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Viele der Überlebenden werden nur dank Spenden wieder satt.
Viele der Überlebenden werden nur dank Spenden wieder satt.(Foto: WFP/Marco Frattini)
Donnerstag, 25. Juni 2015

Wiederaufbau in Nepal: Die Arbeit hat gerade erst begonnen

Ein Gastbeitrag von Richard Ragan

Zwei Monate nach dem gewaltigen Erdbeben in Nepal soll das Land weitere Hilfszusagen bekommen. Denn noch immer kämpfen die Überlebenden mit vielen Problemen. Vor allem die Bergwelt des Landes erweist sich als besondere Herausforderung für die Helfer.

Als kleiner Junge war der Himalaya das Ziel meiner Träume. Meine Helden waren die Abenteurer, die seine Gipfel bezwangen. Später hat mich meine Arbeit nach Nepal geführt: als Landesdirektor des UN World Food Programme (WFP) konnte ich die atemberaubende Schönheit dieses kleinen, aber einzigartigen Landes hautnah erleben. Und heute bin ich zurück. Drei Tage nachdem das Erdbeben der Stärke 7,8 das Land erschüttert hatte, landete ich in Kathmandu, um die WFP-Nothilfe für Millionen Überlebende zu leiten.

Vor uns lag eine immense Herausforderung. Im atemberaubenden Langtang-Tal etwa, das auch für Touristen ein beliebtes Ziel ist, hatte das Erdbeben eine Lawine ausgelöst, die ein ganzes Dorf unter Eis und Geröll begrub. Die Wucht der aus 3000 Metern Höhe ins Tal rasenden Felsen entwurzelte einen ganzen Wald und schleuderte die Bäume wie Streichhölzer in die Umgebung.

Das Leben in Nepals Bergen war noch nie ein leichtes. Doch jetzt liegen die Häuser von hunderttausenden Familien in Trümmern, ihre Kühe, Ziegen und Hühner wurden getötet, ihr Saatgut ist verloren. Und hätte die Erde nachts gebebt statt zur Mittagszeit an einem Samstag, wären noch sehr viel mehr Menschen gestorben.

Helfen als logistische Herausforderung

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Nepals Pracht ist auch ein Fluch: In diesem Land, das 8 der 14 höchsten Gipfel der Welt zählt, liegen die vom Erdbeben am schwersten getroffenen Gemeinden in isolierten Tälern und an steilen Hängen. Ihnen Hilfe zu bringen ist die größte logistische Herausforderung, die ich in meiner langen humanitären Karriere bisher erlebt habe.

Hand in Hand mit vielen großen und kleinen, nepalesischen und internationalen Organisationen bringt WFP lebensrettende Nahrung zu fast zwei Millionen Menschen. Wir nutzen die Straßen, so weit es geht. Jenseits davon transportieren Träger unsere Nahrungsmittel auf schmalen Pfaden und Hubschrauber bringen sie auch dahin, wo kein Weg mehr hinführt.

So viele Geschichten wie Helfer

Doch die Berge haben uns auch außergewöhnliche Unterstützer beschert. Wie Yuichiro Miura, den Helden meiner Kindheit: Er war der Erste, der am Mount Everest Ski fuhr und später, mit 80 Jahren, der älteste Mensch, der seinen Gipfel erreichte. Heute sammelt er in seinem Heimatland Japan Spenden für Nepal.

Auch fünf mutige nepalesische Frauen, die ersten Nepalesinnen, welche die sieben höchsten Gipfel der sieben Kontinente erstiegen haben, sind meine Kolleginnen bei WFP.

Eine von ihnen, Nimdoma Sherpa, wurde in einem kleinen Dorf im Himalaya geboren und bekam als Kind Schulmahlzeiten von WFP. Im Alter von 16 Jahren war sie einer der jüngsten Menschen überhaupt, die den Gipfel des Mount Everest eroberten. Das Haus ihrer Eltern fiel dem Erdbeben zum Opfer. Heute ist sie Teil eines Teams, das sicherstellt, dass unsere Nahrungsmittel auch Menschen in den entlegensten Dörfern erreichen.

Manche Bergregionen erreichten die Helfer erst nach Wochen.
Manche Bergregionen erreichten die Helfer erst nach Wochen.(Foto: WFP/ Zoie Jones)

Der älteste Gipfelstürmer und eine der jüngsten helfen so Hand in Hand den Überlebenden des Erdbebens.

Auch andere renommierte Bergsteiger und sogar eine Gruppe von Paraglidern, die nach Nepal gekommen waren, um den Himalaya zu erleben, haben sich nach dem Erdbeben WFP angeschlossen. Sie nutzen ihr Wissen und ihre Erfahrung mit gefährlichem Terrain, um Wege zu abgeschnittenen Bergdörfern zu finden und zu sichern. Unter den Piloten, die Nahrung, Medizin und Baumaterialien in WFP-Helikoptern transportieren, ist auch Madan KC – eine Legende in Nepal. 1996 rettete er zwei verunglückte Bergsteiger, indem er seinen Helikopter in einer Höhe landete, die nie zuvor mit diesem Fluggerät erreicht worden war.

Eine zweite Katastrophe droht

Unsere Arbeit hat gerade erst angefangen. Als ich vor Kurzem über die am schwersten getroffenen Gebiete flog, sah ich innerhalb nur einer Stunde sechs Staubwolken aufsteigen. Erdrutsche waren schon immer ein Problem in Nepal, aber nach den zwei großen Beben und unzähligen kleineren Erschütterungen ist die Erde gelockert und rutscht so häufiger denn je ins Tal. Jetzt, in der Monsunzeit, sind noch mehr Dörfer und Straßen dem Risiko dieser Lawinen ausgesetzt. Viele Felder sind schon zerstört und fast 70 Prozent der Familien in den Bergen essen bereits jetzt zu wenig.

Wir müssen verhindern, dass der ersten Katastrophe nun eine zweite folgt. Unterkünfte müssen wieder aufgebaut, Felder bepflanzt und die Ernte eingebracht werden. Wir müssen die Menschen dabei unterstützen, ihre Lebensgrundlage wiederherzustellen.

Zwei Monate nach dem ersten großen Erdbeben kommen auf Einladung der nepalesischen Regierung Vertreter der Geberländer hier in Kathmandu zusammen. Die großzügige Hilfe der internationalen Gemeinschaft darf jetzt nicht abreißen, damit Millionen Überlebende eine Perspektive für die Zukunft erhalten.

Hilfe kommt auf vielen Wegen

Richard Ragan koordiniert die Arbeit des WFP vor Ort.
Richard Ragan koordiniert die Arbeit des WFP vor Ort.(Foto: WFP/ Angeli Mendoza)

Wir bei WFP haben bereits damit begonnen, Familien, die im Erdbeben alles verloren haben, sich jedoch über einen Markt in ihrer Nähe versorgen können, mit Bargeld zu unterstützen. Das gibt ihnen die Möglichkeit, ihre Felder zu räumen und zu bestellen sowie neue Unterkünfte zu bauen. Gleichzeitig unterstützt WFP so den lokalen Handel. Dieses Programm wird in den kommenden Monaten weiter ausgedehnt.

Um entlegene Bergdörfer mit Nahrung zu erreichen, haben wir tausende Träger eingestellt, die durch das abrupte Ende der Touristensaison ihre Einkünfte verloren hatten. Bei ihrem Aufstieg stellen sie auch Wegverbindungen zwischen den Gemeinden wieder her und öffnen verschüttete Pfade für Händler. Diese und andere Transportmöglichkeiten stellt WFP auch anderen Organisationen zur Verfügung, damit die Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Wenn ich die vergangenen zwei Monate der Nothilfe und die jetzt beginnende Phase des Wiederaufbaus betrachte, weiß ich, dass WFP keine Mühen scheuen wird, um gemeinsam mit der Regierung und der Bevölkerung dieses beeindruckende Land wieder aufzurichten.

Richard Ragan ist Nothilfekoordinator des UN World Food Programme in Nepal.

Quelle: n-tv.de

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