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Ein Paar beim Liebesspiel. Man muss darüber reden
Ein Paar beim Liebesspiel. Man muss darüber reden

Mösenmassagen und Dildopartys: Deutschlands ganz normale Sexgeschichten

Tatjana Meissner hat sich in deutschen Schlafzimmern umgehört, war Gast auf einer Dildo-Party, traf sich mit betrogenen Frauen, einem Sexshopbesitzer, einer Prostituierten, einer Kita-Erzieherin und vielen verschiedenen Menschen. Sie schrieb ein Buch und titelte: "Du willst es doch auch" - nur wenige Tage nach der Silvesternacht kam es in die Buchläden.

n-tv.de: Frau Meissner, ihr neues Buch "Du willst es doch auch" erschien kurz nach den Silvester-Übergriffen in Köln. Ein ziemlich blöder Zeitpunkt, finden Sie nicht?
Tatjana Meissner: Das war auch mein erster Gedanke: Wie kommt in so einer Situation der Buchtitel "Du willst es doch auch!" an, wenn hunderte Frauen sexuell angegriffen wurden? Aber dann habe ich mir überlegt, dass es doch genau richtig ist, jetzt nicht unser ganzes Denken von diesen Vorkommnissen beeinflussen zu lassen. Prüderie, Verklemmtheit und das "Nicht darüber reden wollen" sind doch genau die Gründe für Übergriffigkeiten und Unsicherheiten, die Frauen dazu bringen, sich nicht zu wehren oder ein Leben lang darunter zu leiden, Sex haben zu müssen, der Ihnen keinen Spaß macht oder dass Männer, immer noch glauben, dass  Selbstbefriedigung krank mache, Frauen für sie da zu sein haben und dass Homosexuelle Angst haben, sich zu outen.

Was muss ihrer Meinung nach passieren, dass sich solche frauenverachtenden Übergriffe nicht wiederholen?
Wenn Sex wahrgenommen wird als das, was er ist, nämlich die normalste Sache der Welt, die jeder selbstbestimmt in allen Spielarten leben kann, ohne diskriminiert zu werden und wenn auch dem Letzten klar ist, dass man die Grenzen des Partners zu akzeptieren hat, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Aber dazu muss man darüber reden und darf den Sex nicht ausschließlich in die Schmuddelecke stellen oder als Lifestyleprodukt vermarkten.

Das Buch ist im Eulenspiegel-Verlag erschienen.
Das Buch ist im Eulenspiegel-Verlag erschienen.(Foto: Robert Lehmann / Lichtbilder Berlin)

In ihrem Buch haben Sie viele unterschiedliche Erfahrungsberichte zum Thema Sex zusammengetragen. Was erwartet den Leser?
Es sind lustige und brüllkomische Geschichten, die man selber auch so hätte erleben können. Sexgeschichten, die im Lotterbett, Swingerclub, Kornfeld oder sonst wo passieren. Ich habe mit vielen verschieden Menschen gesprochen, darunter waren unter anderem eine Kita-Erzieherin, eine Krankenschwester, ein Sexshopbesitzer. Ich traf betrogene Frauen, eine Hure und Paartherapeuten. All diese Menschen erzählten mir ihre humorvollen, inspirierenden und manchmal traurigen Geschichten über Sex, Vibratoren, Privatpartys, erste Zungenküsse und vieles mehr.

Also keine Beichten a la "Fifty Shades of Grey", sondern ganz alltägliche Sex-Episoden aus deutschen Schlafzimmern?
Ich finde, dass "Fifty Shades of Grey" harmloser daherkommt, denn ich war erstaunt, was in deutschen Betten so alles stattfindet. Viele würden das ja weit von sich weisen, aber meine Fans haben mir glaubhaft berichtet, dass es alltäglich ist, zusammen Pornos zu gucken, dass Sexspielzeug nicht nur allein, sondern auch im Ehebett benutzt wird, man mit seinem Partner in den Swingerclub oder auf Privatpartys geht oder beim Leipziger Lesbenfrühling einen Sex-Workshop besucht. Eine meiner Zuschauerinnen hat mich zu einer Dildo-Party eingeladen und ich bin hingegangen. Das war ein erstaunlich lockeres und prickelndes Ereignis.

Sie geben sehr viel über ihr eigenes Sexleben preis …
Das mache ich in diesem Buch, genauso wie auf der Bühne. Natürlich lustig und überhöht, aber im Großen und Ganzen erzähle ich schon von meinem (Er)Leben. Und die Leute lachen darüber immer sehr, weil ich mich selber natürlich auch auf die Schippe nehme und den Finger in die Wunde lege. Und dann kommen die Zuschauer hinterher zu mir und sagen: Bei uns ist das genauso, darum müssen wir so lachen. Aber sie lachen natürlich auch, weil ich ein Tabu breche, wenn ich über meine weiblichen Unzulänglichkeiten und sexuellen Unzufriedenheiten zum Thema mache.

Eine aktuelle Studie belegt, dass jeder zweite Bundesbürger unzufrieden ist mit seinem Sexleben und schlimmer - die allermeisten reden auch nicht darüber.
Das ist auch meine Erfahrung. Ich spiele als Comedian gerade eine Show mit dem Titel "Sexuelle Evolution" und fordere die Zuschauer immer auf, miteinander über seine intimsten Wünsche zu reden, denn nur wenn man darüber spricht, kann es besser werden. Natürlich nicht in der Öffentlichkeit, sondern mit dem Liebsten oder indem man seine Kinder aufklärt und seine eigenen Erfahrungen weitergibt. Aber das fällt vielen Menschen sehr schwer. Nach außen tun alle immer so, als hätten sie schon ein Leben lang ständig aufregenden, schmutzigen Sex, aber in Vier-Augen-Gesprächen stelle ich dann oft fest, dass die meisten Angst davor haben, mit dem Partner darüber zu reden, was ihnen vielleicht fehlt oder was sie gemeinsam mal ausprobieren könnten. Dahinter steht die Befürchtung, dass so ein Gespräch etwas kaputt machen, man den anderen nerven könnte oder man tut es nicht, weil man zu faul oder zu überarbeitet ist. Dann bleibt der Sex auf der Strecke.

Zur Person

Tatjana Meissner ist in Erfurt aufgewachsen und musste als Lehrerkind zunächst etwas "Anständiges" lernen. Sie studierte an der Handelshochschule Leipzig, fand aber schon früh im Show-Tanz ihren Weg vors Publikum. Seit 1993 steht sie auf den Kabarett- und Kleinkunstbühnen Deutschlands. Zudem moderierte Meissner verschiedene TV-Formate. Mit bereits drei Romanen lebt sie ihre Kreativität auch schreibend aus. "Du willst es doch auch" ist Meissners erstes Sachbuch.

Sie selbst haben keine Probleme offen über Sex zu reden.
Dass ich offen über Sex spreche, liegt wahrscheinlich an meinem ostdeutschen Migrationshintergrund. Im Osten gab es in meiner Jugend weder Zeitschriften noch Filme zum Thema Sex. Wir haben uns gezwungenermaßen viel darüber unterhalten. Wenn zum Beispiel mit meinem Körper irgendwas passiert ist oder ich beim Sex etwas komisch fand, dann hab ich meine Freundin gefragt und die hat dann gesagt: Ja, das ist normal. Meine liebste Geschichte ist die, dass meine Freundin eines Tages zu mir kam und sagte: "Du Tatjana, stell dir mal vor, man kann das auch mit dem Mund machen." Ich: "Nein, mit dem Mund? Ist das nicht eklig?" Sie verneinte und sagte: "Ich hab gezuckerte Kondensmilch drauf gemacht, damit ging's super!" Das Darüberreden war also nie eine Hürde für mich.

Stichwort Mösenmassage …
Oh ja. Das wusste ich zum Beispiel gar nicht, dass es sowas gibt. Ich hatte mich noch nie über intime Details mit einer lesbischen Frau unterhalten und eine meiner Facebook-Freundinnen outete sich vor mir. Dann habe ich sie natürlich gefragt: Wie lieben Frauen? Ist das alles anders, wenn eine Frau mit einer Frau schläft? Schläft die andere auch gleich hinterher ein? Oder ist es wie mit einem Mann? Kommt man schneller zum Orgasmus? Als sie mir alle Fragen beantwortet und ich diese für mein Buch aufgeschrieben hatte, bat ich sie um eine lustige Geschichte. Daraufhin erzählte sie vom "Leipziger Lesben-Frühling". Dort werden Workshops und Vorträge angeboten. Die besagte Facebook-Freundin hat sich beim Workshop "Mösenmassage" angemeldet - im Glauben, dass es sich um einen Vortrag handelt. Das war es dann aber nicht und gestaltete sich als brüllkomisch. Also für Außenstehende, für sie aber nicht: Sie selbst schwitzte Blut und Wasser.

Sie sind in der DDR aufgewachsen. In ihren Zwanzigern fiel die Mauer. Wie war das für Sie in Sachen Emanzipation, Sex und Erotik?
Anfangs dachte ich: "Oh Gott, wenn das jetzt so wird wie in den alten Bundesländern, dann werden wir Frauen wieder auf Küche, Kirche und Kinder reduziert." Viele Gesetze, die in der DDR selbstverständlich waren, der Abtreibungsparagraf, die Gleichstellung Homosexueller, wurden ja erst wieder in den 90er Jahren gesamtdeutsch erkämpft. Dass wir auf diesem Gebiet ein Schritt zurückgegangen sind, fand ich schon doof. Und sexuell gesehen war ich natürlich sehr gespannt und habe mich reingestürzt ins pralle Leben- bin zur Reeperbahn gefahren, in Sex-Shops gegangen und wurde durchgängig überrascht.

Mehr als 25 Jahre nach dem Mauerfall - gibt es ihrer Meinung nach immer noch Unterschiede beim Umgang mit der Sexualität?
Ja. Das liegt aber nicht daran, dass wir Ossis tabuloser aufgewachsen wären, uns wilder oder versauter geliebt hätten, sondern daran, dass wir normaler mit Sexualität umgehen und umgegangen sind. Sex ist für uns etwas, das zum Leben dazu gehört wie Essen oder Trinken – und man muss auch mal darüber reden, wenn es nicht schmeckt und man muss auch immer neugierig auf neue Rezepte bleiben. Bei den westdeutschen Männern, die ich so kennengelernt habe, schwang bei Thema Sex immer etwas Schmutziges mit.  Ich glaube, bei uns wird um Sex einfach nicht so viel Theater gemacht.

Wird es in ihrem nächsten Buch wieder um Sex gehen?
Das weiß ich noch nicht. Ich habe aber die Hoffnung, dass mir viele Leute, interessante Geschichten schreiben, wenn sie dieses Buch gelesen haben. Dann würde ich einen zweiten Teil machen. Zumal - ein Thema interessiert mich noch sehr. Es gibt in Berlin eine Professorin, die macht Workshops zur weiblichen Ejakulation.

Mit Tatjana Meissner sprach Diana Sierpinski.

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Quelle: n-tv.de

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