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Er ruht nicht, bis das Lösegeld gefunden ist: Jan Philipp Reemtsma.
Er ruht nicht, bis das Lösegeld gefunden ist: Jan Philipp Reemtsma.(Foto: imago stock&people)

20 Jahre Reemtsma-Entführung: Die unendliche Suche nach dem Lösegeld

Jan Philipp Reemtsma bleibt hartnäckig: Seine Entführer und ihre Komplizen sollen sich nicht auf seine Kosten ein schönes Leben machen dürfen. Das gilt auch zwei Jahrzehnte nach der spektakulären Entführung Ende März 1996.

Es war eine der spektakulärsten Entführungen in der Bundesrepublik, und es wurde das höchste Lösegeld gezahlt. Doch die Entführer hatten mit den Geldscheinen im Wert von 30 Millionen D-Mark kein Glück, die im April 1996 für die Freilassung des Multi-Millionärs Jan Philipp Reemtsma gezahlt wurden. In den Folgejahren wurden die Entführer und ihre Komplizen gefasst und zu Haftstrafen verurteilt. Der größte Teil des Geldes ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Aachen bis heute verschwunden. Und Reemtsma? Der 63-Jährige Mäzen und Literaturexperte setzt weiterhin alles daran, dass niemand sich sicher sein kann, den Rest der Millionen in Ruhe genießen zu können.

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Rückblende: Am 25. März 1996 wird der Sohn des Zigarettenfabrikanten Philipp F. Reemtsma, Jan Philipp, vor seinem Haus in Hamburg- Blankenese entführt. Am Tatort bleibt ein mit einer Handgranate beschwertes Schreiben der Erpresser zurück. Sie fordern erst 20 Millionen Mark, dann 30 Millionen, zur Hälfte in Schweizer Franken. 33 Tage verbringt Reemtsma in Todesangst, bevor er am 26. April in einem Waldstück freigelassen wird. Sein Verlies war in Garlstedt bei Bremen.

Als Haupttäter gilt Thomas Drach. Der setzt sich nach der Tat nach Uruguay ab und kauft sich dort von dem Lösegeld eine Villa und ein Luxusauto. Im März 1998 wird er in Buenos Aires gefasst und im Juli 2000 nach Deutschland gebracht. 2001 wird er in Hamburg wegen erpresserischen Menschenraubs zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Zuvor werden bereits einen Monat nach dem Ende der Entführung zwei Komplizen gefasst. Sie werden im Februar 1997 zu zehneinhalb und fünf Jahren Haft verurteilt. Drachs jüngerer Bruder Thomas wird 1996 in Spanien gefangen genommen, nach Deutschland ausgeliefert und später wegen Geldwäsche verurteilt.

Lösegeld-Spur führt zu Hells Angels

Ein Komplize aus Polen wird zu sechs Jahren verurteilt und nach drei Jahren in sein Heimatland abgeschoben. 2002 verurteilt ein Gericht in Aachen einen 34 Jahre alten Kurier des Reemtsma-Lösegelds zu einer Haftstrafe. Ein früherer Knast-Kumpel und Freund des Reemtsma-Entführers legt  2008 ein umfassendes Geständnis ab. Er hatte dafür gesorgt, dass große Teile des Lösegeldes versteckt und weggeschafft wurden: Sechs Jahre Haft. 2014 wird ein 62-Jähriger in Aachen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Der Mann soll führende Köpfe der Frankfurter Hells Angels mit seinem Wissen über Geldwäsche von Teilen des Lösegelds erpresst und rund 30.000 Euro abkassiert haben. Eine neue Spur zu den Lösegeld-Millionen ergibt sich auch daraus nicht. "Für uns ist der Fall abgeschlossen", sagt Nana Frombach von der Staatsanwaltschaft Hamburg. Die staatlichen Fahnder können erst wieder aktiv werden, wenn sich der dringende Verdacht einer neuen Straftat ergibt.

Das Lösegeld bestand nach Angaben von Reemtsma-Anwalt Johann Schwenn aus 15 Millionen D-Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken. Würde man das nach heutigem Umrechnungskurs umrechnen, wären das 15,3 Millionen Euro. Bis auf 1,3 Millionen Euro ist das Geld nach Erkenntnissen der Aachener Staatsanwaltschaft nach wie vor verschwunden. Registrierte Scheine aus dem Lösegeld wurden in Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz, Litauen und Amerika sichergestellt. In Aachen hatten Ermittler 2001 mit umgerechnet 690 000 Euro die bisher größte Einzelsumme gefunden.  Im Strafprozess hatte Thomas Drach 2001 ausgesagt, er habe nur noch einen Bruchteil des Lösegeldes, etwa zwei Millionen Mark. Davon seien "300.000 bis 500.000 Dollar" an einem Ort versteckt, zu dem er jetzt keinen Zugang habe. Ein etwa gleich hoher Betrag liege zudem in einem Depot in Uruguay.

Suche nach knapp 14 Millionen Euro

Vor kurzem hatte die Wiesbadener Sicherheitsfirma Espo in der "Bild"-Zeitung behauptet: "Der Verbleib der verschwundenen Lösegeld-Millionen wurde von uns restlos aufgeklärt." Dem hatte Schwenn widersprochen. Die Staatsanwaltschaft Aachen geht derzeit davon aus, dass umgerechnet knapp 14 Millionen Euro des Lösegelds noch vorhanden sind - "in welcher Form auch immer", wie ein Sprecher der Behörde erklärte. Jan Philipp Reemtsma hat im Prozess gegen Thomas Drach seine Zeit in der Gewalt des Kidnappers geschildert. "Ich war ihm auf Leben und Tod ausgeliefert, meine Familie war unter seinem Kommando, abhängig von seinen Launen", sagte der Sozialforscher damals. "Ich bitte das Gericht, den Zeitpunkt, an dem Drach in Freiheit wieder Menschen gegenüber treten kann, weit in die Zukunft zu verlegen." Als Nebenkläger beantragte er Sicherungsverwahrung. Seit 2013 ist Drach wieder frei. Reemtsma will aber wenigstens dafür sorgen, dass sein Entführer nicht auf seine Kosten leben kann, nie mehr.

Quelle: n-tv.de

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