Der Film geht in SerieDie Kultur der Fortsetzung
Kinofilme sind oft der Auftakt einer Serie: 90 Minuten reichen den Regisseuren nicht. Die Filmindustrie orientiert sich an der Branche, die ihr den Rang abläuft: dem Fernsehen.
Menschen mögen Geschichten. Vielleicht wegen ihrer denkbar simplen Struktur: Anfang, Mitte und Ende. Das Prinzip galt lange auch für die modernste Form der Geschichte, den Film. Man nehme "Casablanca". Der Streifen von 1942 endet mit den Worten „Louis, ich glaube dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ Diese Freundschaft braucht niemand zu sehen, deswegen ist nach gut eineinhalb Stunden auch Schluss, und zwar endgültig. Eine Geschichte in 90 Minuten, so hat es der klassische Kinogänger stets verlangt. Der moderne Zuschauer kann sich diese Forderung allerdings nicht mehr leisten. Denn sonst würde er ein ums andere Mal, während er noch völlig in der Handlung versunken ist, von einem plötzlich daherflimmernden Abspann rabiat aufgescheucht. "Cliffhanger" nennt man das, offene Enden.
Da hilft es, modern zu denken: Anfang, Mitte, Ende – drei Elemente, warum dann nicht drei Filme? Das war also gar nicht das Ende, das wird in zwei bis fünf Jahren nachgereicht. Auf der Leinwand haben die Fortsetzungen die Macht übernommen. "Trilogien", lautet die neue Form der Kino-Unterhaltung. Drei Filme, die eigentlich einer sind, oder ein Film, der eigentlich drei ist, über die Definition mag man sich streiten. Der Zuschauer wird jedenfalls über halbe Jahrzehnte hinweg bei der Stange gehalten. Und an den Kassen. Im Jahr 2007 waren sechs der zehn erfolgreichsten Kinofilme des Jahres Fortsetzungen, darunter der fünfte Teil von "Harry Potter" und der jeweils dritte Teil von "Fluch der Karibik", "Shrek" und "Spider-Man". Es gehört in Hollywood mittlerweile zum guten Ton, dass große Filme mit Fortsetzungspotential in regelmäßigen Abständen die Programmtafeln zieren. Wen wundert es noch, dass James Cameron für seinen neuen Film "Avatar", den erfolgreichsten Film aller Zeiten, zwei Fortsetzungen plant, um genau was zu erschaffen? Richtig, eine Trilogie.
Fernsehen holt das Kino ein
Der Nutzen des Fortsetzungs-Booms ist für die Produzenten denkbar einfach: Nachfolger leben von der Reputation ihrer Vorgänger und wegen der offenen Enden auch von der Neugier der Zuschauer. Genau damit bedienen sich die Filmemacher der Prinzipien, die im Fernsehen schon lange normal sind, nämlich bei TV-Serien, den episodisch erzählten und über Monate oder sogar Jahre gestreckten Handlungen. Vielen Serien sagt man mittlerweile Sucht-Potenzial nach. Wahrscheinlich auch deshalb, weil die Produktionen immer aufwendiger, teurer und besser besetzt sind. Für Top-Serien aus den Staaten wie "Lost", "24" oder "CSI" ist ein Budget von zwei bis vier Millionen Dollar pro Folge keine Seltenheit mehr. Die Pilotfilme gehen meist sogar in den zweistelligen Millionenbereich.
Die Investitionen zahlen sich aus – durch gute Einschaltquoten. Die Mystery-Serie "Lost" startete 2004 mit der stärksten Quote, die der amerikanische Sender ABC seit dem neuen Millennium verzeichnen konnte. Am Anfang der zweiten Staffel schalteten knapp 23 Millionen Zuschauer ein. Die fünfte Staffel von "CSI" brachte es auf über 26 Millionen, womit sie die bislang erfolgreichste Serie aller Zeiten ist. Die erfolgreichste Comedy-Serie war "Friends". Während der zehn Staffeln fielen die Quoten nie unter 20 Millionen.
Kino-Schauspieler wechseln zur Serie
Bei diesen Zahlen wundert es kaum, dass sich das Verhältnis zwischen Schauspielern und Serien in sein Gegenteil verkehrt hat. Früher benutzten heutige Top-Schauspieler TV-Serien als Sprungbrett auf die große Leinwand. Ein gutes Beispiel ist George Clooney, den die Arztserie "Emergency Room" zum Weltstar machte. Oder Will Smith, den die Filmindustrie in "Der Prinz von Bel-Air" noch seinen Stimmbruch überwinden ließ, bevor sie ihn auf die Leinwand beförderte. Heute allerdings lassen sich die großen Stars aus dem Kino ins Fernsehen abwerben. Zu den Beispielen gehört der kanadische Schauspieler Kiefer Sutherland, der in der mehrfach preisgekrönten Agentenserie "24" den schroffen Agenten Jack Bauer spielt. Die Serie verhalf dem abgehalfterten Sutherland zu neuem Ansehen in Hollywood, ohne das er wohl als Rodeoreiter auf seiner Ranch geendet wäre. Seine Filmkarriere dümpelte allenfalls noch vor sich hin.
US-Schauspieler Gary Sinise ging es zwar besser, trotzdem entschied er sich für das Fernsehen und spielt heute eine Hauptrolle bei "CSI". Hollywood-Veteran Alec Baldwin hatte ebenfalls keine neue Einnahmequelle nötig, aber offenbar einen Lebenswandel. Er entdeckte durch die Rolle in der Sitcom "30 Rock" das Comedy-Genre für sich und rückte wieder so stark ins Rampenlicht, dass er die letzten Oscar-Verleihungen moderieren durfte. Mal ganz abgesehen davon, dass der leicht speckige und behäbig wirkende Schauspieler in der Rolle eines abgebrühten Fernsehbosses mittlerweile wesentlich authentischer wirkt als bei dem Versuch, dem Kinogänger in Admiralskluft auf einem Pearl-Harbour-Schiff Patriotismus vorzugaukeln.
Die Filmemacher sollten jedenfalls auch mal über Authentizität nachdenken und sich fragen, ob es wirklich der richtige Weg ist, Filmen immer mehr Serien-Strukturen zu verpassen, um auf deren Erfolgswelle mitzuschwimmen. Vielleicht würde sich der Mut, sich mit kurzen, runden Geschichten von den Fernseh-Romanen abzugrenzen, auch auszahlen. Anfang, Mitte und Ende, zumindest wäre der Zuschauer dann alberne "Cliffhanger" und offene Enden los – und der Abspann wäre kein Tritt in die Magengrube.