"Babette war's!"E-Mail-Overkill im Bundestag
Angestellte von Abgeordneten sind normalerweise nur kleine Rädchen im politischen Getriebe. Einer von ihnen ist es gelungen, aus dem Schatten herauszutreten - allerdings nicht ganz freiwillig. Babette Schulz schickt eine E-Mail versehentlich an den kompletten Parlamentsverteiler. Mit so vielen Antworten, wie sie darauf bekommt, hat sie wohl nicht gerechnet.
Volle Mailboxen, wütende Abgeordnete und eine verzweifelte Bundestagsverwaltung: Eine einzige E-Mail sorgte im Parlamentsbetrieb stundenlang für Wirbel. Am Morgen war vom Bundestag eine Info-Mail an alle Büros gegangen, dass die neue Ausgabe des "Kürschner"-Handbuchs - ein Nachschlagewerk für Abgeordnete - vorliegt, berichteten verschiedene Parlamentarier.
Eine Mitarbeiterin der Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl namens Babette Schulz bat dann eine Kollegin, ihr ein Exemplar mitzubringen. Jedoch verschickt sie die Mail in Kopie aus Versehen an alle Adressaten im Bundestagsverzeichnis - vom Minister bis zum Pförtner.
"Kürschnergate" gerät außer Kontrolle
Und damit nahm das Chaos seinen Lauf. Hunderte fühlen sich angesprochen und antworten - wieder im Riesen-Verteiler. Der Schneeball-Effekt ist nicht mehr aufzuhalten, der Bundestag elektronisch außer Rand und Band. Immer mehr Nonsens wird versendet ("Ich grüße meine Mutti"), andere antworten mit Wetterberichten: "In Hannover-Linden sind drei Grad, es ist trocken und leicht bewölkt." Ein Verfasser schreibt: "Ja seid Ihr denn alle ein bisschen Bluna!"
Das Büro des CDU-Abgeordneten Frank Steffel kommt auf die Idee, die E-Mail-Schlacht für eine Verlosung zu nutzen. Zwei Karten für ein Handballspiel der Berliner Füchse werden angeboten, berichtet die "Bild"-Zeitung. Steffel ist Präsident des Bundesliga-Clubs.
Auf Facebook wird eine erste Fangruppe eingerichtet - Titel: "Babette war's". Später verschwindet der Eintrag wieder". Auch bei Twitter wird die Mailpanne thematisiert (#Babette und #Kürschnergate). Der Hamburger PR-Berater Markus Mayr schrieb in Anlehnung an ein Jesu-Zitat im Neuen Testament: "Wer nie eine E-Mail an alle geschickt habe, werfe den ersten Stein."
Babette for Mitarbeiterin des Monats!
Im Laufe des Tages wird es der Bundestagsverwaltung schließlich zu bunt. Sie warnt vor einem Missbrauch des E-Mail-Verteilers: "Aufgrund des derzeitigen Missbrauchs des E-Mail-Systems können Zustellverzögerungen von bis zu 30 Minuten auftreten."
"Es ist halt passiert", sagte die "Übeltäterin" Schulz leicht geknickt. Nach dem ersten Schrecken habe sie noch auf E-Mails dazu geantwortet. "Als dann die Mail-Lawine ihre skurrile Eigendynamik entwickelte, wurde mir das etwas unheimlich - bis die überwiegend netten humorvollen Mails auch mich sehr zum Lachen brachten." Viele hätten ihr auch parteiübergreifend Verständnis bekundet - es habe sogar den Vorschlag gegeben, sie zur Mitarbeiterin des Monats zu wählen.