seine Sauvignon Blancs bekannt und geschätzt, Pinot Noirs gelten aber weiterhin als Exoten.

Dass sich das über kurz oder lang ändern wird, daran besteht allerdings kaum ein Zweifel - wofür die beiden Schwaben mit ihrem ganz besonderen Ethos schon von alleine sorgen werden: "Der Unterschied zwischen einem guten und einem großartigen Wein sind die vielen kleinen Schritte." Marion Deimling und Kai Schubert sind sie alle gegangen. Jeden einzelnen.

Quelle: n-tv.de

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