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Hochwasser in Deutschland: Dresden erwartet die Flutwelle

Es sind bange Stunden für Dresden. Wie schon 2002 droht der Stadt an der Elbe ein Jahrhunderthochwasser. Die Dresdner schippen Sandsäcke, hoffen auf ihre Deiche. Hunderte sind bereits evakuiert worden. Die Altstadt ist von mobile Schutzwänden eingekreist, sie sollen das Wasser abhalten. Auch andere zittern noch. In Halle kämpfen die Menschen gegen die Saale-Fluten, in Bitterfeld gibt es nur noch Rückzugsgefechte gegen die Wassermassen. Während sich auch Orte in Niedersachsen und Brandenburg aufs Hochwasser vorbereiten, beginnen in Passau und Grimma die Aufräumarbeiten.

In Dresden ist Sandack-Schippen angesagt.
In Dresden ist Sandack-Schippen angesagt.(Foto: Reuters)

Das Hochwasser auf Elbe, Donau und Saale hat Tausende Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Allein in Halle waren bis zu 30.000 Menschen bedroht. Dort stieg die Saale auf den höchsten Stand seit 400 Jahren. In Bayern überschwemmte die Donau mehrere Ortschaften - von manchen Häusern schauten nur noch die Dächer aus der braunen Flut. Der Scheitelpunkt des Elbe-Hochwassers sollte als nächstes Dresden erreichen. Weiter stromab - nach den Zuflüssen aus Mulde und Saale - rechnen die Elbanrainer für die kommenden Tage mit Rekordständen.

Die Bundesregierung kündigte an, neben der Soforthilfe von 100 Millionen Euro ein Kreditpaket der staatlichen Förderbank KfW in gleicher Höhe für Firmen, Kommunen und Privatleute auf den Weg zu bringen. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) versprach den Geschädigten im Land 20 Millionen Euro Soforthilfe. Die Kasse der EU für die Flutopfer in Mitteleuropa ist hingegen leer, wie Haushaltskommissars Janusz Lewandowski in Brüssel sagte.

Helfer tragen in Hitzacker Möbel in ein höheres Stockwerk, damit diese nicht nass werden.
Helfer tragen in Hitzacker Möbel in ein höheres Stockwerk, damit diese nicht nass werden.(Foto: dpa)

Auch Niedersachsen wird wieder zum Hochwassergebiet. Vorsorglich packen etwa die Bewohner der historischen Stadtinsel von Hitzacker ihre Sachen zusammen - 250 Bewohner sollen die Insel voraussichtlich am Freitag verlassen. Erst am Wochenende und in der kommenden Woche wird der Pegel der Elbe auf Rekordhöhe ansteigen.

Die niedersächsischen Landkreise Lüchow-Dannenberg und Lüneburg riefen deshalb Katastrophenalarm aus. Dort werden mehr als zwei Millionen Sandsäcke befüllt. In Lauenburg in Schleswig-Holstein kommt es oft zu Hochwasser, erstmals wird aber aus Furcht vor den Wassermassen die Unterstadt evakuiert.

Für die Unterbringung von 2000 Einsatzkräften aus ganz Niedersachsen bleiben fünf Schulen in den Gemeinden Lüchow, Gartow, Clenze und Dannenberg geschlossen. Mehrere hundert Schüler dürfen bis mindestens Freitag zu Hause bleiben.

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Während die einen sich rüsten, stecken die anderen längst drin im Schlamm. Angespannt ist die Lage vor allem in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Bayern. Im sachsen-anhaltischen Halle läuft die Evakuierung, im bayerischen Landkreis Deggendorf wurden viele Menschen in Sicherheit gebracht. In Passau scheint das Schlimmste hingegen überstanden.

30.000 Betroffene in Halle

In Halle in Sachsen-Anhalt spitzt sich die Lage zu. Dort blicken die Menschen gespannt auf den Pegel der Saale. Der Fluss stieg auf ein Rekordhoch von 8,07 Metern. Das ist der höchste Stand seit 400 Jahren. Normal sind weit unter 3 Meter. Das Hochwasser der Saale hatte am Morgen einen Damm auf 200 Metern mitten in Halle überflutet, so dass die Innenstadt und weitere Stadtteile voll Wasser liefen. Die Polizei warnte die Menschen über Lautsprecher vor der Gefahr.

Die Stadt hat Notquartiere eingerichtet und schon 1000 Menschen zum Verlassen ihrer Häuser aufgefordert. Bis zu 30.000 Betroffene werden es, wenn das Wasser weiter steigt. Vor allem die Klausvorstadt sowie die südlichen und östlichen Stadtteile von Halle-Neustadt seien extrem gefährdet. In einigen Straßenzügen wurde der Strom abgestellt. Bis zum Freitag bleiben in Halle-Neustadt alle Schulen geschlossen.

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Die Behörden berichten auch von einer kritischen Lage in Dessau, wo der Scheitel der Mulde angekommen sei und das Wasser nicht in die Elbe abfließen könne. Hunderte Bundeswehrsoldaten und ein Dutzend Freigänger der JVA Dessau-Roßlau helfen dort, die Deiche zu stabilisieren. Mit dabei sind Hunderte freiwillige Helfer, die auf einem alten Flugplatzgelände Sandsäcke füllen.

In Bitterfeld schwindet die Hoffnung. Nachdem die Notsprengung eines Deichs am Seelhauser See nicht die erhoffte Wirkung brachte, fließt jetzt viel Wasser in die Stadt. Die Sprengung war erfolgt, um den Druck auf den brüchigen Damm zu vermindern. Außerdem wurde ein Verbindungskanal angelegt, um Wasser kontrolliert in den Goitzschesee abzuleiten. Beide Maßnahmen haben den Dämmen aber nur kurzzeitig Erleichterung verschafft.

Im Kreis Nordsachsen wurden alle Bewohner von Löbnitz und Sausedlitz am Seelhausener See zwangesevakuiert. "Der Seelhausener See ist einfach voll und er läuft über." Es besteht die Gefahr, dass die Sogwelle abfließenden Wassers zu Erdabbrüchen führt.

Zudem hat der Landkreis Stendal Katastrophenalarm ausgerufen. Bedroht sind vor allem die Dörfer zwischen Tangermünde und Tangerhütte. Dort sollen bis morgen 50.000 Tonnen Lehm und Kies für einen Notdeich verbaut werden. Bereits seit Dienstagabend gilt auch im Jerichower Land - auf der Westseite der Elbe - Katastrophenalarm. Innenminister Holger Stahlknecht kündigt Unterstützung durch 3.000 Bundeswehrsoldaten im Norden des Landes an.

Evakuierungen in Dresden

Aus Prag kommend schiebt sich das Hochwasser durch den Osten Deutschlands die Elbe abwärts.
Aus Prag kommend schiebt sich das Hochwasser durch den Osten Deutschlands die Elbe abwärts.

In Dresden bereitet die Elbe zunehmend Sorge. "Der Pegel steigt langsam,  aber kontinuierlich", sagte Stadtsprecherin Heike Großmann. Der Höchststand wird für Donnerstag erwartet. Mehrere hundert Menschen wurden in Dresden vor der Elbeflut in Sicherheit gebracht. Außerdem wurde in einigen Straßenzügen der Strom gekappt.

Das sächsische Innenministerium schätzt, dass der Höchststand ab Donnerstag mindestens vier Tage lang auf relativ hohem Niveau bleibt. Das stellt erfahrungsgemäß eine große Belastung für die Deiche dar. Die Dresdner Altstadt ist durch Hochwasserschutzmauern und mobile Schutzwände gesichert - zumindest bis zu einem Pegel von 9,40 Meter.

Ganz schlimm trifft es die Menschen erneut im engen Elbtal der Sächsischen Schweiz. In Orten wie Bad Schandau, Rathen, Königstein, Wehlen, Heidenau und Pirna müssen Tausende Bewohner ihr Hab und Gut zurücklassen und in höher gelegene Gebiete fliehen. Die Orte entlang der Elbe leben meist vom Tourismus und waren 2002 zum großen Teil zerstört und seitdem wieder liebevoll aufgebaut worden.

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Wenigstens eine Gefahr ist gebannt. Zwei große Gascontainer, die sich im Hafen von Decin gelöst hatten, wurden mit Hilfe des Windes von Hubschrauber-Rotoren in Schmilka und bei Bad Schandau ans Ufer getrieben, teilte die Bundespolizeidirektion Pirna mit. Ein dritter Tank war zuvor bereits in Tschechien gestoppt worden. Die tonnenschweren Behälter enthielten einen Rest Stickstoff. Mit insgesamt vier Hubschraubern sucht die Bundespolizei im Hochwasser der Elbe bis nach Dresden nun noch nach mehreren Containern aus dem Deciner Hafen.

Brandenburg bereitet sich vor

Spenden für die Hochwasserhilfe

Stiftung RTL
Kontonr. 1512151
BLZ 37050198
Sparkasse Köln/Bonn
Stichwort: Jahrhundertflut

Aktion Deutschland Hilft
Kontonr. 102030
BLZ 37020500
Sozialbank, Köln
Aktion Deutschland Hilft e.V. ist ein Bündnis von 22 deutschen Hilfsorganisationen, die im Katastrophenfall ihre Kräfte bündeln.

Zunehmend bedrohlich entwickelte sich die Hochwasser-Lage in Brandenburg. In Arnsnesta im Elbe-Elster-Gebiet an der Grenze zu Sachsen-Anhalt brach in der Nacht ein Deich, teilte das Potsdamer Innenministerium mit. Für die Gegend befürchteten die Behörden nach eigenen Angaben höhere Wasserstände als bei der so genannten Elbe-Jahrhundertflut von 2002. Da das Gelände dort unzugänglich ist, hat der Landkreis die Bundeswehr gebeten, per Hubschrauber Sandsäcke zur Schließung der Lücke dorthin zu fliegen.

Schwerpunkte des Hochwassers bleiben auch die Elbe bei Mühlberg sowie die Schwarze Elster und die Spree bei Spremberg. Mühlberg begann damit, 2500 seiner 4000 Bürger aus der Gefahrenzone zu holen. "Die Sicherheit der Menschen ist nicht mehr zu gewährleisten", sagte Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Der Wasserstand erreichte nach Behördenangaben 9,02 Meter und könnte bis Freitag auf 10,20 Meter steigen - höher als bei der Rekordflut vom August 2002.

Für die Spree am Pegel Spremberg und für den Elbe-Nebenfluss Schwarze Elster am Pegel Bad Liebenwerda wurde bereits die höchste Alarmstufe 4 ausgerufen. Mit der für die nächsten Tage angekündigten Hochwasserwelle werden die Pegelstände dort noch deutlich steigen.

Mecklenburg-Vorpommern zieht nach

Nach Niedersachsen hat auch Mecklenburg-Vorpommern für den Kreis Ludwigslust-Parchim den Katastrophenfall ausgelöst. Laut Umweltminister Till Backhaus deuten die Prognosen "auf ein Szenario hin, das wir wirklich noch niemals gehabt haben". Er geht davon aus, dass Anfang nächster Woche mit "der vollen Wucht dieser Flut" zu rechnen sei. "Wir müssen uns auf eine höchst komplexe und schwierige Lage vorbereiten."

Landkreis Deggendorf fast abgeschnitten

Auf der von der Donau überfluteten Autobahn A 3 nach Deggendorf.
Auf der von der Donau überfluteten Autobahn A 3 nach Deggendorf.(Foto: dpa)

In der schwer getroffenen Dreiflüssestadt Passau ging das Wasser der Donau zwar fast drei Meter zurück - entlang der Ufer sind aber immer noch einige Straßen überflutet. Auch die Innenstadt ist nach wie vor abgeschnitten. Das Gröbste ist aber überstanden. Für 90 Prozent der Haushalte haben die Stadtwerke die Trinkwasserversorgung wieder hergestellt. Im Laufe des Tages sollen die restlichen Haushalte folgen. In Passau beginnen jetzt die Aufräumarbeiten.

Der vom Donauhochwasser nahezu überschwemmte Landkreis Deggendorf ist nach der Sperrung der Autobahnen A 3 und A 92 fast vollständig vom Umland abgeschnitten, das Hochwasser erreichte am Mittwoch seinen höchsten Stand. Nur noch eine völlig überlastete Landstraße führt in die Region.

An der Donau in Bayern geht das Wasser zurück - und offenbart die vielen Schäden.
An der Donau in Bayern geht das Wasser zurück - und offenbart die vielen Schäden.

Nach Angaben von n-tv Reporter Carsten Lueb, mussten Tausende Menschen in den Regionen Straubing und Deggendorf ihre Wohnungen verlassen. Etliche Dörfer seien komplett von der Außenwelt abgeschitten und nur noch per Hubschrauber zu erreichen.

Zunehmend behindern auch Schaulustige die Helfer. Bereits am Dienstag hatte der Chef des bayerischen Feuerwehrverbandes, Alfons Weinzierl, Geldstrafen für Gaffer gefordert, die Rettungskräfte behindern.

Thüringen räumt auf

Auch in Thüringen entspannt sich die Hochwasserlage mit fallenden Pegelständen weiter. Nachdem der Katastrophenalarm gestern Abend bereits für den Landkreis Greiz zurückgenommen wurde, gilt der Katastrophenfall in Thüringen nur noch für den Saale-Holzland-Kreis. In den meisten Landesteilen haben die Aufräumarbeiten begonnen. Die Kommunen listen die Schäden auf. Für eine genaue Bilanz ist es aber noch zu früh.

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Das Deutsche Rote Kreuz warnte unterdessen eindringlich davor, in den Hochwassergebieten die Deiche zu betreten. "Es besteht Lebensgefahr!", hieß es in einer Mitteilung des DRK-Landesverbandes Dresden. "Auch wenn das Interesse an den Wassermassen sehr groß ist, sollten Schaulustige sich und andere nicht unnötig in Gefahr bringen", hieß es.

Rösler verspricht Wiederaufbau-Kredit

Die Bundesregierung will neben der allgemeinen Soforthilfe von 100 Millionen Euro ein 10-Punkte-Programm für Unternehmen in den Hochwasser-Regionen auflegen. Damit soll der Wiederaufbau unterstützt werden.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) möchte, dass die staatliche Förderbank KfW an Firmen, Privathaushalte sowie Kommunen Kredite über weitere 100 Millionen Euro vergibt. Die Industrie erwartet keine Rückschläge für das Wachstum. Auch die Bauern sollen Unterstützung bekommen.

Elbwasser strömt nach Usti

In Tschechien überflutet das Hochwasser der Elbe weite Teile der Industriestadt Usti (Aussig) im Norden des Landes. Die Elbe stieg in der Stadt mit fast 100.000 Einwohnern weiter an. In der Nacht soll der Pegelstand bis auf 11,1 oder 11,5 Meter klettern, normal sind an dieser Stelle etwa zwei Meter. Aus Angst vor Dieben blieben viele Menschen in ihren Häusern. Die Polizei wollte einen Hubschrauber mit Wärmebildkamera gegen Plünderer einsetzen.

In Prag entspannt sich die Lage langsam, das U-Bahnnetz im Zentrum der Millionenstadt bleibt aber geschlossen.

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Quelle: n-tv.de

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